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27.04.2026

Der Blick hinter die Kulisse des Instrumentalunterrichts

Neue Studie zeigt, wie das Mindset von Eltern mit der musikalischen Entwicklung ihrer Kinder zusammenspielt

Wie gut der Start am Instrument gelingt, scheint weniger vom familiären musikalischen Hintergrund oder der Übeintensität abzuhängen als bislang angenommen. Entscheidend scheint vielmehr, wie Eltern über das Musizieren und ihre Rolle im Verlauf des Lernprozesses denken und wie sie ihr Kind im Alltag begleiten. Das zeigt das Forschungsprojekt ELEMUG (Einfluss elterlicher Überzeugungen auf den Erwerb spieltechnisch-musikalischer Fertigkeiten bei Grundschulkindern), das im Rahmen einer Dissertation von Dr. Patrizia Bieber durchgeführt wurde.

 358 Familien im Fokus der Forschung
Für die Studie wurden im Zeitraum 2021–2023 insgesamt 358 Familien an Grund- und Musikschulen in Baden-Württemberg untersucht. Neben einer Querschnittserhebung wurde insbesondere eine Längsschnittstudie durchgeführt, die Grundschulkinder im ersten Jahr ihres Instrumentalunterrichts begleitete. Dabei wurden sowohl die Überzeugungen der Eltern als auch die musikalische Entwicklung der Kinder systematisch erfasst.

Eltern öffnen den Weg in die Musik
Bereits der Beginn des Instrumentalunterrichts steht in engem Zusammenhang mit den Überzeugungen der Eltern. Neben der Bedeutung, die Eltern dem Musizieren zur Persönlichkeitsbildung beimessen, scheint besonders ausschlaggebend, ob Eltern an das musikalische Potenzial ihres Kindes glauben. Diese Überzeugung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ein Instrument erlernt, um ein Vielfaches – stärker als klassische Faktoren wie der Bildungshintergrund oder die generelle außerschulische Aktivität eines Kindes. 

Vier Elterntypen – mit klarem Zusammenhang zum Lernerfolg
Die Längschnittstudie an 25 Musikschulen identifizierte vier unterschiedliche Elterngruppen mit jeweils charakteristischen Überzeugungsprofilen:

  • Eltern, die die Verantwortung maßgeblich ihrem Kind überlassen und zugleich Erfolg durch Fleiß erwarten
  • Unterstützende Eltern mit hoher Eigenverantwortung, die das Üben vor allem strukturgebend begleiten
  • Laissez-faire-Eltern mit geringer Einbindung, die Erfolg zudem wesentlich auf Talent zurückführen
  • Kontrollierende, leistungsbezogene Eltern mit stark steuerndem Verhalten

Diese Unterschiede sind keineswegs nur theoretisch: Sie hängen unmittelbar mit dem musikalischen Lernfortschritt der Kinder zusammen.

Der Schlüssel: Unterstützen statt kontrollieren
Die erfolgreichsten Kinder stammen aus Familien, in denen Eltern eine aktive, aber feinfühlige Rolle einnehmen. Diese sogenannten „supportiven“ Eltern fühlen sich verantwortlich, unterstützen ihr Kind beim Üben und geben Struktur – ohne dabei übermäßig zu kontrollieren.

Nach einem Jahr zeigten diese Kinder deutlich höhere Werte in allen untersuchten Bereichen: Entwicklung am Instrument, Leistungsstand, Beständigkeit im Üben, spezifische spieltechnisch-musikalische Fertigkeiten. Bemerkenswert: Weder die Übedauer noch die musikalische Expertise, das kulturelle Interesse und der Bildungshintergrund der Eltern erklärten diese Unterschiede.

Die richtige Balance macht den Unterschied
Ein entscheidender Faktor ist offenbar die Balance zwischen Führung und Autonomie. Erfolgreiche Eltern begleiten ihre Kinder eng, schaffen eine positive Lernatmosphäre und trauen ihnen gleichzeitig Eigenständigkeit zu. Dieses Zusammenspiel wird von den Kindern nicht als Kontrolle wahrgenommen, sondern als Unterstützung.

Lernumfeld wichtiger als Übezeit
Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht einzelne Faktoren wie musikalische Expertise daheim oder Übeintensität über den Erfolg entscheiden, sondern die gesamte häusliche Lernumgebung. Diese wird maßgeblich durch die Überzeugungen der Eltern geprägt – oft unbewusst.

Neue Impulse für Bildung und Praxis
Die Studie liefert wichtige Impulse für Musikpädagogik und Bildungsforschung. Sie zeigt, dass Lernprozesse stärker ganzheitlich gedacht werden müssen – unter Einbezug der familiären Lebenswelt.

Für die Praxis bedeutet das: Statt klassischer „Elternarbeit“ braucht es echte Bildungspartnerschaften zwischen Lehrkräften und Familien. Ziel sollte es sein, Eltern besser zu verstehen und darauf aufbauend gemeinsam optimale Lernbedingungen für Kinder zu schaffen. Um diesen Ansatz zu unterstützen, wird am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen derzeit ein Elternfeedback-Tool entwickelt, das elterliche Überzeugungen analysiert und individuelle Handlungsempfehlungen gibt. Es wird im Laufe dieses Jahres auf der Website des Landesverbands der Musikschulen Baden-Württembergs veröffentlicht.

Fazit
Der Start am Instrument gelingt im Grundschulalter nicht alleine durch guten Unterricht oder intensives Üben, sondern vor allem durch eine ganzheitlich förderliche Lernatmosphäre zu Hause. Wer Kinder beim Musizieren fördern will, sollte daher nicht nur auf das Kind und offensichtliche Rahmenbedingungen schauen – sondern auch auf das Mindset der Eltern.

Veröffentlichungen der Studienergebnisse:
Bieber, P. (2025). Elterliche Überzeugungen und der Erwerb spieltechnisch-musikalischer Fertigkeiten im Grundschulalter: Eine Untersuchung des Instrumentalspiels aus Perspektive der Empirischen Bildungsforschung [Dissertation, Universität Tübingen]. 
http://hdl.handle.net/10900/165225

Bieber, P., Busch, B. & Göllner, R. (2025). Erfassung elterlicher Überzeugungen zum Erlernen eines Instruments im Grundschulalter. Diagnostica, 71(1), 37–49.
https://doi.org/10.1026/0012-1924/a000340 

Bieber, P., Busch, B., Golle, J. & Göllner, R. (2024). Mein Kind kann das. Elterliche Überzeugungen als Türöffner zum Instrumentalspiel. üben & musizieren.research, 4, 17–41. 
https://uebenundmusizieren.de/artikel/research_2024_bieber-et-al

Pressekontakt:
Kristina Laube
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