Als Einstieg in das linguistische Schülerlabor befassten wir uns mit der Frage, warum man sich überhaupt mit der (deutschen) Sprache als wissenschaftlichem Gegenstand auseinandersetzen sollte, wo wir doch alle schon Deutsch können… Spannend aber ist, dass die Sprachfähigkeit (also die Möglichkeit, aus einem begrenzten Inventar immer wieder neue Äußerungen zu bilden) uns Menschen angeboren ist. Kinder erlernen ihre Muttersprache selbständig, ohne dass ihnen die Regeln hierfür beigebracht werden müssen: Wie werden Laute gebildet (Phonetik)? Welche Bedeutung kann welchem sprachlichen Ausdruck zugewiesen werden (Semantik)? Wie müssen wir Satzglieder in eine Abfolge bringen, damit uns unser Gegenüber versteht (Syntax)? Und was wird in bestimmten Situationen über die Bedeutung einer konkreten Äußerung hinaus mitverstanden (Pragmatik)?
Die Psycholinguistik bietet zudem die Möglichkeit, Sprache nicht nur zu beschreiben, sondern die Sprachfähigkeit experimentell zu erforschen. Neben einem Überblick über unterschiedliche Methoden, anhand derer man die Sprachverarbeitung untersuchen kann, hatten die Schülerinnen und Schüler im linguistischen Labor außerdem die Gelegenheit, an zwei verschiedenen Sprachexperimenten selbst als Probanden teilzunehmen. In Experiment I wurde die Lesezeit gemessen, die die Teilnehmer für bestimmte Segmente eines Satzes wie (1a) oder (1b) benötigten.
(1) a. Andrea hat erzählt, dass die Tante die Nichten begrüßt hat.
b. Andrea hat erzählt, dass die Tante die Nichten begrüßt haben.
Dabei ließ sich feststellen, dass man beim Lesen des Hilfsverbs haben in (1b) irgendwie „ins Stolpern“ gerät: Hier entsteht ein sogenannter „Garden-Path“-Effekt. Das liegt daran, dass der Leser für die Interpretation eines Satzes in der Regel annimmt, dass das Subjekt (als Handelnder) vor dem Objekt (das einer Handlung unterliegt) steht. Eine solche Analyse ist mit dem Input von (1b) zunächst vereinbar, sodass die Konstituente die Tante als Subjekt interpretiert wird, die Konstituente die Nichten dagegen als Objekt. Beim Verb angelangt, merkt der Leser, dass die gewählte Analyse nicht beibehalten werden kann: Es kommt zu Verarbeitungsschwierigkeiten; der Satz muss re-analysiert werden. In (1a) dagegen ist die gewählte Analyse, in der das Subjekt vor dem Objekt steht, auch beim Auftreten des Hilfsverbs noch passend, sodass der Satz leichter zu verarbeiten ist.
Experiment II dagegen war eine Studie zur Sprachproduktion, bei der die Schülerinnen und Schüler verschiedene Segmente des Satzes in der von ihnen bevorzugten Abfolge anordnen konnten. Es zeigte sich, dass es nicht nur für die Interpretation von Subjekten/Objekten eine Rolle spielt, an welcher Position im Satz sie stehen, sondern auch z.B. für die Lesart bestimmter Adverbiale.
(2) a. Peter sagt, dass der Koch die Tomatensuppe in 30 Minuten zubereitet.
b. Peter sagt, dass in 30 Minuten der Koch die Tomatensuppe zubereitet.
Während das temporale Adverbial in 30 Minuten in der späten Position, an der es in (2a) steht, tendenziell so interpretiert wird, dass es die Dauer der Zubereitung beschreibt, ist seine Lesart in der frühen Position in (2b) eher die, dass das Zubereiten in 30 min beginnt.