Fachbereich Chemie

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16.07.2026

Prof. Dr. Günther Jung verstorben

Ein Nachruf von Martin Winter, Roderich Süßmuth, Karl-Heinz Wiesmüller und Renate Spohn

Ein Tübinger Chemiker, dem die Welt viel zu verdanken hat

Der Tübinger Chemiker Günther Jung ist mit 88 Jahren gestorben. In seinen Laboren wurde Wissenschaftsgeschichte geschrieben.

Das Lebenswerk von Günther Jung wurde auf besondere Weise deutlich, als sich 2017 anlässlich seines 80. Geburtstags ehemalige Doktorandinnen und Doktoranden, Post-Docs, internationale Kollegen und Freunde zu einem großen Symposium auf der Morgenstelle trafen. Fast alle Ehemaligen des Arbeitskreises waren dabei. Sie zeigten, wie sich die wissenschaftlichen Impulse ihres Doktorvaters weiterentwickelten – und wie sie die Welt verändern. Und beim anschließenden Fest in der Rosenau fühlten sich viele an die legendären Weihnachtsfeiern auf dem Österberg erinnert.

Günther Jung wurde 1937 in Tübingen geboren und blieb der Universitätsstadt zeitlebens verbunden. Zwar zog es ihn nach der Promotion bei Ernst Bayer für einige Jahre nach Houston in Texas, doch die Heimatstadt gab er nie auf. 1978 wurde er hier Professor, 1997 Ordinarius. Was in den Jahrzehnten dazwischen und danach in seinen Laboren geschah, hat die Chemie an der Grenze zu Biologie und Medizin nachhaltig verändert.

Jung war einer, der Fragen früher stellte als andere. Seine Arbeitsgruppe entschlüsselte die Struktur von Naturstoffen, klärte auf, wie das Immunsystem Peptide erkennt, und entwickelte Methoden, mit denen sich Tausende von neuen chemischen Verbindungen gleichzeitig herstellen lassen. Zeitweise pilgerten Medizinalchemiker aus ganz Europa nach Tübingen, um bei ihm zu lernen. Seinem Weitblick war es zu verdanken, dass das erste Massenspektrometer seiner Art in Westeuropa nach Tübingen kam, ein Gerät, das den Forschungsstandort weit über die Universität hinaus stärkte.

Am bekanntesten aber wurde eine Entdeckung, die heute fast jeder kennt. Sein Doktorand Ingmar Hoerr wies experimentell nach, dass sich RNA als Arzneimittel nutzen lässt und fasste den Entschluss, diese Entdeckung zur Anwendung am Patienten zu bringen. Daraus entstand im Jahr 2000 das Unternehmen CureVac, ohne das es mRNA-Impfstoffe in der heutigen Form wohl nicht gäbe. Auch die Firma EMC microcollections, lange Jahre in der Weststadt ansässig, wurde 1996 von Günther Jung mitgegründet. Dass aus Grundlagenforschung etwas Nützliches werden sollte, war ihm immer ein großes Anliegen.

Günther Jungs Werkverzeichnis umfasst mehr als 700 wissenschaftliche Veröffentlichungen, darunter mehrere Monografien und, zusammen mit Professor Dr. Eberhard Breitmaier, ein Standard-Lehrbuch der Organischen Chemie. Jung baute eine der größten Arbeitsgruppen der Universität auf und brachte über 120 Doktorandinnen und Doktoranden zur Promotion, von denen viele heute selbst Professuren oder führende Positionen in der Wirtschaft innehaben. 

Bei aller internationalen Anerkennung blieb er bescheiden, ganz im Sinne schwäbischer Zurückhaltung. Weggefährten erinnern sich an einen Chef, der seinen Leuten mit Vertrauen und großer Menschlichkeit begegnete und dem der Erfolg seiner Mitarbeiter wichtiger war als der eigene.

So verbrachte Günther Jung auch gerne viel Zeit mit seiner Arbeitsgruppe, am liebsten verbunden mit sportlichen Aktivitäten. Als die Uni noch das Berghaus Iseler besaß, waren die winterlichen Oberjoch-Seminare Höhepunkte jedes Arbeitskreisjahres: vormittags Vorträge, nachmittags Skifahren mit Einkehr in der Skihütte, dann Abfahrt im Dunkeln zum Berghaus, wo nach dem Abendessen nochmal eine Vortrags-Session und lange, vergnügliche Abende bei Bier und Wein warteten.

Bis zuletzt engagierte sich Günther Jung bei der Debatte um die Zukunft seiner Stadt. Naturschutz-Themen wie die Stadtentwicklung rund um Mühlbach, Anlagensee und Europaplatz lagen ihm am Herzen – Thema zahlreicher Leserbriefe im Tagblatt. Am liebsten aber reiste er mit seiner Frau oder arbeitete in seinem Garten hoch über der Stadt, mit Blick auf Schloss und Ammertal. 

Mit Günther Jung verliert die Wissenschaft einen herausragenden Forscher, die Universität einen ihrer prägenden Köpfe und viele Menschen einen Lehrer, Mentor und Freund, dessen Werk und Beispiel lange nachwirken werden.

Martin Winter, Roderich Süßmuth, Karl-Heinz Wiesmüller, Renate Spohn