Institut für Kriminologie

Femizide in Deutschland

Der Begriff „Femizid“ wurde im Jahr 1976 von der Soziologin und Feministin Diane E.H. Russell beim „International Tribunal on Crimes against Women“ in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. Dieser Terminus soll Russell zufolge verdeutlichen, dass viele Tötungen an Frauen – ähnlich wie rassistisch motivierte Morde – Hassverbrechen sind und „extreme manifestations of male dominance and sexism" darstellen (Russell 2011, S.1).

Russell definiert den Begriff Femizid als „the killing of females by males because they are females” (2009, S. 27). Darunter fasst sie insbesondere zwei Manifestationen von Frauentötungen: erstens „mysogynist killings“, d.h. Tötungen an Frauen aus Frauenhass und Verachtung, und zweitens Tötungen von Frauen, weil sie nicht den patriarchalen Rollenvorstellungen entsprechen und sich der männlichen Kontrolle und Dominanz entziehen. In späteren Definitionen sieht es Russell nicht mehr als begriffliche Voraussetzung, dass ein Femizid von einem Mann ausgeübt werden muss, sondern schließt auch Frauen als mögliche Täterinnen für diese Form der Tötung ein.

Eine empirische Studie zu Femiziden, welche die verschiedenen sozialen Kontexte und Motivlagen der Tötungen an Frauen berücksichtigt, gibt es für Deutschland bisher nicht. Hierzulande existieren lediglich einzelne Forschungsarbeiten, die sich mit Teilbereichen des Femizids – insbesondere mit Partnerschaftstötungen und sog. Ehrenmorden – beschäftigen.
Tötungen von Frauen in anderen Feldern des sozialen Nahbereichs sowie außerhalb davon sind bisher kaum Gegenstand der Forschung. So gibt es z.B. auch über die Tötung an Frauen durch Unbekannte, Fremde oder nur flüchtig Bekannte, die laut der Polizeilichen Kriminalstatistik des Jahres 2019 immerhin 36% der (unvollendeten) Tötungen an Frauen ausmachten, nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse. Dabei dürften aufgrund geschlechtsbezogener Motive auch einige Tötungen im Prostituiertenmilieu, im Bereich von Sexualmorden und im Zusammenhang mit Amokläufen als Femizide eingestuft werden können. Dies gilt insbesondere für Tötungen von Frauen aufgrund ihrer sexuellen Identität oder aus Frauenhass. Letztere sind beispielsweise bei Männern zu finden, die der sogenannten Incel-Szene zuzuordnen sind. Weitere Forschungsdefizite bestehen bezüglich der Frage, ob und wie patriarchale, antifeministische und frauenfeindliche Motive der Täter*innen eines Femizids in der Bearbeitung und Bewertung durch Polizei und Justiz im Strafverfahren Berücksichtigung finden.

Ziel des Forschungsvorhabens ist die Aufarbeitung vorhandener nationaler und internationaler Studien zu den verschiedenen Kontexten und Formen von Femiziden. Diese Übersicht dient der Vorbereitung eines breit angelegten empirischen Forschungsprojekts zu Femiziden in Deutschland. Eine solche Studie soll erstens eine empirisch fundierte Ein- und Abgrenzung des Phänomens Femizids leisten und darauf aufbauend zweitens eine aktuelle Bestandsaufnahme des quantitativen Umfangs von Femiziden und eine Analyse des polizeilichen und justiziellen Umgangs mit diesem Phänomen ermöglichen.
Das Forschungsprojekt wird als Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Kriminologie Tübingen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durchgeführt.

Literatur:

Russell, D. E. H. (2009). Femicide: Politicizing the Killing of Females. In: PATH, InterCambios, MRC & WHO (Hrsg.),
Strengthening Understanding of Femicide: Using research to galvanize action and accountability. S. 26-31.

Russell, D. E. H. (2011). Women's Media Center. Stand: 01.06.2012. Abrufbar unter:
https://www.womensmediacenter.com/news-features/femicidethe-power-of-a-name. 09.09.2020.