Institut für Ökumenische und Interreligiöse Forschung

Geschichte

 

1. Phase: 1964-1980: In der Katholisch-Theologischen Fakultät

Sommersemester 1960: Beginn der Lehrtätigkeit von Prof. Dr. Hans Küng an der Universität Tübingen zunächst als Ordinarius für Fundamentaltheologie.

Wintersemester 1963/64: Errichtung des Lehrstuhls für dogmatische und ökumenische Theologie und Gründung des Instituts für ökumenische Forschung. Prof. Küng übernimmt als Direktor die Verantwortung für Lehre und Forschung in diesem Bereich der Theologie.

1971 ist das Institut maßgeblich beteiligt an der Gründung der »Arbeitsgemeinschaft ökumenischer Universitätsinstitute«. Das Institut ist außerdem Gründungsmitglied der »Europäischen Gesellschaft für Ökumenische Forschung: Societas Oecumenica«.

Bis 1980 versieht das Institut seine Aufgaben der Lehre und Forschung innerhalb des theologischen Fachs Dogmatik. Im Vordergrund steht während dieser Zeit vor allem die innerchristliche ökumenische Forschung. Den Ertrag dokumentieren zahlreiche Publikationen von Hans Küng selbst sowie Dissertationen und Habilitationsschriften (siehe ausführlicher Arbeitsbericht 1964-1996).

2. Phase: 1980-1996: Fakultätsunabhängig

1980 entzieht Papst Johannes Paul II. Prof. Küng wegen dessen wissenschaftlich begründeten Anfragen an die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes bei dogmatischen und moralischen Lehrentscheidungen die Erlaubnis als katholischer Theologe zu lehren. Nach langen Verhandlungen zwischen Universität, Ordinariat, Ministerium und Küng wird ein historischer »Tübinger Kompromiss« erzielt: Lehrstuhl und Institut für Ökumenische Forschung werden aus der Katholisch-Theologischen Fakultät ausgegliedert. Das Institut erhält den Status einer fakultätsunabhängigen Universitätseinrichtung und gewinnt dadurch für theologische und universitäre Forschungseinrichtungen einzigartige Möglichkeiten.

Im innerchristlichen Bereich weitet sich die Arbeit verstärkt aus auf die Frage eines Paradigmenwechsels der christlichen Theologie zu einer im umfassendsten Sinne ökumenischen Theologie.

Nach außen treten das Verhältnis zu anderen Religionen sowie Probleme der Kultur, der geistigen Situation unserer Zeit und schließlich des religiösen Individualisierungsprozesses der Moderne in den Vordergrund.

1980 Neugründung des Studium Generale an der Universität Tübingen durch Prof. Dr. Hans Küng und Prof. Dr. Walter Jens. Regelmäßige Lehrveranstaltungen für Hörer aller Fakultäten.

Durchführung von Kongressen mit internationaler Besetzung, ökumenischen interdisziplinären Kolloquien und ökumenischen Studientagen.

3. Phase: 1996-2001: Reintegration und Neubeginn

Sommersemester 1996: Emeritierung von Prof. Küng. Dank rechtzeitig begonnener und umsichtig geführter Verhandlungen kann das Institut für Ökumenische Forschung in seinem Grundbestand gesichert und in die Katholisch-Theologische Fakultät zurückgeführt werden. Umzug des Instituts in die Räume des Theologicums. Integration der umfangreichen Bibliothek in die theologische Bibliothek des Theologicums. Einrichtung des Instituts- und Hans-Küng-Archivs. Abschluss der Arbeiten am Bibliographischen Forschungskatalog der theologischen Literatur von 1945-1993.

Wahl und Ernennung von Prof. Dr. Bernd Jochen Hilberath, Lehrstuhl für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte zum neuen Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung. Ernennung von apl. Prof. Dr. Urs Baumann zum Akademischen Oberrat, Ernennung von apl. Prof. Dr. Dr. h. c. Karl-Josef Kuschel zum Akademischen Direktor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs.

Im Rahmen der Neuorientierung des Instituts entstehen zahlreiche neue Projekte, die zum Teil gemeinsam, zum Teil von den einzelnen Mitgliedern des Forschungsteams verantwortet werden. Innerhalb der theologischen Fakultäten bemüht sich das Institut um intensive Zusammenarbeit der theologischen Fächer im wissenschaftlichen Austausch (theologische Arbeitsgemeinschaft) und bei Lehrveranstaltungen.

Aufbau bzw. Ausbau der Kooperation mit anderen universitären, kirchlichen und ökumenischen Institutionen.

4. Phase: 2001-2006: Expansion der Arbeit trotz drastischer Sparmaßnahmen

Im sog. Solidarpakt zwischen Land und Universität musste die Katholisch-Theologische Fakultät 5,5 Stellen in einen Spartopf geben. Dabei wurde das Institut mit 2,5 Stellen (Akademischer Direktor ab 2013, Akademischer Oberrrat ab 1.12.2006, halbe Sekretärinnenstelle bereits seit Jahren) am heftigsten betroffen. Nach der Pensionierung von Urs Baumann zum 30.11.2006 besteht das Institut nur noch aus 2 Planstellen: halbe Sekretärinnenstelle, eine Assistent- bzw. Assistentinnenstelle. Direktor (zugleich Lehrstuhl für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte) und Stellvertretender Direktor (Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs) nehmen ihre Aufgaben in Personalunion wahr.

Zugleich betonen Universität und Fakultät die herausragende Bedeutung des Instituts, das nicht aufgegeben würde. So klang es auch unisono während der Feier zum 40jährigen Bestehen des Instituts im Mai 2004 (die Beiträge erscheinen demnächst als Bd.4 in der Reihe »Tübinger Ökumenische Reden«). Festredner war der frühere Generalsekretär des Weltrats der Kirchen (WCC = ÖRK) Prof. Konrad Raiser, das Schlusswort sprach unser Gründungsdirektor Prof. Hans Küng.

In den letzten fünf Jahren haben sich unsere Aktivitäten weiter entwickelt. Das gilt für die Kooperation mit den Instituten in Bensheim und Straßburg (»Südwestverbund«), aus der unsere »Thesen zur Eucharistischen Gastfreundschaft« hervorgingen, für die Mitarbeit in der Societas Oecumenica (Direktor Hilberath gehörte 2000-2006 dem Vorstand an, zuletzt als Präsident), für das Engagement im Studium Generale (s. »Gott im Haus der Wissenschaften« sowie die Publikationen von Prof. Kuschel), für die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Diakonatszentrum (Kongress »Diakonie und Diakonat als ökumenische Herausforderung«; s. die Reihe »Diakonie und Ökumene«).

5. Phase: 2007-2011: Einmal mehr in einer Phase der Studienreform

In diesen vier Jahren absorbierte die Arbeit im Rahmen des Bolognaprozesses viel Zeit und Energie. Als Studiendekan konnte Prof. Hilberath auch dafür Sorge tragen, dass Lehrveranstaltungen zu ökumenischen und interreligiösen Themen im (Wahl-)Pflichtbereich der Studiengänge platziert wurden. Parallel dazu bietet das Institut in Zusammenarbeit mit dem Institutum Judaicum der Evangelischen Fakultät ein Ensemble von vier Blockseminaren an, die der Einführung in die Ökumene, in jüdisch-christlichen, den christlich-muslimischen Dialog sowie in den Hinduismus dienen. Dieses „Paket“ kann mit einem Zertifikat abgeschlossen werden.

Bewährt haben sich die „Fiechter Ökumenischen Tage“, ein Blockseminar, das in Zusammenarbeit mit der Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht (Tirol) dort durchgeführt wird. Inzwischen hat sich die Zusammenarbeit zwischen Abt Dipl.Kat. Anselm Zeller OSB / MAS (= Abschluss des Innsbrucker Universitätslehrgangs zur Kommunikativen Theologie), Direktor Hilberath und dem Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung in Straßburg Prof. Dr. Theodor Dieter fest etabliert. Ebenfalls „in Serie gegangen“ sind die Literatur-Theologie-Seminare, welche die Direktoren Hilberath und Kuschel in Kooperation mit Prof. Ottmar Fuchs anbieten (bislang zu Stefan George, Goethes west-östlichem Divan, Heinrich Heine zwischen Judentum, Christentum und Islam; 2011 zu Hermann Hesse).

Die Institutsleitung ist sehr daran interessiert, dass an der Universität Tübingen ein Institut für Islamische Theologie aufgebaut wird.

Die Wissenschaftliche Assistentin am Institut PD Dr. Annemarie Mayer nahm in dieser Zeit ihre Tätigkeit als Privatdozentin auf. An ökumenischen Aktivitäten organisierte sie für Studierende im Rahmen ihres Hauptseminars „Ökumene à la Carte. Auf den Spuren der Charta Oecumenica“ 2008 eine Exkursion zum Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), 2009 zum Ökumenischen Rat der Kirchen als Abschluss des Kommentarprojekts zu „Nature and Mission of the Church“, Besuche des Direktors der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung Rev. Dr. John St. Helier Gibaut (Mai 2009) und Prof. Dr. Otto Hermann Pesch im Hauptseminar „Mahl der Einheit oder Merkmal der Trennung“ (2009). Sie ist Mitglied der Kommission A (Theologie) der ACK Baden-Württemberg, war katholische Konsultorin bei der Plenarversammlung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung im Oktober 2009 auf Kreta und Mitglied der Vorbereitungskommission zur Podienreihe „Ökumenische Brennpunkte“ beim 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 in München.

6. Phase: 2011-2014: Das Institut wird selbst ökumenisch

Im Januar 2011 wechselte PD Annemarie Mayer zum ÖRK nach Genf, um Tätigkeiten im Bereich von Faith and Order zu übernehmen. Die hierdurch entstandene vakante Stelle wurde im Anschluss daran mit dem orthodoxen Assistenten Vladimir Latinovic ab Januar 2011 bekleidet. Neben einem neu eingeführten Grundkurs „Ökumene“, einem ökumenischen Besuchskreis in dessen Rahmen Studierende die verschiedenen christlichen Gemeinden im Umkreis besuchten und den weiterhin stattfindenden Seminaren von Prof. Hilberath und Prof. Kuschel fand im Mai 2012 eine große Projekt-Konferenz in Assisi statt. An deren Leitung, Organisation sowie inhaltlicher Schwerpunktsetzung Vladimir Latinovic maßgeblich beteiligt war. Auf dieser Konferenz trafen sich führende Theologen und Theologinnen im Bereich der Ökumene, um den gegenwärtigen ökumenischen Stand und weitere Vorgehensmaßnahmen im „Weg aus der Krise“ zu diskutieren (weitere Informationen unter www.assisi2012.com und im Anhang).

7. Phase: 2014-heute: Emeritierung und Neubesetzung

Mit der Emeritierung von Prof. Bernd-Jochen Hilberath zum Wintersemester 2013/14 musste für das Institut eine neue Leitung gesucht werden. Diese übernahm Prof. Johanna Rahner, welche seit dem 1.4.2014 neue Direktorin ist und ebenfalls den Lehrstuhl Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie inne hat.