Prof. Dr. Jörg Robert

Matteo Zupancic

Kontakt: matteo.zupancic@phd.unipi.it

Projektbeschreibung

Literarische Sprachreflexion und Säkularisierung in der deutschen Moderne

Die literarische Sprachreflexion der Moderne (1890-1930) ist ein komplexes, interdisziplinäres Phänomen und stellt einen Schlüsselmoment der kulturellen Phänomenologie des Anfangs des 20. Jahrhunderts dar: Die metasprachlichen Poetologien, die zur ‘selbstreflexiven’ Dimension der literarischen Moderne (Kiesel) gehören, sind heute zu einem topos der germanistischen Literaturwissenschaft geworden. Trotz ihrer Zentralität ist die Sprachreflexion ein noch fragmentarisch untersuchtes Forschungsfeld. Aus methodischer Sicht haben die vorigen systematischen Ansätze (Saße, Göttsche) tatsächlich versucht, durch die Isolierung einiger prominenter Erscheinungen (z.B. der berühmten Sprachkrise) und die Begrenzung auf rein innenliterarische Forschungsansichten die Komplexität des Phänomens zu reduzieren. Um die tiefen Konnexionen zwischen sprachgläubigen und sprachkritischen theoretischen Positionen und die Entwicklungsmodalitäten der Sprachreflexion als Ganzes zu verstehen, sollen wir uns jedoch mit dem Kernpunkt ihrer Komplexität auseinanderzusetzen: Die nicht eliminierbare Relationalität der verschiedenen Sprachtheorien, d.h. ihre gegenseitige Verknüpfung und Wechselwirkung. Ihre Vernetzung ist nämlich tiefgreifend, sowohl auf der horizontalen (synchronischen) Achse ihrer theoretischen Interdipendenz als auch auf der vertikalen (diachronischen) Achse ihrer intertextuellen Vorgeschichte. Die einzelnen Sprachtheorien lassen sich einerseits als Ergebnis einer konstruktiven Kombination von theoretischen Grundkoordinaten beschreiben; andererseits können sie als Knoten des intertextuellen Netzwerks verstanden werden, auf dem unser ganzes Kultursystem aufgebaut ist. Jede Sprachtheorie ist in der Tat von einer genealogischen Reihe vorhergehender literarischen, philosophischen und insbesondere theologischen Sprachauffassungen vorgeprägt, die eine zentrale Rolle für ihre Interpretation direkt oder indirekt spielen. De divinis nominibus von Pseudo-Dyonisius Aeropagita, die analogia entis Thomas von Aquins, die mittelalterliche und frühneuzeitliche negative Theologie (Meister Eckhart, Nikolaus von Kues, Jakob Böhme u.a.), die Sprachkritik Nietzsches in Über Wahrheit und Lüge, die ästhetische Suche nach den ‘Gottesnamen’ in dem Stunden-Buch von Rainer Maria Rilke, die berühmte Sprachkrise von Lord Chandos können tatsächlich alle in das oben genannte Netzwerk von Sprachauffassungen, das den theoretischen und historischen Gesamtrahmen der Sprachreflexion der Moderne bildet, eingeordnet werden. Wegen des hohen Grades an Intertextualität und -disziplinarität ist eine Gesamtdarstellung dieses Phänomens bisher ein Desiderat der Forschung geblieben. Das Ziel des vorliegenden Projekts ist daher, dieses Panorama zu erforschen.

Das Projekt ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Der erste Teil wird sich auf die Analyse des theoretischen Hintergrunds der Sprachreflexion und ihrer strukturellen Abhängigkeit gegenüber des historisch älteren, religiös orientierten Sprachdenkens beziehen. Durch die Anwendung einer relationalen Feldmethode, die sich auf die epistemologischen Überlegungen Ernst Cassirers stützt, soll versucht werden, die verschiedenen sprachtheoretischen Positionen der Moderne durch ein verbindendes Schema zu fassen. Im Rahmen des zweiten Abschnitts wird weiterhin der Versuch unternommen, die formalen Mittel zu identifizieren, die von den Autoren zur Darstellung ihrer sprachtheoretischen Positionen entwickelt wurden. Anhand einer umfangreichen Reihe von Fall-Analysen (Ernst Jünger, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Hugo Ball, Alfred Döblin u.a.) sollen deutliche und philologisch nachweisbare strukturelle Analogien zu dem stilistischen Instrumentarium der traditionellen Gottesrede (insbesondere affirmative/negative Theologie) aufgezeigt werden.