Institut für Ökumenische und Interreligiöse Forschung

Das Spezifikum der Kommunikativen Theologie*

Ist Kommunikation nicht selbstverständlich, gerade auch im Glaubensleben, in der Kirche, in der Theologie? Auch in dieser Hinsicht gibt es eine Parallele zur Theologie der Befreiung: Der Gott, der sein Volk befreit, war schon immer der befreiende Gott, seit er sich selbst so dem Mose am Dornbusch vorgestellt und Israel darauf verpflichtet hat: „Ich bin Jahweh, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20,2). Ja, seit der Mensch sich in Sünde verstrickt und in sündige Strukturen gefangen ist, kann er Gott als den befreienden erfahren. Was ist daraus alles in der Geschichte des geglaubten Gottes geworden? Was „eigentlich“ selbstverständlich ist, muss in bestimmten Kontexten ausdrücklich in Erinnerung gerufen werden. Ein weiteres sehr deutliches Beispiel hierfür ist die feministische Theologie.

Beiden kontextuellen Theologien ist wohl mehr an Dramatik anzusehen, und wir wollen uns in dieser Hinsicht nicht vergleichen. Die Parallele ist, zunächst jedenfalls (denn es gibt auch in inhaltlicher Hinsicht gemeinsame Anliegen), formaler Art: der Kontext der Theologie. Für die Kommunikative Theologie sind dies die Lebensprozesse des Glaubens und der Theologie, für die eine bestimmte Kommunikationskultur auszubilden ist. Voraussetzung ist gerade nicht, dass (Glaubens-)Kommunikation immer gelingt oder jedenfalls im Konsens enden muss. So wie eine Theologie der Befreiung entstand, weil Menschen, ganze Völker unterdrückt werden, so (nochmals: vergleichsweise weniger dramatisch, wenn auch für das Über-Leben des Glaubens nicht irrelevant) entstand das Konzept der Kommunikativen Theologie im Kontext einer Praxis, die durch erhebliche Kommunikationsdefizite, ja auch durch das Scheitern von Kommunikation gekennzeichnet war und ist.

Auf der Metaebene der Theorie befruchteten sich wechselseitig: das Konzept der Themenzentrierten Interaktion nach Ruth C. Cohn, das am Anfang vor allem Matthias einbrachte, und die Form der Communio-Ekklesiologie (das Konzept der Kirche als einer Gemeinschaft), das ich in Tübingen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu entwickeln suchte. Communio und communicatio deuten die Umrisse des in unserem Miteinander zunächst eher implizierten und dann zunehmend explizierten Verständnisses von Glaubens-Lebens-Kommunikation.

Es war keine Meta-Theorie des Dogmatikers, sondern der Wunsch in der gesamten Vorbereitungsgruppe, dass ich auf unserem ersten Kongress zur Kommunikativen Theologie den Zusammenhang von Kommunikativer Theologie und der Trinitätstheologie, unserer Praxis der communio und communicatio und dem Heilshandeln des dreieinen Gottes reflektieren sollte. Jedem Gedanken an eine Ableitung (Deduktion) aus der Trinitätstheologie habe ich eine Absage erteilt. Menschliche Kommunikation braucht keine (trinitäts)theologische Begründung, um als menschliche praktiziert zu werden. Aber gerade weil der dreieine Gott so als nicht notwendig, als überflüssig erscheint, wird seine Bedeutung für communicatio und communio transparent. Nach den biblischen Zeugnissen hat sich Gott vielfach als ein beziehungsfähiger und beziehungswilliger Gott vorgestellt. Zugleich wird offenbar, dass Gott den Menschen nicht braucht, um Gott zu sein, um Beziehung zu haben. Er ist in sich selbst beziehungsreich: Im Ursprung ist Beziehung. Offenbarung Gottes geschieht in Wort und Tat. Christinnen und Christen glauben, dass Gott in sich ewig nicht nur ein Wort hat, sondern (auch) Wort ist und dieses Wort (der logos des theos) Mensch geworden ist, nicht nur „als ob“, sondern im Fleisch. Gottes Beziehung zu den Menschen ist also ursprünglich logoshaft, worthaft, kommunikativ. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies wieder in Erinnerung gerufen (auch das ist kontextuelle Theologie!), wenn es in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung (Nr.2) formuliert: „In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen.“

Menschen können kommunizieren ohne zu glauben. Kommunikationstheorien müssen nicht auf Theologie zurückgreifen. Aber was bedeutet es, an einen Gott zu glauben, der in sich selbst Beziehung und Kommunikation ist? An der Relevanz dieses Gottesbildes für das Bild von Mensch und Gesellschaft (und Kirche!) hat sich (nicht nur) Kommunikative Theologie noch abzuarbeiten! Gläubige Menschen sind jedenfalls der Überzeugung, dass der Glaube an einen beziehungswilligen und kommunikativen Gott, der sich seinen Geschöpfen mitteilt, ihrem Verhalten in Kommunikation und Gemeinschaft (communio) Orientierung gibt. So haben wir z.B. in der Kommunikativen Theologie die Axiome der Themenzentrierten Interaktion (TZI) durch genuin theologische Optionen erweitert.