„Augen auf bei der Berufswahl“? Ethik in der Katastrophenmedizin
Katharina Krause, Friedrich Gabel
„Augen auf bei der Berufswahl“ – mit dieser und ähnlichen Äußerungen werden die ethischen Herausforderungen, mit denen Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes in ihrer Arbeit regelmäßig konfrontiert sind, immer noch gern vom Tisch gewischt. Bisher spielt die gezielte Auseinandersetzung mit ethischen Fragen in der Ausbildung sowohl im Hauptamt als auch im Ehrenamt nur eine untergeordnete Rolle. Dabei sieht man nicht zuletzt im Rahmen der Corona-Pandemie, dass die Bewältigung von Krisen und Katastrophen nicht nur gesamt-gesellschaftlich, sondern ganz konkret einzelne Mitarbeiter*innen der Gesundheitsberufe oder des Katastrophenschutzes mit ethischen Fragen und Problemen konfrontiert, mit denen umgegangen werden muss.
Das Ziel des vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (kurz: BBK) geförderten Projekts EKAMED (Ethik in der Katastrophenmedizin) ist es, Einsatzkräfte des Sanitäts- und des Betreuungsdienstes angemessen auf den Umgang mit derartigen ethischen Herausforderungen vorzubereiten. Gemeinsam mit dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen und dem Deutschen Institut für Katastrophenmedizin entwickelt das IZEW einen Ethikleitfaden und ein Ausbildungskonzept für katastrophenmedizinisches Handeln von Einsatzkräften des Sanitäts- und Betreuungsdienstes. Beides gliedert sich in die „Konzeption Zivile Verteidigung“ des Bundesministeriums des Innern ein und soll dazu dienen, Rettungskräfte angemessen auf zukünftige Einsatzlagen vorzubereiten.
Damit der Leitfaden auch zum Einsatz kommt und nicht für die Schublade geschrieben wird, ist der enge Kontakt und Austausch mit allen fünf deutschen Hilfsorganisationen über die gesamte Projektlaufzeit ein zentraler Baustein des Projekts. So fanden von Juli bis November 2020 Telefon-Interviews und ein Workshop mit Einsatzkräften statt, in denen erhoben wurde, welchen ethischen Herausforderungen sie in ihrem Handeln gegenüberstehen, wie sie mit diesem umgehen und welche Anforderungen sie an einen solchen Leitfaden haben. In Gruppendiskussionen haben wir zudem über die Rolle von Gerechtigkeit, Verantwortung und Neutralität im Handeln des Sanitäts- und Betreuungsdienstes gesprochen.
Sowohl in den Interviews als auch im Workshop beschreiben die Einsatzkräfte das Handeln unter Unsicherheit als zentrales Charakteristikum der Arbeit in Notfällen, beim Massenanfall von Verletzten, in Katastrophen oder Zivilschutzlagen. Als herausfordernd wurden unter anderem der Umgang mit knappen Ressourcen (z.B. medizinische Güter, Personal oder Unterbringungsmöglichkeiten), die Sichtung und Priorisierung von Verletzten und Betroffenen oder die Sicherstellung des Eigenschutzes für Einsatzkräfte (z.B. Hilfen wollen vs. Eigenschutz), benannt. All diese Situationen konfrontieren Einsatzkräfte mit einem (auch ethisch bedeutsamen) Entscheidungsdruck, der wiederum psychischen Stress erzeugt.
Diesen Entscheidungsdruck und den damit verbundenen Stress zu reduzieren und Einsatzkräfte in die Lage zu versetzen ethisch begründete Entscheidungen zu fällen, erfordert zweierlei. Nicht nur sollte bereits vor dem Eintreten solcher Lagen mögliche ethische Fragen diskutiert und Räume für eine ethische Diskussion geschaffen werden. Auch sollten Leitlinien vorhanden und bekannt sein, die bei konkreten Entscheidungen eine Orientierung geben können. EKAMED zielt, basierend auf den Interviews, dem Workshop und der Analyse existierender Literatur zum Thema darauf einen solchen Ethikleitfaden und ein dazugehöriges Ausbildungskonzept zu erstellen und damit zum einen Methoden der ethisch reflektierten Entscheidungsfindung bereitzustellen und zum anderen eine Grundlage für eben solche Diskussionen über ethische Herausforderungen in der Katastrophenmedizin zu schaffen. Erste Teile des Leitfadens sollen im Spätsommer 2021 in einer gemeinsamen Übung mit dem Deutschen Institut für Katastrophenmedizin erprobt und evaluiert werden.