Forschungsprogramm im Arbeitsbereich Sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung

Das Team des Arbeitsbereichs „Sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung“ widmet sich mit einem strukturellen Antisemitismusverständnis der Erforschung des Antisemitismus in der Gegenwartsgesellschaft. Im Zentrum unserer Forschung stehen die Fragen nach den Auswirkungen von Antisemitismus als Diskriminierungs- und Gewaltphänomen, nach den sozialen Funktionen sowie den gesellschaftlich und institutionenspezifisch vollzogenen Routinen und Praktiken im Umgang mit Antisemitismus. Am Arbeitsbereich arbeiten wir mit interdisziplinären Ansätzen und multimethodischen Forschungsdesigns, wobei wir besonderen Wert auf qualitative Methoden und deren forschungsethisch reflektierte Anwendung in diesem sensiblen Forschungsfeld legen. Wir befassen wir uns mit der Weiterentwicklung von gegenstandsangemessener Methodologie und Methodik für sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung sowie mit Forschungstransfer für antisemitismuskritische Organisationsentwicklungsprozesse. Neben verschiedenen regionalen und internationalen Kooperationen arbeiten wir in der Forschung in einer langjährigen Kooperation mit dem Forschungsbereich des Kompetenzzentrums für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) zusammen.

Die Forschungsprojekte des Arbeitsbereichs Sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung sind folgenden Schwerpunkten zugeordnet:
•    Institutioneller Antisemitismus
•    Jüdische Erfahrungen in Gegenwartsverhältnissen und Institutionen 
•    Auswirkungen von antisemitischem Terror und kollektiver Gewalt
•    Einsozialisierung in antisemitische Wissensbestände und Praktiken 
•    Soziale Aushandlung von Antisemitismus in institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten 
•    Antisemitismuskritische Bildungsarbeit und Beratung
•    Methodenentwicklung und Forschungsethik in der Antisemitismusforschung 

Forschungsprojekte

AKTIF – Professionalisierungsprogramm für Fachkräfte im Umgang mit Antisemitismus in Institutionen

Das Projekt AKTIF, mit Projektlaufzeit: 2026 – 2027, wird gefördert durch die Baden-Württemberg-Stiftung im Programm „Bildung gegen Antisemitismus“. AKTIF ist ein intersektorales Professionalisierungsprogramm, das Fachkräfte aus Gedenkstättenarbeit, politischer Bildung, Zivilgesellschaft sowie aus schulischen, außerschulischen und universitären Bildungskontexten in einer dreiteiligen Qualifizierungsreihe zusammenführt, um Antisemitismus sektorübergreifend, systematisch und nachhaltig zu bearbeiten. Ausgerichtet wird das Programm vom KOAS (Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung) in Kooperation mit OFEK e.V. und dem IRex.
Im Projekt sollen Qualitätsmerkmale antisemitismuskritischer Bildung auf institutioneller Ebene etabliert werden, indem verbindliche Zuständigkeiten geklärt werden, wobei der Schutz von Betroffenen im Fokus steht. In reflexiv und institutionsbezogen konzipierten Bildungsformaten entwickeln Teilnehmende aus verschiedenen Sektoren fachlich fundierte Handlungssicherheit, um Antisemitismus zu erkennen, Schutzbedarfe zu identifizieren und antisemitismuskritische Verfahren multiprofessionell anzuwenden.
 

Antisemitismus im Hochschulkontext nach dem 7. Oktober – Strukturen, Dynamiken und Handlungsperspektiven

Die Studie wird vom Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) in Kooperation mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen durchgeführt und von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Rahmen des Förderaufrufs „Sichtbarmachung und Analyse von Antisemitismus an Hochschulen“ gefördert. 
Das Erkenntnisinteresse der Studie betrifft den Umgang mit Antisemitismus an Hochschulen aus den Perspektiven jüdischer Studierender und Hochschulangehöriger sowie spezialisierter Beratungsstellen. Im Zentrum stehen Erfahrungen von Antisemitismus, institutionelle Umgangsweisen, Fallkonstellationen und Beratungsverläufe sowie die daraus resultierenden Bedarfe und Schutzlücken. Ziel der Studie ist es, antisemitische Dynamiken und institutionelle Routinen im Hochschulalltag differenziert zu rekonstruieren und daraus Handlungsempfehlungen für Hochschulen und Beratungsstrukturen abzuleiten.
Methodisch folgt die Studie einem qualitativ-rekonstruktiven Forschungsansatz und verbindet narrative Interviews, Gruppendiskussionen, Fall- und Dokumentenanalysen sowie Sekundäranalysen. Ziel ist es, antisemitische Dynamiken, institutionelle Routinen und Schutzlücken im Hochschulkontext differenziert zu rekonstruieren und daraus Handlungsempfehlungen für Hochschulen und Beratungsstrukturen abzuleiten. 
Der Anlass der Studie ist die durch zivilgesellschaftliche Melde- und Dokumentationsstellen dokumentierte Zunahme antisemitischer Vorfälle an Hochschulen seit dem 7. Oktober – darunter Bedrohungen, körperliche Angriffe, Ausschlüsse, antisemitische (Bild-)Sprache sowie institutionelle Konflikte in Lehr- und Gremienkontexten. Hochschulen zeigen sich zunehmend als zentrale Orte antisemitischer Artikulationen und politischer Mobilisierung, insbesondere in Form israelbezogenen Antisemitismus. Zugleich zeigt sich eine Veränderung der Qualität und Dynamik der Fälle: Antisemitische Äußerungen und Handlungen treten zunehmend offen, konflikthaft und kollektiviert auf, werden stärker normalisiert und institutionell eingebettet sichtbar. Jüdische Studierende berichten von eingeschränkter Teilhabe, Sicherheitsverlust und dem Rückzug aus dem Hochschulalltag. Trotz der ersten empirischen Einsichten, Fall- und Beratungsanalysen fehlen bislang vertiefte empirische Untersuchungen zu den Erfahrungen jüdischer Studierender und Hochschulangehöriger vor und nach dem 7. Oktober sowie zu den längerfristigen Auswirkungen auf das Gefühl der Sicherheit und Bildungsteilhabe.

 

Unbehagen an der Geschichte? Umgang mit Antisemitismus und Rechtsextremismus im Kontext von Gedenkstättenpädagogik

Das zweiteilige Forschungsprojekt „Unbehagen an der Geschichte?“ untersucht den Umgang mit Antisemitismus und Rechtsextremismus im Kontext von Gedenkstättenpädagogik. Ein erster Teil wurde von 2021 – 2022 am Forschungsbereich des Kompetenzzentrums für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) durchgeführt. Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ) gefördert. Ein wissenschaftlicher Beirat begleitete die Umsetzung der Studie. In der qualitativen Studie wurden Gruppendiskussionen mit pädagogischen Mitarbeiter:innen an vier Gedenkstätten zu ehemaligen Konzentrationslagern durchgeführt. Im Rahmen der Studie fand ein Validierungsworkshop mit den Studienteilnehmer:innen statt, um Befunde zu diskutieren. Die Analyse zeigte gedenkstättenübergreifende Herausforderungen, geteilte Deutungen, Praktiken und Bedarfe im Kontext der Gedenkstättenarbeit. Von dieser empirischen Basis ausgehend wurden Reflexionsimpulse für eine antisemitismuskritische Gedenkstättenpädagogik formuliert.

 

Der zweite Teil der Studie wird von 2026 – 2027 in einer Forschungskooperation zwischen dem IRex und dem KOAS durchgeführt, um die veränderten Anforderungen für die Gedenkstättenpädagogik nach dem 7. Oktober zu analysieren. Dafür werden erneut Gruppendiskussionen mit pädagogischen Teams an vier Gedenkstätten umgesetzt, analysiert und mit den Befunden des ersten Studienteils verglichen. 

 

Folgende Forschungsfragen sind leitend bei der Umsetzung der Studie:

  • Wie manifestieren sich gegenwärtiger Antisemitismus und Rechtsextremismus im Kontext von Gedenkstättenpädagogik?
  • Welche Erwartungen und Funktionszuschreibungen werden mit dem Besuch von Gedenkstätten zu ehemaligen Konzentrationslagern verbunden?
  • Welche strukturellen Handlungsbedarfe lassen sich daraus für die Weiterentwicklung der Gedenkstättenpädagogik und der institutionellen Rahmenbedingungen ableiten?
  • Welche Herausforderungen und Bedarfe ergeben sich daraus für die pädagogischen Mitarbeiter:innen?
  • Wie kann auf antisemitische Situationen vor Ort reagiert und interveniert werden?

 

Publikationen

Chernivsky, Marina/Lorenz-Sinai, Friederike (2022): "Keine schwerwiegenden Vorfälle" – Deutungen von Antisemitismus durch pädagogische Teams an Gedenkstätten zu ehemaligen Konzentrationslagern, ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, 1-2022, S. 22 – 40. Open Access: https://doi.org/10.3224/zrex.v2i1.02

 

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (2022): "Weil diese Orte dann irgendwie als jüdische Orte verstanden werden" – Nachwirkungen der Shoah in Konstellationen der Gedenkstättenpädagogik. In: Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (Hg.) (2022): Die Shoah in Bildung und Erziehung heute - Weitergaben und Wirkungen in Gegenwartsverhältnissen. Verlag Barbara Budrich, S. 205 – 220.

 

Projektleitungen: Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (IRex), Dipl.-Psych. Marina Chernivsky (KOAS)

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Hanne Balzer (IRex), Sophia Hoppe (KOAS)

Antisemitismus im Kontext Schule

Die Bundesländerstudienreihe „Antisemitismus im Kontext Schule“ wurde 2018 von Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai am Forschungsbereich des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) konzipiert. Das Erkenntnisinteresse betrifft die lebensgeschichtlichen Erzählungen und darin liegenden Deutungen und Verständnisse von Antisemitismus sowie die narrativen Praktiken zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen. In der Studienreihe untersuchen wir die Forschungsfragen, wie Antisemitismus im Laufe von (Schul-)Biografien in Erscheinung tritt und durch (ehemalige) jüdische Schüler:innen, Lehrer:innen, Schulleitungen, Schulsozialarbeiter:innen sowie Expert:innen aus der Bildungspolitik der jeweiligen Bundesländer wahrgenommen, eingeordnet und bearbeitet wird. Auf der methodischen Grundlage der interpretativen und rekonstruktiven Sozialforschung werden narrative Einzelinterviews sowie Gruppendiskussionen durchgeführt und durch Codierung und Sequenzanalysen in Interpretationsrunden analysiert. Die Erhebungssituationen werden entlang von forschungsethischen Prinzipien und Erfahrungen aus der institutionenbezogenen und subjektorientierten Gewaltforschung gestaltet.

 

Bisher wurden fünf bundeslandbezogene Studien in Berlin, Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen durchgeführt. Die Studienreihe ermöglicht die systematische Analyse und den Vergleich von bundeslandspezifischen und länderübergreifenden Praktiken und Strukturmerkmale des Umgangs mit Antisemitismus an Schulen aus den Perspektiven jüdischer und nichtjüdischer Akteur:innen. 

 

Insgesamt haben bisher (Stand 2026) 139 Personen an den fünf bundeslandbezogenen Studien teilgenommen:

  • 44 Teilnehmende in Baden-Württemberg; davon: 9 (ehemalige) Schüler:innen, 28 Lehrkräfte, 7 Expert:innen;
  • 20 Teilnehmende in Sachsen-Anhalt; davon: 5 (ehemalige) Schüler:innen, 8 Lehrkräfte, 7 Expert:innen;
  • 18 Teilnehmende in Thüringen; davon: 1 (ehemalige:r) Schüler:in, 14 Lehrkräfte, 3 Expert:innen;
  • 28 Teilnehmende in Sachsen; davon: 5 (ehemalige) Schüler:innen, 19 Lehrkräfte, 4 Expert:innen und
  • 29 Teilnehmende in Berlin; davon: 4 Schulleitungen, 9 Expert:innen, 10 Einzelinterviews mit Lehrkräften und 5 Gruppendiskussionen mit jeweils drei bis sechs Lehrkräften, ergänzend je eine Fachkraft aus der Schulsozialarbeit und der schulpsychologischen Beratung.

Aktuell werden die Studienbefunde durch neue Erhebungen zur Situation nach der Zäsur des 7. Oktobers aktualisiert und systematisch sowohl bundeslandübergreifend als auch mit den bisherigen Befunden verglichen. 

Aktuell werden weitere bundeslandbezogene Studien im Rahmen der Bundesländerstudienreihe geplant. Die Studienbefunde werden durch neue Erhebungen zur Situation nach dem 7. Oktobers aktualisiert und systematisch sowohl bundeslandübergreifend als auch mit den bisherigen Befunden verglichen. 

 

Der Bundesländerstudie ging 2017 – 2019 eine Studie des KOAS voraus, welche die Erfahrungen und Umgangsweisen jüdischer Familien und junger Erwachsener mit Antisemitismus im (Schul-)Alltag erhob. An dieser Studie nahmen Personen aus Berlin, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern teil. Interviewt wurden 10 junge Erwachsene, 5 Elternteile schulpflichtiger Kinder, 2 Lehrkräfte sowie eine Familie in einem Gruppeninterview (vgl. Chernivsky / Lorenz / Schweitzer 2020).

 

Summary bisheriger Befunde

 

Aus den Daten konnten Strukturmerkmale des Umgangs mit Antisemitismus im institutionellen Kontext von Schulen in Deutschland analysiert werden. Bundesländerübergreifend zeigen die Datenanalysen, dass nichtjüdische Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter:innen Antisemitismus zu Beginn ihrer Interviewerzählungen und Gruppendiskussionen überwiegend als ein Thema einordnen, dass sie aus einer großen Distanz, als primär historisches Thema und mit wenig Bezug zur eigenen (schulischen) Biografie und Lebenswelt wahrnehmen. Im Laufe der Interviewnarration werden zunehmend Momente der biografischen Einsozialisation in antisemitische Praktiken und Wissensbestände erinnert. In den Schilderungen von Erfahrungen aus dem Schulalltag werden mehrere bundeslandübergreifende verbreitete Praktiken des Umgangs mit Antisemitismus sowie der Legitimation deutlich. Das Ausmaß des Antisemitismus an der eigenen Schule wird an jüdische Anwesenheit geknüpft. Lehrkräfte gehen oftmals von jüdischer Nichtpräsenz aus und leiten daraus die Annahme ab, es gäbe auch kein Antisemitismusproblem an der Schule. Werden antisemitische (Sprach-)Handlungen im schulischen Raum oder in Chatgruppen beobachtet, werden diese als vorübergehende pubertäre Provokation, als Ausdruck fehlenden Wissens oder als ein Problem bestimmter Schüler:innengruppen gedeutet. Die geschilderten Interventionen richten sich in der Regel ausschließlich an antisemitisch handelnde Schüler:innen und sind nicht betroffenenorientiert ausgerichtet. Jüdische Schüler:innen und ihre Familien werden kaum thematisiert und bei Interventionen nicht mitgedacht. Insgesamt beschreiben sich Lehrkräfte im Umgang mit Antisemitismus als eingeschränkt handlungsfähig und sehen sich vonseiten der Schulleitungen und der übergeordneten Behörden oftmals als wenig unterstützt.

 

Jüdische (ehemalige) Schüler:innen berichten bundesländerübergreifend von antisemitischen Erfahrungen seit der frühen Grundschulzeit. Sie lernen, ihre jüdische Identität im schulischen Kontext eher zurückzuhalten. Die interviewten Jugendlichen und jungen Erwachsenen schildern kollektive Erfahrungen des Othering durch Mitschüler:innen und Lehrkräfte sowie der Exotisierung und Objektifizierung im Unterricht durch die Adressierung als Expert:innen bei jüdisch assoziierten Themen. Weiterhin beschreiben sie eine Normalität antisemitischer Alltagssprache durch Mitschüler:innen im Schulkontext. Sie erinnern Relativierungen durch Lehrkräfte sowie ausbleibende Reaktionen, Passivität und Indifferenz. Einige der jüdischen Interviewpartner:innen berichten von Übergriffen im Schulalltag.

 

Der Vergleich der Daten verweist auf eine strukturelle Perspektivendivergenz (Antisemitismusbericht 2017: 93) hinsichtlich der Wahrnehmung des Antisemitismus im Kontext Schule und deutet auf institutionelle Leerstellen im Umgang mit antisemitischen Vorfällen und Strukturen hin. Zwischen den Bundesländern zeigen sich hohe Parallelen hinsichtlich der Deutungen von Antisemitismus. Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der Einbettung des Antisemitismus in rechtsextreme Orientierungen sowie hinsichtlich des israelbezogenen Antisemitismus. Deutlich wird zudem, wie die unterschiedlichen antisemitismusbezogenen Maßnahmen der Bundesländer von Lehrkräften wahrgenommen werden.

 

Weiterführende Literatur

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai Friederike (2024): Institutioneller Antisemitismus in der Schule. Baustein 14, Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Aktion Courage e.V., Berlin.

 

Chernivsky, Marina / Lorenz-Sinai, Friederike (2023): Antisemitismus im Kontext Schule. Deutungen und Praktiken von Lehrkräften. Weinheim: Beltz Juventa. 

 

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (2023): Antisemitismus in institutionellen Kontexten – Soziale Prozesse der Deutung und Einordnung. Migration und Soziale Arbeit, Heft 1, S. 54-61.

 

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike / Schweitzer, Johanna (2022): Von Antisemitismus betroffen sein. Deutungen und Umgangsweisen jüdischer Familien und junger Erwachsener. Weinheim: Beltz Juventa.

 

Projektleitung: Dipl.-Psych. Marina Chernivsky (KOAS), Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai  (IRex) 

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Hanne Balzer (IRex), Sophia Hoppe (KOAS)

Projekt Kidem - Jüdische Kindertagesstätten und demokratische Teilhabe

Das Erkenntnisinteresse der Studie „KiDem – Jüdische Kindertagesstätten und demokratische Teilhabe“ betrifft die Auswirkungen des 7. Oktober 2023 auf die jüdischen Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Im Fokus der Studie stehen die Erfahrungen, Deutungen und Bedarfe von verschiedenen Akteur:innen im institutionellen Kontext von Kindertagesstätten (Kinder, Eltern, pädagogische und hauswirtschaftliche Fachkräfte, Erzieher:innen in Ausbildung) in Bezug auf die anhaltende antisemitische Bedrohung und Erfahrungen kollektiver Gewalt.

Die Studie wird als ein Kooperationsprojekt zwischen dem Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) mit dem IRex an der Universität Tübingen und OFEK e.V. umgesetzt. Die Forschung bildet den wissenschaftlichen Teil des Projekts „ATID 2.0“, das am Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) angesiedelt ist und seit 2020 bundesweit im Bereich der Demokratiebildung in der frühkindlichen Bildung arbeitet. 

 

Die Studie folgt einem qualitativen, multiperspektivischen Forschungsdesign. Methodisch basiert die Studie auf Interviews, Gruppendiskussionen und einer multiperspektivischen Fallanalyse von ausgewählten Einrichtungen. Auf diese Weise werden unterschiedliche Akteursperspektiven sowie verschiedene Altersgruppen einbezogen. Die verschiedenen Perspektiven werden rekonstruktiv ausgewertet und zueinander relationiert, um je unterschiedliche Wahrnehmungen, Deutungen und Praktiken sichtbar zu machen. Das qualitative Forschungsdesign ermöglicht es, zu untersuchen, wie Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte krisenhafte Ereignisse wahrnehmen, verarbeiten und in ihren Alltag integrieren. In jüdischen Einrichtungen betrifft dies nicht nur die Reaktionen und Bedarfe von Kindern, sondern ebenso die Belastungen von Eltern sowie die professionelle Rolle von Fachkräften, die zugleich stabilisierend wirken und eigene Betroffenheit verarbeiten müssen.

 

Projektleitung: Dipl.-Psych. Marina Chernivsky (KOAS), Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai  (IRex)

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Hanne Balzer (IRex)

Auswirkungen des 7. Oktober auf jüdische und israelische Communities in Deutschland

Der Angriff auf Israel durch mehrere Terrororganisationen am 7. Oktober 2023 markiert für die jüdischen und israelischen Communities in Deutschland einen tiefen Einschnitt. Jüdinnen_Juden stehen vor der Aufgabe, die traumatischen Folgen des Angriffs und der darauffolgenden antisemitischen Mobilisierung zu bewältigen. Die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) geförderte bundesweite Studie untersucht ab Februar 2024 die Auswirkungen der Massaker und das Erleben der gesellschaftlichen Dynamiken nach dem 7. Oktober aus den Perspektiven von Jüdinnen_ Juden verschiedener Generationen und sozialer Hintergründe im urbanen und ländlichen Raum in Deutschland. Mit narrativ-biografischen Interviews, Gruppendiskussionen und der Dokumentation von Selbstbeobachtungen werden die Wahrnehmungen, Einordnungen und Auswirkungen aus jüdischen Perspektiven erhoben. Dabei werden Veränderungen der Verarbeitungsprozesse im zeitlichen Verlauf und im Zusammenhang mit früheren und aktuellen Ereignissen rekonstruiert. Die Studie wird am Forschungsbereich des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) und dem IRex an der Universität Tübingen in Kooperation mit OFEK e.V. durchgeführt. 

 

Publikationen:

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (2025): Auswirkungen des Terrors vom 7. Oktober auf jüdische und israelische Communities in Deutschland. Zwischenbericht. Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung, Berlin. Online unter: https://koas-bildungundforschung.de/wp-content/uploads/2025/09/ZwischenberichtStudieAuwirkungen7Oktober.pdf

 

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (2025): „wie kommt das […] dass du nichts sagst wenn Jüdinnen vergewaltigt werden?“ – Sexualisierte Gewalt im Kontext des 7. Oktobers aus jüdischen Perspektiven in Deutschland. In: Glöckner, Olaf/ Jikeli, Günther (Hg.): Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober. Georg Olms Verlag: Hildesheim. 

 

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (2024): Antisemitismus vor und nach dem 7. Oktober - Historische Kontinuitäten, Erscheinungsdimensionen und empirische Befunde. In: Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus e.V. (Hg.). Ligante Schriftenreihe - Fachdebatten aus der Präventionsarbeit: Der Nahostkonflikt als Katalysator. H. 7, S. 9 - 15. 

 

Chernivsky, Marina/ Lorenz-Sinai, Friederike (2024): Der 7. Oktober als Zäsur für jüdische Communities in Deutschland. In: APuZ - Aus Politik und Zeitgeschichte: Antisemitismus. 74 Jg., 25-26 2024. S. 19-24. 

 

Projektleitung: Dipl.-Psych. Marina Chernivsky (KOAS), Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai  (IRex)

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Hanne Balzer (IRex), Sophia Hoppe (KOAS)

Projekt Institutioneller Antisemitismus - Verbundprojekt Re-Act

Das Forschungsprojekt "Institutioneller Antisemitismus" ist Teil des Verbundprojektes "Jüdische Re-Aktionen auf Antisemitismus in Bildungsinstitutionen (REACT)“, das ab März 2026 für drei Jahre im Rahmen des BMFTR-Forschungsprogramms "Ursachen und Dynamiken des aktuellen Antisemitismus" gefördert wird. Projektträger für dieses Vorhaben ist das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR). In dem interdisziplinären Verbundvorhaben gemeinsam mit der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg, dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) in Hamburg, dem Kompentenzzentrum Antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) in Berlin und dem Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen werden die Reaktionen von Jüdinnen_Juden als Betroffene von Antisemitismus sowie die Bedingungen und Einschränkungen ihrer Partizipation in Bildungsinstitutionen untersucht. Das Verbundprojekt wählt dafür seinen Ausgangspunkt in der Verschränkung der jüdischen Gegenwartsforschung und einer Antisemitismusforschung, in deren Zentrum sowohl die Erfahrungen als auch die institutionellen Bedingungen der eingeschränkten Partizipation und Teilhabe von Jüdinnen und Juden stehen. Ziel ist es, Antisemitismus in institutionellen Bildungskontexten entgegenzuwirken und die Partizipation von Jüdinnen_Juden nachhaltig zu fördern. 

 

Das Teilprojekt 2, RE-ACT Institutioneller Antisemitismus am IRex untersucht aus einer praxeologischen Perspektive den Umgang mit Antisemitismus in ausgewählten Organisationen der frühkindlichen und schulischen Bildung sowie an Hochschulen. In diesem Teilprojekt bildet die Frage nach den institutionellen Praktiken des Umgangs mit Antisemitismus den Forschungsgegenstand, wobei jüdische und nichtjüdische Personen als Adressat:innen, Mitarbeitende sowie als Fach- und Leitungskräfte von öffentlichen Bildungsinstitutionen adressiert werden. Das Erkenntnisinteresse des Projekts betrifft institutionenspezifische Routinen, Praktiken, Wissensbestände, Narrative und Dynamiken in der Aushandlung von Antisemitismus. Das Teilprojekt analysiert, wie in institutionellen Praktiken antisemitische Wissensbestände vollzogen werden und an welchen Verständnissen und Deutungen von Antisemitismus die Interventionen in institutionellen Bildungskontexten ausgerichtet werden. Methodisch sollen multimethodische und multiperspektivische Fallstudien in ausgewählten Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen durchgeführt werden, um die Orientierungen, Verständnisse und Umgangsweisen verschiedener Akteur:innen in den spezifischen institutionellen Kontexten in Bezug auf Antisemitismus zu rekonstruieren und zu analysieren. Das Teilprojekt zielt neben der Generierung empirischer Befunde auf eine Theoretisierung der Analysekategorie des institutionellen Antisemitismus ab.

 

Projektleitung: Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Hanne Balzer