Institut für Politikwissenschaft

Veranstaltungen des Arbeitsbereichs

Am 28. Oktober 2021 fand die diesjährige MAPIR Keynote statt. Sie wurde von Stefanie Kappler, Professorin für Conflict Resolution und Peacebuilding an der Universität Durham, gehalten. Unter dem Titel "Peace & Memory - Curating the Past for the Present" beleuchtete sie, welche Rolle der Umgang mit der Vergangenheit in Gesellschaften, die einen schweren Konflikt durchlebt haben, einnimmt. Sie ging hierbei insbesondere auf das spannungsgeladene Verhältnis zwischen dem Ziel, Gesellschaften beim Wiederaufbau zu begleiten sowie zugleich Konfliktursachen zu bekämpfen, das sich in vielen Peacebuilding-Ansätzen findet, ein. Hiermit verknüpfte sie die Frage, welche Akteure in diesen Prozess des (Wieder-)Aufbaus eingebunden werden sollen und müssen und wie hierbei mit erlebtem Leid, schmerzhaften Erinnerungen und zurückbleibenden Traumata umgegangen werden soll. Stefanie Kapplers Vortrag endete mit einem klaren Plädoyer für die konsequente Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und verwies im Zuge dessen auf drei besonders wichtige Aspekte: Das Leid der Opfer muss anerkannt werden, es braucht einen offenen Umgang mit sich von einander unterscheidender Erinnerung an vergangene Ereignisse, und Frieden ist notwendigerweise immer mit Forderungen nach Gerechtigkeit verknüpft. In diesem Sinne hob Stefanie Kappler die wichtige Verbindung der akademischen Disziplinen der Memory Studies sowie der Peace and Conflict Studies hervor. Während erstere Disziplin untersucht, wie die Vergangenheit erinnert wird, bietet letztere Disziplin die komplementäre Perspektive darauf, wie diese Art und Weise der Erinnerung heutige Konflikte beeinflusst.

Am 20. Juli 2021 besuchten Ahmet Sözen, Professor für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Eastern Mediterranean University (EMU) und Constantinos Adamides, Associate Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Nikosia, das Seminar "Cyprus - A Conflict at a Crossroads", geleitet von Thomas Diez. Beide äußerten sich zum aktuellen Stand des Zypernkonflikts auf der Mikroebene sowie im Hinblick auf dessen Einbettung in den östlichen Mittelmeerraum. Ahmet Sözen betonte, dass das Scheitern der Crans-Montana-Gespräche  (2015-2017) nicht zu sehr als Wendepunkt im Zypern-Konflikt angesehen werden sollte. Was seiner Meinung nach zu beobachten ist, ist eine diskursive Verschiebung in der türkischen Außenpolitik, die sich von der Unterstützung einer bizonalen, bikommunalen Föderation (BBF) auf die Notwendigkeit einer alternativen Lösung verlagert, die aus zwei gleichermaßen souveränen Staaten Zyperns bestehen könnte. Sözen stellte jedoch in Frage, ob dies wirklich einen radikalen Wandel in der türkischen Außenpolitik darstellt oder eher als Versuch zu verstehen ist, die Verhandlungen über Zypern von einer besseren Verhandlungsposition aus zu beeinflussen.
Constantinos Adamides beschrieb die Zeit nach 2017 als eine Periode der Stagnation und betonte, dass oftmals das Ausbleiben von Rückschritten für einen Fortschritt gehalten wird. Diese Mentalität behindere jedoch die Chancen auf echten Fortschritt und lasse den Status quo als positive Entwicklung erscheinen. Adamides räumte ein, dass die offensivere, militarisierte Außenpolitik der Türkei in Kombination mit ihrem rhetorischen Drängen auf eine Zwei-Staaten-Lösung als Verhandlungsstrategie gedeutet werden könnte, mit dem Ziel eine vorteilhaftere BBF zu erreichen. Dennoch sollte nicht unterschätzt werden, dass auch eben diese Zwei-Staaten-Lösung das eigentliche Ziel der Türkei sein könnte. Die griechisch-zypriotischen und türkisch-zypriotischen Politiker werden sich wohl im Rahmen der nächsten Generalversammlung in New York erneut informell treffen. Sözen wies darauf hin, dass es sehr stark von der geopolitischen Lage der Türkei abhängen wird, ob die Parteien zu dem Schluss kommen, dass es eine gemeinsame Vision für Zypern gibt, sodass formelle Verhandlungen wieder aufgenommen werden können. Nichtsdestotrotz waren sich sowohl Sözen als auch Adamides einig, dass in absehbarer Zeit keine größere Veränderung im Zypernkonflikt zu erwarten ist.

Am 14. Juli 2021 hielt Professor Birgül Demirtaş einen Vortrag über ihr aktuelles Forschungsprojekt, welches sich der Frage widmet, ob die externen, diplomatischen Beziehungen türkischer Städte einen Rückschluss auf die nationale Außenpolitik der Türkei zulassen. Sie wies hierbei darauf hin, dass die Bedeutung von Städten nicht nur generell in der Weltpolitik zunehme, sondern auch, dass sich insbesondere die Außenbeziehungen türkischer Städte ausgeweitet hätten. Zugleich besitzt die Türkei seit 2018 ein neues politisches System, welches durch Freedom House als "nicht frei" eingestuft wird. „Local politics can include seeds of change on the national level“, argumentierte Demirtaş in diesem Zusammenhang. Inwiefern sich nationale Trends aus diesen lokalen Dynamiken ablesen lassen und welche Rolle Städtediplomatie in zentralisierten, populistischen Systemen einnehmen, wird sie in ihrem Forschungsvorhaben beleuchten.

Am 22. Juni 2021 durfte das Seminar „Cyprus – A Conflict at a Crossroads”, geleitet von Thomas Diez, mit Costas Constantinou über seine Dokumentation „The Thrid Motherland“ diskutieren. Constantinou ist Professor für Internationale Beziehungen an der University of Cyprus und produzierte 2011 gemeinsam mit Giorgos Kykkou Skordis „The Third Motherland“. Diese Dokumentation besteht zu großen Teilen aus Interviews, die der Erfahrung der maronitischen Gemeinschaft in Zypern eine Stimme geben – als dritte Partei im 1960 geschaffenen bikommunalen System Zyperns und wenig später der geteilten Insel. Somit stellt sie grundlegende Fragen in Bezug auf Identitäten, die Zugehörigkeit zu übergeordneten Gruppen, aber auch Widerstand und Exklusion.

Vergangenes Wochenende, vom 18.-20.6.2021, führten Studierende der Politikwissenschaft eine Mediationssimulation durch. Gegenstand war der Konflikt in der Ost-Ukraine. Drei Tage lang wurde diskutiert, wurden Reden gehalten, Konsens gefunden, aber auch auf roten Linien beharrt. Wie im echten Leben verhärteten sich Positionen zeitweise und es wurde auch mal emotional. Aber am Ende unterzeichneten die Delegierten ein Abkommen. Nach hitzigen Diskussionen kamen die Studierende schließlich am Sonntag zu dem Ergebnis eines Waffenstillstands in der Ostukraine, einer Verbesserung der Übergänge in die besetzten Gebiete Luhansk und Donezk und sie unterschrieben sich innerhalb der nächsten 30 Tage erneut zu Verhandlungen zu treffen. 

Die Simulation wird alle zwei Jahre am Institut für Politikwissenschaft im Rahmen des Seminars „Theories and Practices of Mediation“ veranstaltet. In dem Seminar lernen die Studierenden theoretische Grundlagen, die sie dann in der Simulation – in der Praxis – anwenden können. 
Dozentin Gabi Schlag erstellte ein Rahmenprogramm und leitete das Medienteam, doch die konkrete Ausgestaltung des Ablaufes der Verhandlungen lag in den Händen der Studierenden. Vier der Teilnehmenden waren für den Ablauf und die Moderation der Verhandlungsrunden zuständig und bildeten das fiktive UN Mediationsteam. 

Auch die anderen Teilnehmenden übernahmen fiktive Rollen -  darunter die des ukrainischen Präsidenten Selenskyj und des russischen Ministerpräsidenten Mischustin. Auch Merkel, Macron, OSZE Vertreter*innen und ostukrainische Separatistenführer waren dabei, deren Rollen von den Studierenden mit Leben gefüllt wurden. 
Simulationen ermöglichen, sich in andere Positionen hineinzuversetzen, Interessen, Bedürfnisse und Ängste von Konfliktparteien zu reflektieren und einen Konflikt in seinen verschiedenen Facetten zu verstehen. Dass gewaltsame Konflikte nicht einfach zu lösen sind und Verhandlungen eine Eigendynamik entwickeln, ist eine der wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der Simulation.
Für die Studierenden war es das erste Mal seit über einem Jahr, dass eine Lehrveranstaltung wieder in Präsenz stattfinden konnte. Unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen, getestet und in hybrider Form konnten die Studierenden endlich wieder in Persona mit Kommiliton*innen diskutieren, sich austauschen und gemeinsam lernen.

Am 10. Juni 2021 hielt Dr. E. (Lisa) Gaufman, Assistenzprofessorin für russischen Diskurs und Politik an der Universität Groningen und Alumna der Universität Tübingen, einen Vortrag über die Ukraine in der russischen Volksvorstellung. Dieser Online-Vortrag war Teil eines Seminars über Theorien und Praktiken der Mediation, in dem sich Studenten mit dem Konflikt in der Ostukraine beschäftigen, stand aber allen Studenten des Instituts offen.  
Gaufman präsentierte verschiedene Stränge, wie die Ukraine in Russland dargestellt wird - als Bruder, Schwester und Feind. Erstens sprach Gaufman über die Wahrnehmung der Ukraine als Russlands kleiner Bruder - ein Nicht-Staat ohne eigene Sprache und Geschichte. Zweitens sprach sie über die geschlechtsspezifische Wahrnehmung der Ukraine. Dies lässt sich u.a. in den sozialen Medien beobachten, wo es seit 2014 viele Kommentare gibt, die dem Narrativ folgen, die Ukraine sei eine "loose woman", die sich an die NATO und die EU verkauft. Drittens hat der Faschismus-Diskurs über die Ukraine in den russischen Medien seit 2014 zugenommen. Die Berichterstattung konzentriert sich auf Rechtsextremisten in der Ukraine und stellt eine Verbindung zum historischen Anti-Nazi-Diskurs in Russland her, wodurch ein Feindbild in Bezug auf die Ukraine perpetuiert wird. 
Im Anschluss an den Vortrag hatten die Studierenden die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Gaufman ging dann auf Themen wie Social-Media-Kanäle, die Rolle der USA und die ukrainische Identität ein. 
 
Lisa Gaufman studierte bis 2012 im MAFIP-Programm an der Universität Tübingen. 2016 schloss sie dann ihre Promotion an der Universität Tübingen ab. Der Titel ihrer Dissertation lautet "Enemies at the Gates: Threat Narratives in Putin's Russia". 
Anschließend arbeitete sie als Postdoc an der Universität Bremen, bevor sie ihre jetzige Stelle als Assistenzprofessorin für Russische Diskurse und Politik an der Universität Groningen antrat. Sie ist u.a. die Autorin von "Security Threats and Public Perception: Digital Russia and the Ukraine Crisis" (Palgrave, 2017).

Am 25. Februar 2021 hielt Ian Manners einen Vortrag über sein "Normative Power Europe"-Konzept (NPE) im Seminar "A Normative Power No More? Die EU in der internationalen Politik" von Thomas Diez. Er arbeitet derzeit am Institut für Politikwissenschaft der Universität Lund und war zuvor als Professor an der Universität Kopenhagen sowie an der Roskilde Universität tätig. Ian Manners arbeitet an der Schnittstelle von kritischer Gesellschaftstheorie und der Untersuchung der Europäischen Union in der Weltpolitik. Sein grundlegendes Werk "Normative Power Europe: A Contradiction in Terms?", das als Grundlage für das Seminar diente, hat die akademischen Debatten in Europäischen Studien und darüber hinaus maßgeblich beeinflusst.
In seinem Gastvortrag gab Manners einen Überblick über seinen Forschungshintergrund und sein Interesse an NPE und gab einen Einblick in seine aktuelle Forschung. Im Austausch mit dem Kurs ging er auch auf die LGBTQI+-Politik der EU, sein Verständnis von Macht sowie auf Spannungen innerhalb und die mögliche Zukunft seines Konzepts ein.

Am 18. Februar 2021 hielt Prof. PhD Thomas Christiansen im Seminar "A Normative Power No More? Die EU in der internationalen Politik" von Prof. Dr. Thomas Diez einen Vortrag über die EU-China Beziehungen.
Christiansen ist Professor an der Luiss Università Guido Carli in Rom. Er veröffentlicht zu verschiedenen Aspekten der EU-Politik sowie zu den Beziehungen zwischen der EU und China.
In seinem Vortrag gab Christiansen Einblicke in die Handelsbeziehungen zwischen der EU und China sowie deren wachsende Verflechtung auf internationaler Ebene. Dabei hob er Parallelen und Unterschiede zwischen beiden globalen Akteuren hervor. Christiansen ging auch auf die komplexe Dreiecksbeziehung zwischen den USA, der EU und China ein. In Bezug auf Fragen der Studierenden verwies er auf die potenzielle Zersplitterung europäischer Einheit angesichts der selektiven chinesischen außenpolitischen Interessen. Er betonte jedoch die Wichtigkeit des Zugangs zum EU-Binnenmarkt für China und argumentierte, dass China keine revisionistischen Ziele verfolge, sondern nach Akzeptanz als globale Macht im internationalen System strebe. Abschließend hinterfragte er kritisch die fixe Idee einer singulären "westlichen Identität" im Gegensatz zu China.

Am 4. Februar 2021 hat Prof. PhD Senem Aydin-Düzgit im Seminar "A Normative Power No More? The EU in International Politics" von Prof. Dr. Thomas Diez einen Vortrag zu den EU-Türkei-Beziehungen gehalten. Aydin-Düzgit ist aktuell als Professorin für International Beziehungen an der Sabancı Universiät sowie als Senior Scholar und Koordinatorin für Forschung und akademische Angelegenheiten am Istanbul Policy Center tätig. In ihrem Beitrag zeichnete sie ein umfangreiches Bild der Entwicklung, dem aktuellen Stand sowie der Zukunft der EU-Türkei-Beziehungen und dem Beitrittsprozess der Türkei in die EU. Sie argumentierte unter anderem, dass die transaktionale, interessengeleitete Beziehung, die aktuell zwischen der EU und der Türkei besteht, keine langfristige Perspektive bietet. Aydin-Düzgit wies auch auf die besondere Komplexität des Themas hin, die sich unter anderem aus der zugespitzten Situation im östlichen Mittelmeer, dem Zypernkonflikt sowie der nun wechselnden Position im Weißen Haus ergibt.

Am 28. Januar 2021 hat Dr. Kataryna Wolczuk (Universität Birmingham) im Seminar "A Normative Power No More? The EU in International Politics" von Prof. Dr. Thomas Diez einen Vortrag zu den EU-Russland Beziehungen gehalten. Dabei ging sie insbesondere auf die Rolle der Ukraine ein und argumentierte für einen stärker empirisch fundierten, im Gegensatz zu einem losgelöst theoretischen, Zugriff auf die Beziehungen der EU mit ihrer östlichen Nachbarschaft.

Am 07. Januar 2021 hielt Dr. Franz von Lucke im Rahmen des Seminars "A Normative Power No More? The EU in International Politics" von Prof. Dr. Thomas Diez einen Vortrag über die Gerechtigkeitskonzeptionen der EU in internationalen Klimaverhandlungen. Dabei legte von Lucke dar, wie sich die Vorstellungen der EU von globaler Gerechtigkeit in Bezug auf die Klimakrise und dementsprechend auch die Verhandlungsstrategien veränderten, was eine wichtige Rolle für den Abschluss des Pariser Klimaabkommens darstellte. Abschließend ging von Lucke auf Fragen der Studierenden zu den Erfolgsaussichten des internationalen Klimaregimes ein. Lesen Sie hier das entsprechende Papier von Luckes, sowie mehr über das Globus-Forschungsprojekt.

Am 17. Dezember 2020 hielt Prof. Dr. Nathalie Tocci, Gastprofessorin an der Universität Tübingen, im Rahmen eines Seminars von Prof. Dr. Thomas einen Vortrag zur EU Global Strategy. In ihrem Vortrag ging Tocci auf die Entwicklung der Global Strategy ein, an der sie maßgeblich beteiligt war, sowie auf deren Implikationen für die Rolle der EU als normative Macht. Abschließend diskutierte Tocci mit den Studierenden über die Zukunft der Global Strategy und die Möglichkeiten und Hindernisse auf dem Weg zu einer kohäherenteren EU Außenpolitik.

Am 27. November 2020 hielt Oliver Richmond, Gastprofessor an der Universität Tübingen, eine MAPIR online Vorlesung über die "Evolution der internationalen Friedensarchitektur", die sich laut Richmond durch sechs Stufen oder Schichten verfolgen lässt.
Oliver Richmond argumentierte, dass die Debatten im Anschluss an den so genannten "local turn" verdeutlichen, wie ein viel größeres Konstrukt entstanden ist, vom lokalen zum globalen Maßstab, das zwar zerbrechlich und instabil ist, aber einige Perspektiven für die weitere Entwicklung bietet. Die Theorien und Doktrinen im Zusammenhang mit Friedenserhaltung, Mediation, Friedensaufbau und Staatsaufbau werfen eine Reihe seit langem bestehender Fragen über die Entwicklung und Integrität dieser Architektur auf. Schließlich skizzierte Richmond in seinem Vortrag die Auswirkungen der Entwicklung der Architektur und hob dabei eine Form des Friedens im Zusammenhang mit globaler Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit hervor, die im Spannungsfeld zu allgegenwärtigeren Formen der Gouvernementalität steht.

Am 22. Juli 2020 nahm Prof. Dr. Pinar Bilgin (Bilkent Universität Ankara) an einer Diskussion zum Thema "Prospects for Non-Western International Relations" teil. Die Veranstaltung wurde von Prof. Dr. Thomas Diez zum Abschluss seines Seminares zu diesem Thema organisiert. Prof. Bilgin hielt zunächst einen Vortrag, in dem sie einen Einblick in ihre akademische Biographie und ihre Auseinandersetzung mit nicht-westlichen Ansätzen in den Internationalen Beziehungen gab. Anschließend diskutierte Prof. Bilgin mit Studierenden über die Frage, was überhaupt unter nicht-westlichen Ansätzen zu verstehen sei, sowie über die epistemologischen, methodologischen und normativen Chancen und Schwierigkeiten eines stärkeren Einbezugs solcher Perspektiven in die Internationalen Beziehungen.

Am 25. Juni 2020 fand im Rahmen des Seminars "Security Institutions in Europe" von Dr. Gabi Schlag eine Online-Expertendiskussion zum Thema "Looking at Mali: European and global efforts, losses - and gains?" statt. Studierende des MAFIPs hatten das Gespräch als Ersatz für eine coronabedingt abgesagte Exkursion nach Straßburg, Brüssel und Genf organisiert. Als Gäste konnten dazu Michael Gahler (CDU), Mitglied des Europaparlaments und außenpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion, und Oberstleutnant Björn Hoyme, Referent im Bundesverteidigunsministerium, gewonnen werden. Im Verlauf des Gesprächs hatten die Studierenden Gelegenheiten, mit den beiden Experten über die Herausforderungen und Erfolgsaussichten der Bundeswehreinsätze in Mali zu diskutieren. Dabei wurde neben der Frage nach Möglichkeiten verstärkter europäischer Kooperation auch kritische Aspekte des deutschen Engagements in der Sahelzone beleuchtet.

Am 28. Mai 2020 nahmen Prof. Thomas Diez und Dr. Franz von Lucke an der online abgehaltenen Abschlusskonferenz des GLOBUS-Forschungsprojektes teil. In dem 2016 begonnenen Forschungsprojekt hatten sie sich gemeinsam mit Kollegen aus verschiedenen europäischen Ländern mit dem Beitrag der EU zur globalen Gerechtigkeit beschäftigt. Dr. Franz von Lucke präsentierte dabei die wichtigsten Ergebnisse des Tübinger Teilprojektes, das sich mit globaler Gerechtigkeit in Bezug auf den Klimawandel beschäftigt hatte. Prof. Thomas Diez nahm an einer Diskussionsrunde zu zukünftigen Forschungsherausforderungen zum Thema EU und globale Gerechtigkeit teil. Die Aufzeichnung der Konferenz können Sie hier anschauen.

Vom 17.-21. Februar 2020 fand eine von Prof. Thomas Diez organisierte Exkursion nach Zypern statt. Die Studierenden hatten sich zuvor in einem Seminar intensiv mit dem Zypernkonflikt beschäftigt. Die Exkursion bot nun die Möglichkeit, diese Kenntnisse zu vertiefen und sich ein eigenes Bild vom Konflikt zu machen. Die Studierenden hatten dabei die Gelegenheit, in verschiedenen Treffen die Entwicklungen des Zypernkonfliktes und mögliche Zukunftsszenarien zu diskutieren. Auf dem Programm standen dabei Gespräche mit AktivistInnen, AkademikerInnen und NGOs, darunter das Peace Research Institute Oslo, das Goethe Institut und die Friedrich Ebert Stiftung. Von besonderem Interesse war außerdem das Treffen mit dem Außenminister der türkischen Zyprer, Kudret Özersay.

Vom 11.-14. Februar 2020 unternahm die Tübinger Delegation zur National Model United Nations Konferenz in New York unter Leitung von Lea Augenstein eine Exkursion nach Genf. In Gesprächen mit Mitarbeitern von verschiedenen UN-Organen konnten die Delegierten Einblicke in die Funktionsweisen des UN-Systems gewinnen und von detailliertem Expertenwissen zur Vorbereitung auf die inhaltliche Arbeit in ihren jeweiligen Komitees profitieren. Die Gruppe besuchte unter anderem die Welthandelsorganisation, das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, die UN-Flüchtlingsorganisation und die Weltgesundheitsorganisation.

Am 28. Januar 2020 fand ein von Prof. Thomas Diez und Dr. Franz von Lucke im Rahmen des GLOBUS-Forschungsprojektes organisierter Studierendentag zum Thema Klimagerechtigkeit statt. Die Keynote wurde von Prof. Chukwumerije Okereke, Mitglied des Intergovernmental Panel on Climate Change, gehalten. Darin betrachtete Okereke die Herausforderungen des Klimawandels aus einer Gerechtigkeitspespektive mit besonderem Fokus auf den globalen Süden und diskutierte Ansätze zu einer gerechteren Klimapolitik.
Im Anschluss an Okerekes Vortrag stellten Studierende Poster vor, die sie im Rahmen eines Seminars zu verschiedenen Aspekten des Themas Klimagerechtigkeit erstellt hatten. Die drei besten Poster wurden mit einem Preis ausgezeichnet und die Studierenden werden diese im Mai 2020 auf einer GLOBUS-Veranstaltung in Bologna vorstellen.
Abschließend fand eine Expertendiskussion zum Thema Klimagerechtigkeit unter dem Motto "Think Global, Act Local" statt, an der neben Vertretern von Fridays for Future, MyClimate Deutschland, der Universität Tübingen und dem Stuttgarter Flughafen auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer teilnahm.

Am 21. Januar 2020 hielt Dr. Hylke Dijkstra (Maastricht University) einen Vortrag zum Thema "Leben und Tod internationaler Institutionen". Darin stellte Dijkstra die vorläufigen Ergebnisse seines vom Europäischen Forschungsrat geförderten Projekts zu diesem Thema vor. Basierend auf quantitativen Analysen argumentierte Dijkstra, dass internationale Organisationen, die über einen großen bürokratischen Apparat verfügen, nur sehr selten untergehen oder durch andere ersetzt werden. Dies, so Dijkstra, gebe angesichts des viel zitierten Endes der liberalen Weltordnung Anlass zur Hoffnung. Anschließend diskutierte Dijkstra mit Studierenden und Professor Thomas Diez über die Methodik des Forschungsprojektes und Möglichkeiten weiterführender Forschung.

Am 16. Januar 2020 nahmen Dr. Umut Bozkurt (Eastern Mediterranean University) und Dr. Maria Hadjipavlou (University of Cyprus) an einer Podiumsdiskussion zur Zukunft des Zypernkonflikts teil. Dabei sprachen sie unter anderem über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Konflikt und die Gründe für das Scheitern der Crans Montana Verhandlungsrunde 2017. Als Mitglieder des Gender Advisory Teams Zypern und des Fachausschusses für Geschlechtergleichstellung gingen Bozkurt und Hadjipavlou insbesondere auf die Chancen eines stärkeren Genderfokus in den Friedensverhandlungen ein. Gemeinsam mit Prof Thomas Diez und Studierenden diskutierten sie außerdem über Wege zur Stärkung der Rolle der Zivilgesellschaft im Friedensprozess und über die Verlängerung der UN-Friedensmission auf der Insel.

Am 9. Januar 2020 hielt Professor Erol Kaymak (Eastern Mediterranean University) einen Vortrag über die türkisch-zypriotische Perspektive auf den Zypernkonflikt. Anschließend diskutierte Kaymak mit Studierenden über die Rolle der EU im Zypernkonflikt, sowie über die potentiellen Auswirkungen einer internationalen Anerkennung der Türkischen Republik Nord Zypern.

Am 25. November 2019 nahm Prof. Thomas Diez an einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Klimastreikwoche an der Universität Tübingen teil. Gemeinsam mit Prof. Kramer (Allgemeine Rhetorik), Prof. Trautwein (Bildungswissenschaften) und Prof. Wiesing (Medizinethik), diskutierte er dabei über die Verantwortung der Wissenschaft in der Klimadebatte, die Chancen und Herausforderungen des Klimawandels für demokratische Gesellschaften und die Auswirkungen der Klimakrise auf die internationalen Beziehungen. Dabei bestand panelübergreifend der Konsens, dass der Klimawandel in der Wissenschaft und der universitären Lehre eine größere Rolle spielen müsse.

Vom 8. bis 10. Juli 2019 fand im Haus auf der Alb in Bad Urach eine Mediations-Simulation unter Leitung von Dr. Gabi Schlag statt. Um das Atomabkommen mit dem Iran zu retten, schlüpften 15 Teilnehmer*innen in die Rollen von u.a. der EU Beauftragten für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik Frederica Mogherini, dem US-Amerikanischen Außenminister Mike R. Pompeo und dem Außenminister der Islamischen Republik Iran Mohammad Javad Zarif. Unterstützt wurden sie dabei von drei Mediatoren. Am Ende der ereignisreichen Verhandlungen, einigten sich alle Parteien auf eine gemeinsame Zusatzerklärung: Joint Agreement of Action!

Am 3. Juli 2019 hielt Prof. Thomas Diez im Rahmen des Institutskolloquiums einen Vortrag zum Thema "Macht und Inklusion in der Internationalen Gesellschaft". In seiner Präsentation stellte er einige grundlegende konzeptionelle Gedanken zu diesen Begriffen und ihrer Beziehung vor und wandte diese Überlegungen auf das Beispiel der EU als normativer Macht an.

Am 2. Juli 2019 hielt Lee Jarvis, Professor für Internationale Politik an der University of East Anglia, einen Gastvortrag im Rahmen der Vorlesung "Discourses of Security". Jarvis beschäftigte sich in seinem Vortrag mit parlamentarischen Debatten zu Verbotsverfahren von Terrororganisationen in Großbritannien. Er analysierte, wie in diesen Debatten die liberale britische Identität durch Gegenüberstellung mit der illiberalen und irrationalen Identität von Terrororganisationen produziert und reproduziert wird. Die Regelmäßigkeit dieses Prozesses verleihe den stets erfolgreichen Verbotsfahren einen ritualistischen Charakter. Anschließend diskutierte Jarvis mit den Studierenden über Grenzen und weitere Anwendungsmöglichkeiten seines Konzeptes.

Am 2. Juli 2019 hielt Prof. Münevver Cebeci von der Marmara University Istanbul, einen Gastvortrag mit dem Titel "Deconstructing Ideal Power Europe: The EU and the Arab Change". Cebeci analysierte darin am Beispiel der europäischen Reaktionen auf den Wandel in der arabischen Welt in den Jahren 2010 und 2011, wie die EU ihr Selbstverständnis als normative Macht konstruiert, und wie diese Konstruktion in der wissenschaftlichen Literatur reproduziert wird. Cebeci betonte, dass Sie mit ihrer Arbeit die Politik der EU nicht aus normativer Sicht bewerten wolle. Ihre poststrukturalistische Arbeit biete jedoch eine kritische Lesart, die es ermögliche die Prozesse der Identitätskonstruktion im politischen und akademischen Diskurs über die EU-Außenpolitik zu dekonstruieren.

Niklas Schörnig, stellvertrender Vorsitzender des Forschungsrats der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, hielt am 25. Juni 2019 einen Gastvortrag im Rahmen der Vorlesung "Discourses of Security". Dabei verteidigte Schörnig eine neorealistische "enge" Konzeption des Sicherheitsbegriffs. Er argumentierte, bezugnehmend auf weltpolitische Ereignisse und Entwicklungen in der Rüstungsindustrie, dass die Wahrscheinlichkeit zwischenstaatlicher Kriege zunehme. Diese Kriege zu verhindern stelle, so Schörnig, die zentrale Herausforderung dar, weshalb eine Ausdehnung des Sicherheitsbegriffs problematisch sei. Im Anschluss trat Schörnig in einen intensiven Austausch mit den Studierenden, die seine Argumente kritisch diskutierten.

Am 18. Juni 2019 hielt Cynthia Petrigh, Gründerin und Leiterin von "Beyond Peace", einen Vortrag im Rahmen der Vorlesung "Discourses of Security". Mit ihrerem Unternehmen bietet Petrigh Ausbildungs- und Beratungsdienste für Streitkräfte, Friedenstruppen und nichtstaatliche bewaffnete Gruppen zum humanitären Völkerrecht, zur Einhaltung internationaler Normen, zur Verhinderung sexueller Gewalt und zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen an. Sie begleitet Gesellschaften in Transformationsprozessen durch die Unterstützung von Vermittlungsbemühungen, Dialoginitiativen und die Förderung der Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen.
Petrigh gab detailiert Auskunft über ihre Arbeit in diversen Konfliktgebieten, darunter Kamerun, Mali, die Philippinen und die Zentralfrikanische Republik. Sie sprach ausführlich über die Chancen und Herausforderungen der Integration von Geschlechterperspektiven und des Bewusstseins für Menschenrechte und humanitäres Recht in bewaffnete Konflikte. In diesem Zusammenhang gab Petrigh zudem überraschende Einblicke in die praktische Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen.

Am 17. Juni 2019 hielt Prof. Thomas Diez im Rahmen der Studium Generale Vorlesung "Die Rückkehr des Sultans? Zur Politischen Ökonomie des Autoritarismus in der Türkei" einen Vortrag zum Thema "Die Europäische Union und die Türkei". Er analysierte darin die Entwicklung der Beziehungen zwischen der EU und der Türkei von den 1960er Jahren bis heute. Den aktuellen festgefahrenen Zustand der Beitrittsgesprächen beschrieb Diez als Ergebnis eines Dilemmas: beide Seiten seien weder an ernsthaften Verhandlungen, noch einem Abbruch der Gespräche interessiert, eine baldige Lösung dieser Problematik nicht abzusehen. Vor diesem Hintergrund wies Diez auf die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Austauschs für eine potentielle gegenseitige Annäherung hin.

Am 21. Mai 2019 hielt Ben Tonra vom University College Dublin im Rahmen der Vorlesung "Deutschland und die EU in der Internationalen Politik" einen Vortrag zum Thema "Brexit and European Security". Darin setzte sich Tonra mit den Auswirkungen des Brexits für die europäische Sicherheitsarchitektur und die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU auseinander. Besonders anschaulich analysierte Tonra zudem die Folgen des Brexits für die Sicherheit Irlands, und warnte dabei vor einem erneuten Aufflammen der ethnisch-konfessionellen Konflikte auf der Insel.

Am 15. Mai 2019 hielt Dr. Gabi Schlag im Rahmen des Insitutskollquiums einen Vortrag mit dem Titel "Ignore or Delete? Governing graphic visual content on social media". Dabei setzte sie sich mit dem Ansatz der EU zur Regulierung graphisch-visueller Inhalte, die auf Social-Media-Plattformen hochgeladen, verbreitet und angesehen werden, auseinander. Gabi Schlag versuchte so eine Antwort auf die Frage zu geben, wer die Autorität und Legitimität hat, das Internet zu regieren, und wie eine legitime Reglementierung von graphischen Inhalten aussehen sollte.

Auch in diesem Jahr nahm eine Tübinger Delegation an der National Model United Nations –Konferenz in New York teil, der größten weltweit. Vom 14.-19. April 2019 vertrat die interdisziplinäre Gruppe die Republik Namibia. Neben der intensiven inhaltlichen Arbeit in den einzelnen Komitees, stand auch ein Besuch bei der namibischen UN-Vertretung auf dem Programm. Für ihre inhaltliche Vorbereitung wurde die Delegation mit zahlreichen „Position Paper Awards“ ausgezeichnet. Am letzten Tag hatten einige Mitglieder der Delegation die Gelegenheit, im Plenarsaal der UN-Generalversammlung vor ihren Komitees zu sprechen. Dort wurde die Tübinger Delegation zudem bei der Abschlussveranstaltung als „Distinguished Delegation“ geehrt.

Am 22. Januar 2019 hielt Thomas Diez im Rahmen der Studium-Generale Ringvorlesung "Autonomieforderungen und Sezessionsbestrebungen in Europa und der Welt" einen Vortrag zum Fallbeispiel Zypern. Dabei ging er auf die Ursachen des Zypernkonfliktes ein, und beschrieb dessen Verlauf anhand zahlreicher gescheiterter Annäherungsversuche der Konfliktparteien. Abschließend skizzierte Thomas Diez ein mögliches Konzept zur Lösung des Konfliktes, das im Anschluss an seinen Vortrag intensiv diskutiert wurde.