Prof. Dr. Dorothee Kimmich

Laufende Projekte


Ähnlichkeit als kulturtheoretisches Paradigma

Zusammen mit Anil Bhatti (Jawaharlal Nehru University, New Delhi, Indien) und dem Exzellenzcluster der Universität Konstanz

Seit 2011 wird in Tübingen auf Anregung des Germanisten Prof. Anil Bhatti zu Ähnlichkeit geforscht. Bereits die postkolonialen Theorien der vergangenen Jahrzehnte haben das Konzept der Identität einer grundlegenden Kritik unterzogen. In ihrem Zentrum stand der Begriff der Differenz, der jedoch in vielfältiger Weise selbst noch den kolonialen Denkformen verhaftet bleibt. Denn wo Alterität und Hybridität betont werden, verändern sich zwar die Gewichtungen, die leitenden Gegensätze bleiben aber erhalten. Die Kategorie der „Ähnlichkeit“ eröffnet hier eine Alternative.

Ziel ist es, die Kategorie der „Ähnlichkeit“ historisch wie systematisch auf ihre theoretische Reichweite hin zu überprüfen. „Ähnlichkeit“ ist nicht nur ein heuristisches Konzept, sondern dient auch als Argument und Verhaltensoption auf der Ebene kultureller Praktiken. Deswegen stand der Begriff über längere Zeit in Misskredit. Er wurde verdächtigt, Vorstellungen der Assimilation und damit einer unter Zwang vorgenommenen Angleichung von Kulturen, Geschlechtern oder religiösen Überzeugungen zuzuarbeiten. Zudem verlegte man das Ähnlichkeitsdenken stets an einen anderen Ort und in eine andere Zeit, schrieb es primitiven Kulturstufen oder vormodernen Epochen und damit einer anderen „Ordnung der Dinge“ (Foucault) zu, um es von einer rationalistischen Moderne abzugrenzen, die nur exakte Begriffe als gültig anerkennt. Ein Denken in Ähnlichkeiten widerspricht in der Tat dem Wunsch nach präziser Grenzziehung und genauer Definition. Diesen scheinbaren Mangel gilt es jedoch theoretisch fruchtbar zu machen. Kulturtheoretische Konzepte haben sich an den Phänomenen zu orientieren, die sie beschreiben. Kulturelle Gegebenheiten eignen sich kaum für scharfe definitorische Abgrenzungen, sondern sind durch fließende Übergänge, vielfache Überlagerungen und breite Grenzsäume gekennzeichnet. Die spezifische epistemologische Leistungsfähigkeit der Kategorie „Ähnlichkeit“ besteht gerade darin, den Umgang sozialer Akteure mit vagen Verhältnissen, diffusen Dynamiken und unscharfen Relationen in den Blick zu bekommen.

In Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ (EXC 16 der Universität Konstanz) fand im Rahmen des Forschungsprojekts vom 4.-6.10.2012 in Konstanz die internationale Tagung „After Postcolonialism. Similarites in an Entagled World“ statt: https://www.exc16.uni-konstanz.de/aehnlichkeit.html (Mehr dazu hier)

In Zusammenarbeit mit dem Forum Scientiarum fand in den folgenden Jahren in Tübingen eine Reihe von Workshops zu den Themen Ähnlichkeit und Analogie durchgeführt: Im Rahmen des Projekts fand statt der Workshop „Ähnlichkeiten jenseits von Identität und Differenz“ am 14. und 14.6. 2013 in Tübingen (Forum Scientiarum, Hörsaal 1) statt (vgl. https://uni-tuebingen.de/einrichtungen/zentrale-einrichtungen/center-for-interdisciplinary-and-intercultural-studies/veranstaltungen/tagungen-und-workshops/2013/aehnlichkeiten/; Sie können das Programm hier downloaden) Der Workshop „Analogie. Zur Aktualität eines philosophischen Grundbegriffes“ am 4. und 5. Juli 2013 am Forum Scientiarum (Veranst. Koch, Noveanu, Weidtmann) schloss daran z.T. inhaltlich an.

Die Beiträge zu der Konstanzer Tagung wurden (unter Einwerbung weiterer Beiträge) 2015 in dem Sammelband Ähnlichkeit. Ein kulturtheoretisches Paradigma (herausgegeben von Anil Bhatti und Dorothee Kimmich unter Mitarbeit von Sara Bangert, Konstanz: Konstanz University Press 2015) publiziert, der 2018 ins Englische übersetzt wurde. Darüber hinaus erschienen eine Reihe weiterer Publikationen und es entstand die Dissertation Entgrenzte Ähnlichkeit (2020).

2019/2020 war das Thema Schwerpunkt des Germanistischen Institutskolloquiums. Hier waren (neben Vorträgen von Dorothee Kimmich und Jörg Robert) unter anderem Prof. Hartmut Winkler und Prof. Felix Wichmann zu Gast. Weitere geplante Vorträge wurden aufgrund der Corona-Pandemie verschoben.

2021 sind zwei Workshops und eine Sektion im Rahmen des XIV. Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG): „Wege der Germanistik in transkulturellen Perspektiven“ (Palermo) geplant (vgl. https://ages-info.org/wp-content/uploads/2018/05/CFP.pdf).

 


Publikationen


Dossier: Ähnlichkeit / Similtude. lendemains, Bd. 44, Nr. 173 (2019), hg. v. Dorothee Kimmich und Nicole Colin

Inhalt

Dorothee Kimmich: Ähnlichkeit – ein kulturtheoretisches Paradigma?
Bemerkungen zu einer veränderten Sicht auf die Ordnung der Dinge

Stéphane Lojkine: Gessner avec Diderot: les trois similitudes

Francesca Manzari: D’une similarité (ou similitude) différée

Sara Bangert: Rapprochement, Documents, Sciences diagonales.
Transversale Ähnlichkeitskonzepte im Milieu des Surrealismus

Thomas Keller: Transmissions franco-allemandes: le tertium relationis
quelles similitudes?

Nicole Colin: La Reprise: Wiederholung und Ähnlichkeit als philosophische
Prämissen eines politischen Dokumentartheaters

Arts&Lettres
Philippe Kersting: Perspectives postcoloniales sur Marie NDiaye
et son oeuvre

Link

 


Similarity. A Paradigm for Culture Theory

Edited by Anil Bhatti and Dorothee Kimmich. Neu Dehli/New York: Tulika/Columbia University Press 2018.

This volume is a collection of papers based on the idea that the concept of ‘similarity’ could offer a new, alternative approach in Cultural Studies, as compared to the hitherto dominant paradigm of ‘difference’.
The concepts of identity and otherness are becoming ever-more questionable, not least due to global political events of the last few decades. The assumption of distinct cultural identities in an era of postmodern migratory flows seems increasingly inadequate. Though the postcolonial critique of identity has emphasized alterity and hybridity, this has remained within the paradigm of difference as an overall perspective. For these reasons, it is important not only to discuss, but also to reflect upon whether a concept of similarity, which offers an alternative way of examining our complex cultural world, can be developed alongside a concept of difference.

The essays presented in this volume come from literary and cultural studies, from philosophy, political science, sociology, ethnology and history. They are arranged according to their systematic perspectives: the first part of the book deals with conceptual attempts to establish the relevance of ‘similarity’ for Cultural Studies, while the second part is devoted to testing different areas and models of application.
The essays explore the theoretical range of the concept of similarity in historical and systematic terms. Similarity is seen not only a heuristic concept, but also as an argument and an alternative option in cultural practice. That is why it was discredited by suggesting that it supported an assimilationist position leading to a forceful adjustment of cultures, gender or religion. In addition, similarity and thinking in similarity were supposedly part of a premodern way of thinking belonging to other times and places, part of the primitive stages of culture or a premodern epoch, and therefore of a different order of things (Foucault) that was distinct from a rationalist modern epoch in which only exact concepts are valid.
Thinking in similarity does in fact oppose the desire to draw precise borders and exact definitions. But this supposed drawback can be an advantage when dealing with complex phenomena of culture where fluid transitions, multiple overlappings and broad spatial borders are given. The specific epistemological achievement of the category of similarity consists in offering new ways of seeing the diffuse dynamics and fuzzy relations characteristic of our contemporary complex and entangled world.
Thinking about similarity should not be (mis-) understood as a false form of harmonization or as a levelling of differences. Rather, considerations of similarity contain a subversive potential to expose the claimed antagonisms and radical incompatibilities of opposition and differences as nothing more than ideology.

Flyer


Dorothee Kimmich: Ins Ungefähre. Ähnlichkeit und Moderne. Konstanz: Konstanz University Press 2017

Während »die Differenz« in den Theoriedebatten des 20. Jahrhunderts Schule machte, versammelte die Geschichte der Ähnlichkeit, von der unser Erkennen und Urteilen abhängt, nur wenige Anhänger um sich und war selten Ausgangspunkt kulturtheoretischer Diskussionen. Dabei ordnen wir die Welt, die Dinge, Farben, Töne und Erinnerungen, Gesichter und Geschichten, indem wir Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten wahrnehmen und bewerten. Und ohne die Fähigkeit, etwas oder jemanden zu imitieren und nachzuahmen, erlernen wir weder eine Sprache noch Klavierspielen, weder Radfahren noch Seilspringen. Wiedererkennen, Zuordnen und Urteilen sind grundlegende Fähigkeiten, mit denen wir uns im Alltag orientieren.

Ins Ungefähre führt auf das Gebiet des theoretisch wie praktisch anschlussfähigen Konzepts der Ähnlichkeit, das in der Moderne zwar immer wieder thematisiert, dann aber doch folgenreich übergangen wurde. Werden Ähnlichkeiten zugunsten von Differenzen und Oppositionen übersehen, so ist dies nicht nur ein erkenntnistheoretisches, sondern vor allem ein politisches Problem. Die Gleichheit vor dem Gesetz und die Ähnlichkeit der Kulturen ergänzen sich und machen deutlich, dass radikale Alterität keine Gegebenheit, sondern eine Frage der Perspektive ist.

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Anil Bhatti / Dorothee Kimmich (Hg.): Ähnlichkeit. Ein kulturtheoretisches Paradigma. Konstanz University Press 2015

Bereits die postkolonialen Theorien der vergangenen Jahrzehnte haben das Konzept der Identität einer grundlegenden Kritik unterzogen. In ihrem Zentrum stand der Begriff der Differenz, der jedoch in vielfältiger Weise selbst noch den kolonialen Denkformen verhaftet bleibt. Denn wo Alterität und Hybridität betont werden, verändern sich zwar die Gewichtungen, die leitenden Gegensätze bleiben aber erhalten. Die Kategorie der »Ähnlichkeit« eröffnet hier eine Alternative.

Ziel des Bandes ist es, die Kategorie der »Ähnlichkeit« historisch wie systematisch auf ihre theo-retische Reichweite hin zu überprüfen. »Ähnlichkeit« ist nicht nur ein heuristisches Konzept, sondern dient auch als Argument und Verhaltensoption auf der Ebene kultureller Praktiken. Deswegen stand der Begriff über längere Zeit in Misskredit. Er wurde verdächtigt, Vorstellungen der Assimilation und damit einer unter Zwang vorgenommenen Angleichung von Kulturen, Ge-schlechtern oder religiösen Überzeugungen zuzuarbeiten. Zudem verlegte man das Ähnlichkeits-denken stets an einen anderen Ort und in eine andere Zeit, schrieb es primitiven Kulturstufen oder vormodernen Epochen und damit einer anderen »Ordnung der Dinge« (Foucault) zu, um es von einer rationalistischen Moderne abzugrenzen, die nur exakte Begriffe als gültig anerkennt.

Ein Denken in Ähnlichkeiten widerspricht in der Tat dem Wunsch nach präziser Grenzziehung und genauer Definition. Diesen scheinbaren Mangel gilt es jedoch theoretisch fruchtbar zu machen. Kulturtheoretische Konzepte haben sich an den Phänomenen zu orientieren, die sie beschreiben. Kulturelle Gegebenheiten eignen sich kaum für scharfe definitorische Abgrenzungen, sondern sind durch fließende Übergänge, vielfache Überlagerungen und breite Grenzsäume gekennzeichnet. Die spezifische epistemologische Leistungsfähigkeit der Kategorie »Ähnlichkeit« besteht gerade darin, den Umgang sozialer Akteure mit vagen Verhältnissen, diffusen Dynamiken und unscharfen Relationen in den Blick zu bekommen.

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