Politik, Musik, Start-ups und Journalismus: Fünf Ehemalige der Universität Tübingen erzählen, wohin sie ihr geisteswissenschaftliches Studium geführt hat.
Merve Kayikci
Nachgefragt: Merve Kayikci, Studium der Rechtswissenschaften (Tübingen und Mainz), Praktikum an der Universität Tübingen bei Campus TV Heute: Innovationsmanagerin und freie Journalistin
Nimm einfach unser Mobile Reporting Kit mit!“ Der Tag, an dem der Redaktionsleiter von Campus TV Merve Kayikci ermutigte, als Berichterstatterin zur re:publica zu fahren, wurde zu einem Wendepunkt für ihre Karriere. Ausgestattet mit der Technik des Zentrums für Medienkompetenz führte sie in Berlin selbstständig Interviews mit Deutschlands Digitalelite und schnitt im Anschluss ihre Aufnahmen. Kayikci, die in Tübingen Jura studierte, hatte erst kurz zuvor bei CampusTV als Praktikantin angefangen. Hier erkannte sie schnell, was sie beruflich wollte: aktiv die Medienwelt mitgestalten. Bald darauf entwickelte sie ihre ersten Podcasts, arbeitete journalistisch, schrieb Theaterstücke und konzipierte Ausstellungen. Heute arbeitet sie als Innovationsmanagerin beim SWR X-Lab und als freie Journalistin.
Winfried Hermann
Nachgefragt: Winfried Hermann, Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Sportwissenschaft Heute: Verkehrsminister von Baden-Württemberg a.D. (2011 bis 2026).
Man kann nicht nicht kommunizieren“– diese Einsicht begleitet Winfried Hermann seit seinem Studium. Sie stammt von Paul Watzlawick, einem Kommunikationswissenschaftler. In den 1970ern, als sich die Universität Tübingen verstärkt modernen Ansätzen öffnete, lernte Herman dessen Theorien im Germanistikstudium (Bereich Kommunikation/Linguistik) kennen. Prägend wurde für Hermann Watzlawicks Konzept der „paradoxen Intervention“. Herman wählt in festgefahrenen Situationen oft Reaktionen, die sein Gegenüber nicht erwartet: plötzliche Themenwechsel, überraschende Offenheit, Zustimmung, wo mit Widerspruch gerechnet wird. Was ihn einst in Seminaren faszinierte, erweist sich im Politikalltag als wirksames Werkzeug.
Edwin Rosen
Nachgefragt: Edwin Rosen, Studium der Anglistik und Philosophie (derzeit pausiert) Heute: Musiker mit 1,2 Mio. monatlichen Hörer:innen auf Streamingdiensten
Im Anglistikstudium faszinierte Edwin Rosen Literatur, die keine eindeutige Interpretation zuließ. Ihn interessierte die Stimmung, die ein literarisches Werk erzeugte, nicht die bloße Handlung. Diesen Ansatz verfolgt Rosen auch in seiner Leidenschaft, der Musik, und startete während der Corona-Pandemie mit Synthie-Pop durch. Wenn Rosen Songs schreibt, erzählt er keine abgeschlossenen Geschichten. Er lässt seine Zuhörer:innen in Stimmungen eintauchen – mal in melancholische, mal in düstere. In „leichter // kälter“, einem Song, den er noch während seines Studiums veröffentlichte, singt er „Doch du sagst, es ist viel leichter / Ja, ich sei doch so viel kälter / Also bleibst du steh’n / Bleibst barfuß im Schnee.“ Der Kontext bleibt bewusst vage, auf Erklärungen verzichtet der Sänger.
Cathrin Kahlweit
Nachgefragt: Cathrin Kahlweit, Studium des Russischen und der Politikwissenschaft (Eugene, Tübingen, Göttingen und Moskau) Heute: Journalistin, Osteuropa-Expertin, Moderatorin
Nach Studium und Journalistikschule war der Fall der Berliner Mauer 1989 einer der ersten Einsätze von Cathrin Kahlweit für die Süddeutsche Zeitung. Da Kahlweit als Einzige in der Redaktion Russisch sprach und reisen wollte, verbrachte sie die ersten Jahre ihres Berufslebens als Reporterin in Osteuropa. Von dort aus berichtete sie über große politische Umbrüche: die Samtene Revolution in Prag, die Singende Revolution im Baltikum, den Maidan-Aufstand in der Ukraine. Schon während ihres Russisch- und Politikstudiums hatte sie über den Tellerrand geschaut: „Ich habe mich an der Uni nicht nur auf das Fach konzentriert, für das ich eingeschrieben war, sondern war auch in anderen Vorlesungen und habe dort nach neuen Ideen und Leuten gesucht.“
Benjamin Rudolf
Nachgefragt: Benjamin Rudolf, Studium der Philosophie und Kunstgeschichte Heute: Gründer und Geschäftsführer eines Unternehmens, das die reale Welt mit der virtuellen verbindet
Im Philosophiestudium hat Rudolf verinnerlicht, Dinge systematisch zu hinterfragen und neue Perspektiven zu finden. An der Filmakademie Baden-Württemberg lernte er dann noch, wie man künstliche Welten erschafft. Mit seiner Firma Nau-Hau denkt Rudolf digitale Interaktion neu: Menschen mit körperlichen Einschränkungen können sich mittels VR-Brillen begegnen, Menschen mit Querschnittslähmungen per Mimiksteuerung durchs Internet surfen. Für Rudolf ist die Philosophie durch aktuelle Debatten über KI, Fakes und Künstlichkeit eine erstaunlich praktische Disziplin geworden.