Prof. Dr. Jörg Robert

Isabel Janßen

Kontakt: isabel-stefanie.janssenspam prevention@uni-tuebingen.de

Projektbeschreibung

Krisenbewusstsein und Selbstbehauptungsgestus – Das Buch im Medienkontext des 21. Jahrhunderts

Spätestens mit Einsetzen der digitalen Wende und dem Aufschwung der ‚neuen‘ Medien – z.B. Serien, Podcasts, Videospiele, Social Media usw. – gerät das traditionelle Medium Buch zunehmend unter Druck: Sinkende LeserInnen- und KäuferInnenzahlen verbinden sich mit Vorwürfen, das Buch als solches sei ‚veraltet‘ und inkompatibel mit der digitalisierten Gegenwart. Um das Buch als Medium angesichts dieser vielfältigen Medienkonkurrenz trotzdem aktuell zu halten, tritt es immer häufiger als Teil von Medienverbünden im Sinne von Transmedialität bzw. Medienkonvergenz auf: Man denke hier etwa an die populäre Marke Harry Potter, die als Buch-Reihe begann und sich im Laufe der Zeit kontinuierlich in andere Medien ausbreitete. Wanderphänomene wie dieses stellen das Konzept eines ‚Leitmediums‘ bzw. eines ‚Hauptverbreitungsmediums‘ grundsätzlich in Frage: Das Buch ist hier nur noch als Komponente innerhalb eines umfassenden Medienverbundes präsent. Demgegenüber – und hierin liegt der Gegenstand dieses Projektes – steht eine ‚buchzentrische‘ Literatur, die am Buch als ihrem Hauptverbreitungsmedium festhält und somit ganz explizit in Konkurrenz mit den neuen Medien tritt.

In meinem Dissertationsprojekt verfolge ich die These, dass die Literatur des 21. Jahrhunderts die Krise ihres historisch primären Verbreitungsmediums spiegelt und Strategien der Selbstbehauptung entwickelt, um ihre eigene Relevanz und Attraktivität im Wettbewerb mit den neuen Medien zu bewahren oder zu steigern. Die Reaktionen und Reflexionen auf den medialen Umbruch bewegen sich hierbei auf einer Skala zwischen Abgrenzung von und Annährung an die neuen Medien: Während manche Texte den Fokus ganz dezidiert auf sich selbst – Literatur, das Buch und seine Geschichte – lenken und mediennostalgisch reagieren, richten andere ihren Blick ‚nach vorn‘, auf die neuen Medien und die Möglichkeiten, die sich auch für das Medium Buch und die Literatur daraus ergeben. Insgesamt unterscheide ich drei Strategien der Selbstbehauptung, die auf unterschiedlichen Abschnitten dieser Skala angesiedelt sind: ‚Mediennostalgie und Selbstreflexivität‘ am Pol ‚Abgrenzung‘, ‚Integration und Expansion‘ am Pol ‚Annährung‘ und die Strategie ‚Konfliktivität und Aushandlung‘, die eine Mittelposition zwischen beiden Extremen einnimmt. Anhand von exemplarischen Analysen ausgewählter Romane der vergangenen zwei Dekaden weise ich die Dualität von Krisenbewusstsein und Selbstbehauptungsgestus nach und bringe sie in ihren pluralen Erscheinungsformen, Wirkweisen und Funktionspotentialen zur Darstellung.

Das Korpus wurde bewusst breit angelegt und setzt sich aus Romanen unterschiedlichster literarischer Teilbereiche und Genres zusammen: von der preisgekrönten und prestigeträchtigen ‚Höhenkammliteratur‘ der Gegenwart (z.B. der Buchpreisgewinner Herkunft von Saša Stanišić) bis hin zur Kinder- und Jugendliteratur (z.B. Cornelia Funkes Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur Tintenherz). Von einem drohenden Bedeutungsverlust durch eine mächtige, multimediale Konkurrenz sind sie alle gleichermaßen betroffen; so sind die Differenzen zwischen den einst scharf voneinander abgegrenzten Teilbereichen der Literatur zunehmend in Auflösung begriffen.