Unser Gemüt ist leicht zufriedenzustellen: Ein Spaziergang und singende Vögel senken messbar Stress und heben unser Wohlbefinden.
Vogelstudie im Botanischen Garten: Eine Versuchsperson geht spazieren und lauscht Vögeln – vorher und nachher messen die Forschenden den Cortisol-Spiegel (Foto nachgestellt).
Es steht außer Frage, dass der Aufenthalt in der Natur gut für unser Wohlbefinden ist. Untersuchungen zeigen, dass das Erleben der Natur und das Lauschen auf Naturgeräusche uns entspannen können. Ein wichtiger Grund für diese positiven Auswirkungen könnte die Anziehungskraft der Vögel und ihr angenehmes Zwitschern sein, das wir in der Natur hören. Studien zeigen, dass Menschen sich in einer Umgebung mit vielen Vögeln wohler fühlen. Sogar die Lebenszufriedenheit könnte mit der Artenvielfalt der Vögel in einer Region zusammenhängen. Meine Kolleginnen und ich wollten den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Vogelgesang genauer untersuchen. Wir führten ein Experiment durch, bei dem 233 Personen durch einen Park spazierten – genauer gesagt durch den Botanischen Garten der Universität Tübingen.1 Der Spaziergang dauerte etwa eine halbe Stunde.
Die Teilnehmer füllten vor und nach ihrem Spaziergang Fragebögen zu ihrem psychischen Wohlbefinden aus. Wir maßen auch den Blutdruck, die Herzfrequenz und den Cortisolspiegel (im Speichel), um ein besseres Verständnis der physiologischen Auswirkungen des Spaziergangs auf das Wohlbefinden zu erhalten. Cortisol gilt als wichtiges Stresshormon, dessen Spiegel sich innerhalb weniger Minuten verändern kann.
Um einen guten Eindruck davon zu bekommen, wie sich Vogelgesang auf das Wohlbefinden auswirkt, hängten wir Lautsprecher in den Bäumen auf, aus denen die Lieder seltener Vogelarten wie Pirol, Baumpieper, Gartengrasmücke oder Misteldrossel erklangen.
Einen Pirol bekommt man beim Spazierengehen nur selten zu sehen oder hören.
Um zu entscheiden, welche zusätzlichen Vogelstimmen über die Lautsprecher abgespielt werden sollten, haben wir uns die Ergebnisse einer früheren Studie angesehen, die wir durchgeführt hatten. In dieser Studie hörten Freiwillige mehr als hundert verschiedene Vogelstimmen an und bewerteten sie danach, wie angenehm sie sie fanden.
Wir verwendeten die Vogelstimmen, die den Teilnehmern dieses Experiments am besten gefallen hatten. Um jedoch die im Garten lebenden Vögel nicht zu stören, wählten wir nur Vogelstimmen aus, die die Umgebung nicht störten. Außerdem kartierten wir alle in diesem Gebiet lebenden Arten und vermieden es, deren Gesänge abzuspielen.
Die Teilnehmer wurden zufällig in fünf verschiedene Gruppen aufgeteilt. Die erste und zweite Gruppe spazierten durch den Garten, während aus den Lautsprechern Vogelgesang zu hören war. Die zweite Gruppe wurde außerdem ausdrücklich angewiesen, auf den Vogelgesang zu achten. Die dritte und vierte Gruppe spazierten ebenfalls durch den Garten, aber dieses Mal hörten sie nur den natürlichen Vogelgesang – wir hatten keine zusätzlichen Lautsprecher aufgestellt, die Vogelgesang in diesem Bereich abspielten. Die vierte Gruppe wurde ebenfalls angewiesen, auf den natürlichen Vogelgesang zu achten. Diejenigen, die sich auf Vogelgesang konzentrierten, berichteten von einem besseren psychischen Wohlbefinden. Die fünfte Gruppe war die Kontrollgruppe. Diese Teilnehmer machten einen Spaziergang durch den Garten, während sie geräuschunterdrückende Kopfhörer trugen.
In allen Gruppen
sanken Blutdruck
und Herzfrequenz.
Ein kleiner Zilpzalp ruht sich auf einem blühenden Ast aus.
Wohltaten des Vogelgesangs
In allen Gruppen (auch in der Kontrollgruppe) sanken Blutdruck und Herzfrequenz – ein Hinweis darauf, dass der physiologische Stress nach dem Spaziergang abgenommen hatte. Auch der Cortisolspiegel sank um durchschnittlich fast 33 Prozent. Das selbst eingeschätzte psychische Wohlbefinden, gemessen anhand der Fragebögen, war nach den Spaziergängen ebenfalls höher.
Die Gruppen, die ihre Aufmerksamkeit auf den Vogelgesang richteten, verzeichneten einen noch stärkeren Anstieg ihres Wohlbefindens. Während also ein Spaziergang in der Natur eindeutig physiologische Vorteile für den Stressabbau hatte, verstärkte die Aufmerksamkeit für den Vogelgesang diesen Effekt noch zusätzlich. Die Gruppen, die zusätzlich Vogelgesang aus Lautsprechern zu hören bekamen, zeigten jedoch im Vergleich zu den anderen Gruppen keine größeren Verbesserungen ihres psychischen und physiologischen Wohlbefindens.
Dies war überraschend, da frühere Studien gezeigt hatten, dass Vogelgesang das Wohlbefinden steigert. Auch die Vielfalt der Vogelarten trägt nachweislich zu einer weiteren Verbesserung der Erholung und Entspannung bei. Eine mögliche Erklärung für dieses Ergebnis könnte sein, dass die Teilnehmer die abgespielten Geräusche als unecht erkannt haben – bewusst oder unbewusst. Eine andere Erklärung könnte sein, dass ab einer bestimmten Schwelle eine größere Anzahl singender Vogelarten in einem Gebiet das Wohlbefinden nicht weiter steigert.
Ein singender Baumpieper (Anthus trivialis) sitzt auf einem Weißdornzweig.
Misteldrossel auf einem Baumstumpf.
Vogelgesang genießen
Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein Spaziergang in der Natur an sich schon wohltuend wirkt und die Geräusche des natürlichen Vogelgesangs diese positiven Auswirkungen auf das Wohlbefinden noch verstärken, insbesondere wenn jemand bewusst auf sie achtet. Wie unsere Studie gezeigt hat, muss man nicht einmal viel über Vögel wissen: Der positive Effekt wirkt auf gelegentliche Vogelbeobachter genauso wie auf Vogelexperten.
Die Ergebnisse unserer Studie sind ausgesprochen alltagstauglich: Fürs Wohlbefinden ist kein Ausflug in eine Umgebung mit besonders viel unterschiedlichen Arten erforderlich. Wichtiger ist die Konzentration auf die Vögel, die bereits da sind und uns erfreuen. Die Ergebnisse haben auch Auswirkungen auf die Gestaltung von Parks, da der Gesang der Vögel im Allgemeinen für das Wohlbefinden von entscheidender Bedeutung ist und nicht die Anzahl der dort lebenden Arten oder deren Seltenheit. Selbst ein halbstündiger Spaziergang im Freien mit offenen Ohren für den Gesang der Vögel reduziert Stress und steigert das Wohlbefinden.
Professor Christoph Randler erforscht, was Menschen an der Natur faszinierend finden und wie sich diese Erkenntnisse für den Schulunterricht nutzbar machen. „Didaktik der Biologie“ nennt sich das Fach.
1Christoph Randler et al.: Effects of nature experience on mental well-being and physiological stress parameters in an experimental bird walk setting – the role of bird song, Landscape and Urban Planning, Vol 263, nov 2025