Wintersemester 23/24
Über Ostdeutschland und den Zustand seiner Gesellschaft wird aktuell wieder vehement gestritten. Nachdem die Wiederkehr rechtsextremer Ausschreitungen, pogromähnlicher Hetzjagden und Brandanschläge gegen Asylunterkünfte die verdrängten Bilder der Baseballschlägerjahre im kollektiven Gedächtnis der Deutschen erneut wach riefen, dauerte es nicht lange, bis alte Diskurse über die ‚Ostdeutschen‘ recycelt wurden. Die lange im Vorfeld prognostizierte Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen - trotz der höchsten Wahlbeteiligung seit 1989 – haben diese Deutungskämpfe verschärft.
In der jüngsten Vergangenheit sind fast zeitgleich mit den erinnerungspolitisch gut orchestrierten Jubiläumsfeiern zu 30 Jahre Friedlicher Revolution und Deutscher Einheit bemerkenswert viele literarische Debüts jener Generation erschienen, der landläufig gerne abgesprochen wird, sowohl von Alltag und Repression in der DDR, als auch der Wiedervereinigung selbst noch betroffen gewesen zu sein und in der Folge über beide Themen sinnvoll sprechen zu können.
Im Wintersemester 2023/24 fand hierzu am Studio für Literatur die Studentische Forschungswerkstatt Gegenwärtige Nachwendeliteratur. Pädagogische Perspektiven statt. Die Forschungswerkstatt entstand aus dem Wunsch, sich auch weit abseits der ehemaligen inner-deutsche Grenzen in die anhaltenden Ost-Westdebatten einzumischen, um neue Perspektiven und Fragehorizonte aufzuwerfen und im Sinne der inner-deutschen Verständigung das Thema in die Tübinger Stadtgesellschaft zu tragen.
Hierfür kamen Studierenden verschiedener Studienfächer über Disziplingrenzen hinaus, ins Gespräch, um gemeinsam zu fragen, welche neuen Perspektiven und Blinden Flecke die Lektüre von Nachwendeliteratur für die alten und neuen Ost-West-Debatten, aber auch für die eigenen Disziplingeschichte zu Tage befördern kann. Eng verbunden waren hiermit Frage danach, inwiefern gegenwärtige Nachwendeerzählungen bestehenden (deutsch-deutschen) Erinnerungskulturen und Aufarbeitungsdiskurse irritieren und als Diskursintervention gelesen werden können.
Zusätzliche begleitet wurde die Forschungswerksattdurch durch das Panel (Nach-)Wendeliteratur – Möglichkeiten und Grenzen für die innerdeutsche Verständigung im Rahmen des studentischen Literaturfestival LITERATUR FÜR ALLE! Knapp 40 Gäste konnten hierbei einen Einblick in die Arbeit der studentischen Forschungswerkstatt gewinnen und mit den zwei ostdeutschen Autor*innen Paula Fürstenberg und Clemens Meyer gemeinsam ins Gespräch kommen.
Eine zentrale Erkenntnis, die aus der gemeinsamen Arbeit in der Forschungswerkstatt hervor ging, ist dass (Nachwende-)Literatur einen eigenständige Form des Wissens bereithält.
Die hier diskutierten Nachwenderoman entwerfen ein Bild des Endes der DDR und der darauffolgenden Zeit der Transformation, indem eine ausgebliebene Aufarbeitung in der post-nazistischen DDR, eskalierender Rechtsextremismus sowie kollektives Wegschauen seitens der Öffentlichkeit und der Politik aufeinander bezogen werden ─ womit sich das anhaltendet Bild der ‚friedlichen‘ Revolution in der Öffentlichkeit als äußerst problematisch erweist. Darüber hinaus werden hier prototypische Biografien entwickelt und kritisch befragt, was als verspätete, aber dennoch produktive Antwort auf die Forderung nach Aufarbeitung aus der ehemaligen DDR-Gesellschaft heraus gelesen werden kann. Schlussendlich entziehen sich die hier entwickelten Figuren, den im erinnerungskulturellen Diskurs verbreiteten, sich gegenseitig ausschließenden Einteilungen in Täter*innen, Opfer und Revolutionär*innen und bieten somit neue Perspektiven, wie die bestehende Dichotomie innerhalb deutsch-deutscher Erinnerungskulturen zwischen Alltagskultur und Repression unterlaufen werden könnten. Hiermit wird ein Blick auf die genuinen Entwicklungen innerhalb der Post-DDR-Gesellschaft möglich, welcher innerhalb des gegenwärtigen Aufarbeitungsdiskurses und bestehenden Erinnerungskulturen bis jetzt marginalisiert wurde. Sozial-, Geschichts- oder Erziehungswissenschaftliche Forschung, könnte von diesen Perspektiven nachhaltig profitieren.