Uni-Tübingen

Friedemann Vogel

Artist in Residence, Mercator Fellow und assoziiertes SFB-Mitglied

Friedemann Vogel, erster Solist des Stuttgarter Balletts und Kammertänzer des Landes Baden-Württemberg, ist seit 2024 Artist in Residence, Mercator Fellow und assoziiertes Mitglied des SFB Andere Ästhetik. Die Zusammenarbeit verbindet  Ästhetikforschung mit tänzerischer Praxis und erprobt neue Formen des Dialogs zwischen Kunst und Wissenschaft – mit dem gemeinsamen Ziel, Kunst als Forschungsgegenstand und Denkraum zugleich zu begreifen.

Festveranstaltung (März 2024)

Den Auftakt der Zusammenarbeit bildete die Festveranstaltung anlässlich der Bewilligung der zweiten Förderphase des SFB am 27. März 2024 in der Alten Anatomie der Universität Tübingen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Annette Gerok-Reiter und Prof. Dr. Anna Pawlak entwickelten Friedemann Vogel und der Choreograph Thomas Lempertz eigens für diesen Anlass eine Tanzperformance. 

Der Titel der Veranstaltung „Écorché! Anatomie des Tanzes“ bezieht sich auf eine besondere Gattung von ästhetischen Objekten, die an der Schnittstelle von naturwissenschaftlicher und künstlerischer Praxis angesiedelt sind: Als Écorchés werden enthäutete Mensch- und Tierkörper bezeichnet, die sowohl in der Medizin wie auch in der Kunst zentraler Gegenstand anatomischer Studien waren. Die Darstellungen der ‚Muskelmänner‘ zeigen traditionell Körper in auffälligen Posen, in denen sie Tanzbewegungen und -figuren adaptieren. Vor diesem Hintergrund setzt sich Friedemann Vogel in seiner Performance mit dem Konzept des Écorchés auseinander. Die Aufführung stellte sich dabei der grundlegenden Frage einer ,anderen‘ Ästhetik, inwiefern höchste Artifizialität und Gesellschaftsbezug nicht als Gegensätze, sondern als Korrelate zu begreifen sind. 

Die Performance wurde gerahmt von Einführungen durch Prof. Dr. Annette Gerok-Reiter und Prof. Dr. Anna Pawlak, dem Festvortrag der renommierten Tanz- und Theaterwissenschaftlerin Prof. Gabriele Brandstetter (FU Berlin) sowie einer abschließenden Podiumsdiskussion der Beteiligten mit Prof. Dr. Olaf Kramer. Eröffnet wurden damit neue Perspektiven auf die zentralen Fragen des Sonderforschungsbereichs: Was leistet Kunst? Warum bewegt uns Kunst? Wie reflektiert und prägt Kunst unsere Wirklichkeit? 

Die gemeinsame Veranstaltung zeigte wie unmittelbar und produktiv sich Tanzpraxis und Ästhetikforschung begegnen können – und legte den Grundstein für eine vertiefte Zusammenarbeit mit Friedemann Vogel als assoziiertem Mitglied des SFB Andere Ästhetik. Die Kooperation wurde über das Mercator Fellow-Programm der DFG ausgebaut.


Ausstellung im Pop-up Store der Universität (Juli 2025)

Mit dem temporären Pop-up Store der Universität bot sich Ort und Gelegenheit, der Öffentlichkeit die Kooperation mit Friedemann Vogel vorzustellen. Die Ausstellung präsentierte die Performance als Film und anhand von Fotografien, die während der Aufführung in der Alten Anatomie entstanden sind. Bei einer Vernissage beleuchten Friedemann Vogel im Gespräch mit Prof. Dr. Anna Pawlak und Prof. Dr. Olaf Kramer die Entstehung der Performance und diskutieren die Potentiale von Artist-in-Residence-Kollaborationen.


Workshop „Ästhetik des Tanzes – Ästhetik des Textes" (Mai 2025)

Ein gemeinsam veranstalteter Workshop widmete sich der Frage nach der Aktualität vormoderner Ästhetik für die Ästhetik des Tanzes. Mit seiner Performance „Seele am Faden“, die Friedemann Vogel gemeinsam mit dem Choreographen Thomas Lempertz entwickelt hat, bringt Vogel die zeitgenössische Ästhetik des Tanzes in einen Dialog mit der Ästhetik der Vormoderne. Ausgangspunkt seiner Performance ist Heinrich von Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ (1810) und das Konzept der ‚Anmut‘ (‚Grazie‘). „Seele am Faden“ umkreist als einzigartiges Gesamtkunstwerk aus Tanz, Musik und Video jene Fragen, die auch bei Kleist im Mittelpunkt stehen: Was ist Schönheit? Wie entstehen in der Bewegung Anmut, Grazie und Sinnlichkeit, und wie reflektiert oder intuitiv muss ein Tänzer tanzen, damit seine Darbietung berührt? Ziel des zweiteiligen Workshops war es, ausgehend von dem Besuch der Performance „Seele am Faden“ sowie von einer gemeinsamen Lektüre von Kleists Essay, eine interdisziplinäre Brücke zu schlagen von der Ästhetik um 1800 zu ihrer performativen Rezeption in Friedemann Vogels Tanzkunst und damit auch von der Theorie zur Praxis.


Workshop „Was uns bewegt" (Oktober 2025)

Unter dem Motto von Pina Bausch – „Mich interessiert nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt" – leitete Friedemann Vogel gemeinsam mit dem Choreographen Thomas Lempertz einen ganztägigen Workshop für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des SFB Andere Ästhetik. Diesmal stand nicht die theoretische Auseinandersetzung im Fokus, sondern die körperliche Praxis selbst: Bewegung, Notation und Reflexion wurden experimentell zusammengebracht. Die Teilnehmenden hatten so die Möglichkeit, sich auf ungewohnte Weise zu erfahren und miteinander zu kommunizieren – und dabei neue Perspektiven auf ästhetische Fragen zu gewinnen. Eine Reportage zum Workshop ist im Forschungsmagazin Attempto erschienen: „Kunst entsteht aus etwas Ehrlichem".


Berlin Science Week (November 2025)

Im Rahmen des Wissenschaftsfestivals Berlin Science Week wurde die Performance „Écorché! Anatomie des Tanzes“ einem überregionalen Publikum vorgestellt: Gezeigt wurde die Performance als Film. Im anschließenden Gespräch sprach Friedemann Vogel gemeinsam mit Prof. Dr. Anna Pawlak, Dr. Franziska Hammer und Prof. Dr. Olaf Kramer über die Entstehung des Projekts sowie über grundlegende Fragen zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft: Welche Rolle spielt Kunst in gesellschaftlichen Umbrüchen? Wie verändert sich unser Verständnis von Kunst, wenn wir sie als Denkraum und Forschungsgegenstand zugleich begreifen? Wie können Forschung und Wissenschaft vom Austausch mit Kunst profitieren? Die Veranstaltung machte deutlich, dass die Fragen des SFB über den akademischen Kontext hinaus auf Resonanz stoßen.


Publikationen

Um die Performance im Nachgang einem größeren Publikum zugänglich zu machen, wurden zwei Filme produziert. Ein Film zeigt die Performance in voller Länge. In einem zweiten Film ordnen die SFB-Sprecherin Annette Gerok-Reiter und die Tanz- und Theaterwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter die Performance in Hinblick auf die Fragestellungen des SFB im Interview ein.

Musik: Presque Rien avec filles (extract), Music by Luc Ferrari, © 1989, Published by Maison ONA und Vivaldi's Adagio Violin Concerto RV 314 (extract), Played by Julien Chauvin, © 2022, Published by believe Sync

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Pressemitteilung der Universität Tübingen zur Kooperation SFB Andere Ästhetik mit Friedemann Vogel vom 10.09.2024

"Raus aus dem Elfenbeinturm… rein in die Kunstpraxis!". Annette Gerok-Reiter im Gespräch über die Kooperation des SFB Andere Ästhetik mit Friedemann Vogel  (18.02.2025, Newsletter Universität Tübingen 2025/1). Zum Interview

“Kunst entsteht aus etwas Ehrlichem”. Reportage von Franziska Hammer zum Workshop “Was uns bewegt” mit Friedemann Vogel und Thomas Lempertz (Attempto, Ausgabe 01/2026). Zum Beitrag

“Dialog von Tanz und Forschung: Friedemann Vogel erhält Verdienstorden”. Meldung von Franziska Hammer (Attempto online, März 2026). Zum Beitrag