Narrative der Sozialpolitik – Narrative der Sozialstaatskritik

Ethik und Gesellschaft Nr. 2 2022

Sozialpolitik betreibt man mit Narrativen. Man ›erzählt‹ einander, warum, was und wie der Sozialstaat ›für die Menschen‹ oder ›für die Gesellschaft‹ da ist oder da sein soll. In solchen Narrativen wird "der Sozialstaat" eine Gesamtheit, wo doch vieles nur zeitgleich nebeneinander besteht und keine Einheit ist. Was der Sozialstaat "macht", das wird Vereinfacht, indem bestimmte Strukturen und bestimmte Leistungen hervorgehoben und andere hingegen verschwiegen oder stillschweigend vorausgesetzt werden. Vor allem aber wird dem narrativ erzeugten Ganzen einen Sinn gegeben – und dieser Sinn ausdrücklich intendiert. Man ›erzählt‹ einander, warum und wozu das Ganze eigentlich da ist und wieso es gut ist, dass es da ist. Narrativ wird der Sozialstaat ›erzeugt‹, von dem ›erzählt‹ wird.

 

Mit Narrativen arbeitet auch die Sozialstaatskritik. Gegen die offizielle Komplexität erzählt sie, wie der Sozialstaat wirklich ›ist‹, wie er tatsächlich wirkt und was er mit den Menschen ›macht‹, die auf seine Leistungen angewiesen sind. Gegen den schönen Schein, die nicht zuletzt sozialstaatliche Institutionen halten, werden die ›wahren‹ Geschichten über ›den Sozialstaat‹ erzählt. Narrative bringen die Sozialstaatskritik auf den Punkt – und sorgen dafür, dass die jeweilige Kritik evaluativ und affektiv besetzt wird.

 

In der aktuellen Ausgabe von **ethikundgesellschaft** werden Narrative der Sozialpolitik und der Sozialstaatskritik vorgestellt. Zwei Beiträge (Tanja Klenk und Johanna Kuhlmann) führen in die sozialpolitische Narrationsforschung ein und stellen den Forschungsstand dar. Sodann werden Erzählungen über den Sozialstaat untersucht, der in Zeiten der Pandemie heroische Staat (Johanna Kuhlmann) sowie der ›Gewährleistungsstaat‹ (Matthias Möhring-Hesse). Christoph Butterwegge untersucht Narrative über Arme und Arbeitslose im Mediendiskurs über Hartz IV und Bürgergeld – und Stephanie Simon die Narrative, die sie im Kontext der extrem-rechten und der rechtspopulistischen Sozialpolitiken zur Bekämpfung von Armut eingesetzt werden. In den fünf Beiträgen finden die Leser:innen Hinweise darauf, warum und wie über den Sozialstaat erzählt wird und wie Sozialpolitik »gemacht« und Sozialstaatskritik betrieben wird, indem der Sozialstaat erzählt wird.

Die Ausgabe 2/2022 finden Sie hier


Politische Theologie im imperialen Russland

Die russische Orthodoxie im Angesicht des Ukraine-Krieges

Herzlich laden wir Sie zu folgender Veranstaltung ein:
Politische Theologie im imperialen Russland: Die russische Orthodoxie im Angesicht des Ukraine-Krieges
Mo., 24.10.2022, 18:00 Uhr bis 21:00 Uhr im Hörsaal des Theologicums

Es referieren
Dr. Michael Hagemeister, Osteuropa-Historiker, Bochum
Das „Dritte Rom“ – der „Nördliche Katechon“: Antiwestliche Strömungen im heutigen Russland
Dr. Regina Elsner, Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, Berlin
Die Russische Orthodoxe Kirche im Krieg: Theologische und Politische Aspekte

Mit dem Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine ist auch in einer breiteren Öffentlichkeit die Rolle des russisch-orthodoxen Christentums in den Blick geraten: Durch Predigten des Moskauer Patriarchen Kyrill I., in denen der Krieg zu einem „heiligen Kampf“ gegen die bösen Mächte des Westens stilisiert wurde, leistet die russische Orthodoxie einen eigenen Beitrag zur Legitimation des Überfalls in der Ukraine. Doch die Predigten des Moskauer Patriarchen weisen auf ein weiter reichendes Phänomen hin. Die russische Orthodoxie ist eine zentrale antiliberale und antiwestliche Akteurin in Russland, mit der die imperiale Politik zur Rückeroberung der so genannten „russischen Erde“ gestützt wird. Für ein vertieftes Verständnis der russischen Politik ist daher die Auseinandersetzung mit theologischen und kirchlichen Positionen der russischen Orthodoxie notwendig und unabdingbar. Doch dieser akzentuierte Blick auf die russische Orthodoxie kann auch der Analyse von antiliberalen Haltungen in christlichen Kontexten jenseits von Russland neue Impulse geben.

Eine digitale Teilnahme ist möglich. Den Zoomlink erhalten Sie auf Nachfrage.


Immer noch Kritische Theorie? Zwei aktuelle Perspektiven

Workshop mit Prof. Rainer Forst und Prof. Matthias Möhring-Hesse

Anlässlich des 60. Geburtstags von Prof. Matthias Möhring-Hesse lud der Tübinger Lehrstuhl für Sozialethik am 2. Mai 2022 zum wissenschaftlichen Workshop ins Theologicum. Zwei aktuelle Perspektiven auf das Forschungsprogramm der Kritischen Theorie sollten an einem langen Abend vorgestellt und diskutiert werden.

Eröffnungsredner des Abends war Professor Rainer Forst, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt. Rainer Forst stellt sich mit seiner politischen Theorie, die er um den Begriff der Rechtfertigung entwickelt, explizit in die Tradition der Kritischen Theorie. Seine neuesten Anknüpfungen sind im 2021 erschienenen Band Die noumenale Republik. Kritischer Konstruktivismus nach Kant versammelt. Das von Max Horkheimer und Theodor Adorno im Frankfurt der 1930er-Jahre und später im amerikanischen Exil entwickelte Wissenschaftsprogramm beeinflusst auch Professor Matthias Möhring-Hesse in seinem Denken seit langem. Sein "Coming out" als Kritischer Theoretiker hatte Möhring-Hesse schließlich im Jahr 2020 mit dem Artikel Theologische Sozialethik als Kritische Theorie - Ein Versuch acht Jahrzehnte nach "Traditionelle und Kritische Theorie" (1937). Forst und Möhring-Hesse entwickelten in unterschiedlichen, aber verwandten Fachdisziplinen Argumente für die bleibende Aktualität und inspirierende Kraft des Frankfurter Programms, Wissenschaft zu betreiben und Wissenschaft zu verstehen.

Im Anschluss an die Hauptvorträge eröffneten drei Statements die Plenumsdiskussion der rund 30 Teilnehmer:innen. Saskia Wendel, neu berufene Professorin für Fundamentaltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen, nutzte den Impuls der Kritischen Theorie für Überlegungen zum Verhältnis von Rationalität und Glauben. Professor Hans-Jürgen Bieling, politischer Ökonom – ebenfalls Uni Tübingen – machte die marxistischen Komponenten der Kritischen Theorie und ihre Kapitalismuskritik stark. Dr. Katja Winkler, Assistenzprofessorin am Lehrstuhl für Sozialethik der Katholischen Universität Linz, führte durch postkoloniale und repräsentationskritische Perspektiven eine weitere Reflexionsschleife in die Diskussion um Kritische Theorie ein. Im Verlauf der Diskussion rückten vor allem die Frage ins Zentrum, wie unter Berücksichtigung der Einwände Kritischer Theorie Theologie betrieben werden kann. Diskutiert wurde auch, wie eine liberale Sozialethik aussehen kann, in der vor allem die Vernunft- und Fortschrittskritik der Kritischen Theorie Beachtung findet.

Insgesamt waren die Debatten durchaus kontrovers und die von Forst und Möhring-Hesse vorgestellten Aktualisierungen regten zu vielfältigen Bezugnahmen darüber an, was für theologisches und politisch-philosophisches Theorietreiben "an der Zeit ist" (Horkheimer).

 


Allzeit darf Lohnarbeit nicht sein. Arbeitspolitik als Zeitpolitik?

Beitrag im Jahrbuch Sozialer Protestantismus 2021/2022

Das Jahrbuch Sozialer Protestantismus 2020/2021 widmet sich dem Thema Zeitpolitik. Michael Brugger und Matthias Möhring-Hesse analysieren für den Sammelband unter der Überschrift ›Allzeit darf Lohnarbeit nicht sein… Arbeitspolitik als Zeitpolitik?‹ unterschiedliche arbeitspolitische Felder auf ihre zeitpolitischen Gehalte. Sie fragen danach, ob ›Zeit‹ ein belastbares Konzept für eine integrative und qualitativ ausgerichtete Arbeitspolitik darstellt. Untersucht werden zur Beantwortung der Frage unterschiedliche arbeitspolitische Felder mit zeitpolitischem Bezug wie der Sonntagsschutz, die Verdichtung und Entgrenzung von Arbeitszeit in Industrie und stationärer Pflege, sowie die extreme Entgrenzung und Prekarität in der häuslichen Pflege.