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23.09.2026
„Um alt zu werden, muss eine Universität immer jung bleiben.“
Die Universität Tübingen blickt auf 550 Jahre Geschichte zurück und muss sich fit machen fürs KI-Zeitalter. Bei einem Spaziergang durch die Stadt spricht die Rektorin darüber, wie die Reise gelingen kann.
Die bunten, jahrhundertschiefen Häuser entlang des Neckars entzücken seit jeher Besucherinnen und Touristen. Ein Gebäude ragt heraus: die fünfstöckige Burse, das erste Gebäude der Universität, erbaut gleich nach der Gründung 1477. Studierende belebten lange ihre Kämmerchen, heute arbeiten dort Philosophinnen und Pädagogen. Rektorin Karla Pollmann steigt die Treppe zur Gasse hinab. Dort beginnt unser Spaziergang. Die Gasse schlängelt sich leicht ansteigend in die Altstadt, vorbei am Tübinger Stift, wo seit Jahrhunderten protestantische Theologinnen und Pfarrer ausgebildet werden, darunter auch große Namen wie Johannes Kepler und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Auch Karla Pollmann hat Theologie studiert, katholische allerdings, dazu Latein und Griechisch.
Was hat sich die Studentin Karla Pollmann an ihrem ersten Studientag von der Universität erhofft?
Ich wollte aus Zeiten lernen, die weit zurück lagen und doch mit unserer verbunden sind – und habe sie oft als erstaunlich aktuell empfunden. Über das intensive
Studium alter Schriften konnte ich Gedanken früherer Geistesgrößen wie Cicero und Augustinus nachvollziehen.
Warum hatten Sie sich für Tübingen entschieden?
Die Fachwelt der Theologie und der Geisteswissenschaften allgemein hat in den 80er-Jahren wie auch heute auf Tübingen geblickt.
Die Gasse steigt stark an, vorbei an Geranientöpfen vor niedrigen Türen, öffnet sich dann auf den Marktplatz mit dem bunt bemalten Rathaus.
Wäre in Ihrer Studentinnen-Zeit eine Rektorin an der Universität denkbar gewesen?
Es war zumindest nicht verboten. Heidelberg etwa hatte schon in den 60er-Jahren eine Rektorin. Aber das war selten, auch Professorinnen wurden nur wenige berufen. Ich hätte mir damals nie träumen lassen, dass ich mal Rektorin werde.
Heute sind Sie in dem Job nicht allein.
Spätestens meine Generation hat verstanden, dass mit der Erweiterung der Gruppe, die man fördert, ein breiteres Spektrum an Talenten sichtbar wird. Das tut allen gut, auch Männern. Heute sind rund 40 Prozent der Hochschulleitungen in Deutschland weiblich. Die Exzellenzstrategie fördert internationale Spitzenforschung in Deutschland. Sie fordert aber auch eine Veränderung der Universität selbst. In welcher Weise? Wir haben drei Schwerpunkte als Exzellenzuniversität: Forschung, Lehre und Transfer. Ohne exzellente Lehre verliert die exzellente Forschung ihre Wirkmächtigkeit, weil Wissen nicht mehr weitergegeben wird. Der Transfer überträgt Ideen,
Wissen und Kreativität in die Gesellschaft. Bei uns unterstützt zum Beispiel ein Startup Center Absolventinnen und Forscher bei der Entwicklung von Geschäftsideen
und der Gründung von Firmen. Wir müssen uns zudem der Gesellschaft öffnen – der Transfer funktioniert auch von Bürgerinnen und Bürgern in die Uni!
Karla Pollmann zeigt die Straße am Markt vor der Stiftskirche hinunter zur Ecke Lange Gasse / Nonnengasse. Im Sommer 2025 war das „Café Eckstein“ als Begegnungsort zwischen Forscherinnen und Bürgern in einen leerstehenden Laden eingezogen.
Ins Eckstein kamen auch Leute, die Universitätsräume ansonsten meiden. Im Dialog mit der Gesellschaft bekamen Forschende ein Gespür dafür, welche Themen für die Menschen wichtig sind. So gelangt eine neue Art von Wissen in die Universität. Wir haben auch einen „Bürgerinnen- und Bürgerrat KI und Freiheit“ initiiert, der Vorschläge zum Umgang mit KI erarbeitet und der baden-württembergischen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski, überreicht hat.
Mit welchem Ergebnis?
Dass zum Beispiel intensiv über sichere Datenspenden für die medizinische Forschung und eine Sammelstelle für Vorschläge zur KI-Forschung diskutiert wird. So ein Dialog braucht Zeit. Anlässlich unseres Jubiläums touren wir mit unserem Wissenschaftsfestival Science & Innovation Days durch ganz Baden-Württemberg, auch durch ländliche Gebiete, wo Menschen seltener in Kontakt mit der Wissenschaft kommen. Teil des Festivals sind Ko-Kreations-Teams, in denen Bürgerinnen mit Wissenschaftlern forschen: Wie lässt sich die Belastung von pflegenden Angehörigen reduzieren? Wie Antibiotika-Resistenzen vorbeugen? Solche Fragen lassen sich nicht beantworten, ohne das Wissen der Menschen allgemein einzubeziehen. Erste Ergebnisse werden wir anlässlich unseres großen Fests zum 550-jährigen Bestehen im Juli nächsten Jahres vorstellen.
Vor den Cafés stehen Tische und Stühle auf der Straße, der Altersdurchschnitt liegt im studentischen Mittel. Englisch oder Spanisch ist genauso oft zu hören wie Schwäbisch. Die Universität ist in der Stadt überall präsent, an vielen Gebäuden prangen Schilder, die auf Institute hinweisen.
Tübingen hat unter 100.000 Einwohner und rund 36.000 Universitätsmitglieder. Alles nicht groß im internationalen Maßstab. Dennoch hat die Universität sechs Exzellenzcluster einwerben können. Wo verortet sich die Universität Tübingen?
Sie zeichnet sich durch lokale Verankerung und durch Weltoffenheit aus. Im Spätmittelalter war die lingua franca Latein – ein globales Produkt. Professoren und Studenten kamen aus ganz Europa. Auch heute spielt Tübingen eine wichtige Rolle für Stadt und Region und steht international für Spitzenforschung. Unsere
Studierendenzahlen werden wohl nicht steigen – dafür aber der Anteil der internationalen Studierenden. Derzeit sind es 16 Prozent, ich halte mehr für möglich.
Der Alte Botanische Garten ist rasch durchschritten. Wir kommen an der Neuen Aula an, erbaut im 19. Jahrhundert, als die Universität mit einer neuen Naturwissenschaftlichen und einer neuen Staatswissenschaftlichen Fakultät sowie neuen Lehrformaten wie Seminaren und Übungen in die Moderne aufbrach. Der klassizistische Sandsteinbau bildet das Zentrum der Universität, mit Audimax, Festsaal und Juristischer Fakultät.
Zu meiner Studienzeit parkten auf dem Platz noch Autos. Ich dachte, das ist halt so, das ist Fortschritt und wird sich nie ändern. Jetzt haben wir dort ein Parkverbot
und diese wunderschönen Brunnen aus Gusseisen, die den Originalen nachempfunden sind und uns vom Unibund zur Jahrtausendwende gestiftet wurden. Ursprünglich hatte die Stadt der Universität die Brunnen zum 400-Jahr-Jubiläum 1877 geschenkt. Sie waren dann aber 1931 entfernt worden.
Sind Tradition und lange Geschichte von Vorteil oder eher Last, um eine Universität auf Zukunftskurs zu bringen?
Ich war an einigen Universitäten, auch in Großbritannien und Kanada. Überall habe ich gemerkt, dass Menschen Veränderungen zunächst mit Misstrauen begegnen.
Wenn wir auf eine Tradition verweisen können, erkennt jedoch jede und jeder leicht, wie sich die Universität stets verändert hat. Was waren das für gewaltige Umbrüche zu Zeiten der Reformation! Oder der Industrialisierung! Wir können unsere Vergangenheit als Schatz benutzen und zeigen: Um alt zu werden, muss eine
Universität immer jung bleiben.
Gleich neben der Neuen Aula befindet sich das Rektorat, der Arbeitsplatz von Karla Pollmann. Wir steigen ins Auto und fahren den Berg hinauf, an den Universitätskliniken vorbei zu den Türmen aus Beton und Glas, der „Morgenstelle“, wo sich heute der naturwissenschaftliche Campus befindet.
Wohin muss sich Forschung in Tübingen entwickeln, um international konkurrenzfähig zu bleiben?
Nehmen Sie unser Geo- und Umweltforschungszentrum. Dort wird erprobt, wie Mikroben Kohlenstoffdioxid aus Industrieabgasen zu Methan umwandeln, ein Ersatz für Erdgas. Oder wie sich Bio- und Geosphäre gegenseitig beeinflussen. Relevante Fragen in Zeiten des Klimawandels – deshalb werden dort zwei Exzellenzcluster
gefördert.
In welchen Bereichen spielt KI eine Rolle?
KI ist ein Querschnittsthema, das alle Wissenschaften verändert. Im Exzellenzcluster „Maschinelles Lernen in der Wissenschaft“ etwa werden quantenphysikalische
Experimente mit KI entwickelt – das geht schneller und liefert überraschende Ergebnisse. Ferner richten wir jetzt Brückenprofessuren ein, nämlich von der KI-Forschung hin zur Physik, zur Philosophie sowie zu den Wirtschaftswissenschaften.
Welche Rolle spielen da noch die Geisteswissenschaften?
Ohne sie lässt sich das KI-Zeitalter nicht gestalten. Als Volluniversität wollen wir Teil eines globalen Netzes sein, das einen ethischen Rahmen zur Entwicklung der KI definiert. Das geht nur mit Philosophie, Theologie – den Geisteswissenschaften.
Vom Waldrand am Neuen Botanischen Garten aus lässt sich über Stadt und Schloss Hohentübingen hinweg zum Albtrauf blicken. Auf dem Berg nebenan, an der
„Oberen Viehweide“, entstehen Rohbauten. Wir gehen ins neue Gebäude des Tübingen AI Center auf die Terrasse im 6. Stock und blicken auf die Firmen Immatics und CeGaT, die einst als Start-ups zur Behandlung von Krebs und seltenen Krankheiten begonnen und sich zu Firmen mit hunderten Angestellten entwickelt haben. Das Areal gehört zum Verbund „Cyber Valley“ – in Anlehnung an das Silicon Valley in der San Francisco Bay Area. Außer der Universität Tübingen formen die Universität Stuttgart, das Max-Planck-Institut und Firmen wie Bosch und Amazon das Cyber Valley.
Im Silicon Valley hat es phänomenal viele Ausgründungen aus der Stanford University gegeben. Wie kann Transfer in der KI-Entwicklung besser gelingen?
In der Grundlagenforschung sind wir sehr gut aufgestellt und global wettbewerbsfähig. Sehr viele Patente entstehen nach wie vor aus Universitäten heraus. Woran es in Tübingen und in Deutschland zum Teil fehlt, ist das nötige Kapital für die Skalierbarkeit, die Entwicklung eines Start-ups auf ein Niveau, auf dem es global
wettbewerbsfähig sein kann. Das ist zwar nicht Aufgabe einer Universität, aber wir müssen Absolventinnen und Absolventen, Doktoranden und Postdocs stärker in
Beziehung zur Wirtschaft bringen. Wir arbeiten am Mentalitätswandel, Transfer ist nun Teil des Curriculums. In unserem Startup Center können ambitionierte junge Menschen mit Unternehmensgeist zum Beispiel Punkte in Entrepreneurship erwerben.
Wie stellen Sie sich die Universität Tübingen in 20 Jahren vor?
Als Ort mit vielen auch internationalen Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die wegen der hohen Qualität der Forschung und Lehre kommen und sich hier wohlfühlen. Eine Universität in engem Austausch mit Gesellschaft und Wirtschaft und als Ort, zu dem jeder Mensch gleiche Chancen auf Zutritt
hat – egal welchen Geschlechts oder welcher sozialer Herkunft.
Text: Tilman Wörtz
Heute sind rund 40 Prozent der Hochschulleitungen in Deutschland weiblich.
Viele Fragen lassen sich nicht beantworten, ohne das Wissen der Menschen außerhalb der Uni einzubeziehen.
KI ist ein Querschnittsthema, das alle Wissenschaften verändert.