Institute of Prehistory, Early History and Medieval Archaeology

Archäometallurgische Untersuchungen der Varna-Funde

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Teilprojekt zum Varna-Goldverfolgt das Ziel, die Herstellungstechnik der Metallfunde des Gräberfeldes und deren chemische Zusammensetzung zu untersuchen. Dazu werden sämtliche über 3000 Goldgegenstände des Gräberfeldes erstmals vollständig analysiert, um eine Klassifikation auf Basis der Materialzusammensetzung zu erreichen.

Geologische Untersuchungen zur Herkunft des Varna-Goldes

Im Gegensatz zu Hartmanns postulierter Herkunft einiger Goldobjekte Varnas aus dem kaukasischen Raum (Hartmann 1978) geht man heute eher von einer Versorgung aus lokalen Ressourcen aus. Auch typologisch zeigen die Funde aus Varna keine Hinweise auf solch weit reichende Handelsbeziehungen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die Goldlagerstätten, die für die Herstellung der Objekte aus Varna genutzt wurden, in der Nähe der Kupferlagerstätten zu suchen. Die gewonnenen Daten zur Goldzusammensetzung in den Artefakten werden deshalb mit Signaturen in natürlichen Goldlagerstätten Bulgariens verglichen. Dafür werden systematisch Flußseifen in Ostbulgarien von einer Arbeitsgruppe um Veselin Kovachev (Geologie, Uni Sofia) auf Goldablagerungen abgesucht.

Bislang wurden von der geologischen Arbeitsgruppe die Region um Burgas, das goldangereicherte Konglomerat bei Kotel und die Vorkommen bei Stara Zagora prospektiert. Von den dort gefundenen Naturgoldproben wurden Anschliffe hergestellt und diese metallographisch untersucht und Zonierungen im Aufbau der Nuggets festgestellt. Die Zusammensetzung der Nuggets wurde mittels EMPA (electron microprobe analysis) analysiert. Dabei wurden Au, Ag, Cu und Fe gemessen. Weiterhin beprobt werden sollen die nördlich aus den Rhodopen entwässernden Flußsysteme. Hier haben Analysen gezeigt, dass das Gold dieser Lagerstätten sehr silberreich ist. Auch sind detaillierte Informationen über die Goldlagerstätten in unmittelbarer Nähe zu Varna archäologisch von besonderem Interesse. Anhand einer Korrelation Objekt-Lagerstätte können im Idealfall Aussagen zur Versorgungsstrategie (lokal oder überregional) getroffen werden. Platin ist für eine Charakterisierung verschiedener Goldgruppen und Lagerstätten interessant. Pt-Gehalte konnten an Naturgoldproben aus Burgas, der Struma und den Elazite-Lagerstätten nachgewiesen werden.

Untersuchungen an den Artefakten

Die Goldobjekte stammen aus insgesamt 71 Gräbern des Gräberfeldes und können aufgrund ihrer Herstellungstechnik und Gebrauchsspuren in mehrere Gruppen eingeteilt werden. Dabei lassen sich Objekte, die speziell für die Bestattung hergestellt wurden von jenen unterscheiden, die tatsächlich auch von lebendenPersonen getragen wurden.

Bislang wurden durch die bulgarische Arbeitsgruppe unter der Leitung von I.Kulev Röntgenfluoreszenzanalysen von 2822 Artefakten angefertigt. Mit dieser Methode können Au, Ag und Cu analysiert werden.Die aktuellen Untersuchungen erfolgen sowohl an entnommenen Proben von ausgewählten Artefakten mittels Laser Ablation – InductivelyCoupled Plasma – MassSpectrometry (LA-ICP-MS) als auchdirekt an den Objekten (zerstörungsfrei) durch Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA). Durch die Möglichkeit der Mikrobereichsanalyse können auch kleine Teilbereiche anden Objekten analysiert werden. So zeigen einige Objekte helle metallische Einschlüsse, die sich als Platingruppenelemente (PGE) herausstellten.

Ziel der materialanalytischen Untersuchungen ist es, eine Klassifizierung der verschiedenen (natürlichen) Goldlegierungen zu erstellen, die uns einen Einblick in die Organisation der Produktion geben soll. Dabei stehen Fragen nach den Bezugsquellen des Rohstoffs Gold, den Handelswegen und der Werkstattorganisation im Vordergrund.

Bereits 1970 bzw. 1982 widmete sich A. Hartmann innerhalb des SAM-Projekts (Studien zu den Anfängen der Metallurgie) eingehend dem Thema der Analysen archäologischer Goldartefakte. Auch aus Varna wurden ca. 130 Objekte mittels Spektralanalyse untersucht und aufgrund ihrer Spurenelemente (v.a. PGE und Sn) in verschiedene Materialgruppen eingeteilt. Die Gegenüberstellung der SAM-Werte mit den aktuellen Werten der Mikrobereichs-RFA zeigt eine gute Vergleichbarkeit der beiden Datensätze hinsichtlich der Hauptelemente (Cu und Ag).

Im Zusammenhang mit den chemischen bzw. isotopischen Analysen sind auch die Beobachtungen zur Herstellungstechnik der Goldgegenstände bemerkenswert. Bereits W.-R. Thiele und R. Echt konnten herausstellen, dass es sich weit überwiegend um gegossene Gegenstände handelt (Echt et al. 1991). Diese Beobachtungen konnten anhand neuer Untersuchungen durch B. Armbruster und K. Dimitrov bestätigt werden. Besonders interessant ist der Nachweis der Technik des sog. Gusses in verlorener Form(ebenfalls bereits von R. Echt und W.-R.Thiele postuliert), deren Anfänge ursprünglich nicht vor dem 4. vorchristlichen Jahrtausend vermutet wurden. Somit handelt es sich hier um den bisher frühesten Beleg dieser Technik. Gemeinsam mit den weiteren beobachtbaren Goldschmiedetechniken und den vorläufig erkennbaren (oft mit der Typologie korrelierenden) Materialgruppen wird hier bereits jetzt eine komplex organsierte Werkstatttätigkeit in der Mitte des 5. vorchristlichen Jahrtausends erkennbar.

Die systematische Auswertung der archäometallurgischen und anthropologischen Daten soll schließlich Eingang in die kulturhistorische Auswertung des Gräberfeldes finden. Eine Beurteilung der gesellschaftlichen Komplexität und ihrer wirtschaftlichen Grundlagen soll dabei anhand statistischer Methoden vorgenommen werden.

V. Leusch/R. Krauß