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Zum 500. Geburtstag von Martin Crusius

„Aber um halb vier, vor einem zahlreichen Auditorium, sagte ich:

Zu dieser Stunde, um halb vier, bin ich am 19. September 1526 geboren worden.“

Was bedeutet es, seinen Geburtstag im 16. Jahrhundert zu feiern? Gab es Geschenke, Kuchen und Geburtstagslieder? Im Fall von Martin Crusius (19. September 1526 – 14. Februar 1607) braucht man nicht lange zu spekulieren, sondern kann ihn 500 Jahre nach seiner Geburt anhand seiner Tagebücher selbst befragen. 

Martin Crusius war von 1559 bis zu seinem Tod im Jahr 1607 als Professor der griechischen und lateinischen Sprache an der Universität Tübingen tätig. Über mehrere Jahrzehnte hinweg (1571 – 1605) hielt der Tübinger Gelehrte auf über 6.300 handgeschriebenen Seiten in 10 Tagebuchbänden nicht nur politische Nachrichten und akademische Angelegenheiten fest, sondern auch Gespräche, Besuche, Bücher, Mahlzeiten, Preise, Gerüchte, Krankheiten, Wetterbeobachtungen und persönliche Empfindungen. Ab dem Jahr 1579 finden sich zunehmend regelmäßig Eintragungen zu seinem Geburtstag. Die Einträge machen damit eine Welt sichtbar, die in klassischen wissenschaftlichen Quellen häufig verborgen bleibt: den Alltag eines Gelehrten der Frühen Neuzeit. 

Wie auch sonst, wenn er beispielsweise mit kleinen Zeichnungen wiedergibt, wer beim Essen in welcher Himmelsrichtung neben wem am Tisch saß, zeigt sich Martin Crusius im Hinblick auf seinen Geburtstag äußerst präzise. Nicht allein der Tag an sich, sondern ganz spezifisch die Uhrzeit seiner Geburt um halb vier am Nachmittag markiert für ihn das Ende des bisherigen und den Eintritt in ein neues Lebensjahr. In vielen Einträgen zu seinem Geburtstag hält er fest, was er selbst zu diesem Zeitpunkt getan hat oder was geschehen ist. 

So berichtet er etwa von einem herabfallenden Uhrengewicht in der Stuttgarter Stiftskirche, das am 19. September 1591 um halb vier während eines Gottesdienstes zu Boden stürzte. Für seinen Geburtstag im Jahr 1598 vermerkt er wiederum, dass er genau zu dieser Uhrzeit seine Homer-Vorlesung unterbrach, um dem Auditorium seine Geburtsstunde zu verkünden. Das folgende Ständchen wurde nicht ihm vom Publikum dargebracht, sondern von ihm selbst gesungen, um Gott mit einem Psalm für seine erreichten Lebensjahre zu danken. Damit ging er anscheinend viral, denn für seinen 74. Geburtstag berichtet er, dass sich viele Studenten, Magister und Adlige zu seiner üblichen 3-Uhr-Vorlesung in der Hoffnung eingefunden hätten, dass er etwas zu seinem Geburtstag sagen oder singen würde. Es war jedoch vorlesungsfrei und das erwartungsvolle Publikum wurde enttäuscht. Für das folgende Jahr, in dem sein Geburtstag auf den unterrichtsfreien Samstag fiel, wurde ihm direkt vom Senat die Sondergenehmigung erteilt, in der damals Neuen und heute Alten Aula an seinem Geburtstag eine Rede zu halten, zu der die gesamte Universität eingeladen war und offenbar auch größtenteils gekommen ist.

Martin Crusius verbrachte seinen Geburtstag jedoch nicht nur am Lehrpult und mit dem Schreiben von kleinen Gedichten, in denen er Gott für ein weiteres Lebensjahr dankte und um zukünftigen Beistand bat, sondern war auch einer Feier nicht abgeneigt. Im Jahr 1600 lud er neben anderen Gästen fünf Magister und einen Bakkalaureus ein, deren Stimmhöhen im Tagebuch verzeichnet sind, um seinen Geburtstag mit Gesang fröhlich zu begehen. Nach dem Singen gab es einen Umtrunk und etwas zu essen (Weißkrautsalat, gebratenes Fleisch, Gebäck), bevor Crusius um halb vier am Nachmittag ein Dankgedicht vortrug. Anschließend tanzen die Anwesenden mit seiner Tochter Theodora und der Magd Apolonia, bevor sie nach Hause gingen.

Auch Geschenke gab es. Diese erreichten Crusius zumeist in der Form von Glückwunschgedichten aus seinem akademischen Umfeld oder auch Werken mit Predigten. Näher an unsere heutige Vorstellung von Geburtstagsgaben kommen wohl ein Silberbecher und ein Reichstaler, die er im Jahr 1603 jeweils vom Dekan und vom Rektor erhielt (die Feierlichkeiten in einem Gasthof hatten ihn selbst 3 Gulden und 9 Batzen sowie Wein aus seinem eigenen Keller gekostet).

Sein Geburtstag war für Crusius also weit mehr als ein persönlicher Ehrentag, auch wenn durchaus Elemente heutiger Geburtstagsfeiern anklingen. Im Zentrum stand die dankbare Erinnerung an das von Gott geschenkte Leben und zugleich das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Die immer wieder notierte Geburtsstunde um halb vier wurde dabei zu einem persönlichen Ankerpunkt, an dem Crusius Vergangenheit und Zukunft in der gegenwärtigen Sekunde des Grenzübertritts miteinander verband: Er erinnerte sich an die erfolgreiche Vollendung des vergangenen Lebensjahres und bat um Gottes Beistand für das nun neu begonnene.