Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters

Vorträge 2012


Prof. Dr. Harald Stadler, Universität Innsbruck (17.01.2012)

"Die Heilerin vom Strader Wald. Eine Sonderbestattung aus der Zeit des 30-jährigen Krieges aus Tarrenz, Tirol"

Die geheimnisvolle Tote, die Archäologen der Universität Innsbruck im Mai 2008 bei Tarrenz im Tiroler Bezirk Imst ausgegraben haben, gibt nur zögerlich ihre Geheimnisse preis. Ein internationales Forscherteam, bestehend aus Archäologen, Anthropologen, Gerichtsmedizinern, Botanikern, Historikern, historischen Pharmazeuten, Textilspezialisten und Numismatikern untersucht eingehend das Skelett und die zahlreichen Beifunde dieser völlig atypischen Bestattung, etwa sechs Schröpfköpfe aus Messing oder eine Fraisenkette, die den Ausgräber veranlassten, eine Heilerin zu vermuten. Der Vortrag bietet eine Zusammenfassung der bisherigen Forschungsergebnisse zu einer Frau, die Anfang des 17. Jahrhunderts abseits jeder menschlichen Siedlung hastig verscharrt wurde, wobei mehrere Interpretationsmodelle angeboten werden.


Prof. Dr. Falko Daim, Mainz (15.05.2012)


Sailing to Byzantium - Forschungen und Strategien zur Byzantinischen Archäologie in Mainz"


Die byzantinische Archäologie ist seit langem im Forschungsprogramm des Römisch-Germanischen Zentralmuseums fest verankert. Mit der Gründung des WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident in Kooperation mit der Johannes Gutenberg-Universität im vergangenen Jahr ist der Schwerpunkt Byzanz zudem in ein interdisziplinäres Netzwerk eingebunden. Der Vortragende stellte eine Reihe von aktuellen Projekten des RGZM mit seinen Partnern vor und skizzierte die Perspektiven einer historisch-kulturwissenschaftlichen Byzanzforschung in der deutschen und internationalen Forschungslandschaft.

 


Dr. Sören Frommer, Tübingen (19.06.2012)


"St. Michael in Gammertingen - Ein Modellbefund zur Genese des hochmittelalterlichen Adels"


Die Auswertung der Altgrabungen in der Gammertinger Michaelskirche (1981) erlaubt einen besonders nahen und detaillierten Blick auf die Entstehung des Hochadelgeschlechtes der Grafen von Gammertingen, das im 12. Jahrhundert für wenige Jahrzehnte "historisch" wird, aber schon in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts im Mannesstamm ausstirbt. Erste Anzeichen einer vermutlich in den Kontext der Ansiedlung eines Herrenhofs am westlichen Lauchertufer gehören noch ins 7. Jahrhundert, mindestens für das 7./8. Jahrhundert ist umfangreiche Eisenverhüttung und -verarbeitung belegbar. In der frühen Ottonenzeit wird das Hofareal dann auf den Platz des späteren Kirchenstandorts erweitert: Mit der Errichtung einer zweiteiligen, in die Lauchertniederung hereinragenden Motte verdeutlichen die adligen Bauherren ihren ständischen Anspruch. Auf eine Holzbauphase folgt eine zweite Bebauung auf Steinfundamenten, bevor noch im späteren 10. Jahrhundert auf dem Westhügel die erste ganz in Stein errichtete Kirche gebaut wird, von Beginn an konzipiert als Stätte des adligen Erbbegräbnisses. In der Folgezeit spiegeln sich die Erbauung der ersten Gammertinger Höhenburg Baldenstein im mittleren 11. Jahrhundert, der "Umzug" der Adelsgrablege in das neue Hauskloster nach Zwiefalten und schließlich auch das Aussterben des Geschlechts im archäologischen Befund wieder.

Neben der historischen Deutung des archäologischen Befundes wurden im Vortrag auch die zahlreichen naturwissenschaftlichen Analysen im Zusammenhang der Erbgrablege thematisiert: Radiokarbondatierung, Strontium-Isotopenanalyse und insbesondere aDNA-Analytik leisten hier wesentliche Beiträge zur umfassenden Rekonstruktion der Familienstrukturen der Vorfahren der Gammertinger Grafen im 10./11. Jahrhundert und treten in einen auch vom Methodischen her interessanten Dialog mit dem archäologischen Befund.

 

 


Dr. Christian Later, München (03.07.2012)


Von Kirchen, Krypten und Heiligen – Klosterarchäologie in Solnhofen im Altmühltal“


Zwischen 1961 und 1979 fanden in der ehemaligen Propstei Solnhofen im Altmühltal Ausgrabungen durch die Universität Heidelberg statt. Durch die Neuauswertung der Grabungen in der Ruine der Sola-Basilika lässt sich nun die Entwicklung einer frühmittelalterlichen curtis des 7. Jahrhunderts zur klösterlichen cella (um 750) und zur Fuldaer Propstei (794-1535) vor allem anhand der Kirchenbauten und des Fundmaterials gut nachvollziehen. Durch die Einbettung der Befunde in das historisch-archäologische Siedlungsbild der Kleinregion gelingt es, die früh- und hochmittelalterliche Bauentwicklung von Kirche und Kloster in einen regionalen Kontext zu setzen. Vor allem das Heiligengrab des Klostergründers Sola wurde bei politischen und wirtschaftlichen Veränderungen des Umfeldes instrumentalisiert und architektonisch inszeniert, um auf den drohenden Niedergang des Klosters zu reagieren.

 


 

Annette Zeischka-Kenzler M.A. und PD Dr. Hauke Kenzler, Tübingen (08.01.2013)

„Die kreuzfahrerzeitliche Stadtwüstung Arsuf in Israel. Ergebnisse der ersten Kampagne."

Die Schwerpunkte der archäologischen Erforschung kreuzfahrerzeitlicher Stätten in Palästina lagen seit dem 19. Jh. mehrheitlich auf sakralen und profanen Großbauten, wie Kirchen, Burgen und Befestigungsanlagen. Stadtkernuntersuchungen können – wie in Europa – meist nur in Form von Notbergungen stattfinden und ermöglichen auf Grund bestehender Bebauung lediglich einen begrenzten Einblick. Die Stadtwüstung von Arsuf bietet hier völlig neue Voraussetzungen.

Der seit der persischen Zeit im 6. Jh. v. besiedelte Tell liegt auf einer Sandsteinklippe über dem Mittelmeer ca. 15 km nördlich von Tel Aviv. Die muslimische Stadt geriet im Jahr 1101 durch Eroberung unter die Herrschaft der Kreuzfahrer, wurde aber bereits 1265 durch die Mameluken zerstört und fiel danach wüst. Lediglich die Burg und einzelne Ruinenteile blieben oberirdisch erhalten.

Die kreuzfahrerzeitliche Siedlungsperiode steht im Mittelpunkt eines Kooperationsprojektes der Universitäten Tübingen und Tel Aviv. Der Vortrag stellt Resultate der ersten, in diesem Jahr durchgeführten Feldarbeiten vor. Die Arbeiten begannen im Mai mit der geomagnetischen Prospektion des ehemaligen Stadtareals und umfassten eine mehrwöchige Grabungskampagne im August/September. Wesentliche Projektziele sind die Erfassung der Topographie und Binnenstrukturen im Wandel zwischen muslimischer und christlicher Zeit, sowie Fragen nach dem kulturellen Austausch bzw. kultureller Adaption zwischen Palästina und Europa.

Im Zuge der ersten Grabungen wurden in zwei verschiedenen Stadtquartieren großflächig Gebäudekomplexe freigelegt, die unterschiedliche Funktionen besaßen. In einem zweiten Projektteil wurden Daten zum Umland von Arsuf aufgenommen, die mit landschaftsarchäologischen Methoden ausgewertet werden. Sie sollen es ermöglichen ein umfassendes Bild der bis zur Eroberung 1265 intakt gebliebenen Herrschaft Arsuf zu gewinnen.

Neben den konkreten Ergebnissen gab der Vortrag auch allgemeine Informationen zur Projektdurchführung und Arbeitsweise der Archäologie in Israel.


Exkursionen 2012

Schuttern und Schwarzach - Zwei frühe Klöster am Oberrhein. Archäologie und Baugeschichte (12.05.2012)


Schwäbisch Hall – Kloster Großkomburg – die Kirche Kleinkomburg, die Kirche in Steinbach (23.06.2012)



Das Zisterzienserkloster Bebenhausen - Archäologie und Baugeschichte (14.07.2012)






Ausstellungsbesuche 2012

2012 fanden keine Ausstellungsbesuche statt.