Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters

Die Kreuzfahrerstadt Arsur in Israel

Untersuchungen zu Struktur, Kulturadaption und Stadt-Umland-Beziehungen

Im Mai 2012 begann ein von der DFG gefördertes Kooperationsprojekt der Universitäten Tübingen und Tel Aviv. Im Focus stehen die Stadtwüstung Arsur und ihr Herrschaftsgebiet im Norden von Tel Aviv.

Die auf einer Sandsteinklippe über der Küste gelegene Grabungsstätte ist heute zu großen Teilen ein archäologischer Park. Der Ort ist unter verschiedenen Namen bekannt. In hellenistischer und römischer Zeit hieß er Apollonia, bei den Byzantinern Sozousa, nach der arabischen Eroberung Arshaf oder Arsuf. Die Kreuzfahrer änderten diesen Namen im Jahre 1101 nur wenig in Arsur.

Für die archäologischen Forschungen ist es ein Glücksfall, dass die Stadt nach der arabischen Rückeroberung durch den mamelukischen Sultan Baibars im Jahre 1265 geschliffen und nie wieder besiedelt wurde. Zerstörerisch hat sich allerdings der Bau einer Munitionsfabrik ab 1948 erwiesen, die erst zu Beginn dieses Jahrhunderts beseitigt wurde. Ihre Errichtung zog den gesamten Ostteil der Stadt sehr in Mitleidenschaft, gab aber auch den Anlass für archäologische Notbergungen.

Im Zentrum der älteren archäologischen Maßnahmen standen insbesondere die römische und byzantinische Zeit. Seit den 80er Jahren des 20. Jh. wurde auch die Burg im Norden der Stadt umfassend untersucht. Das jetzige Kooperationsprojekt hat hingegen die Strukturen der kreuzfahrerzeitlichen Stadt im Blick.

Dazu wurden zunächst ein hoch auflösender Airborne-Laser-Scan des Geländes angefertigt und umfangreiche geomagnetische Untersuchungen durchgeführt (Terrana Geophysik, Mössingen). Auf Grundlage dieser Voruntersuchungen fanden im August/September 2012 und 2013 zwei Grabungskampagnen statt. Neben israelischen Studenten und Freiwilligen aus aller Welt waren jeweils sieben Tübinger Studierende bzw. Absolventen beteiligt.

Im Zuge der Grabungen wurden bisher drei insgesamt 260 qm große Flächen geöffnet.

Im ersten Grabungsschnitt (Area U) konnte ein großer Wirtschaftsbereich mit Innenhof, Anbauten, Abfallsgrube und kleinem Nutzgebäude freigelegt werden. Befunde und Funde belegen eine Nutzung des Areals von der byzantinischen, über die Islamische Epoche bis hin zur Kreuzfahrerzeit. Südlich schließt ein größeres Gebäude mit Binnenstrukturen an.

Hervorzuheben ist speziell die durch das starke Gefälle notwendige Terrassierung des Geländes. Von dem Wirtschaftsbereich gelangte man über einen Aufstieg auf eine höher gelegene Terrassierung.

Trotz zweier Erosionsrinnen und Stellungen des ersten Weltkrieges, die ebenfalls archäologisch dokumentiert wurden, ist die Phase des 12./13. Jh. hier gut erhalten.

 

Die zweite Grabungsfläche (Area T) ergab drei kleine, einräumige Gebäude der Kreuzfahrerzeit, die als Wohnungen und/oder Werkstätten dienten. Auffällig ist die Gliederung der Innenräume durch kleine Podeste. Erschlossen wurden alle Räume von der gleichen Seite aus einem öffentlichen Raum, der vermutlich mit einem in Teilen erfassten Arkadengang überdacht war. Zudem konnten weitere Anbauten, Anlagen zum Auffangen von Wasser und ein Hofbereich freigelegt werden. Insgesamt weisen die Befunde auf eine marktähnliche Anlage hin.

 

Der dritte kleinere Schnitt (Area W) diente der Überprüfung einer geomagnetischen Anomalie, die in gleicher Art an verschiedenen Stellen der Stadt sichtbar wurde. Sie stellte sich als spätbyzantinischer Ofen heraus.

 

Das umfassende Fundmaterial wurde bereits während der Grabungen gewaschen und in einer Datenbank erfasst. Die Keramikfunde weisen auf deutliche soziale oder funktionale Unterschiede in den verschiedenen Stadtvierteln. Ein signifikanter Fundanteil belegt intensive Handelskontakte mit dem ägyptischen Raum. Die große Anzahl von Fundmünzen, die noch ausgewertet werden, ist für die absolute Datierung der archäologischen Schichten von großer Bedeutung.

Um die Siedlungsentwicklung im etwa 300 qkm großen Gebiet der ehemaligen Herrschaft Arsur nachzeichnen zu können, wurden insbesondere Daten von archäologischen Surveys und Ausgrabungen sowie zum Naturraum gesammelt. Alle Angaben werden in einem GIS verarbeitet, so dass sich gegenseitige Bezüge und Veränderungen schnell erkennen lassen.

Im vorläufigen Ergebnis zeigt sich eine vollständige Aufsiedlung des Arbeitsgebietes während der frühen frühislamischen Periode (Umayyaden und Abbasiden), während die Bevölkerung zur Zeit der Fatimiden zurückging oder sich auf weniger Siedlungen konzentrierte. Die Kreuzfahrer sorgten in der Folge für einen neuerlichen Siedlungsausbau mit der Weiternutzung bisheriger Dörfer und der Instandsetzung der wasserbaulichen Einrichtungen. Nach der mameluckischen Eroberung wurden die Küstenebenen fast vollständig siedlungsleer und zur Heimat nomadischer Stämme. Am Fuße des Gebirges kam es hingegen zu einem deutlichen Siedlungsausbau, während sich die Situation in den judäischen und samaritischen Bergen bis weit in die Neuzeit kaum veränderte. Insgesamt deutet sich eine hohe Abhängigkeit der Siedeltätigkeit von den naturräumlichen Ressourcen an, die zu unterschiedlichen Zeiten sehr verschieden landwirtschaftlich genutzt wurden.

 

Die Untersuchungen sollen 2014 fortgesetzt werden, sofern die notwendigen Gelder bewilligt werden.

 

Hauke Kenzler und Annette Zeischka-Kenzler

Weitere Informationen rund um die Ausgrabungsstelle und bisherige/aktuelle Projekte gibt es hier.