Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters

Unterregenbach – Kloster, Stift, Herrschaftssitz? Die Kirchen- und Siedlungsgenese eines früh- bis hochmittelalterlichen Zentralorts in der ostfränkischen Peripherie

Das von der Wüstenrot Stiftung und weiteren regionalen Partnern geförderte Promotionsprojekt (Förderzeitraum 2022–2026) erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Landesdenkmalpflege und befasst sich mit der Auswertung der Grabungskampagnen 1964/1965 und 1979–1988 in Unterregenbach. Im Zentrum stehen dabei Fragestellungen der früh- bis hochmittelatlerlichen Kirchen- und Siedlungsgenese sowie der überregionalen Kontextualisierung des Klosterkomplexes.


Zum Forschungsstand

Unterregenbach stand schon früh im Fokus der landesgeschichtlichen Forschung: Bereits 1752 konstatierte der hohenlohische Hofprediger Johann Christian Wibel aufgrund der Baugestalt des Kellers unter dem damaligen Pfarrhaus „[...] daß vor langen Zeiten ein kleines Kloster allda geweßen [...]. Wibels Verdacht sollte sich 128 Jahre später zweifelsfrei bestätigen, als im Zuge des Neubaus des heutigen Pfarrhauses östlich des ‚Kellers‘ eine Apsis zutage trat. Aus dem Bauschutt barg man Fragmente hochwertig gearbeiteter Säulen und Pfeiler, die seither Anlass zu kontroversen Diskussionen über die Datierung der Krypta und den zugehörigen Kirchenbau geben – bis zuletzt gab man einer Einordnung in die Ottonenzeit gegenüber einer karolingerzeitlichen Datierung den Vorzug.

Erste planmäßige Ausgrabungen führte der örtliche Pfarrer Heinrich Mürdel im Jahre 1908 durch. Beim Brunnenbau im Pfarrgarten war er auf Mauerreste und Estrichböden gestoßen, die sich letztlich als Teile eines mit rund 48 m Länge und 17 m Breite äußerst stattlichen Kirchenbaus, der sogenannten Großen Basilika, entpuppten. Angeregt von diesen Entdeckungen, formulierte der damalige Landeskonservator Eugen Gradmann das heute vielfach rezipierte ‚Rätsel von Regenbach‘, das die erstaunliche Diskrepanz zwischen diesen umfangreichen archäologischen Quellen und der mit lediglich drei Urkunden für Unterregenbach sehr spärlichen schriftlichen Überlieferung beschreibt.

Mitte des 20. Jahrhunderts verlagerte sich das Forschungsinteresse zunehmend auf die heutige Pfarrkirche St. Veit und die östlich davon gelegenen Bereiche. Verursacht durch eine rege Bautätigkeit und Renovierungsmaßnahmen im Ort, konnten dort von 1960 bis 1968 unter der Leitung von Günter P. Fehring zwei Vorgängerbauten der Veitskirche sowie weiträumige Siedlungs- und Gewerbeareale mit mehrphasiger Holz- und Steinbebauung freigelegt werden. 

In dieser Zeit avancierte Unterregenbach zu einem regelrechten Hotspot der Mittelalterarchäologe Südwestdeutschlands: Das Fach war damals noch jung und befand sich in der Etablierungsphase hin zu einer eigenständigen Disziplin. Die Grabungen der Staatlichen Denkmalpflege in Unterregenbach führten dabei demonstrativ vor Augen wie hoch der Erkenntnisgewinn aus mittelalterlichen Bodenquellen angesichts spärlicher schriftlicher Überlieferung sein kann. Bis heute sind die Untersuchungen der Jahre 1960 bis 1963 jedoch die einzigen, die wissenschaftlich vollständig ausgewertet und publiziert worden sind.

Ausgelöst durch eine kritische Bilanzierung der bisherigen Forschungserkenntnisse und den daraus resultierenden Fragestellungen setzte ab 1979 im Rahmen eines Schwerpunktprogramms der Denkmalpflege abermals eine zehnjährige Grabungsphase unter der Leitung von Hartmut Schäfer und Günter Stachel ein, die sich mit der Großen Basilika und den Flächen zwischen den beiden Kirchen auf zentrale Bereiche des Komplexes konzentrierte. Die Ergebnisse dieser Ausgrabungen harren seither ihrer wissenschaftlichen Auswertung.


Das alte Rätsel in neuem Licht

Die aktuellen Forschungen des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg und der Universität Tübingen umfassen die Auswertung der Altgrabungen von 1964–65 und 1979–1988 im Rahmen eines Promotionsprojektes sowie die Untersuchung der ältesten Innenbestattungen unter St. Veit mit naturwissenschaftlichen Methoden. Sie konzentrieren sich demzufolge auf den inneren Bereich des Komplexes und dessen unmittelbare Peripherie mit den zwei Kirchen und umliegenden Gebäuden. Im Zentrum stehen dabei Fragen der Kirchen- und Siedlungsgenese in diachroner Perspektive:

Wann begann die mittelalterliche Besiedlung Unterregenbachs und wie hat man sich diese erste Phase vorzustellen?

Wie entwickelten sich die einzelnen (Kirchen-)Gebäude und der Gesamtkomplex über die Zeit hinweg und welche Funktionen erfüllten sie? Lassen sich im archäologischen Befund strukturelle Veränderungen feststellen, die von Funktionswandeln o. Ä. zeugen?

Wie war Unterregenbach in das Siedlungs- und Herrschaftsgefüge sowie die Kommunikations- und Distributionsnetzwerke des Früh- und Hochmittelalters eingebettet?

Diesen Fragestellungen wird auf Grundlage eines für Unterregenbach revidierten Interpretationsansatzes nachgegangen: Die Befunde wurden in der Vergangenheit zwar als Teil eines Stifts oder Klosters angesprochen, jedoch nie konsequent als solches gedacht. Die ersten Erkenntnisse der neuen Forschungen in und um Unterregenbach machen deutlich, dass der gesamte Komplex zeitlich, räumlich und funktional grundlegend neu gedacht werden muss.


Beteiligte:

Moritz Foth, M. A.
PD. Dr. Lukas Werther
Prof. Dr. Natascha Mehler

 

Beteiligte Institutionen / Projektpartner / Förderer:

Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Eberhard Karls Universität Tübingen

Landesamt für Denkmalpflege, Regierungspräsidium Stuttgart
https://www.denkmalpflege-bw.de/  

Wüstenrot Stiftung 
https://wuestenrot-stiftung.de/      

Stiftung Archäologische Erforschung Unterregenbach 
https://www.stiftung-unterregenbach.de/

Sparkassen Stiftung Landkreis Schwäbisch Hall

Landkreis Schwäbisch Hall-Stiftung

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