2. Vulnerabilität & Resilienz

2.1 Was versteht man unter Vulnerabilität und Resilienz?

Der Begriff der Vulnerabilität lässt sich als der Grad an Anfälligkeit bzw. Ausgesetztheit eines sozialen Systems gegenüber Risiken und Gefahren, in diesem Fall Naturgefahren, ausdrücken. Die UN-Strategy for Disaster Reduction bietet in diesem Kontext folgende Definition: „Vulnerability: The conditions determined by physical, social, economic, and environmental factors or processes, which increase the susceptibility of a community to the impact of hazards" (UN/ISDR 2004, S. 16). Die Anfälligkeit hängt also von physischen, sozialen, ökonomischen und Umweltfaktoren ab. Vulnerabilität ist somit als ein vielschichtiger, interdisziplinärer Begriff zu verstehen. 

Die Resilienz von Systemen oder Strukturen spiegelt sich in der Widerstandsfähigkeit bzw. Anpassungsfähigkeit gegenüber äußeren, negativen Einflüssen wider. Einer der ersten wissenschaftlichen Autoren, der den Begriff der Resilienz verwendet hat, war C.S. Holling. Resilienz war hier auf ökologische Systeme bezogen, die Definition lässt sich aber auch auf soziale Systeme übertragen: „(…) resilience, that is a measure of the persistence of systems and of their ability to absorb change and disturbance and still maintain the same relationships between populations or state variables“ (Holling 1973, S. 14). Maroufi und Borhani (2022, S. 680) definieren Resilienz spezifisch im Kontext von Naturkatastrophen und fassen die Erkenntnisse früherer Veröffentlichungen gut zusammen: Resilienz ist eine einem System innewohnende Eigenschaft, welche die Fähigkeiten beinhaltet, eine Naturkatastrophe zu bewältigen, die negativen Effekte während des Ereignisses abzumildern (Mitigation), sich vor und nach dem Ereignis anpassen zu können (Adaption) und sich, verbunden mit einer Wiederherstellung der zentralen Funktionen, wieder erholen zu können.

 

2.2 Vulnerabilität und Resilienz erdbebensicherer Infrastruktur

Für ein ganzheitliches Verständnis von Katastrophenresilienz eines sozialen Systems ist es wichtig zu verstehen, dass es verschiedene Dimensionen gibt, die miteinander verknüpft sind. Erst das erfolgreiche Zusammenspiel dieser Dimensionen kann resiliente Strukturen schaffen. Renschler et al. (2010) fassen diese Dimensionen in dem Modell „PEOPLES“ zusammen. Dazu zählen die Bereiche Bevölkerung, Umwelt, staatliche Dienstleistungen, physische Infrastruktur, Gemeinschaftskompetenz, Wirtschaft und sozio-kulturelles Kapital. Für dieses Forschungsprojekt wird hauptsächlich die Dimension der physischen Infrastruktur beleuchtet und deren Beitrag zur Vulnerabilität bzw. Resilienz untersucht.

In Analysen zur physischen bzw. technischen Vulnerabilität von gebauter Infrastruktur wird überwiegend auf baustatische Eigenschaften und die Exposition eines Gebäudes gegenüber Naturkatastrophen eingegangen. Vulnerabilität der physischen Infrastruktur ist in diesem Fall also mit der Wahrscheinlichkeit der Beschädigung und dem Einsturz z.B. eines Hauses gleichgesetzt (Birkmann 2008, S. 7). Hinzu kommen mögliche darauffolgende menschliche Verluste oder ökonomische Schäden.

Der sozioökonomische Status von Gruppen oder ganzen Stadtvierteln muss allerdings auch in die Analyse von Vulnerabilität einbezogen werden. Sozioökonomische Unterschiede, wie Ungleichverteilung von Ressourcen oder Unterschiede in der Bewältigungs- bzw. Anpassungsfähigkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen, sind für Vulnerabilitätsanalysen relevant und sorgen u.a. für sichtbare Unterschiede in der Infrastrukturausstattung (Birkmann 2008, S. 7f.). Diese Art der Vulnerabilitätsforschung lässt sich dem Konzept der „Social Vulnerability“ zuordnen (Birkmann 2006; Schneiderbauer/Ehrlich 2004).

Die Vorstellung dieser beiden Teildisziplinen dient als theoretische Grundlage für Kapitel 3, in dem die Erdbebenvulnerabilität von physischer Infrastruktur in sozioökonomisch unterschiedlichen Stadtvierteln analysiert und verglichen werden soll.

 

 

Literaturverzeichnis

Birkmann, J. (2006): Measuring Vulnerability to Natural Hazards: Towards Disaster Resilient Societies. United Nations University. Hong Kong.

Birkmann, J. (2008): Globaler Umweltwandel, Naturgefahren, Vulnerabilität und Katastrophenresilienz. In: Raumforschung und Raumordnung. Spatial Research and Planning. Vol. 66, Nr. 1. S. 5-22. 

Holling, C. S. (1973): Resilience and Stability of Ecological Systems. Kanada. 

Maroufi, H.; Borhani, M. (2022): A measurement of community seismic resilience in sub-city districts of Mashhad, Iran. In: Journal of Environmental Planning and Management, Vol. 65, Nr. 4. S. 675 – 702. Tehran. 

Renschler, C. S.; Fraizer, A. E.; Arendt, L. A.; Cimellaro, G.-P.; Reinhorn, A. M.; Bruneau, M. (2010): A Framework for Defining and Measuring Resilience at the Community Scale: The PEOPLES Resilience Framework. University at Buffalo. 

Schneiderbauer, S.; Ehrlich, D. (2004): Risk, hazard and people's vulnerability to natural hazards. A review of definitions, concepts and data. o.O. 

UN/ISDR – International Strategy for Disaster Reduction (2004): Living with Risk. A global review of disaster reduction initiatives. Vol. 1. Genf.