Praktische Theologie III

Forschung


Forschungsverbundprojekt 'De/Sakralisierung von Texten'

Das interdisziplinäre Forschungsprogramm ist Texten gewidmet, die in Gesellschaften insgesamt oder für bestimmte Gruppen einen normativen und identitätsstiftenden Charakter haben und denen eine signifikante Autoritäts- und Relevanzdifferenz zu anderen Texten zugeschrieben wird. Eben diese Differenz wird zum Gegenstand der Forschung und zwar im Kontext kultureller und religiöser Praktiken des Gebrauchs, der Auslegung, der Inszenierung und Attribuierung, durch die ihre Besonderheit und ihre Geltungsansprüche hervor- und zum Ausdruck gebracht werden. Diese Prozesse bezeichnen wir als Sakralisierung. Neben den vermeintlich offensichtlichen Beispielen für sakralisierte Schriften, den kanonischen Büchern von Religionsgemeinschaften, interessieren wir uns für Schriften im Bereich der Literatur, des Rechts und der Politik. Sakralisierung ist zunächst als ein heuristischer Begriff zu verstehen, dessen Tragfähigkeit für den Textgebrauch überprüft werden soll.


International Handbook of Practical Theology

Edited by Birgit Weyel, Wilhelm Gräb, Emmanuel Y. Lartey, and Cas Wepener. 

Practical Theology is increasingly international in its scope and purview. Practical Theology as it is discussed in its different international networks understands itself as an empirically grounded and hermeneutically elaborated theory of lived religion. All of that poses the challenge of an approach that is both transcultural and transreligious. As theory of lived religion, Practical Theology needs to clarify its notion of religion, differentiate between religious practices and discuss ways across the disciplines on how to achieve these desiderata against a transcultural and transreligious background. The Handbook takes up these issues clarifying the term religion, elaborating religious practices in the perspective of religious agency, referring to specific religious traditions discussed with the means of academic religious discourse. It presents a wide range of subjects, with each subject being elaborated by one author only, inspired by his or her respective religious and cultural situatedness. 

The book will be published by De Gruyter in 2020. It comprises more than 60 articles. 


Vernetzte Kirchengemeinde

Laufzeit: 11/2016 - 10/2018 (mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland)

Im Rahmen der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU V) wurde die Gesamtnetzwerkerhebung einer Kirchengemeinde durchgeführt. Erste Auswertungsergebnisse wurden im Auswertungsband der KMU V ("Vernetzte Vielfalt") publiziert. Die Netzwerkforschung ergänzt bereits etablierte Perspektiven auf religiöse Sozialitäten in Kirche und Gemeinde, indem danach gefragt wird, bei welchen Anlässen und Gelegenheiten Akteure miteinander kommunizieren und in Kontakt kommen. Felix Roleder und Birgit Weyel haben die Daten zur Netzwerkerhebung detailliert ausgewertet. Ihr gemeinsames Buch ist 2019 erschienen unter dem Titel: Vernetzte Kirchengemeinde. Analysen zur Gesamtnetzwerkerhebung der V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD in der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig. 


Kasualien als Familienfeste 

Zur Konzeptualisierung von familiären Lebensgemeinschaften anlässlich von Passageriten

DFG-Projekt im Rahmen des Paketantrags: Kasualien als Feld und Konzept der Praktischen Theologie (PAK 876)

Laufzeit: 10/2014 – 06/2021

Kasualien sind Familienfeste. Taufe, Trauung, Konfirmation und Bestattung thematisieren nicht nur biographische Übergänge, die Individuen oder Paare betreffen, sondern sie bearbeiten auch die komplexen Veränderungen im Familiensystem, das von einem Kasus betroffen sind. Familienangehörige und Freunde konstituieren zu einem überwiegenden Teil die versammelte Gemeinde anlässlich von Kasualien und sie prägen den explizit familiären Teil der Festkultur im Anschluss an die gottesdienstliche Segenshandlung wesentlich mit. Die zentrale Forschungsfrage ist, welche (religiöse) Deutungen Kasualien für familiäre Lebensgemeinschaften leisten.

Auf die Bedeutung von 'Familie' für Kasualien ist hingewiesen worden, wenn sozialisationstheoretische, familiengeschichtliche und familienreligiöse Aspekte benannt wurden. In der Regel rubriziert die 'Familie' jedoch als eine soziale Größe, die, anders als die in kirchentheoretischer Hinsicht entfaltete 'Gemeinde', dem Privaten zugeordnet wird, deren gesellschaftlich-institutioneller Charakter jedoch unberücksichtigt bleibt. Was 'Familie' ist, wie sie sich konstituiert und wie sie sich selbst versteht, wird anlässlich von Kasualien inszeniert und symbolisiert. Diese Fragestellung betrifft zum einen in empirischer Perspektive die Festfamilien, die sich zur Begehung der Kasualie versammeln. Zum anderen zielt sie auf die Symbolisierungsleistungen von Kasualien für familiale Lebensgemeinschaften. Ziel ist es, die Deutungsleistungen der Kasualien für das Konzept der Lebensgemeinschaft vor dem Hintergrund der Pluralisierung der Lebensformen zu erheben.

Die Arbeitsgruppe "Kasualien" trifft sich auf Initiative der Antragstellenden regelmäßig zu Forschungsthemen:  Ulrike Wagner-Rau (Marburg), Ursula Roth (Frankfurt am Main), Kristian Fechtner (Mainz), Jan Hermelink (Göttingen), Benedikt Kranemann (Erfurt) und Christian Albrecht (München). 



Lokale Praktiken der Religion und des Geschlechts in der postsäkularen Weltgesellschaft

Workshop 16. ­- 18. Juni 2021

Gefördert im Rahmen der Plattform 4 "Global Encounters" (Universität Tübingen)

Trotz der weltweiten Etablierung von Gleichberechtigungsnormen sowie einer zunehmenden De-Institutionalisierung des Geschlechterverhältnisses haben sich Vorstellungen einer traditionellen Geschlechterordnung im Kontext (verschiedener) Religionen als erstaunlich hartnäckig erwiesen. Auf der einen Seite fungiert Religion zwar in Folge von Säkularisierungs- und Modernisierungsprozessen immer weniger als kulturelle Determinante gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse, und die Lebenswege und Lebenslagen von Frauen und Männern haben sich in vielerlei Hinsicht empirisch angeglichen. Auf der anderen Seite entzünden sich aber in der (post-)säkularen Weltgesellschaft zahlreiche Konflikte rund um das Thema „Geschlecht und Religion“: Im internationalen Menschenrechtsdiskurs kollidieren z.B. seit den 1990er Jahren regelmäßig Forderungen nach Frauenrechten bzw. Rechten für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten mit religiös begründeten Traditionen. Hier agieren Vertreter der Katholischen Kirche gemeinsam mit Evangelikalen Rechten und fundamentalistisch orientierten muslimischen Staaten gegen die sog. „Gender-Ideologie“ und für die heterosexuelle Ehe und Familie als „natural and fundamental group unit of society“.

Und auch auf nationaler bzw. lokaler Ebene entzünden sich an der Geschlechterdifferenz erhebliche Konflikte in verschiedenen religiösen Kontexten: So wird in der Katholischen Kirche nach wie vor um den Zugang für Frauen zu geistlichen Ämtern und Leitungsfunktionen gerungen (Maria 2.0), in den Gliedkirchen der EKD streitet man darüber, ob gleichgeschlechtliche Paare getraut oder gesegnet werden dürfen, und es gibt nach wie vor Debatten unter traditionalistisch orientierten Muslim*innen, die von einer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ausgehen. Darüber hinaus hat sich die Situation in Deutschland in den vergangenen Jahren in Folge der zunehmenden Anzahl geflüchteter Menschen aus muslimischen Ländern noch einmal verändert und Debatten über religiöse und kulturelle Unterschiede bzgl. der Sexualmoral ausgelöst. Überdies verschwimmen in den öffentlichen Selbst- und Fremdbeschreibungen religiöse und ethnische Grenzziehungen zunehmend, was zu weiteren Politisierungen und Intensivierungen der Konflikte führt. 

Vor dem Hintergrund dieser Debatten interessieren wir uns für die alltäglichen sozialen Praktiken, mit denen religiöse und geschlechtliche Zugehörigkeit hergestellt werden, sich überlagern oder auch wechselseitig neutralisieren. Die beiden Personenkategorien Geschlecht und Religion werden hierbei nicht als vorgegebene oder feststehende kategoriale Unterscheidungen, sondern kulturell und historisch kontingente Formen sozialer Differenzierung verstanden. Damit knüpfen wir sowohl an praktisch-theologische Arbeiten zur alltäglichen lebensweltlichen Praxis von Religion („lived Religion“) als auch an die soziologische Forschung zu Humandifferenzierungen an.

Nimmt man praxistheoretische Überlegungen zu Humandifferenzierungen ernst, finden religiöse und geschlechtliche Zugehörigkeiten gleichzeitig statt, können sich überlagern, gegenseitig verstärken oder auch neutralisieren, und es ist letztlich eine empirische Frage, in welchen Situationen welche Form der Zugehörigkeit aktualisiert wird. Interessante und bislang in der sozialwissenschaftlichen Forschung kaum behandelte Fragen hierzu betreffen die Beobachtbarkeit religiöser Praktiken als soziale Zugehörigkeit: Was bedeutet doing religion und welche Formen von Ausprägungen von Religionszugehörigkeit sind hierbei denkbar bzw. lassen sich beobachten? Werden hier die Angehörigen verschiedener Religionen unterschieden (Muslime, Christen, Juden etc.), verschiedene konfessionelle Zugehörigkeiten (evangelisch/katholisch) oder vielleicht eher religiös Gläubige von Agnostikern, Atheisten und religiös Indifferenten? Auf der Basis welcher Merkmale erfolgen religiöse Zuschreibungen und inwiefern sind hierbei z.B. auch ethnische Zugehörigkeiten relevant? Welche Glaubensressourcen werden auf welche Weise aktualisiert oder negiert?  Über diese Fragen soll im Rahmen eines interdisziplinären Workshops diskutieren werden. Der Workshop wird gemeinsam veranstaltet von Marion Müller (Soziologie), Michael Schüssler (Praktische Theologie/Kathol. Theologie), Fahimah Ulfat (Religionspädagogik/Islamische Theologie), Ursula Offenberger (Soziologie/Methodenprofessur) und Birgit Weyel (Praktische Theologie/Evangelische Theologie).