Institut für Ökumenische und Interreligiöse Forschung

Am Anfang war die Kommunikationspraxis*

Kommunikative Theologie ist also keine Kommunikationstheorie. Und sie ist keine theologische Anwendung der Theorie kommunikativen Handelns, wie sie Jürgen Habermas entwickelt hat. Freilich ist sie sowohl an Theorien der Kommunikation wie auch an der Habermas’schen Konzeption interessiert. Die Auseinandersetzung damit wie auch mit Systemtheorien beschäftigt aktuell den Forschungskreis und das interdisziplinäre Forschungsseminar. Das war aber nicht der erste Schritt. Die Arbeit der Kommunikativen Theologie wäre als praktische Anwendung einer Theorie der Kommunikation oder des Kommunikativen Handelns missverstanden. Es handelt sich auch nicht um eine katechetische Anwendung eines dogmatischen Konzepts.

Ihre Anfänge liegen in der Praxis theologischer Bildungsarbeit.

Vor über 20 Jahren suchte das Theologisch-Pastorale Institut (TPI) in Mainz nach Möglichkeiten, in Seelsorge und Schule Tätige auch für solche Kurse zu gewinnen, die mit einem dezidiert theologischen Inhalt ausgeschrieben werden. Lehrerinnen und Lehrer, Pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten sich nicht nur für Spiritualität, Gruppendynamik, Methodenkurse und Leitungsseminare anmelden. Ein Ausweg wurde in der Wahl neuer/anderer Methoden gesehen. So kam es zu der Idee, in einer Art Pilotkurs mit Verantwortlichen der Aus-, Fort- und Weiterbildung einen zentralen dogmatischen Glaubensinhalt mit Hilfe der Themenzentrierten Interaktion (TZI) „interaktiv“ durchzuführen. Kein Inhalt hätte in der Hierarchie der Glaubenswahrheiten höher angesiedelt werden können als der gewählte: das trinitarische Gottesbild, der Glaube an den dreieinen Gott. Für diesen „Inhalt“ wurde ich engagiert, der ich mich als Professor für Dogmatik ausdrücklich mit diesem Thema beschäftigte. Als Spezialist für die TZI sollte Pfarrer Bernhard Honsel dafür sorgen, dass die Dogmatik ankommt. (Honsel war durch das Buch „Der rote Punkt“ bekannt für den Gemeindeentwicklungsprozess in Ibbenbüren, für die Kooperation in der dortigen Seelsorgekonferenz und als Initiator der Supervision im Bistum Münster.) Da Bernhard erkrankte, sprang Matthias Scharer ein, damals noch Professor für Religionspädagogik und Katechetik in Linz, mit „vielen Wassern gewaschen“, vor allem ein graduierter TZI-ler!

Das Konzept „der Dogmatiker liefert den Inhalt, der TZI-ler das methodische Know-how“ war von Anfang an zum Scheitern verurteilt – weil Matthias und ich uns nicht darauf einließen. Beide sind wir für den Inhalt verantwortliche Theologen, beide sind wir je auf unsere Weise mit Weisen lebendigen Lernens vertraut. Vor allem aber: Inhalt und Weg (das ist: Methode) lassen sich in der theologischen Theologie nicht trennen. Auch fixierte Inhalte sind nur Momentaufnahmen des Glaubensweges, des Weges des geglaubten Gottes. Inhalte sind nicht auswendig zu lernen und nach dem Motto „Wie sag ich’s meinem Kinde“ an den Mann, an die Frau zu bringen. Das hat nichts mit der Parole „Der Weg ist das Ziel“ zu tun, wenn diese bedeuten will, es sei allein wichtig und entscheidend, dass wir uns überhaupt auf den Weg machten. Was Inhalt ist (also wie im Pilotkurs: der Glaube an den dreieinen Gott) ist theologisch zu re-flektieren, d.h. widerzuspiegeln in der eigenen Biographie, in der biographischen Erzählung der anderen, in den Erfahrungen der Gruppe (der konkreten Kursgruppe bis hin zum Groß-Wir der Universalkirche), in den Herausforderung der Mit- und Umwelt (des Globe).

Theologie ist Nach-Denken als Nach-Gehen der Wege der Überlieferung, um den eigenen Weg zum gelebten Glauben zu finden oder zu ändern oder weiterzugehen. Der theologische „Inhalt“ wird dabei nicht je neu erfunden; der Glaube an den dreieinen Gott wird gefunden, ist vorgegeben. Aber mein Glaube wird er erst, wenn ich ihm nachgehe, indem ich ihn auf meine Wirklichkeit und meine/unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit als ganzer beziehe. So lautete das Projekt des Pilotkurses (und thematisch entsprechender Folgekurse) nicht einfach „Der dreieine Gott“, sondern „Im Ursprung ist Beziehung – unsere Glaubenskommunikation mit dem dreieinen Gott“.

Weil wir dieses „Ursprungsthema“ immer wieder aktualisiert und bei Gelegenheiten daran unser Konzept erläutert haben, entstand bei manchen der Eindruck, wir hätten das, was Kommunikative Theologie ist, aus dem Dogma der Dreifaltigkeit abgeleitet. Darauf hätte es hinauslaufen können, wenn wir den Pilotkurs nach dem Schema „Inhalt + Methode = Glaubenslernen“ durchgeführt hätten. Erst im Zusammenhang mit den Kursen der folgenden Jahre kam es zu verstärkten Reflexion auf der Metaebene und zu Verschriftlichungen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Firmkurses „Du gibst uns Luft zum Leben“ waren an Materialien interessiert und gaben zusammen mit dem Grünewaldverlag den Anstoß zu einer ersten Publikation. Das Buch „Firmung - Wider den feierlichen Kirchenaustritt. Theologisch-praktische Orientierungshilfen“ haben Matthias und ich im Anschluss an den Kurs geschrieben und dabei Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausdrücklich miteinbezogen.

Wir nehmen nicht in Anspruch, das Rad der Theologie neu erfunden zu haben. Im Gegenteil: wir praktizieren, was schon immer Aufgabe der Theologie war, nämlich das Nachgehen, Nachdenken, das Reflektieren (der Entwicklung) des Glaubenslebens, seiner Wege und Ausdrucksformen. Auch in dieser Hinsicht gilt: Im Ursprung ist Beziehung, sind die Kommunikationsbeziehungen einer Gruppe.