03.05.2022

ERC Advanced Grant für Harald Baayen

Cluster-Mitglied Harald Baayen, Professor für Quantitative Linguistik, hat erfolgreich einen Advanced Grant des European Research Council (ERC) eingeworben. Die Advanced Grants gehen an besonders erfahrene Forscher/innen, die wissenschaftlich viel geleistet haben. In seinem Projekt „Subliminal learning in the Mandarin lexicon“ (SUBLIMINAL) nimmt Baayen in den Blick, dass Schriftsysteme nie komplett die gesprochene Sprache abbilden. Er will so den Erwerb von Zweitsprachen verbessern.

Professor Rolf Harald Baayen

Für den Linguisten Harald Baayen ist es das zweite Mal, dass er den begehrten ERC Advanced Grant erhält. Bereits 2017 war er mit seinem damaligen Projekt WIDE (Wide Incremental learning with Discrimination nEtworks) erfolgreich. Im Mittelpunkt von Harald Baayens aktuell ausgezeichnetem Forschungsprojekt SUBLIMINAL steht die Beobachtung, dass es in der gesprochenen Sprache subtile Regelmäßigkeiten gibt, die sich unserem Bewusstsein entziehen, die aber eine wichtige Rolle beim Spracherwerb und Sprachgebrauch spielen.

Philosophen wie Immanuel Kant, Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty sowie der Kognitionswissenschaftler Donald Hoffman gehen davon aus, dass unsere Wahrnehmung der Realität durch unseren Geist und Körper geformt und gefiltert wird. Nach Baayens Auffassung gilt dies auch für unsere Sprachwahrnehmung, die durch unsere Schriftsysteme gefiltert wird. Abweichungen zwischen Schreibkonventionen und gesprochener Alltagssprache sind für Muttersprachler in der Regel unproblematisch. So kommen englische Muttersprachler beispielsweise damit zurecht, wenn in einer Konversation das Wort „probably“ (deutsch: „wahrscheinlich“) als „prolly“ ausgesprochen wird. Beim Erlernen einer neuen Sprache jedoch könnten solche Diskrepanzen den Zweitspracherwerb unnötig erschweren, so Baayen.

Sein Forschungsprojekt befasst sich mit dem Erlernen von Mandarin-Chinesisch, einer Sprache, in der unterschiedliche Wörter aus denselben Klängen bestehen können, aber je nach Bedeutung in verschiedenen Tonmelodien ausgesprochen werden. Baayen wird im Detail untersuchen, wie Mandarin-Sprecher Wörter tatsächlich aussprechen, mit Fokus darauf, wie sie Tonmelodien einsetzen. Er wird zudem erforschen, wie das einzigartige Schriftsystem des Chinesischen mehrere Bedeutungsebenen erzeugt. Mit Hilfe modernster Methoden der Computermodellierung, der Verteilungssemantik und der statistischen Analyse, wird er untersuchen, wie Form und Bedeutung zusammenpassen, und die Ergebnisse nutzen, um die Methoden des Vokabellernens für Mandarin-Chinesisch als Zweitsprache zu verbessern.

Rolf Harald Baayen hat an der Freien Universität Amsterdam „General Linguistics“ studiert. Nach einer Professur für Quantitative Linguistik an der Radboud-Universität in Nijmegen hatte er ab 2007 an der Universität von Alberta im kanadischen Edmonton eine Professur inne. 2011 kam er im Rahmen einer Humboldt-Professur an die Universität Tübingen. Er gilt als einer der innovativsten Forscher auf dem Gebiet der Wortschatzforschung und der quantitativen Linguistik. Als Pionier der computergestützten und empirischen Sprachforschung und Psycholinguistik hat er grundlegende Beiträge etwa zum Verständnis der menschlichen Sprachfähigkeit und zur Rolle des Gedächtnisses bei der Sprachverarbeitung geleistet.

Nach einer Pressemitteilung der Universität Tübingen, 26.04.2022

Kontakt

Prof. Dr. Harald Baayen
Seminar für Sprachwissenschaft
harald.baayenspam prevention@uni-tuebingen.de
https://www.sfs.uni-tuebingen.de/~hbaayen/
 

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