3. Shinsekai vs Umeda – Vergleich der Erdbebenvulnerabilität hinsichtlich der Infrastruktur

Osaka ist mit 2,75 Millionen Einwohner*innen die größte Stadt Japans außerhalb der Metropolregion Tokyo (Statistics Bureau of Japan 2022). Die Einwohnerdichte beträgt über 12.000 Einwohner pro km², mehr als New York City. Auch wirtschaftlich ist Osaka stark aufgestellt: Mit ca. 180.000 Unternehmen hat die Stadt die zweithöchste Unternehmenskonzentration in ganz Japan (IBPC Osaka o.J.). In diesem Artikel soll die Erdbebenvulnerabilität der physischen Infrastruktur in zwei sozioökonomisch unterschiedlich starken Stadtvierteln Osakas verglichen werden. Zu diesem Zweck wurden die Viertel Shinsekai und Umeda ausgewählt, welche in den Unterkapiteln genauer vorgestellt werden.

3.1 Shinsekai – historisch und heruntergekommen

Shinsekai ist der Name eines historischen Stadtviertels im Stadtbezirk Naniwa-ku. Das Gebiet wurde in der späten Meiji-Zeit begründet. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Viertel zu einem Unterhaltungsviertel mit Einkaufsstraßen und einem Rotlichtviertel (Ishii/Miyata 2019, S. 951 nach Yagi 2015). In ähnlicher Form blieb das Viertel bis heute bestehen, mit einem Fokus auf die in- und ausländischen Touristen als Einnahmequelle, was besonders an den zahlreichen Restaurants erkennbar ist. Allerdings hat Shinsekai heutzutage den Ruf, eines der ärmsten und gefährlichsten Viertel Osakas zu sein. Wie der sozioökonomische Status des Viertels die Erdbebenvulnerabilität beeinflusst, wird in diesem Artikel erläutert. Diesbezügliche Informationen wurden mithilfe von Beobachtungen durch Kleingruppen der Exkursionsteilnehmer*innen erhoben. Die vorgegebene Route zum Untersuchungsgebiet finden Sie hier in gelber Markierung. Der nördliche Teil des markierten Gebiets stellt Shinsekai dar. Die Route führt entlang der Bahngleise zum Bereich um die Abeno Q’s Mall. Dieser Bereich wurde zum Untersuchungsgebiet hinzugefügt, um eventuelle Unterschiede in der Infrastruktur innerhalb kürzester Distanzen feststellen zu können.

3.2 Vulnerabilität und Resilienz in Shinsekai

Überirdische Stromleitungen sind in Japan keine Seltenheit, so auch in Shinsekai. Der Grund dafür, dass diese weiterhin verbreitet sind, liegt zum einen in der Vergangenheit, da nach dem zweiten Weltkrieg der Wiederaufbau möglichst schnell vonstattengehen sollte. Zum anderen ist die Reparatur, z.B. nach einem Erdbeben, bei überirdischen Stromleitungen günstiger und schneller als bei unterirdisch verlegten Leitungen. Die Nachteile sind allerdings nicht von der Hand zu weisen: Bei starken Erdbeben stürzen die Strommasten leicht um. Menschen werden gefährdet, umgestürzte Masten können Rettungskräften im Weg liegen und die Stromversorgung ist bei fehlenden Notstromaggregaten unterbrochen. Zudem stehen die Strommasten in Shinsekai aufgrund der engen Gassen sehr eng aneinander, was Kaskadeneffekte begünstigt. Auch mehrere schiefe Strommasten wurden vorgefunden.

Die nächste Problematik bei Erdbeben sind herunterfallende Objekte, die genauso wie Strommasten Menschen gefährden und Rettungswege blockieren können. In den folgenden Aufnahmen wird ersichtlich, wie viele Schilder, Reklametafeln, Lampen, Figuren etc. an den Gebäuden in Shinsekai hängen. Verbunden mit engen Straßen und einer hohen Frequentierung durch Passanten erhöht dies die Vulnerabilität bei einem Erdbeben enorm.

Die Gebäude des Viertels selbst stellen aber auch ein Risiko bei Erdbeben dar: Die sichtbare Bausubstanz lässt in vielen Fällen auf ein hohes Alter schließen, so sind unverputztes Mauerwerk mit Rissen oder Häuser mit Holzverkleidung keine Seltenheit. Neben des Einsturzrisikos bergen Holzhäuser eine weitere Gefahr: Sie fangen leicht Feuer. Werden bei einem Erdbeben z.B. Gas- oder Ölleitungen beschädigt und lösen einen Brand aus, breitet sich das Feuer bei eng aneinander stehenden Häusern, besonders Holzhäusern, schnell aus. Hinzu kommt, dass auf den Straßen Shinsekais vermehrt Müll liegt, welcher ebenfalls zum Brandrisiko beiträgt.

Ein konkretes Beispiel für Erdbebenvulnerabilität ist der Shinsekai Market. Er besteht aus einer schmalen und langgezogenen Einkaufsstraße, welche schlechte Ausweich- und Fluchtmöglichkeiten bietet. Reklameschilder und Lampen hängen an jedem Stand dicht an dicht und würden bei einem stärkeren Erdbeben leicht herunterfallen. Die Läden und Schilder aus Holz sind leicht entflammbar. Schlussendlich hat die Einkaufsstraße eine Überdachung aus Glas, welche leicht zersplittern kann und für eine höhere Vulnerabilität sorgt.

Im gesamten Shinsekai-Viertel gibt es keine Evakuationszone bei Erdbebengefahr. In der interaktiven Karte von Osaka Safe Travels gibt es lediglich Einträge zu Evakuationszonen außerhalb des Viertels. Im Untersuchungsgebiet wurde eine Beschilderung zum nächstgelegenen Evakuationsplatz vorgefunden, ein größerer Parkplatz bei dem Café YOLO BASE. Für einen Notfall wäre dieser mit ca. 400m Entfernung zum Zentrum Shinsekais etwas weit entfernt. Dennoch wird die essenzielle Bereitstellung von einem Fluchtweg gegeben.

Das Untersuchungsgebiet Shinsekai weist auch resiliente Strukturen auf. In der Nähe des Tennoji Zoo, in Richtung der Bahngleise, konnte beobachtet werden, dass Strommasten mit gespannten Stahlseilen zusätzlich am Boden befestigt sind, was die Erdbebensicherheit erhöht. An der Bahnlinie wurden die Oberleitungen zudem durch isolierende Ummantelungen geschützt. Die zusätzliche Schutzmaßnahme lässt sich auf die Bauarbeiten an der darüberliegenden Brücke zurückführen.

Der Tsutenkaku Tower, das 100m hohe Wahrzeichen Shinsekais, wurde zum Zeitpunkt der Exkursion repariert bzw. saniert. Dank Fangnetze während der Bauarbeiten und einer Stahlkonstruktion mit zahlreichen Querstreben, wurde der Turm von den Beobachtungsteams als erdbebensicher eingeschätzt. Im moderneren Stadtviertel rund um die Abeno Q‘s Mall wurden resiliente Baustrukturen festgestellt. Mithilfe von Querbalken oder gekreuzten Streben am Parkhaus kann mehr Stabilität gewährleistet werden. Die Mall selbst hat zwar große Glasfronten, wirkt durch die Stahlkonstruktionen aber stabil und sicher.

3.3 Umeda – Geschäftszentrum Osakas

Bei dem zweiten Untersuchungsgebiet handelt es sich um das Geschäftsviertel Umeda, genauer das Gebiet um den Bahnhof Osaka bis zum südlich davon gelegenen Dojima River. Das Viertel wird auch Kita genannt, was so viel bedeutet wie nördliches Zentrum (japan-guide o.J.). Der Stadtbezirk Kita, welcher sich in Richtung Norden etwas weiter als das Untersuchungsgebiet erstreckt, hat eine Bevölkerung von über 139.000 mit einer Einwohnerdichte von knapp 13.500 Einwohnern/km² (Citypopulation 2022).

Neben der Funktion als Geschäfts- und Verkehrszentrum Osakas bietet das Viertel viele Einkaufs- und Speisemöglichkeiten an, z.T. auch unter der Erde. Wie sich der scheinbar hohe sozioökonomische Status des Viertels in der erdbebensicheren Bauweise widerspiegelt, wird im nächsten Unterkapitel erläutert. Die vorgegebene Route finden Sie hier in grüner Markierung.

3.4 Vulnerabilität und Resilienz in Umeda

Direkt am Beginn der Route, an der Osaka-Umeda Station, neben dem Bahnhof Osaka, wird einem der Eindruck des Viertels bewusst. Die Straßen und Gehwege sind breit und die hohen, modernen Gebäude stehen weit auseinander. Dies verringert Kaskadeneffekte bei Erdbeben. Auf den breiten Hauptstraßen sind wenige bis gar keine Stromleitungen zu sehen, da fast alle Leitungen unterirdisch verlaufen. Ebenso modern sind die Gebäude, welche durch große Glasfronten und dicke Stützpfeiler imponieren. Moderne Gebäude sind in Japan häufig ein Zeichen für höhere Erdbebensicherheit. Das hängt mit strikten Baugesetzen, sogenannten Building Codes zusammen, welche nach verheerenden Erdbeben aktualisiert werden, zuletzt nach dem Tohoku-Erdbeben 2011 (Tomohiro 2013). Die Hauptstraße ist frei von Objekten auf dem Boden, die Fluchtwege behindern könnten, oder von Müll, der eine Brandgefahr darstellen könnte. Auch an Hauswänden sind kaum Objekte zu finden, welche durch Herunterfallen zur Gefahr werden könnten. Die Watanabebashi Bridge über den Dojima River im Süden des Untersuchungsgebiets hat massive Brückenpfeiler und ist mithilfe von Stoßdämpfern zwischen Brücke und Pfeiler gegen Erschütterungen geschützt.

Zur Vulnerabilität beitragend sind die fehlenden Evakuationsflächen im gesamten Umeda Viertel. Ein Stadtplan sowie die Karte von Osaka Safe Travels bestätigen dies. Ein geringfügiger Ausgleich für diesen Missstand sind die bereits genannten breiten Straßen, die zur Not zur Flucht vor herunterfallenden Objekten genutzt werden können. Bisher wurden in dieser Analyse zu Umeda lediglich die Hauptstraßen beleuchtet. Das Problem ist, dass Nebenstraßen, welche z.T. nur einen Häuserblock entfernt sind, einem ähnlichen Bild wie in Shinsekai entsprechen: Die Straßen sind eng und dicht bebaut, die Gefahr von herunterfallenden Reklametafeln ist gegeben und die Stromleitungen sind wieder oberirdisch verlegt. Der Kontrast von moderner zu alter Bauweise ist z.T. sehr stark mit abruptem Übergang.

Abschließend kann festgestellt werden, dass Umeda als Geschäftsviertel ein Image zu wahren hat. Große Unternehmen können viel Geld in ihre Infrastruktur stecken. Diese Maßnahmen tragen direkt und indirekt zur Erdbebenresilienz bei. Das Problem ist, dass weder Unternehmen noch die Stadt Maßnahmen wie breite Straßen, unterirdisch verlegte Leitungen etc. großflächig in Osaka umsetzen. Entscheidende Faktoren sind finanzielle Mittel, aber auch die Bereitschaft, seine Kultur dem Erdbebenschutz unterzuordnen, indem historische Viertel grundlegend umgestaltet werden.

Aus Sicht dieses Vergleichs zwischen einem sozioökonomisch schwächeren und stärkeren Viertel kann der Schluss gezogen werden, dass der sozioökonomische Status durchaus einen Einfluss auf die Stärkung der Erdbebenresilienz eines Viertels hat. Dass die Sicherheit von Individuen vor Erdbeben von ihrem sozioökonomischen Status und Wohnort abhängt, bleibt aus gesellschaftskritischer Perspektive fragwürdig.

Literaturverzeichnis

Citypopulation (2022): Kita-ku. o.O. - https://www.citypopulation.de/en/japan/osakacity/27127__kita_ku/ (zuletzt aufgerufen am 11.06.2023).

IBPC Osaka – Osaka International Business Promotion Center (o.J.): Overview of Osaka City. Osaka. - https://www.investosaka.jp/eng/chance/about_osaka.html (zuletzt aufgerufen am 11.06.2023).

Ishii, Y.; Miyata L. (2019): How Can Mini Cinemas in the Kansai Area Embrace Male‑to‑Female Cross‑Dressers and Their Communities Under Urban Renewal and Gentrifcation? Sexuality & Culture 2020 24. S. 946-966.

japan-guide (o.J.): Kita (Umeda). o.O. - https://www.japan-guide.com/e/e4009.html (zuletzt aufgerufen am 11.06.2023).

Statistics Bureau of Japan (2022): Statistical Handbook of Japan 2022. Tokyo. - https://www.stat.go.jp/english/data/handbook/c0117.html (zuletzt aufgerufen am 11.06.2023).

Tomohiro, H. (2013): Introduction to the Building Standard Law. o.O. - https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwiDtI_2wrv_AhWzhf0HHRyRCIkQFnoECAsQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.bcj.or.jp%2Fupload%2Finternational%2Fbaseline%2FBSLIntroduction201307_e.pdf&usg=AOvVaw33zwvkH_oKUSjmz1Kfw_qO (zuletzt aufgerufen am 11.06.2023).