Uni-Tübingen

"Kunst entsteht aus etwas Ehrlichem"

Was bedeutet Ästhetik? In einem Workshop mit dem SFB Andere Ästhetik bringt der Ballettstar und Dozent Friedemann Vogel wortwörtlich Bewegung in die theoretische Debatte.

Mit federnden Schritten betritt der Tänzer das Fischgrätenparkett. Er trägt Jogginghose und Kapuzenpullover. Sonne durchflutet den Saal. Es ist wärmer als erwartet. Auch wir, eine Gruppe von zwölf Forschenden und Mitarbeitenden der Universität Tübingen, sind wie empfohlen in bequemer Kleidung erschienen und nun in gespannter Erwartung. Wir bilden einen Kreis und stellen uns einander vor. Er, der Tänzer, muss sich nicht vorstellen: Friedemann Vogel, erster Solist am Stuttgarter Ballett, international renommierter und vielfach ausgezeichneter Ballettstar.

Seit 2024 kooperiert Friedemann Vogel mit Forschenden der Universität Tübingen aus sechzehn unterschiedlichen Fachdisziplinen von der Archäologie über die Kunst und Musikwissenschaften bis hin zu Geschichtswissenschaft und Theologie. Im Sonderforschungsbereich Andere Ästhetik untersuchen sie gemeinsam Kunstwerke von der Antike bis zur Frühen Neuzeit, welche häufig ganz selbstverständlich in den Alltag der Menschen integriert waren: Wie lässt sich die Ästhetik von antiken Münzen, einer mittelalterlichen Predigt oder Musik in öffentlichen Badehäusern der Frühen Neuzeit beschreiben – warum ist auch das Kunst? Friedemann Vogel bringt in Performances, Ausstellungen und Lehrveranstaltungen seine Erfahrungen aus der künstlerischen Praxis mit in den Sonderforschungsbereich ein: Was bedeutet es, Kunst zu schaffen?

Heute wagen wir uns mit Friedemann Vogel auf sein Terrain: Unter seiner Anleitung wollen wir in Bewegung kommen. Keine leichte Aufgabe, denn unser beruflicher Alltag vollzieht sich überwiegend im Sitzen am Schreibtisch. Unterstützt wird Friedemann Vogel dabei vom Choreografen Thomas Lempertz, mit dem er bereits verschiedene Projekte entwickelt hat. In der Vorbereitung des Workshops war es beiden wichtig, dass jede und jeder der Teilnehmenden etwas beitragen kann – auch ohne Tanzausbildung.

Schuhe aus, auf die Matte, Aufwärmen. Wir arbeiten uns durch den Körper, steuern Zehen, Füße, Beine, Hände, Arme, Kopf an. Für Friedemann Vogel ist das tägliche Routine. Wo mangelnde Körperbeherrschung mich bisweilen wanken lässt, spannen sich seine Füße bis in die letzte Faser. Während wir im wilden Hopserlauf durch den Saal rennen, spornt Friedemann uns mit sanfter Stimme an: „Einmal am Tag muss die Pumpe so richtig gehen. Dann erst ist der Körper bereit.“ Tatsächlich ist die Erschöpfung wesentlicher Bestandteil des Balletttrainings, wie Thomas Lempertz uns erklärt: „Man muss an einen Punkt kommen, an dem der Körper so überanstrengt und ausgelaugt ist, dass man alle Aufregung ablegt, nicht mehr abwägt, was gut und was schlecht ist, sondern anfängt, echt zu sein.“ Ich fühle mich schon etwas echter – nach der anfänglichen Anspannung bin ich in meinem
Körper angekommen.


„Ästhetik“ in der Alltagssprache

Inbegriff von Schönheit

„Ästhetik“ in der Wissenschaft: 

Theorie der Gestaltung und Wirkung von Kunst

„Ästhetik“ im SFB Andere Ästhetik: 

Ergebnis des Zusammenhangs von Gestaltung und gesellschaftlicher Funktion


Jetzt ist unsere Kreativität bei einer Improvisationsübung gefragt: Beim „Spiegel“ steht man sich zu zweit gegenüber. Die eine Person gibt eine Bewegung vor und die andere führt diese fast zeitgleich aus. Die Zweiergruppen haben sich schnell formiert, ich bin spät dran, stehe alleine da. Mein Spiegelpartner ist schließlich Friedemann Vogel. Ich soll die Bewegung vorgeben und kämpfe mit der Scham, mich langweilig zu bewegen. Hebe beide Arme, schiebe die Hände auf Brusthöhe nach vorne wie in einer Tai Chi-Form und lasse die Arme in weitem Bogen auf den Boden sinken – ein kleines Bewegungszitat aus einer Performance von Friedemann Vogel, die er eigens für eine Festveranstaltung unseres Forschungsbereichs entwickelt hat, kann ich mir nicht verkneifen. Wir müssen schmunzeln. Ich bewege mich wie Friedemann und Friedemann bewegt sich wie ich. Mein Geist wird ruhiger, die Bewegungen werden unbedachter, größer und freier.

Wie wird aus einer Bewegung Kunst? Diese Frage beschäftigt Friedemann Vogel ebenso wie den Sonderforschungsbereich Andere Ästhetik. „Kunst“, sagt Friedemann Vogel im Gespräch nach dem Workshop, „entsteht für mich immer aus etwas Ehrlichem, etwas Wahrhaftigem.“ Er erinnert sich an einen anderen mit dem Sonderforschungsbereich durchgeführten Workshop zu Kleists berühmtem Text „Über das Marionettentheater“. In dem 1810 erschienenen Essay geht es um die natürliche Anmut, die sich in Abwesenheit von Bewusstsein manifestiert. Friedemann führt den Gedanken weiter: „Ästhetik entsteht durch das Authentische. Wenn man es zu sehr versucht, kommt die Geziertheit dazu, wie Kleist es formuliert. Dieser Geziertheit kann man im Ballett nur entgehen, indem man eine Bewegung sehr oft wiederholt. Du hast es zwei Monate geprobt und dann ist der Moment, dass es wieder aussieht wie beim ersten Mal, aber jetzt kannst du es abrufen.“ Die authentische, kunstvolle Bewegung kommt für Friedemann Vogel aus dem Leben. Das Ästhetik. ist eine Überschneidung mit unserem Sonderforschungsbereich Andere Ästhetik: die Verankerung der Kunst im Leben und die Durchlässigkeit unseres Alltags für das Ästhetische.


Kunst entsteht für mich aus etwas Ehrlichem, Wahrhaftigem.

Friedemann Vogel


Alltagsbewegungen und Wiederholung sind die Zutaten für die Choreografie, die wir nun gemeinsam im Workshop entwickeln. Wir bilden erneut einen Kreis. Jeder darf sich eine Bewegung ausdenken – auf 4 „Counts“, wie es beim Ballett heißt. Das bedeutet, dass jede Bewegung dieselbe Länge hat. Thomas Lempertz beginnt mit einer expressiven Geste: Er prescht zwei Schritte nach vorne, erschreckt sich scheinbar und weicht dann zwei Schritte zurück (1 – 2 – 3 – 4). Friedemann Vogel wählt eine schwungvolle Schrittkombination. Nach dem „Ich packe meine Koffer und nehme mit“-Prinzip bringt nun jeder Teilnehmende eine Bewegung ein. Die Choreografie summiert sich aus den Bewegungen. Schnell wird klar: Das erfordert nicht nur Kreativität, sondern ist auch eine Gedächtnisübung. Sich Bewegungsabläufe, ganze Choreografien zu merken, darauf ist unser akademisch geschultes Gehirn nicht trainiert. Aus ersten verhaltenen Gesten entwickelt sich jedoch schnell eine Geschichte, an der unser Gedächtnis sich festhalten kann: Jemand zieht sich an, geht los, verpasst den Bus und trifft spontan einen Freund. In der streng getakteten Wiederholung und mit zunehmendem Tempo wird aus der banalen Geschichte eine Tanzperformance.


Sich Choreografien zu merken – darauf ist unser akademisch geschultes Gehirn nicht trainiert.


Zum Abschluss öffnen wir den Kreis und richten uns alle frontal an einem gedachten Spiegel aus: Friedemann Vogel steht in erster Reihe und gibt unserem Gedächtnis in perfekter Ausführung Halt. Die Musik – ein elektronischer Bossa Nova – treibt uns an. Wir spüren die Energie, die entsteht, wenn man als Gruppe gleichzeitig dieselben Bewegungen ausführt. „Und jetzt Saft in die Arme!“, ruft Thomas Lempertz. Wir sind nun – mehr oder weniger – synchron und tanzen die Choreographie so oft, bis sich unser Bewusstsein allmählich von der einzelnen Bewegung löst. Das ist bei Weitem keine Kunst, aber es zeigt sich das Intuitive – eine Kategorie, mit der sich die Wissenschaft manchmal schwertut. Abschließend gibt uns Friedemann Vogel einen wichtigen Gedanken mit: „Aus dem Intuitiven, dem Instinkt, kann etwas Neues entstehen.“

Franziska Hammer hat an der Universität Tübingen in Literaturwissenschaften promoviert und ist seit 2019 Wissenschaftskommunikatorin im Sonderforschungsbereich Andere Ästhetik.

Text: Franziska Hammer


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