Orient- und Islamwissenschaft

FINT-Münze des Monats

In den ersten Tagen eines jeden Monats wird hier neu ein ausgewähltes Stück aus der Tübinger Uni-Sammlung islamischer Münzen gezeigt und in seinem historischen Kontext erklärt.

MdM Mai 2019

 

Am ersten Mai-Wochenende richtet die FINT traditionell das Tübinger Treffen der Oriental Numismatic Society (ONS) aus, eine internationale Wochenendtagung zur islamischen Münzkunde mit Vorträgen von Wissenschaftlern und Sammlern diverser Spezialisierungen. In diesem Jahr wird einer der Beiträge die hochinteressante Münzprägung der Qarmaṭen zum Thema haben. Die Qarmaṭen waren eine recht radikale schiitische Sekte, welche am Ende des 9. Jahrhunderts durch eine Spaltung der Ismāʿīliten, also der Siebener-Schiiten, entstand: Einige ismāʿīlitische Gemeinden erkannten damals den (überraschend erhobenen) Anspruch des ersten Fāṭimiden-Herrschers, selbst der erwartete Mahdī, eine Art Messias und Endzeit-Führer, sowie Kalif zu sein, nicht an und hielten stattdessen am Erwarten der bevorstehenden Rückkehr des verborgenen 7. Imams (Muḥammad b. Ismāʿīl; vgl. MdM Febr. 2019) fest, dessen Nachkomme der Fāṭimide zu sein behauptete. Zu diesen „altgläubigen“, qarmaṭischen Ismāʿīliten-Gemeinden zählte auch jene von al-Baḥrain am Persischen Golf, wo der Missionar Abu Saʿīd al-Ǧannābī um das Jahr 900 dem ʿAbbāsidenkalifat die Macht entriss und ein unabhängiges Fürstentum begründete.

Mit Baḥrain ist hier wohlgemerkt nicht (nur) das Gebiet des heutigen Inselkönigreichs gemeint, sondern die deutlich größere historische Küstenprovinz, welche u. a. auch Qaṭar sowie Teile des östlichen Saudi-Arabien umfasste. So entspricht das moderne al-Hofūf (in Saudi-Arabien) der qarmaṭischen Oasen-Hauptstadt al-Aḥsāʾ. Von hier aus beherrschten Abū Saʿīds Nachkommen im 10. Jh. zeitweise fast die gesamte Arabische Halbinsel (Karte) und unternahmen häufig Überfälle auf Städte wie Kūfa und Baṣra, die Küste von Fārs oder die jährlichen Ḥaǧǧ-Pilgerkarawanen nach und von Mekka. Im Jahre 930, unter Abū Saʿīds Sohn Abū Ṭāhir Sulaimān al-Ǧannābī, raubten sie bei einem Angriff auf die heiligste Stadt des Islams sogar den Schwarzen Stein (ein Meteorit?) der Kaʿba und behielten ihn für zwei Jahrzehnte in al-Aḥsāʾ. Kurz darauf offenbarte sich ihnen dann der erwartete Mahdī, wodurch sie die Endzeit und damit die Aufhebung der Gesetzesreligion für gekommen hielten. Der junge Perser, an den Abū Ṭāhir folgerichtig die Herrschaft übergab, entpuppte sich jedoch schnell als bedrohliche Enttäuschung, weshalb man ihn beseitigte und etwas demoralisiert wieder zu alten Glaubensvorstellungen zurückkehrte.

In Syrien und Palästina stießen die Baḥrain-Qarmaṭen mit ihrer Schwestersekte, den Fāṭimiden, zusammen, deren Westexpansion mit der Eroberung Ägyptens 969 noch nicht beendet war. Diese Bedrohung hatte eine pragmatische Allianz normalerweise gegnerischer Mächte zur Folge, die auf unserer Münze des Monats dadurch zum Ausdruck kommt, dass die extremschiitischen Qarmaṭen ihren eigentlichen Erzfeind, den sunnitischen Kalifen von Bagdad, nominell anerkennen. Die Nennung des (zu dieser Zeit būyidisch kontrollierten) ʿAbbāsiden findet sich in der vorletzten Revers-Zeile: al-Muṭīʿ li-llāh (reg. 946–974). Darüber steht: li-’llāh / Muḥammad / rasūl Allāh ṣallā / ’llāhu ʿalaihi wa-ʿalā ālihī – „für Gott; Muḥammad ist der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und seine Familie!“ (eine Eulogie). Die Erwähnung der Prophetenfamilie deutet bereits in Richtung Schiismus, doch ist es die Vorderseite des 4,15 g schweren Dinars, welche selbigen zweifelsohne als qarmaṭische Prägung kennzeichnet. Unter dem ersten Teil des Glaubensbekenntnisses (lā ilāha illā / ’llāh waḥdahū / lā šarīka lahū) ist dort as-sāda / ar-ruʾasāʾ zu lesen, was so viel wie „die Herren Oberhäupter“ bedeutet; sāda ist der Plural von sayyid. Gemeint ist damit die Führung des Ǧannābī-Fürstentums, an dessen Spitze nämlich zeitweise eine Art Gremium stand! Dieses Herrscherkollektiv war im Jahre 944 auf (den monarchisch regierenden) Abū Ṭāhir gefolgt und setzte sich aus dessen Brüdern zusammen, darunter Abū ’l-Qāsim Saʿīd und Abū ’l-ʿAbbās al-Faḍl. „Wenn es eine wichtige Entscheidung zu treffen galt, pflegten die Brüder einen gemeinsamen Ausritt zu unternehmen, von dem sie dann in Einigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens zurückkehrten“ (so der Chronist Ibn Miskawaih).

Dieser erste sāda-Rat bestand bis 361 H. (972) und aus ebendiesem Jahr stammt die Münze des Monats. Der inneren Avers-Umschrift ist zudem der (bereits im Mai 964 von den Qarmaṭen geplünderte) Prägeort Ṭabarīya zu entnehmen, Tiberias am Ufer des Sees Genezareth im nördlichen Israel. Während in Baḥrain selbst mit Blei-Münzen gezahlt wurde (auch darauf: as-sāda / ar-ruʾasāʾ), sind aus Damaskus, ar-Ramla („Filasṭīn“) und eben Ṭabarīya sowohl qarmaṭische Gold- als auch Silberprägungen bekannt. Auf den meisten Typen dieser Münzstätten und so auch in der letzten Revers-Zeile unseres Dinars ist wohlgemerkt noch ein bestimmtes Mitglied der Ǧannābī-Dynastie namentlich aufgeführt: al-Ḥasan b. Aḥmad („al-Aʿṣam“). Dieser Enkel Abū Saʿīds fungierte als eine Art Generalissimus und Vizekönig der Qarmaṭen in Syrien und Palästina, was ihn ab 970 für mehrere Jahre zum Hauptgegner des Fāṭimiden-Kalifats machte. Al-Ḥasan belagerte sogar Kairo, unterstand aber stets der zentralen Führung in Baḥrain – die er denn auch auf allen Münzen ordnungsgemäß über sich nennt. Hierbei ist 361 H. jedoch eine (meist falsch verstandene) Anpassung zu beobachten: Aus dem Plural as-sāda ar-ruʾasāʾ wird für mehrere Jahre die entsprechende Singularform as-sayyid ar-raʾīs ! Die Macht lag demnach also zwischenzeitlich wieder in den Händen eines einzelnen Qarmaṭen-Oberhauptes, bevor später, ab 366 H., erneut ein Herrschergremium regierte, welches dann dauerhaft aus sechs Mitgliedern der Ǧannābī-Dynastie bestand und ebenfalls numismatisch belegt ist. Wer genau sich nun aber hinter dem Titel as-sayyid ar-raʾīs verbirgt und warum auf manchen Münzen sogar sowohl der Singular als auch der Plural begegnet, sind zwei der vielen spannenden Fragen, welche ausführlich behandelt werden, wenn man sich diesen Monat wieder zur ONS-Konferenz in Tübingen trifft.

SH

MdM April 2019

 

Diesen Monat steht in Japan ein bemerkenswerter politischer Vorgang an, wie es ihn seit über 200 Jahren nicht mehr gab. Nachdem im Januar 2019 bereits Sultan Muḥammad V. von Kelantan als erster der bis dahin 15 Yang di-Pertuan Agong („der, der zum Herrscher gemacht wurde“) auf die (ihm 2016 zugekommene) malaysische Königswürde verzichtet hatte (Gerüchten zufolge spielte seine Heirat mit einer ehemaligen „Miss Moskau“ eine Rolle) und erst im März recht überraschend der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew (welcher eine Amtszeitbegrenzung für sich persönlich per Verfassungsänderung 2007 hatte aufheben lassen) als Staatsoberhaupt zurückgetreten war, wird nun der 125. Tenno Akihito aus Alters- und gesundheitlichen Gründen den Chrysanthementhron freiwillig für seinen ältesten Sohn Naruhito frei machen. Dieser Schritt musste dem Kaiser (dessen politische Funktion ja rein symbolischer Natur ist) allerdings erst von der japanischen Regierung erlaubt werden. Hierzu wurde im Parlament ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, bei dem es sich aber auch nur um eine Einzelfallregelung speziell für Akihito handelt. Für künftige Kaiser gilt vorerst weiterhin, dass im unverändert bestehenden „Gesetz über den kaiserlichen Haushalt“ von 1947 keine Abdankung eines Tennos vorgesehen ist.

Auch in der islamischen Geschichte sind freiwillige Abdankungen sehr selten; ein Kalif oder Sultan hielt seinen Thron im Normalfall auf Lebenszeit besetzt. Die Entwicklungen, an welche die bislang kleinste FINT-Münze des Monats (⌀ 1 cm) erinnert, sind daher ziemlich ungewöhnlich, ja teils rätselhaft, und nahmen ihren Anfang, während sich der 1421 an die Macht gelangte Osmanen-Herrscher Murād II. über lange Jahre hin wechselhafte Kämpfe mit einer Reihe anderer, christlicher Mächte Südosteuropas lieferte. Vom Papst zu einem Balkan-Kreuzzug aufgerufen, überquerten dabei 1443 der Jagiełłonen-König Władysław (Ladislaus) III. und sein transsilvanischer Woiwode Johann Hunyadi mit einem polnisch-ungarischen Heer die Donau, entrissen Sultan Murād Serbien und stießen bis ins osmanische Bulgarien vor (Eroberung Sofias). Parallel erhob sich der albanische Fürst Georg Kastriota „Skanderbeg“ und auch die (muslimischen) Qaramaniden in Zentralanatolien starteten einen Angriff auf osmanisches Territorium. Derart in der Defensive blieb Murād letztlich nichts Anderes übrig, als den Christen 1444 im Frieden von Szeged(in) einen zehnjährigen Waffenstillstand zuzusichern, dessen Einhaltung er mit Eidschwüren bekräftigte. Dasselbe soll daraufhin auch Władysław getan haben. Der Sultan musste den von ihm zuvor vertriebenen Đurađ (Georg) Branković als Despoten von Serbien anerkennen und seine Ansprüche auf dieses Gebiet fallen lassen.

Älteren Chroniken zufolge hatte Murād nun bereits an diesem Punkt das Bedürfnis, sich von der Herrschaft zurückzuziehen, und kündigte überraschend an, zugunsten seines zwölfjährigen Sohnes Muḥammad (Mehmed) abzudanken. Nach dem Tod eines älteren Bruders war dieser erst im Jahr davor zum Kronprinzen aufgestiegen und aus der Provinz an den Hof seines Vaters geholt worden. Wahrscheinlich ist, dass Sultan Murād ihn dort im Sommer 1444 allerdings doch erst einmal „nur“ zum Mitregenten und Reichsstatthalter in Rumelien erhob, ehe er selbst nach Osten aufbrach, um (vielleicht schon zur Vorbereitung einer weitergehenden Machtübergabe?) auch noch in Anatolien für Ordnung zu sorgen (s. zu alledem etwa Franz Babinger, „Von Amurath zu Amurath“ in: Oriens, Bd. III, Nr. 2, S. 229–265). Sein Vorgehen gegen die Qaramaniden hatte recht schnell Erfolg, da erreichte ihn – nur kurze Zeit nach dem Friedensschluss von Szeged – die Nachricht, dass König Władysław und Verbündete abermals in Bulgarien eingefallen waren! Hinter diesem eklatanten Vertragsbruch steckte Kardinal Giuliano Cesarini (der Ältere), welcher den jungen Jagiełłonen als päpstlicher Legat anscheinend davon überzeugt hatte, dass der Eid gegenüber einem Ungläubigen ja gar keine Gültigkeit besitze. Angesichts dieser neuerlichen, akuten Bedrohung konnte Murād nun natürlich schlecht auf einem Rückzug von der Staatsführung beharren und selbige einem Kind überlassen. Er eilte von Kleinasien zurück auf den Balkan, wo er sich mit den Kreuzzüglern nahe Warna eine denkwürdige Schlacht lieferte, in der sowohl der König von Polen und Ungarn als auch der Kardinal sein Leben verlor. Für die Osmanen endete sie mit einem großen, für die weitere Expansion in Europa entscheidenden Triumph.

Im Anschluss an diesen Sieg dankte Murād II. dann (im Alter von 39 Jahren) tatsächlich in aller Form freiwillig ab – warum, wird sich wohl nie ganz klären lassen. Muḥammad, welcher als äußerst zielstrebig und ambitioniert beschrieben wird, wurde offenbar noch Ende 1444 offiziell als neuer Sultan inthronisiert, was anderen Herrscher der islamischen Welt sogleich in feierlichen Sendschreiben verkündet wurde, und natürlich beanspruchte der neue Monarch auch das Recht, seinen Namen in die sikka zu setzen. So steht auf unserer Münze des Monats – bei der es sich um eine solche erste Prägung des Teenager-Sultans handelt – im kreisförmigen Av.-Feld (untere Zeile:) Muḥammad b. / (obere Zeile:) Murād und innerhalb des liegenden Halbmondes (!) unmittelbar darunter: ḫān ʿazza naṣruhū – „der Ḫān Muḥammad, Sohn des Murād, möge sein Sieg glorreich sein!“. Das im April 1444 beginnende Prägejahr 848 H. findet sich auf der anderen Seite der Münze in Ziffern, verteilt über die beiden Zwischenräume, welche durch die die Einfügung zweier augenförmiger Inschriftenfelder in einen Kreis entstanden: ٨۴ / ٨. Im oberen Feld ist eine weitere arabische Wunschformel zu lesen, ḫalada mulkuhū – „Möge seine Herrschaft andauern!“, im unteren die Münzstättenangabe: żarb-i Adirna. Der Prägeort ist hier also die damalige osmanische Hauptstadt, das alte Adrianopel und heutige Edirne, womit auch diese islamische Münze des Monats wieder aus Europa stammt.

Besonders interessant ist das Gewicht des kleinen Silberstücks. Nachdem so eine als akče bekannte Münze über lange Zeit stets ca. 1,18 g gewogen hatte, ließ Sultan Muḥammad das Gewicht der „Silberlinge“ 1444 erstmals reduzieren, sodass unser Exemplar nur noch 1,04 g auf die Waage bringt. Wohl auch deshalb kam es in Edirne zur ersten Janitscharen-Revolte, bei der große Teile der osmanischen Hauptstadt niederbrannten. Die aufständischen Truppen forderten vom jungen Herrscher eine Solderhöhung von 3 auf 3½ akče pro Tag, die ihnen letztlich auch gewährt wurde. Aufgewiegelt hatte die Janitscharen vermutlich der alte Großwesir Ḫalīl Paša, welcher weder ein gutes Verhältnis zu Muḥammad noch Vertrauen in dessen Herrscherqualitäten hatte und daher schließlich aus Besorgnis Boten ins kleinasiatische Maġnisa (Manisa) entsandte. In diesem Provinzstädtchen hatte sich nämlich Murād nach seinem Thronverzicht zur Ruhe gesetzt. Als er nun aber durch besagte Boten dringendst zurück nach Rumelien gerufen wurde, machte er sich im Mai 1446 auf den Weg, um – Edirne erst im August erreichend – noch einmal als Sultan die Macht zu übernehmen! Muḥammad musste folglich weichen und ging nun seinerseits, abgesetzt und dementsprechend grollend, als Statthalter nach Maġnisa.

Auch Murāds Rücktritt vom Rücktritt ist numismatisch belegt, doch erfolgte interessanterweise nur eine minimale Anpassung der akče-Inschriften: Indem man das Wörtchen für „Sohn des …“ so verschob, dass es nicht mehr rechts neben Muḥammad stand, sondern links davon, ergibt sich die veränderte Lesung Muḥammad b. / Murād („Murād, Sohn des Muḥammad“), wobei anders als zuvor mit der oberen statt mit der unteren Zeile zu beginnen ist. Erst als Murād II. 1451 nach weiteren 4½ Jahren auf dem Thron verstarb, konnte Muḥammad II. abermals und dieses Mal endgültig als Sultan nachfolgen – und ein Projekt in Angriff nehmen, das er sich schon während seiner ersten Regierungszeit in den Kopf gesetzt hatte: die Eroberung Konstantinopels…

SH

MdM März 2019

 

Schon seit mehr als 100 Jahren wird am 8. März der internationale Frauentag begangen. Einige Länder, in denen dieser Tag – so wie ja erst ganz neu für die Berliner – ein gesetzlicher Feiertag ist, waren früher nicht nur Teil der Sowjetunion gewesen, sondern hatten auch einmal zum Reich der mongolischen Ilḫane gehört. Der neunte und letzte große Ilḫan (aus der Nachkommenschaft von Činggis-Ḫans Enkel Hülegü) regierte von 1316 bis 1335 und hieß Abū Saʿīd. Seine Gemahlin Baġdād-Ḫatun soll wie schon manch andere mongolische und türkische Dame vor ihr ganz beachtlichen Einfluss besessen haben und stand sogar im Verdacht, für Abū Saʿīds Tod in der Region Qarabāġ (Bergkarabach) verantwortlich zu sein, weshalb sie der nächste Ilḫan Arpa (der schon kein Nachkomme Hülegüs mehr war) 1336 hinrichten ließ. Ihr Vater war der mächtige Emir Čopan (gest. 1327) gewesen, welcher seinerseits mit Abū Saʿīds Schwester Sati-Beg verheiratet worden war (1319). Letztere verfügte anscheinend über weniger Autorität als Baġdād Ḫatun, sollte aber in den turbulenten Jahren, als das Ilḫanat zerfiel und rivalisierende Emire (aus neuen Dynastien) in wechselnden Allianzen erbittert um die Macht rangen, eine ganz besondere Rolle spielen, wie auch unsere Münze des Monats dokumentiert.

Nach dem Tod ihres – problematischerweise keinen Erben hinterlassenden – Bruders wurde Sati-Beg, deren Abstammung sie zu einem Legitimationsquell machte, zunächst von Arpa zur Frau genommen. Gegen dessen Feinde kämpfte daraufhin auch ihr Sohn aus der Ehe mit Čopan namens Sorġan, doch wurde der zehnte Ilḫan noch 1336 geschlagen und selbst hingerichtet. Im Folgenden standen Sati-Beg und ihr Sohn auf der Seite des Ǧalāyiriden-Emirs Ḥasan, welcher beide zurück nach Qarabāġ entsandte, wo Sorġan Gouverneur wurde. In Täbris installierte Ḥasan (Baġdād-Ḫatuns erster Ehemann) derweil seinen eigenen Marionetten-Ilḫan, doch ließen erneute Auseinandersetzungen um die Macht im Reich nicht lange auf sich warten: Gegen seinen ǧalāyiridischen Namensvetter wandte sich Čopans Enkel Ḥasan – zur Unterscheidung wird ersterer Ḥasan-i Buzurg („der große Ḥasan“) und letzterer Ḥasan-i Kūčik („der kleine Ḥasan“) genannt –, woraufhin Sati-Beg und ihr (čopanidischer) Sohn zu ihm überliefen. Ḥasan-i Kūčik trug den Sieg davon und machte nach der Beseitigung des gegnerischen Marionetten-Ilḫans einen bemerkenswerten Zug, indem er 1338 (wohl nicht zuletzt mangels verbliebener Hülegü-Nachkommen) niemand anderen als Sati-Beg auf den Thron setzte, also der (nicht nur) in der Geschichte des Ilḫanats einzigen Sultanin huldigen ließ! Entsprechend wurde Sati-Begs Name auch ordnungsgemäß in die Freitagspredigt (ḫuṭba) und Münzinschrift (sikka) integriert und so handelt es sich bei der Münze des Monats, passend zum Weltfrauentag, tatsächlich um einen der wenigen islamischen Münztypen, auf denen eine Herrscherin genannt wird.

Der Doppeldirham mit einem Gewicht von 2,08 g zeigt sogar, was eine Frau auf dem Thron für die Titulatur bedeutete – sprachliches gendering war auch hier schon ein Thema. Während nämlich auf vielen Prägungen Sati-Begs einfach die übliche, männliche Form as-sulṭān al-ʿādil oder as-sulṭān al-aʿẓam zu lesen ist, findet sich im Reversfeld der Münze des Monats die korrekte weibliche Form as-sulṭāna al-ʿādila, „die gerechte Sultanin“. In den beiden Zeilen darunter folgt zum einen der Name der Ilḫanin, Sātī-Beg Ḫān, und zum anderen die obligatorische Wunschformel, welche hier ebenfalls grammatikalisch angepasst wurde: Statt ḫallada Allāh mulkahū lesen wir ḫallada Allāh mulkahā, „Möge Gott ihre Herrschaft andauern lassen!“. Die türkischen Titel beg und ḫan sind maskulin, gehören aber offenbar fest zum (unveränderlichen) Namen; ansonsten wäre hier etwa die feminine Form ḫatun zu erwarten gewesen.

Rings um die Nennung der Münzherrin steht über die Blätter des Sechspasses verteilt, wo und wann der Doppeldirham geprägt wurde. Allerdings macht diese Inschrift auf den ersten Blick ebenso stutzig wie das, was auf dem Avers in sowie zwischen den Blättern eines Vierpasses geschrieben steht. Gleich lesbar ist nur der Anfang des islamischen Glaubensbekenntnisses innerhalb des zentralen Perlkreises – lā ilāha illā / Allāh –, die anderen Inschriften sind hingegen alle spiegelverkehrt! So steht im unteren und linken Blatt rasū / l Allāh, im Zwickel dazwischen nichts anderes als der Name des ersten Kalifen Abū Bakr (womit auch der unvollständig sichtbare Rest klar ist). Was die spiegelverkehrte Inschrift auf dem Rev. angeht, so enthält das Sechspassblatt links neben al-ʿādila die Angabe der Münzstätte: Arzarūm, geschrieben ارزروم. Die Araber nannten den Ort Arzan ar-Rūm oder Arḍ ar-Rūm („Land der Römer“), was bereits auf die Lage in Anatolien schließen lässt – Erzurum ist heute die größte Stadt im Osten der Türkei.

Münzen Sati-Begs sind bislang von gut 30 – zuallermeist (trans)kaukasischen und ostanatolischen – Prägeorten bekannt, womit die Ilḫanin andere muslimische Herrscherinnen in den Schatten stellt. Wirkliche Macht aber hatte Abū Saʿīds Schwester nicht, da auch sie nur die Marionette eines Emirs war, in ihrem Fall die des gerissenen, aufstrebenden Čopaniden Ḥasan-i Kūčik. Dieser benutzte Sati-Beg, um im andauernden Machtkampf mit seinem Rivalen Ḥasan-i Buzurg dessen Pläne bezüglich eines aus Ostiran eingeladenen Thronanwärters geschickt zu durchkreuzen (1339), und zwang die Sultanin schließlich, einen minderjährigen Abkömmling Hülegüs aus einer Nebenlinie zu heiraten. Letzterer hieß Sulaimān und wurde damit neuer Marionetten-Herrscher, sodass Sati-Begs Sultanat schon nach weniger als einem Jahr endete. Dementsprechend ist auch das Prägejahr auf unserer Münze des Monats keine Überraschung: Nach sanata im Sechspassblatt auf 12 Uhr steht – wie gesagt, alles spiegelverkehrt – in den rechtsseitig folgenden Blättern tisʿa und ṯalāṯīn, also: 39; die folgende Hunderterzahl ist nicht zu sehen. 739 H. ist das Jahr, zu dessen Beginn Sati-Beg inthronisiert wurde und an dessen Ende bereits die Münzprägung Sulaimāns einsetzte. Einige wenige Stücke mit dem Namen der abgesetzten Ilḫanin tragen aber auch die Jahresangaben 740–745 H. (die letzten stammen aus Hasankeyf und Arzan), was wohl im Kontext erneuter Machtverschiebungen und Auseinandersetzungen zu sehen ist, in deren unübersichtlichem Verlauf sich Sorġan u. a. wieder mit Ḥasan-i Buzurg zusammentat und gemeinsam mit seiner Mutter und Sulaimān nach Anatolien ging. Ḥasan-i Kūčik war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben; ermordet hatte den 25jährigen Čopaniden 1343 seine untreue Gemahlin ʿIzzat-i Mulk, was diese auf grausame Weise mit ihrem eigenen Leben bezahlte. Dass Sati-Beg zumindest weitere Verwicklungen in blutige Intrigen erspart blieben und ihre letzten Jahre vielleicht sogar zu den glücklicheren zählten, kann man ihr anlässlich des Frauentages zumindest wünschen, denn sowohl über ihr Ende als auch über das ihres dritten Ehemanns Sulaimān ist uns nichts bekannt. Dass mit ihr, wenn auch nur für kurze Zeit, offiziell eine Frau an der Spitze eines Reiches stand, gerät jedenfalls nicht in Vergessenheit, auch dank Sati-Begs gut belegter Münzprägung.

SH

MdM Februar 2019

 

Im Iran besteht diesen Monat Anlass zu großen offiziellen Feierlichkeiten: Die Islamische Revolution jährt sich zum 40. Mal. Nachdem Moḥammad-Reżā, Irans letzten šāhānšāh („König der Könige“) aus der kurzlebigen Pahlavī-Dynastie, das Land angesichts überhandnehmender Massenproteste gegen ihn sowie seines auch international geschwundenen Rückhalts im Januar 1979 notgedrungen für immer verlassen hatte, landete am Morgen des 1. Februar auf dem Flughafen Teheran-Mehrābād der einflussreiche schiitische Geistliche (im Rang eines Ajatollahs) Rūḥollāh Chomeinī. Dieser hatte die oppositionellen Kräfte im Iran bis dahin aus seinem erst irakischen und zuletzt französischen Exil heraus mobilisiert und übernahm nun als Führer der von ihm vorangetriebenen Revolution binnen kurzer Zeit und unter Ausschaltung anderer Oppositionsflügel die Macht. Am 5. Februar setzte er eine neue Regierung ein; am 11. Februar (nach iranischem Kalender: 22. Bahman) – welcher seither als Tag der Revolution begangen wird – erklärte sich auch das noch dem Schah ergeben Militär für neutral. Während trotzdem mehrere Generäle und andere Anhänger der gestürzten Monarchie sowie neue Gegner des Revolutionsregimes hingerichtet wurden, rief Chomeinī nach einem entsprechenden Referendum die Islamische Republik aus; auf den iranischen Münzen verschwand in der Folge nicht nur das Schah-Bildnis, sondern auch das alte Löwe-und-Sonne-Emblem. In einer weiteren Volksabstimmung wurde schließlich die bis heute gültige Verfassung angenommen, in welcher es heißt (Artikel 5):

„In der Islamischen Republik Iran liegen während der Verborgenheit (ġaiba) des Herrn der Zeit [d. h. des 12. Imams Muḥammad al-Mahdī, geb. 870] – möge Gott der Erhabene seine Wiederkehr beschleunigen! – die Regierungsgewalt (velāyat-e amr) und die Leitung der Gemeinde (emāmat-e umma) bei dem gerechten und frommen, auf der Höhe der Zeit stehenden, tapferen und zur Führung befähigten Rechtsgelehrten (faqīh) [...].“

Dies entspricht dem von Chomeinī vertretenen schiitischen Konzept der velāyat-e faqīh, der „Statthalterschaft des Rechtsgelehrten“, und bedeutet, dass der als oberster Führer (rahbar) amtierende Ajatollah (seit Chomeinīs Tod 1989: ʿAlī Chāmeneʾi) die Herrschaft an der Spitze des Staates lediglich in Vertretung, also nur provisorisch bis zur jederzeit möglichen Rückkehr des seit 941 ganz im Verborgenen lebenden 12. Imams ausübt. Denn eigentlich sei der entrückte Muḥammad al-Mahdī („der Rechtgeleitete“) der einzig legitime Stellvertreter Gottes auf Erden, das einzig wahre Staatsoberhaupt.

Schiiten, die einer mit ʿAlī, dem Schwiegersohn des Propheten, beginnenden und mit dessen Nachfahren Muḥammad al-Mahdī endenden Reihe von 12 Imamen – d. h. von 12 unfehlbaren „Gemeindeoberhäuptern“ –  anhängen, werden Zwölferschiiten oder Imamiten genannt. Indem sie in frühislamischer Zeit einem – zunächst noch nicht verborgenen – Imam wegen seiner besonderen Abstammung folgten, erkannten die Schiiten Herrscher wie die Umayyaden oder ʿAbbāsiden grundsätzlich nicht als rechtmäßige Kalifen an. So wurde etwa Mūsā al-Kāẓim, der 7. Imam der „Zwölfer“, von Hārūn ar-Rašīd vorsichtshalber deportiert und bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestellt.

Woran nun die FINT-Münze des Monats erinnert, ist, dass die Herrschaftsübernahme als Staatsoberhaupt tatsächlich schon einmal für einen anderen Imam der Zwölferschia aus der Nachkommenschaft des ʿAlī ibn Abī Ṭālib ganz offiziell eingeleitet worden war. Auf Geheiß des Kalifen al-Maʾmūn (reg. 813–833) hatte nämlich der 8. Imam ʿAlī ibn Mūsā von Medina nach Marv (im heutigen Turkmenistan) reisen müssen, wo ihn der ʿAbbāside im Jahre 817 (201 H.) zu seiner und aller Überraschung feierlich als Thronfolger einsetzte, also dazu designierte, als nächster Kalif über das islamische Weltreich zu gebieten! Niederschlag fand diese spektakuläre Regelung ab 202 H. auch auf al-Maʾmūns Dirhams der östlichen Münzstätten Marv, Nīšāpūr, al-Muḥammadīya (Rayy), Iṣfahān, Fārs und Samarqand. Letztere ist, wie der inneren Av.-Umschrift zu entnehmen, der Prägeort unserer Münze des Monats, in deren Rev.-Feld zunächst steht: li-llāh / Muḥammad rasūl Allāh / al-Maʾmūn ḫalīfat Allāh – „für Gott / Muḥammad ist der Gesandte Gottes / al-Maʾmūn ist der Kalif [d.h. der Stellvertreter] Gottes“. Anschließen heißt es: mimmā amara bihī al-amīr ar-Riḍā / walī ʿahd al-muslimīn ʿAlī ibn Mūsā / Ibn ʿAlī ibn Abī Ṭālib – „Von dem, was der Zustimmung findende Emir, der designierte Thronfolger, ʿAlī ibn Mūsā, Nachkomme des ʿAlī ibn Abī Ṭālib, (zu schlagen) befahl“. Damit wird tatsächlich zum einzigen Mal einer der 12. Imame zu seinen Lebzeiten und ohne entrückt zu sein auf Münzen genannt. Der wichtige Titel ist walī ʿahd al-muslimīn (s. auch MdM Okt. 2018); ar-Riḍā (persisch: Reżā) sollte zum Beinamen des (ob seiner Ernennung skeptischen) 8. Imams werden.

Auch die zweite, äußere Av.-Umschrift war eine Neuerung al-Maʾmūns. Sie enthält Vers 4–5 aus Sure 30 (wo es um den Sieg dank Gottes Hilfe geht) und ist von nun an für lange Zeit ein standardmäßiger Bestandteil der Münzinschriften. In der untersten Rev.-Zeile unseres 3,12 g schweren Dirhams ist mit al-Maʾmūns Wesir Ḏū ʼr-Riʾāsatain („der mit der doppelten Führungsgewalt“) noch eine dritte Persönlichkeit im Zentrum jener interessanten Geschehnisse aufgeführt, während auf dem Av. unter dem ersten Teil der šahāda an gleicher Stelle al-mašriq, d. h. „der Osten“, zu lesen ist. Auf Goldmünzen westlich(er)er Prägeorte steht analog al-maġrib, „der Westen“ oder aber, auf Bagdader Dinaren, al-ʿIrāq, „der Irak“; offenbar kommt hier eine administrative Dreiteilung des Imperiums zum Ausdruck. Nach dem konkreten Prägeort ist als Prägejahr 203 H. (818/19) angegeben. Damals war al-Maʾmūn bereits auf dem Weg von Ḫurāsān in die Zentralprovinz Irak, wo seine Entscheidung, einen ʿAliden anstelle eines ʿAbbāsiden zum Nachfolger zu bestimmen, für große Empörung gesorgt hatte. Aus einer Erhebung war in Bagdad sogar ein Gegenkalif hervorvorgegangen, was nun ein persönliches Eingreifen – sowie offenbar politisches Umdenken – al-Maʾmūns erforderte. Unterwegs verlor jedenfalls 202 H. (Febr. 818) erst Ḏū ʼr-Riʾāsatain sein Leben, welchen man für politische Fehlentscheidungen verantwortlich machte und dessen Nennung auf unserer Münze somit gar nicht mehr aktuell war. 203 H. verstarb dann nahe Ṭūs zudem ʿAlī ar-Riḍā, womit sich dessen Thronfolge passenderweise schnell wieder erledigt hatte. Gleichwohl wird auch er auf einigen Münzen noch bis 205 H. posthum genannt; sein Grab entwickelte sich zum heutigen Pilgerzentrum Mašhad („Märtyrerschrein“).

Al-Maʾmūn, bei dessen triumphalen Einzug in Bagdad das dortige Gegenkalifat bereits zusammengebrochen war (204 H./819), steht nicht nur im Verdacht, hinter der Ermordung des (zu) mächtigen Ḏū ʼr-Riʾāsatain zu stecken, Schiiten werfen dem ʿAbbāside außerdem vor, ihren Imam, den walī ʼl-ʿahd, vergiftet zu haben. Daher wird auch dieser Kalif von ihnen bis heute verflucht, obwohl al-Maʾmūn anscheinend tatsächlich geplant hatte, die beiden hāšimidischen Linien der ʿAbbāsiden und ʿAliden zu einen. Interessanterweise war ʿAlī ibn Mūsā (ebenso wie sein Sohn Muḥammad, der 9. Imam) 817 in Marv obendrein mit einer Tochter des Kalifen verheiratet worden, wobei aber unklar ist, welche Überlegungen es hinsichtlich der einstigen Nachfolge eines Imam-Kalifen ʿAlī ar-Riḍā gegeben hatte. Fest steht, dass es zu keiner Versöhnung in der verzweigten Prophetenfamilie kam: Die drei Imame, die auf den 8. folgten und in deren wachsender Anhängerschaft die ʿAbbāsiden eine Gefahr sahen, verstarben allesamt in Gefangenschaft am Kalifenhof. Für jene Schiiten, welche meinten, der 11. Imam habe bei seinem Tod 873/74 einen Sohn namens Muḥammad hinterlassen, war daher klar, dass der ʿAlide sein Kind geheim gehalten hatte und dass der 12. Imam vorerst versteckt bleiben musste, um vor den Kalifen sicher zu sein. Bis zu Muḥammads nach wie vor ausstehendem Hervortreten aus dieser Verborgenheit, sind es im Iran seit Februar 1979 schiitische Geistliche, die ihn als Staatsoberhaupt vertreten.

SH

MdM Januar 2019

 

Der erste Monat des Jahres bietet Gelegenheit, der ersten islamischen Dynastie zu gedenken, jener der Umayyaden. Etwa ein Jahrhundert hatte die Herrschaft dieser arabischen Familie über das unlängst errichtete Kalifenreich gedauert, als es im Januar 750 an den Ufern des Großen Zāb (eines Tigris-Nebenflusses in Kurdistan) zu einer Schlacht kam, die für den Umayyaden Marwān II. – genannt „der Esel“, wohl weil das 100. Jahr einer Dynastie (nach Sure 2, Vers 259) als „Eselsjahr“ bezeichnet wurde – in einer folgenschweren Niederlage endete. Den Sieg trug damals jenes Heer davon, welches unter schwarzen Bannern unaufhaltsam aus Richtung Osten vorgerückt war und für den Kalifatsanspruch des Hauses ʿAbbās kämpfte, also für die Nachkommenschaft eines Onkels des Propheten Muḥammad. Zwar gelang es Marwān (dessen Residenz das nordmesopotamische Ḥarrān war) vom winterlichen Schlachtfeld nach Syrien zu entkommen, doch sollte mit ihm die Umayyaden-Herrschaft im Nahen Osten enden: Ein halbes Jahr später wurde er von seinen Verfolgern am Nil (wahrscheinlich unweit der Fayyūm-Oase) getötet; zuletzt ließ man angeblich eine Katze die Zunge aus seinem abgetrennten Kopf fressen. Das Kalifenreich gehörte nunmehr den ʿAbbāsiden, deren blutige Machtübernahme nicht viele Umayyaden überlebten – die Chroniken berichten von systematischen Massakern. Auch die Flucht von Marwāns Söhnen ʿAbdallāh und ʿUbaidallāh nach Abessinien nahm kein gutes Ende, wohingegen es einem anderen jungen Mitglied der gestürzten Dynastie namens ʿAbd ar-Raḥmān glückte, sich bis ins heutige Marokko durchzuschlagen, der Heimat seiner berberischen Mutter Rāh. 755 schaffte es dieser Enkel des Kalifen Hišām sogar, nach Europa überzusetzen und die Kontrolle über die Randprovinz al-Andalus zu gewinnen, den muslimisch beherrschten Teil der Iberischen Halbinsel mit der Hauptstadt Córdoba (Qurṭuba). Hier, im äußersten Westen der islamischen Welt, etablierte ʿAbd ar-Raḥmān (ad-dāḫil, „der Einwanderer“; gest. 788) in der Folge eine neue Umayyadenherrschaft, ein Emirat, das zwar in Unabhängigkeit vom Bagdader ʿAbbāsiden-Kalifat Bestand hatte, dessen Herrscher dem Weltreich ihrer Vorfahren mit dem Kernland Syrien aber nur noch in Erinnerungen und Erzählungen nachhängen konnten. Auch in der Münzprägung hielt man in Córdoba noch lange am traditionellen Design der umayyadischen Reichsmünzen fest, indem die Dirhams ʿAbd ar-Raḥmāns I. (ab 762/63) und der folgenden Emire anonym blieben und im Rev.-Feld weiterhin die 112. Koransure zeigten.

Mit einem einfachen Emirat sollten sich die Umayyaden von al-Andalus allerdings nicht für immer bescheiden. Der Mann, unter dem sich diesbezüglich – wie durch die Münze des Monats dokumentiert – eine Wende vollzog und die Herrschaft der Dynastie abermals in eine neue Phase überging, hatte das Licht der Welt im Januar 891 als Europäer erblickt und denselben Namen erhalten wie sein noch in Damaskus geborener und von dort geflüchteter Ahn, welcher einst das Umayyaden-Emirat von Córdoba begründet hatte. ʿAbd ar-Raḥmān III. regierte von 912 bis 961 und bewies seine Führungsqualitäten früh in einer Reihe erfolgreicher Dschihad-Feldzüge gegen christliche Nachbarmächte und Rebellen (im Januar 928 ergab sich ihm der letzte Sohn des Aufstandsführers ʿUmar b. Ḥafṣūn). Vor diesem Hintergrund sowie angesichts der Errichtung und Expansion des schiitischen Fāṭimiden-Kalifats in Nordafrika (Januar 910) legte er sich im Januar 929 ebenfalls die Titulatur eines Kalifen zu. Für seine Münzen – zu denen von da an auch erstmals Goldprägungen (ganze Dinare und Teilstücke) gehörten! – bedeutete dies ein Ende der traditionellen Anonymität: Anstelle der 112. Sure wird nun stets der umayyadische Herrscher genannt. So ist im Rev.-Feld unserer silbernen Münze des Monats zu lesen: al-imām an-Nāṣir / li-Dīn Allāh ʿAbd ar-Raḥmān / amīr al-muʾminīn. Neben dem kalifalen Imam-Titel und vor allem dem eines „Befehlshabers der Gläubigen“ nahm der aufstrebende Umayyade also auch noch einen Thronnamen nach Vorbild der (zu dieser Zeit an Macht verlierenden) ʿAbbāsiden an: An-Nāṣir li-Dīn Allāh bedeutet „der der Religion Gottes zum Sieg Verhelfende“.

Die arabischen Inschriften auf solchen Prägungen der spanischen Umayyaden-Kalifen sind oft nicht leicht zu lesen, was nicht zuletzt am Einsatz von Punzen bei der Stempelherstellung liegt: Die Wörter und sogar Buchstaben wurden teilweise nach dem Baukastenprinzip aus den gleichen ganzen oder halben Ringlein, Strichen usw. zusammengesetzt (wobei es nicht um Schönheit ging). Typisch sind auch die vielfältigen Ornamente oben und unten im Feld, bei denen es sich im Falle der Münze des Monats gleich zweimal (Kombination nicht bei G. C. Miles, The Coinage of the Umayyads of Spain, S. 273 f.) um eine Fleur-de-Lys handelt; während die untere eher knospenhaft anmutet, wurde die obere um zwei Ranken erweitert. Auf Prägungen, die ein Jahr jünger sind als unser Exemplar, begegnen oben allerlei unsymmetrisch wuchernde Arabesken, woraufhin noch ein Jahr später Sterne dominieren (s. Miles, op. cit., S. 276 f. bzw. 280).

Während die Umschrift auf der Rückseite Vers 33 aus Sure 9 enthält (wobei vor al-hudā die Präposition bi- fehlt), steht um das Glaubensbekenntnis auf der Vorderseite, wo und wann der 3,13 g schwere Dirham geschlagen wurde. Das hier (nicht ohne die übliche Ranke am Ende der Zehnerzahl) angegebene Jahr 336 H. entspricht dem Jahr 948 christlicher Rechnung und ist für die Münzprägung von besonderer Bedeutung. Denn nicht nur stand ab diesem Jahr nach einigen Experimenten schließlich die exakte Art und Weise fest, wie der Kalif auf den neuen Münzen aufzuführen war, just 336 H. ließ ʿAbd ar-Raḥmān III. zudem die Münzstätte von Córdoba in seine erst neu erbaute Palaststadt (inkl. Quecksilberbrunnen) wenige Kilometer westlich der bisherigen Residenz verlegen. Als Prägeort ist auf dem Dirham daher erstmals nicht mehr al-Andalus zu lesen, sondern Madīnat az-Zahrāʾ. Darauf, dass mit dem Umzug auch ein Wechsel in der Leitung der Münzstätte einherging, könnte der Name Muḥammad unterhalb des Glaubensbekenntnisses deuten. An dieser Stelle oder anderswo im Feld weisen Prägungen der Umayyaden von al-Andalus regelmäßig Namen von Personen auf, die sich zum Großteil nicht sicher identifizieren lassen, bei denen es sich aber in erster Linie um Münzmeister (ṣāḥib as-sikka) handeln mag. Vor Muḥammad (s. Miles, op. cit., S. 76 f.) war noch auf den letzten Dirhams aus Córdoba – wohin die Hauptmünzstätte 365 H. zurückverlegt werden sollte – ein Herr namens ʿAbdallāh angegeben.

Jedenfalls zeugt die Münze des Monats von wichtigen Entwicklungen in der – nicht etwa anno 750 endenden – Geschichte der Umayyaden, darunter von deren Comeback als „Befehlshaber der Gläubigen“ (in Konkurrenz zu anderen Kalifaten). Unter ʿAbd ar-Raḥmān III. erreichte die Herrschaft der Dynastie auf der Iberischen Halbinsel ihre höchste Blüte; genau 200 H.-Jahre vor dem Umzug in die hierfür repräsentativen Prachtbauten von Madīnat az-Zahrāʾ hatte sich ʿAbd ar-Raḥmān I. noch auf seiner Flucht ins Ungewisse befunden.

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MdM Dezember 2018

 

Passend zur Weihnachtszeit ein christliches Motiv – auf einer islamischen Münze; auch das gibt es. Der Avers zeigt Jesus in einem frontalen Brustbild als Pantokrator („Allherrscher“), mit einem Evangelienbuch in seiner Linken und einem (auf unserem Stück durch Punkte konturierten) Nimbus, welcher ein Kreuz enthält. Was die 6,84 g schwere Kupferprägung islamisch macht, ist der muslimische Münzherr aus der türkischen Artuqiden-Dynastie. Deren Gründer war ein Emir im Dienste der Selǧuqen-Sultane gewesen und als Statthalter von Jerusalem ebenda verstorben, woraufhin sich seine Söhne Anfang des 12. Jh. die Herrschaft über Teile Nordmesopotamiens/Ostanatoliens sichern konnten. Hier, ganz am Rand des großselǧuqischen Reiches, regierten die Artuqiden recht autonom in direkter Nachbarschaft zur christlichen Kreuzfahrer-Grafschaft Edessa und bald auch zu anderen islamisch-türkischen Dynastien wie den Dānišmandiden und Zangiden. Noch waren die Türken auf dem Gebiet der heutigen Türkei relativ neu. Der unverkennbar türkische Name des Machthabers, welcher die Münze des Monats prägen ließ, bedeutet „schwarzer Löwe“ und findet sich in der untersten Zeile der – stilistisch recht wilden – arabischen Inschrift auf dem Revers. Dort heißt es: ḍuriba hāḏā / d-dirham fī ayyām / Faḫr ad-Dīn / Qara-Arslan / [(rechts:) b. Dāʾūd] / (links:) b. Sökmen / (ganz oben:) b. Artuq, zu Deutsch: „Es wurde geschlagen dieser / Dirham in den Tagen / des Faḫr ad-Dīn / Qara-Arslan / b. Dāʾūd / b. Sökmen / b. Artuq“. Die Abstammung des Münzherrn mit dem islamischen Ehrennamen „Stolz der Religion“ wird hier also über drei Generationen bis zu besagtem Gründer und Namensgeber der Dynastie angegeben. Die Formulierung „in den Tagen“ ist an dieser Stelle eher ungewöhnlich und gab bereits Anlass zur Vermutung, der Münztyp könnte nicht direkt unter Qara-Arslan, sondern anderswo von einem Gouverneur dieses Artuqiden geprägt worden sein, doch besteht im Grunde keine Notwendigkeit zu so einer Interpretation.

Während sein Onkel 2. Grades namens Temür-Taš b. Il-Ġāzī b. Artuq 1122–1154 in Mārdīn (sowie ab 1118 Maiyāfāriqīn, heute: Silvan) regierte – die Dynastie teilte sich in zwei Hauptlinien –, herrschte Qara-Arslan 1144–1167 über Ḥiṣn Kaifā (sowie Ḫartpert, heute: Harput). Der Prägeort der Münze ist zwar ebenso wenig angegeben wie das Prägejahr, doch darf wohl die Hauptstadt angenommen werden, also das heutige (leider durch ein Staudammprojekt bedrohte) Hasankeyf am oberen Tigris. Interessant ist, dass solche großen Kupfer-Prägungen als Dirhams bezeichnet wurden; sonst waren es ja eigentlich Münzen aus Silber, die so hießen. In den Chroniken wird sogar erwähnt, wie 1122/23 eine Kupfermine auf artuqidischem Territorium entdeckt wurde und Temür-Taš 1147/48 Münzen prägen ließ, nachdem einer der Chronisten selbst hierfür das Kupfer besorgt hatte. Da Æ-Münzen nach islamischen Recht eigentlich kein richtiges Geld waren, galten für sie meist weniger strenge Regeln. So sind bildliche Darstellungen gerade für die artuqidische Münzprägung nicht etwa selten, sondern typisch: Auf den bei Sammlern beliebten Kupfer-Dirhams dieser Dynastie entfalten sich ganze Bilderwelten, wobei Vorlagen aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen erkennbar sind – christliche Motive machen hier nur den Anfang. Bald finden sich Darstellungen, welche auf hellenistische, römische und sāsānidische Vorlagen zurückgehen. Bei manchen der reizvollen Bilder handelt es sich wahrscheinlich um Astralallegorien (s. vor allem W. Spengler/ W. Sayles, Turkoman Figural Bronze Coins, Bd. I, passim) und zeitgenössische Herrscherportraits, doch geben viele der Motive nach wie vor Rätsel auf, zumal Vorbilder kreativ verändert und auch ganz eigene Kompositionen gefunden wurden.

Im Falle antiker Vorlagen stellt sich natürlich die Frage, was die Menschen im 12. Jh. eigentlich (noch) darin sahen und damit verbanden. Während von einem richtigen Verständnis der Originale eher nicht auszugehen ist, kann man sich gut vorstellen, dass der – übrigens auch in der Architektur zu beobachtende – klassizistische Stil für die neuen türkischen Machthaber nicht zuletzt eine Sache des höfischen Geschmacks und der Mode war: In ihren Augen waren die Zeugnisse der griechisch-römischen Vergangenheit wohl faszinierend exotisch und so zeigten sie ein besonderes (ästhetisches) Interesse an antiken sowie christlichen Darstellungen und Formen – gewillt, sich selbst in diese regionale Tradition zu stellen. Ebenso wie andere Artuqiden förderte Qara-Arslan an seinem Hof Gelehrte und Literaten; man kann auf eine gebildete und aufgeschlossene Herrscherpersönlichkeit schließen.

Die Adaption christlicher Motive gleich zu Beginn der artuqidischen Münzprägung dürfte sich noch insbesondere dadurch erklären lassen, dass man sich bei der Gestaltung des neuen, eigenen Geldes – das ja auch akzeptiert werden sollte – zunächst an jenen Münzen orientierte, welche in der Region bereits kursierten und der mehrheitlich christlichen Bevölkerung (!) vertraut waren. Diese Münzen stammten aus dem byzantinischen Reich und tatsächlich lassen sich unter den großformatigen, anonymen folles Typen identifizieren, deren Christus-Pantokrator-Darstellung jener auf den artuqidischen Dirhams sehr ähnlich ist (s. etwa E. Whelan, The Public Figure, S. 161 f.). Wohlgemerkt gab es außer Qara-Arslan noch weitere muslimische Machthaber der Region, welche solche byzantinischen folles nicht nur mit Gegenstempeln versahen, sondern die christlichen Motive für frühe eigene Münzen übernahmen. Beispielsweise findet sich die Christusbüste mit Kreuznimbus ebenso auf den ersten Prägungen der Dānišmandiden sowie auf einer Münze des Artuqiden Šīr-Bārīk (Maudūd b. ʿAlī b. Alp-Yaruq b. Artuq), welcher erst Temür-Taš und später Qara-Arslan diente.

Obwohl man am artuqidischen Hof durchaus in der Lage war, byzantinische Vorbilder sowie griechische oder auch lateinische Inschriften korrekt nachzuempfinden, handelt es sich bei Dirhams wie der Münze des Monats wohlgemerkt um keine genauen Nachahmungen der Originale. Während einige Exemplare dieses Typs stilistisch nah am Vorbild bleiben, zeigen andere gewisse Freiheiten und Merkwürdigkeiten. So mutet die Christus-Darstellung in unserem Fall teilweise etwas eigenartig an (Gestaltung der Haare) und die „Schrift“ zu beiden Seiten des Nimbus stellt mitnichten einen Versuch dar, das +EMMANOVHΛ auf manchen byzantinischen Prägungen wiederzugeben. Stattdessen verteilen sich links dieselben Buchstaben wie rechts, indem so gut wie alle einfach sinnlos gespiegelt wurden; selbst die Abkürzung IC / XC (für Jesus Christus; normalerweise direkt über den Schultern) ist hier somit nicht zu lesen und wieder kann man fragen, inwieweit die Abwandlungen bewusst zu einem bestimmten Zweck erfolgten. Die Ikonographie artuqidischer Münzen bleibt ein herausforderndes und überaus spannendes Gebiet der islamischen Numismatik.

SH

MdM November 2018

 

Dem November erging es 2002 im international relativ isolierten Turkmenistan nicht anders als allen anderen Monaten und den Wochentagen: Er wurde vom Präsidenten (auf Lebenszeit) Saparmyrat Nyýazow per Gesetz umbenannt. Machthaber eines bestimmten Schlages sowie Anführer von Revolutionen gehen in ihrem Eifer ja mitunter gerne so weit, irgendwann sogar die Zeitrechnung im Sinne ihrer neuen Ideologie (sowie des Kultes um ihre Person) kreativ anzupassen; beispielsweise führte auch Muʿammar al-Gaddafi eine verwirrende Kalenderreform inkl. Umbenennung sämtlicher Monate durch. Während der November in Libyen danach al-Ḥarth („das Pflügen“) hieß, entschied sich „der große Türkmenbaşy“ Nyýazow dafür, den vorletzten Monat Sanjar zu nennen, zu Ehren des gleichnamigen Selǧuqen-Sultans (Sanǧar, sprich: Sandschar). Dieser im November 1086 geborene Sohn Sultan Malik-Šāhs I. gilt (nicht zu Unrecht) als letzter Großselǧuqe – als letzter Vertreter der Dynastie, welcher noch auf imperialer Ebene in Ost und West anerkannt wurde –, doch ergibt sich seine spezielle Bedeutung für Turkmenistan insbesondere daraus, dass Sanǧars Hauptstadt Marv (Mary) heute auf dem Territorium dieses postsowjetischen Wüstenstaates liegt und das hier noch immer stehende Mausoleum des 1157 verstorbenen Sultans zu den Wahrzeichen des Landes gehört. Auf Sanǧar wurde und wird von Seiten der Regierung in Aschgabat dementsprechend häufig Bezug genommen; seit 2009 findet sich etwa ein Phantasiebildnis des Selǧuqen auf dem turkmenischen 5-Manat-Schein.

Die FINT-Münze des Monats ist nun ein direktes Zeugnis für die unruhigen Anfänge der außerordentlich langen Herrschaft des letzten Großselǧuqen in Ḫurāsān. Geprägt wurde der 3,41 g schwere Dinar im Jahre 493 H. (1099/1100) nicht weit entfernt von der modernen turkmenischen Hauptstadt in Nīšāpūr (s. Av.-Umschrift). Es handelt sich also um einen dīnār nīšāpūrī und damit nicht um irgendeine Goldmünze. Während nämlich Dinare aus anderen östlichen Münzstätten wie Marv, Balḫ, Herāt oder Ġazna im 11. und 12. Jh. nicht selten kaum noch Gold enthielten, d. h. hauptsächlich aus Silber bestanden, und nur als Lokal- oder Regionalwährung akzeptiert wurden, waren die Goldprägungen aus Nīšāpūr weithin für ihre Reinheit bekannt und deshalb die bevorzugte Währung des transregionalen Handels, nicht nur in Iran und Mittelasien. Bei ihnen konnte man sich darauf verlassen, dass sie dauerhaft einen stabilen, sehr hohen Feingehalt aufwiesen, und so bezog man sich auf sie auch zur Wertangabe, z. B. seitens des Staates, wenn es um Lehen oder Tribute ging. Diese herausragende Stellung war bereits den Nīšāpūrer Dinaren der Sāmāniden (10. Jh.) und Ġaznaviden zugekommen und die Errichtung des Selǧuqen-Reiches hatte hieran nichts geändert. So lesen wir vom dīnār nīšāpūrī in den Quellen etwa, wenn 1122 angeblich 1 Million davon investiert werden, um sich unter Sanǧar das Amt des Wesirs zu erkaufen, oder wenn Sanǧar einem Emir ein Lehen in Māzandarān zuweist, dessen Wert urkundlich mit 30 000 Dinaren der Sorte aus Nīšāpūr beziffert wird.

Wie Nāṣir-i Ḫusrau feststellte, als er auf seiner Reise von Mekka nach Baṣra 1051 in Falaǧ Station machte, gehörte beispielsweise sogar die Yamāma im heutigen Saudi-Arabien zu den Gebieten, in denen man allgemein mit dem dīnār nīšāpūrī zahlte (welcher al-Bīrūnī zufolge zudem die Währung des Perlen-Handels war). Seit die einheimischen Prägungen nicht mehr hoch im Kurs standen, hatte man auch im būyidischen Irak schon verbreitet nach Nīšāpūrī-Dinaren gerechnet, doch war hierhin gleich noch eine zweite überregional beliebte, da zuverlässig guthaltige Gold-Währung vorgedrungen: der dīnār maġribī der Fāṭimiden. Diese Münze war gewissermaßen das westliche Pendant zum dīnār nīšāpūrī, wurde vom sunnitischen ʿAbbāsiden-Kalifen in Bagdad allerdings ungern gesehen, da sie natürlich Namen und Slogans des schiitischen Erzfeindes in Kairo trug. Al-Qāʾim erließ daher 1035 ein Verbot der Erwähnung solcher maġribinischen Dinare in Kaufverträgen und anderen Dokumenten, was sich letztlich zwar nicht völlig durchgesetzt haben, doch der Dominanz der Nīšāpūrer Goldmünzen zuträglich gewesen sein mag – auf denen ja unter sāmānidischer, ġaznavidischer sowie selǧuqischer Herrschaft immer ordnungsgemäß der ʿabbāsidische Kalif genannt wurde. Letzteres gilt also auch für unsere Münze des Monats. Hier ist es al-Mustaẓhir bi-llāh (reg. 1094–1118), dessen Name mit dem Imam-Titel (nach dem Glaubensbekenntnis) unten im Rev.-Feld steht. Platz 2 in der auf dem Dinar dokumentierten Herrscherhierarchie nimmt nun allerdings noch nicht Sanǧar ein, da dieser damals noch gar kein Sultan war, sondern in Ḫurāsān nur als untergeordneter Vizekönig (malik) regierte. Hierzu hatte ihn 1097 sein Bruder Berkyaruq (reg. 1092–1105) ernannt, den der junge Prinz Sanǧar daraufhin als Sultan anerkannte, auch auf seinen Münzen. Dies änderte sich jedoch 1099/1100. Wie unser Dinar belegt, unterstütze Sanǧar jetzt offen den Sultanatsanspruch eines anderen Bruders namens Muḥammad Tapar, was bedeutet, dass er selbigen ab 493 H. anstelle Berkyaruqs über sich auf allen Münzen aufführen ließ und im mehrjährigen, wechselhaften Krieg zwischen den Brüdern für Muḥammad kämpfte. So lesen wir auf dem Av. (unter li-llāh): as-sulṭān al-muʿaẓẓam / Ġiyāṯ ad-Dunyā wa-d-Dīn / Abū Šuǧāʿ Muḥammad („der hochverehrte Sultan, Beistand der Welt und der Religion, Vater der Tapferkeit Muḥammad“). Neu ist zudem, dass die zweite, äußere Av.-Umschrift (Koran, 30:4–5) weggelassen und der Satz „Muḥammad ist der Gesandte Gottes“ vom Rev. auf das Av. verschoben wurde.

Sanǧar selbst ist auf dem Dinar direkt nach dem Sultan auf Platz 3 genannt (unten im Av.-Feld). Ehe er sich 1118 seinerseits zum obersten Herrscher des Selǧuqenreiches aufschwang, blieb er noch bis zu Muḥammads Tod dessen Vizekönig; entsprechend lautet sein Titel auf der Münze al-malik al-muẓaffar („der siegreiche König“). Normalerweise sind nun auf Prägungen Sanǧars aus Ḫurāsān keine weiteren, untergeordneten Personen aufgeführt, auch die mächtigsten Emir-Gouverneure nicht. Es muss daher erstaunen, dass wir (einzig) auf unserem Dinar rechts und links im Av.-Feld noch amīr / Ismāʿīl lesen. Wer war jener Emir und warum wurde er in diesem einen Jahr auf Nīšāpūrer Münzen genannt? Im SNAT-Bd. XIVa, wo das Stück von Atef Mansour Ramadan 2012 publiziert worden ist (s. S. 68 f., Nr. 664), wurde diese Frage nicht beantwortet und leider bleiben die Hintergründe auch weitgehend im Unklaren. Wahrscheinlich hängt die Nennung mit einer nicht überlieferten Entwicklung in besagtem Bruderkrieg zusammen, der im Prägejahr der Münze des Monats auch weit im Osten ausgetragen wurde. Entscheidend war hier die Schlacht bei Naušaǧān, in der Sanǧar über Berkyaruq und dessen mächtigen Oberemir Ḥabašī ibn Altun-Taq siegte. Letzterer hatte bis dahin auch große Teile Ḫurāsāns kontrolliert, die nun dauerhaft an den jungen malik fielen. Berkyaruq war damals in Nīšāpūr gewesen, während Ḥabašī u. a. 5000 Ismāʿīliten für den Kampf gegen Sanǧar gewann. Vermutlich stammten diese schiitischen Truppen aus Quhistān, wo für diese Zeit ein Emir namens Ismāʿīl belegt ist: Ḥusām ad-Dīn Abū l-Muẓaffar Ismāʿīl ibn Muḥammad Gīlakī. Dass dieser als Verbündeter in Frage kam, legen Lobgedichte nahe, die Muʿizzī und Ǧabalī – Hofpoeten der Selǧuqen – auf ihn verfassten; außerdem soll ein Emir Sanǧars den Gīlakī-Herrscher (auf Anordnung von oben) später einmal in Nīšāpūr willkommen geheißen haben. 494 H. hatte Sanǧar die Quhistān-Ismāʿīliten andererseits bekämpfen lassen und überhaupt wäre eher nicht anzunehmen, dass er und Muḥammad auf einer Münze gleichzeitig mit einem Alliierten Ḥabašīs anerkannt wurden. Wie dem auch sei, der Emir Ismāʿīl von Quhistān dürfte in diesen Auseinandersetzungen eine Rolle gespielt haben, weshalb es sein kann, dass seine Macht 493 H. kurzzeitig bis nach Nīšāpūr reichte.

Saparmyrat Nyýazows Macht in Turkmenistan endete übrigens 2006 mit dem Tod des Türkmenbaşy; unter dem nachfolgenden Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow, Nyýazows Leibzahnarzt, wurde die Umbenennung der Monate und Wochentage 2008 wieder rückgängig gemacht.

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MdM Oktober 2018

 

Oktober 2018. Vor exakt 1000 Jahren (gemäß unserer Zeitrechnung) schrieb man in der islamischen Welt das Jahr 409 nach der Hidschra und aus ebendiesem Jahr stammt die erste „Münze des Monats“ aus der Sammlung der Forschungsstelle für islamische Numismatik Tübingen. Es handelt sich um einen Dirham mit einem Gewicht von 3,05 g. Geschlagen wurde die (im Gegensatz zu vielen anderen Prägungen der Zeit) guthaltige Silbermünze unter der Herrschaft des Būyiden Sulṭān ad-Daula (reg. 1012–1024) in dessen iranischer Residenz Šīrāz.

Vom Prägeort sind nur noch die drei letzten Buchstaben deutlich zu erkennen, doch selbst wenn diese Stelle gänzlich unleserlich wäre, ließe allein schon das außergewöhnlich künstlerisch-ansprechende Design auf die Hauptstadt der Provinz Fārs schließen. Hier entstand nämlich eine ganze Reihe būyidischer Münztypen, die durch eine ähnlich innovative Gestaltung und Ästhetik auffallen; vielleicht sollte das anspruchsvollere Layout die Dirhams auch fälschungssicherer machen.

Dem etwa gleichzeitig arbeitenden Stempelschneider im kakūyidischen Iṣfahān, einem gewissen Muḥammad, dienten die kleinen Kunstwerke aus Šīrāz offenbar als direktes Vorbild (L. Treadwell, Craftsmen and coins, S. 88). Während Muḥammad dank von ihm signierter Stempel namentlich bekannt ist, bleibt der Meister in Fārs so wie die meisten seiner Kollegen anonym.

Zwar sind es insbesondere die Dirhams des Būyiden Abū Kālīǧār (reg. 1024–1048), in denen hinsichtlich Kreativität und künstlerischem Raffinement ein Höhepunkt gesehen werden kann – zu bewundern sind spektakuläre Blütenformen, Achtorte und rankige Wellenlinien –, doch brachte die Suche nach neuen, komplexeren Designs in der būyidischen Münzprägung von Šīrāz unzweifelhaft schon zuvor sehr reizvolle Typen hervor (wenngleich die vollendete Eleganz qaraḫanidischer Prägungen unerreicht blieb). Nachdem die Serie eher konventionell gelayouteter Münzen bereits durch Prägungen ʿAḍud ad-Daulas unterbrochen worden war, auf denen ein doppeltes Hexagon das Inschriftenarrangement bestimmte, fällt das eigentliche Erblühen solcher Spezial-Designs in die ersten Jahre des 5. Jh. H. Noch unter Bahāʾ ad-Daula (reg. 989–1012) waren in Fārs erste Dirhams mit ausschließlich konzentrischen Kreisinschriften geschlagen worden (fast gleichzeitig fand der nasḫī-Duktus Verwendung), woraufhin unter Sulṭān ad-Daula, Abū Kālīǧārs Vater, bald mit kleinen Medaillons gearbeitet wurde oder eben – so wie auf unserem Tübinger Exemplar – mit wie aufgespannt wirkenden Feldern in Form regelmäßiger Hexagone, deren Seiten konkav sind und so eine Art Stern ergeben. Dabei setzen die effektvoll geperlten Bogenlinien bei 2, 4, 6, 8, 10 und 12 Uhr an einem durchgehenden Ring an, welchen auf dem Av. wie Rev. je eine Umschrift und zuletzt noch ein äußerer Perlkreis umläuft. Die zwischen den Bögen und dem Ring entstandenen sechs mandelförmigen Kartuschen wurden nur auf dem Av. allesamt mit Schrift befüllt – auf dem Rev. ließ man beachtenswerter Weise die linke und die rechte frei, was zur Leichtigkeit des gesamten Designs beiträgt.

Sulṭān ad-Daula trägt auf seiner Münze von 409 H. (1018/19) nicht nur einen Ehrennamen. Sein daula-laqab ist lediglich einer von vieren, die auf dem Av. zu lesen sind, und findet sich zusammen mit ʿIzz al-Milla („Macht der Glaubensgemeinschaft“) und Muġīṯ al-Umma („Helfer der Gemeinde“) innerhalb der kleinen Kartuschen, welche das zentrale Feld umgeben. Noch innerhalb des Feldes und damit an prominenterer Stelle steht unter dem Glaubensbekenntnis (Zl. 1–2) und gefolgt von der kunya Abū Šuǧāʿ („Vater der Tapferkeit“) jener Ehrenname, welcher erwartbar der höchstrangige ist: ʿImād ad-Dīn („Stütze der Religion“). Dieser ist zusätzlich dadurch hervorgehoben, dass er zusammen mit der kunya in einer anderen, kursiven Schriftart erscheint, gekennzeichnet durch zwei Ligaturen (ʿain-mīm und šīn­-ǧīm). In kalligraphischer Hinsicht ist auch die floral verzierte Form des ʿain in der Hunderterzahl der Jahresangabe (Av.-Umschrift) bemerkenswert.

Sulṭān ad-Daula war seinem Vater Bahāʾ ad-Daula zwar als oberster König des būyidischen Herrschaftsverbandes auf den Thron gefolgt, schaffte es aber nicht, sich innerhalb der verzweigten Familie gegen Rivalen durchzusetzen (s. H. Busse, Chalif und Grosskönig, S. 91 ff.). 1017, also erst etwa ein Jahr bevor unser Dirham in Šīrāz geprägt wurde, hatte Sulṭān ad-Daula diese so wichtige Stadt zurückerobern müssen, nachdem Fārs von seinem Bruder Qiwām ad-Daula, dem Herrn der östlichen Nachbarprovinz Kirmān, mit ġaznavidischer Unterstützung besetzt worden war. Zur Zeit dieses Übergriffs war Sulṭān ad-Daula gerade in Mesopotamien gewesen, wohin er nach der erfolgreichen Zurückdrängung Qiwām ad-Daulas (408 H.) zunächst zurückkehrte. Nichtsdestotrotz ging ihm das Zweistromland mit der Kalifenmetropole Bagdad Anfang der 1020er Jahre – anders als seine Kernprovinz Fārs – dauerhaft an einen weiteren Bruder namens Mušarrif ad-Daula verloren, welcher ihm zuletzt nicht einmal die Würde ließ, noch formell als Dynastieoberhaupt anerkannt zu werden.

Außer dem Bagdader ʿAbbāsiden-Kalifen al-Qādir bi-llāh (reg. 991–1031) – der Name findet sich nach der Propheten-Eulogie in der untersten Rev.-Zeile – lässt Sulṭān ad-Daula auf seiner Münze (über die Kartuschen bei 1, 11, 5 und 7 Uhr verteilt) auch noch al-Ġālib bi-llāh nennen. Bei dieser Person handelt es sich um al-Qādirs Sohn Abu l-Faḍl, welcher bereits im Februar 1001 achtjährig dazu bestimmt worden war, seinem Vater dereinst als Kalif nachzufolgen. Entsprechend ist der ʿabbāsidische Prinz auf dem Dirham als „sein“, d. h. al-Qādirs, „walī-ʿahd“ bezeichnet, also mit dem Titel eines designierten Thronerben.

Der Grund für die frühzeitige, in Bagdad öffentlich vor Würdenträgern und Mekka-Pilgern aus dem Osten der islamischen Welt verkündete Festlegung eines rechtmäßigen Nachfolgers war damals das Auftreten eines falschen kalifalen walī-ʿahd in Transoxanien gewesen. Genauer gesagt, hatte sich der dortige Herrscher aus der Dynastie der Qaraḫaniden durch ein fingiertes Ernennungsschreiben für seinen Günstling al-Wāṯiqī (einen Nachfahren des Kalifen al-Wāṯiq) davon überzeugen lassen, ebendiesen Mann sogar in der Freitagspredigt als al-Qādirs Thronfolger nennen zu lassen – was am Tigris freilich auf großes Missfallen stieß und eine rasche Klarstellung erforderte. So wurde die Meldung von al-Ġālibs Designation schriftlich in alle Provinzen übermittelt und die Nennung des (echten) Kronprinzen in der Freitagspredigt angeordnet, womit der būyidisch kontrollierte Kalif nicht zuletzt ein gewisses Maß an politischer Handlungsfähigkeit zeigte. Allerdings brauchte es interessanterweise erst Sulṭān ad-Daula, ehe auf Bagdader oder eben Šīrāzer Münzen tatsächlich auch al-Ġālibs Name zu lesen ist; Bahāʾ ad-Daula hatte sich zuvor offenbar geweigert, den ʿabbāsidischen walī-ʿahd auf diese Weise offiziell anzuerkennen (E. Hanne, Putting the Caliph in His Place, S. 67).

Nun war es al-Ġālib bi-llāh jedoch nicht vergönnt, seinen Vater zu überleben – als Todesjahr dieses Kronprinzen ist das Prägejahr unseres Dirhams das letzte, in welchem al-Qādirs designierter Thronfolger auf Münzen aufgeführt wurde.

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