Uni-Tübingen

Ökokrise in der Bronzezeit

Bereits vor Jahrtausenden folgten Umweltkrisen auf den Wirtschaftsboom, wie Ausgrabung in Troja zeigen.

Wenn wir heute an Umweltzerstörung denken, sehen wir Ölplattformen, Kohlekraftwerke oder endlose Plastikinseln. Doch schon lange vor der Industrialisierung brachten frühe Gesellschaften ihre Umwelt an den Rand des Zusammenbruchs. Ein besonders eindrückliches Beispieln liefert das frühbronzezeitliche Troja – eine Geschichte wirtschaftlicher Brillanz, überschattet von den ökologischen Kosten des Fortschritts. Sie erzählt nicht nur von Innovation und Erfolg, sondern auch von Überdehnung, Erschöpfung und den verborgenen Folgen ungebremsten Wachstums. 

Zwischen 2500 und 2300 v. Chr. entwickelte sich Troja zu einem Zentrum von Macht und Experimentierfreude im Nordwesten Anatoliens – Jahrhunderte bevor Homers „Ilias“ die Stadt unsterblich machte. Die langjährigen Ausgrabungen des Tübinger Troja-Projekts zeigen eindrücklich, wie gezielte Entscheidungen in Produktion, Planung und Organisation ein bescheidenes Dorf der Frühbronzezeit in eine blühende Gemeinschaft mit frühstädtischen Strukturen verwandelten. Monumentale Steinbauten, geordnete Straßenzüge und klar gegliederte Wohnquartiere spiegeln diesen tiefgreifenden Wandel wider.

Im Zentrum dieser Entwicklung stand die Massenproduktion. Nach mesopotamischem Vorbild revolutionierte die Einführung der Töpferscheibe die Keramikherstellung: Sie ermöglichte eine schnellere, gleichmäßigere und standardisierte Fertigung. Bald dominierten scheibengedrehte Gefäße das Bild – erkennbar an tiefen Drehspuren und funktionalen Formen, die Effizienz über Ästhetik stellten.

Mit der gesteigerten Produktion wuchs der Bedarf an spezialisierter Arbeit. Das Handwerk verlagerte sich aus den Haushalten in Werkstätten, Arbeitsteilung und Professionalisierung nahmen zu. Der Handel blühte und reichte weit über die Region Trojas, die weitere Umgebung Trojas, hinaus.1 Um diese neue Komplexität zu organisieren, entstanden standardisierte Gewichte und Siegel – frühe Instrumente der Kontrolle, Verwaltung und Koordination in einer zunehmend vernetzten Wirtschaft. Doch der Fortschritt hatte seinen Preis: Er setzte Kräfte frei, die bald niemand mehr beherrschte.

Wohlstand durch Ausbeutung

Trojas Reichtum gründete auf rücksichtsloser Ressourcennutzung. Für monumentale Bauten wurde tonnenweise Kalkstein aus den umliegenden Steinbrüchen abgebaut, Ton aus fruchtbaren Flussufern entnommen, um Ziegel und Keramik herzustellen. Wälder wurden kahlgeschlagen – das Brennmaterial für die unermüdlich arbeitenden Öfen der florierenden Keramikproduktion. 

Auch die Landwirtschaft wurde radikal intensiviert. Während frühere Generationen Felder ruhen ließen und Fruchtfolgen pflegten, strebten Trojas Bauern nach maximalem Ertrag durch ständige Bewirtschaftung. Emmer und Einkorn – robuste, aber nährstoffarme Getreidesorten – dominierten die Felder. Sie waren ertragssicher, raubten dem Boden jedoch Kraft und ernährten die Menschen nur dürftig. Die Ausdehnung der Äcker auf steile, erosionsgefährdete Hänge führte zur Verödung der Landschaft. Archäobotanische Analysen belegen den Verlust der Wälder.2 Auch die Viehhaltung setzte dem Land zu: Große Herden von Schafen und Ziegen überweideten die Hänge, zerstörten Vegetation und verdichteten den Boden. Das Wasser versickerte schlechter, die Erosion nahm zu, die Artenvielfalt ab. Schritt für Schritt zerfiel das ökologische Gleichgewicht, das Trojas Wohlstand getragen hatte. 

Um 2300 v. Chr. brach das System zusammen. Ein verheerendes Feuer zerstörte die Siedlung – ob durch Aufruhr, Krieg oder Zufall, bleibt offen. Die monumentale Architektur verschwand, einfache Gehöfte traten an ihre Stelle, das Machtzentrum verfiel. Sicher spielten politische Spannungen, äußere Bedrohungen und soziale Konflikte eine Rolle. Doch die ökologischen Folgen wogen schwerer als jede Krise: Bodenermüdung, Entwaldung und Erosion führten zu Wasser- und Ressourcenmangel, möglicherweise auch zu Hunger. Danach trat Anpassung an die Stelle von Expansion. Die Landwirtschaft diversifizierte sich, Monokulturen wurden aufgegeben, Felder und Böden erholten sich langsam.3 Troja verschwand nicht – es fand ein neues Gleichgewicht, wenn auch im Schatten der eigenen Überforderung.

Lektionen aus einer erschöpften Landschaft

Trojas Geschichte ist mehr als eine archäologische Randnotiz – sie ist Spiegel und Mahnung zugleich. Wie viele Gesellschaften vor und nach ihr überschritt sie die ökologischen Grenzen ihres Systems. Die Warnzeichen waren sichtbar: sinkende Erträge, schwindende Wälder, erodierte Hänge. Doch die Vorstellung grenzenlosen Wachstums blieb verführerisch. Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. Ressourcenverschleiß, kurzfristiger Gewinn und ökologische Blindheit prägen auch heute unser Wirtschaften. Die Technologien mögen sich verändert haben – die Denkweise blieb erstaunlich gleich.

Das Beispiel Troja zeigt aber auch, dass Erneuerung möglich ist. Nach der Krise folgten Anpassung, Lernen und Resilienz. Nachhaltigkeit ist keine moderne Idee, sondern eine zeitlose Notwendigkeit. Troja lehrt: Keine Gesellschaft, so klug oder mächtig sie auch sein mag, bleibt von den Folgen ökologischer Überdehnung verschont. Die Warnzeichen sind nie unsichtbar – aber leicht zu übersehen. Und manchmal genügt ein Blick zurück, um zu erkennen, wohin wir steuern.

Dr. Stephan Blum ist Experte für die Bronzezeit in Anatolien und im östlichen Mittelmeerraum und arbeitet im Troja- Projekt der Universität Tübingen am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters. 

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Auswertung der Befunde und Funde aus Troja, darunter auch zahlreiche Stücke aus den Grabungen Heinrich Schliemanns.


1 Stephan W. E. Blum, Die Karawane zieht weiter... Fernkontakte des Hisarlık Tepe/Troia in der 2. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. In: Martin Bartelheim/Barbara Horejs/Raiko Krauß (Hrsg.), Von Baden bis Troia. Ressourcennutzung, Metallurgie und Wissenstransfer. Eine Jubiläumsschrift für Ernst Pernicka. OREA, Oriental and European Archaeology 3 (Rahden/Westf. 2016), 473–506.

2 Simone Riehl/Elena Marinova, Archäobotanik. In: Ernst Pernicka/ Charles Brian Rose/Peter Jablonka (Hrsg.), Troia 1987–2012: Grabungen und Forschungen I. Forschungsgeschichte, Methoden und Landschaft. Studia Troica Monografien 5 (2014), 602–609.

3 Stephan W. E. Blum/Simone Riehl, Troy in the 23rd century BC – environmental dynamics and cultural change. In: Harald Meller/Helge Wolfgang Arz/Reinhard Jung/ Roberto Risch (Hrsg.), 2200 BC: A climatic breakdown as a cause for the collapse of the old world? 7th Archaeological Conference of Central Germany, October 23–26, 2014 in Halle (Saale). 181–203

Text: Stephan Blum


Weitere Meldungen

Die Vermessung des Inntals

Wettermodellen fehlen Daten für die komplizierten Windströmungen in den Bergen. Messungen mit Drohnen schließen diese Lücke.

Messbare Entspannung

Unser Gemüt ist leicht zufriedenzustellen: Ein Spaziergang und singende Vögel senken messbar Stress und heben unser Wohlbefinden.