Mittlere und Neuere Kirchengeschichte

SFB 923 "Bedrohte Ordnungen", Teilprojekt F03

Das Teilprojekt widmet sich weithin wirkenden Predigten und Schauspielen des 14.-17. Jhs. sowie der in ihnen fassbaren Bedrohungskommunikation. Analysiert werden drei Bedrohungsszenarien ('Ewige Verdammnis im Weltgericht', 'Jüdische Verschwörung', 'Konfessionelle Verketzerung') unter der Fragestellung, inwieweit sich sprachlich-textuelle, rhetorisch-theatrale und religiös-soziale Schemata der Konstruktion von Bedrohung und Strategien der Mobilisierung zur Abwendung von Bedrohung erkennen lassen.

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Sonderforschungsbereich 923: "Bedrohte Ordnungen", Teilprojekt F03

Bedrohungskommunikation in Predigten und Schauspielen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit

Teilprojekt F03 widmet sich, in interkonfessionellem, europäisch-komparatistischem und die Epochenschwelle von 1500/1517 überschreitendem Zugriff, weithin wirkenden Predigten und Schauspielen des 14.-17. Jhs. sowie der in ihnen fassbaren Bedrohungskommunikation. Analysiert werden drei Bedrohungsszenarien ('Ewige Verdammnis im Weltgericht', 'Jüdische Verschwörung', 'Konfessionelle Verketzerung') unter der Fragestellung, inwieweit sich sprachlich-textuelle, rhetorisch-theatrale und religiös-soziale Schemata der Konstruktion von Bedrohung und Strategien der Mobilisierung zur Abwendung von Bedrohung erkennen lassen.

Projektteam

Prof. Dr. Andreas Holzem
Prof. Dr. Klaus Ridder

Dr. Michele Camaioni
Carlotta Posth
Joachim Werz

Forschungsansatz

o ir schwestern vnd brüder min (O meine Schwestern und Brüder, helffent mir rechen diese tat helft mir, diese Tat zu rächen an dem falschenn iudischen rat an dem unredlichen Beschluss der Juden, die inn so schantlich getöttet hand die ihn so schändlich getötet haben! pfüch ir iuden der grossen schand Pfui, ihr Juden, der großen Schande, daz ir vff erd ie wurdent geborn dass ihr je auf Erden geboren wurdet, des müssent ir ewenclich sin verlorn“ deswegen werdet ihr auf ewig verloren sein!

Donaueschinger Passionsspiel (15. Jhd.)

Diese Worte (V. 3625-3632) richtet im ‚Donaueschinger Passionsspiel’ die allegorische Figur der Cristiana, die das Christentum verkörpert, an das (christliche) Publikum. Sie stellen in aller Deutlichkeit einen Aufruf zur Rache an den Juden als ‚Gottesmördern’ dar, der keine Fiktion ist, sondern in die Wirklichkeit der zeitgenössischen Zuschauer hineinwirkt. Juden werden als Bedrohung des Seelenheils identifiziert, der es aktiv zu begegnen gilt. Antijüdische Agitation ist dabei keine Ausnahme in Schauspielen und Predigten im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. Als erste meinungsbildende Massenmedien entfalten diese eine kaum zu überschätzende Breitenwirkung, weshalb das Studium beider Medien wichtige Rückschlüsse auf Formen von Bedrohungskommunikation zulässt.

Anhand des charakteristischen Beispiels zeigt sich, dass europäische Gesellschaften im Untersuchungszeitraum des Teilprojekts (14. bis 17. Jh.) Bedrohungen ihres Zusammenlebens als Wirken von transzendenten und immanenten Faktoren kommunizieren. Weil in der zeitgenössischen Wahrnehmung Gott und Gesellschaft stets interagieren, fordert jede soziale Bedrohung auch Gott heraus und umgekehrt. Für eine solche Bedrohungskommunikation sind Predigten und religiöse Schauspiele in Mittelalter und Früher Neuzeit Medien mit großer Breitenwirkung und starkem religiös-sozialen Geltungsanspruch. Sie sind als Handlungsstruktur fest in religiöse und soziale Vollzüge eingebettet; und sie haben in ihrer Zeitstruktur einen Ort in der Alltags- und Festkultur, der zu jeweils aktuellen, aber auch zu akuten Anlässen wiederkehrt. Regelmäßigkeit und momentane Dringlichkeit fallen nicht auseinander, sondern gehören zusammen; dramatisierende Periodizität ist mit dramatischer Problembewältigung verschränkt. Bedrohungen kehren wieder, sind aber keineswegs in stets gleicher Intensität gegeben. Das Teilprojekt wendet sich also Quellen zu, die als Texte das Wissen um das Wiederkehrende speichern und Modelle für Deutung und Mobilisierung bereithalten. Deren Aktualisierung aber erfolgt akut als mündliche Inszenierung unter Anwesenden. Daraus entsteht ihr Mobilisierungspotential: Predigten und religiöse Schauspiele medialisieren mit großer Breitenwirkung und starkem religiös-sozialen Geltungsanspruch Bedrohungsszenarien. Unser Teilprojekt wendet den Blick auf drei markante Bedrohungsszenarien, an denen sich die Verschränkung von Transzendenz und Gesellschaft besonders deutlich studieren lässt: ‚Ewige Verdammnis im Weltgericht‘, ‚Jüdische Verschwörung‘ und ‚Konfessionelle Verketzerung‘.

Drei Bedrohungsszenarien

Die Inszenierungen der Bedrohung zielen darauf, Affekte gegen religiöse Indifferenz, gegen die Feinde Christi und gegen den konfessionellen Gegner zu mobilisieren, um das individuelle und das gesellschaftliche Leben neu auszurichten. Neben der Spezifik der Bedrohungsdiagnostik fragt das Teilprojekt daher nach den Strategien der Mobilisierung für ein re-ordering der Gesellschaft, die in Predigt und Schauspiel aus einem bestimmten religiös-sozialen Kontext erwachsen.

1) Die ‚Ewige Verdammnis im Weltgericht‘ ist die Bedrohung schlechthin, weil sie in irreversibler Weise auf Deformationen der Welt reagiert. Apokalyptik rechnet mit dem Ende der Weltzeit, um einen ‚kleinen Rest‘ zu ultimativer Neuordnung zu mobilisieren. Das Individualgericht hingegen wird thematisiert, um Individuen und Gesellschaften auf ein neues Modell christlicher Vergemeinschaftung zu verpflichten.

2) Die ‚Jüdische Verschwörung‘ leitete eine eminente Bedrohung der christlichen Ordnung und des christlichen Machtanspruchs aus dem Vorwurf der ‚Messiasverweigerung‘ ab. Passionsspiele sollten dies immer neu ins Bewusstsein heben; Predigten reagierten eher auf akute Notlagen (Seuchen, Kriege, Hunger), indem sie den Verdacht auf eine jüdische Täterschaft lenkten. In der Reformation formte sich das Verhältnis von Apokalyptik, Judenbekehrung und Judenfeindschaft neu aus. Der Judenpolemik wohnte ein starker Impetus von Mobilisierung inne: Pogrome festigten die Grundlagen des Eigenen durch Zerstörung der Anderen. Jenseits konkreter Aggression sollte die Überlegenheit der christlichen Kultur oder die eigene Sündhaftigkeit vor Augen geführt werden: Hier ging es um Identität stiftendes re-ordering.

3) Die ‚Konfessionelle Verketzerung‘ war eine ähnlich extreme Bedrohungsquelle, weil Gott selbst die Bekämpfung der falschen Lehre in den eigenen Reihen forderte. Die damit einher gehende Antichrist-Thematik verschränkte die Häretisierung mit dem Weltgericht. In der Reformation kam die Verketzerung nicht nur zwischen den Konfessionen zum Tragen, sondern auch innerhalb ihrer als Ordnungskonkurrenz unterschiedlicher Richtungen, die eine scharf abtrennende Neuausrichtung des christlichen Gemeinwesens verlangte.

Die pluralen Frömmigkeitsstile des späten Mittelalters, erst recht aber die Konfessionen der Frühen Neuzeit unterscheiden sich deutlich darin, wie sie Bedrohungsdiagnostik und Mobilisierung zur Abwendung von Bedrohung dachten und handhabten. Deswegen ist die Untersuchung interkonfessionell und europäisch-komparatistisch angelegt. Das Projekt arbeitet insbesondere mit Predigten deutscher und italienischer Provenienz sowie mit deutschen und französischen Schauspielen.

Ein interdisziplinärer Ansatz: Kirchengeschichte und Literaturwissenschaft

In religions-, theater- und rhetorikgeschichtlicher Perspektive analysiert das Gesamtprojekt religiös-soziale, inszenatorisch-theatrale und sprachlich-textuelle Schemata der Konstruktion von Bedrohung und Mobilisierung. Weil Bedrohungskommunikation im 14. bis 17. Jh. transzendente und immanente Ordnung miteinander thematisiert, ist sie Gegenstand der Kirchengeschichte. Dass sie in stetem Wechsel Text und Inszenierung ist, macht sie zum Gegenstand der Literaturwissenschaft. Damit betritt das interdisziplinäre Projekt für den deutschen Sprachraum wissenschaftliches Neuland. Über die Verschränkung von theologie-, religions-, theater- und rhetorikgeschichtlichen Kategorien gilt es, die in Interaktion mit Zuhörern/Zuschauern übermittelten Inhalte und Formen der Identifizierung, Deutung und Bewältigung bedrohter Ordnung zu systematisieren. Theologisch wird nach biblischen Bezügen, frömmigkeitsgeschichtlichen Verankerungen und systematischen Konzeptionen gefragt. Umbauten im Verhältnis von menschlichem Handeln und eschatologischer Verheißung interessieren ebenso wie Veränderungen der Wahrnehmung religiöser Devianz unter den Bedingungen der Konfessionalisierung. Theatergeschichtlich steht die Verwandlung religiösen Wissens in theatrale Wirklichkeit im Blickpunkt: Zeit-, Raum-, Emotions- und Stimmungsdramaturgie sowie die an Formen religiöser Praxis angelehnten Mobilisierungsstrategien, die den Aufführungen Intensität und Präsenz verleihen. Sprach- und rhetorikanalytisch sollen wirkungsästhetische Dimensionen untersucht werden: Verfahren der religiösen und theatralen ‚Rede‘ in ihrem kompositorischen Kalkül auf die Wahrnehmung der Zuhörer/Zuschauer. Die enge Verzahnung von religiös-sozialen und rhetorisch-theatralen Aspekten lässt sich adäquat nur über die Zusammenführung religions-, theater- und rhetorikhistorischer Kompetenz analysieren.

Das Projekt arbeitet insbesondere mit Predigten deutscher und italienischer Provenienz sowie mit deutschen und französischen Schauspielen. Diese Fragestellungen werden in drei Untersuchungen bearbeitet.

Alle Studien untersuchen die drei Bedrohungsdiskurse gemeinsam. Und gleichermaßen wenden sie sich religiös-sozialen Inhalten wie rhetorisch-theatralen Strategien zu. Darin liegt der interdisziplinäre Mehrwert, der sich in jeder der drei Untersuchungen gleichermaßen niederschlagen soll.

Die Untersuchungen

TU1: Bedrohungsrhetorik und Aktivierungsstrategien in italienischen Predigten des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit (1400–1650)

Italienische Predigten

In Italien realisieren sich die o.g. Zeitschnitte spezifisch: Mendikantische Predigt des 15. Jahrhunderts behielt auch im 16. Bedeutung. Daneben trat der Evangelismo, eine von Erasmianismus und Devotio moderna geprägte Bewegung, die in humanistischen und künstlerischen Milieus Anhänger fand. Nach Trient gewann in der Kirchenprovinz Mailand die Pastoralreform Carlo Borromeos Unterstützung und Gegnerschaft. Jesuiten und Theatiner etablierten neue Dynamiken der Predigt. Alle diese Richtungen nahmen, zustimmend oder abgrenzend, zur deutschen Reformation Stellung. Die Schwerpunktthemen des Projekts spielten dabei eine entscheidende Rolle:

  1. „Jüngstes Gericht“: Gerichts- und Klagerhetorik bearbeiteten diese Bedrohungsquelle ebenso wie rhetorische Ausmalungen von Lastern und Tugenden, Höllenstrafen und Himmelsfreuden. Es ist umstritten, in welchem Maß die mendikantische Predigt vom Welt- oder Individualgericht her eine Neu-ordnung der Gesellschaft von Grund auf zu unternehmen versuchte. Die Untersuchung muss klären, ob neben die Furcht auch das Heil und der Trost traten. Davon wird abhängen, wie der Neuansatz der anthropologisch optimistischen Gnadentheologie des Evangelismo oder die Predigttheorie Borromeos zu bewerten sind. Denn Jesuiten und Theatiner blieben überzeugt, das Italien des 16. Jahrhunderts bedürfe im Prozess des sozialen re-ordering eines völligen Neuanfangs.
  2. „Jüdische Verschwörung“: Die Diffamierung und Ausgrenzung des Judentums ist erst in Ansätzen Gegenstand der Forschung. Juden wurden im politisch zerklüfteten Italien zugelassen, gettoisiert und vertrieben, ihre Schriften toleriert und verbrannt. Der Juden-Diskurs in den Predigten ist uneindeutig: Diente er der Begründung sozialer Ausgrenzung, der Neuformierung einer rein christlichen Gesellschaft und/oder der Konturierung einer christlichen Gemeinwesenidentität? Wie wirkte sich die Bedrohungskommunikation auf die Lage der Juden aus? Wie war das Medium Predigt mit anderen Inszenierungen des Diskurses verschränkt (z.B. Passionsspiele, Umordnungen des öffentlichen Raums, Bücherverbrennungen, Prozesse, Finanzströme)?
  3. „Konfession und Häresie“: Szenarien der Häretisierung arbeiteten im 14./15. Jahrhundert mit tradi-tionellen Elementen der Weltgerichtsvorstellung (Antichrist), Stereotypen der Ausgrenzung (Versagung von Erlösung; Zerstörung sozialer Ordnung) sowie Konzepten der Affektrhetorik. Nach 1500 trat zu den Frömmigkeitsbewegungen und Ordensgründungen Italiens die Ordnungsbedrohung „deutsche Reformation“ hinzu und begründete Umbrüche der Predigt. Der Evangelismo nahm nicht deren Anth-ropologie, aber deren Gnadentheologie auf und wurde als Luteranismo häretisiert. Borromeos Predig-treform richtete sich gegen die Bedrohungsrhetorik der mendikantischen Predigt wie gegen die Verketzerungsstrategien, welche die Jesuiten erst Evangelismo und Luthertum, schließlich dem Calvinismus entgegen hielten. Die Jesuiten wiederum wurden in einflussreichen römischen Kreisen anfangs ihrerseits für nicht orthodox gehalten. Alle diese Einflüsse strömten auch auf den deutschen Markt der Bedrohungs- und Konfessionsdebatte, was TU1 eng mit TU3 verbindet.

Welche Bedrohungsfiguren, Argumentationsmuster und Mobilisierungsaufrufe waren das Ergebnis dieses Geflechts, das Zeitgenossen nicht selten als völligen Ordnungszerfall wahrnahmen? Welche Ressourcen konnten diese Gruppen mobilisieren, um ihre Deutung der Wirklichkeit durchzusetzen? Gibt es Mitteilungen und Reflexionen eines erfolgreichen oder erfolglosen Managements?

Die Quellenbasis für die Untersuchung ist sehr gut, aber auch sehr anspruchsvoll. Die jüngere Forschung weist darauf hin, dass sie das Feld erst in Ansätzen überschaut. Nur wenige prominente Prediger sind ediert und untersucht. Viele aber sind namentlich bekannt und harren der Aufarbeitung. Ein reicher Fundus an volkssprachlichen Manuskripten findet sich verstreut in italienischen Archiven und Bibliotheken. Er ist aber in Repertorien zunehmend besser erfasst, was für die Zusammenstellung des endgültigen Quellensamples genutzt werden kann.

TU2: Bedrohungs- und Mobilisierungsszenarien in deutschen und französischen Schauspielen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit (1400–1650)

Deutsche und französische Schauspiele

Die Untersuchung widmet sich mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspielen:

  1. a) „Ewige Verdammnis im Weltgericht“: Weltgerichtsspiele entwerfen das bedrohliche Weltende als Gerichtsszenario, in dem der Mensch keine Möglichkeit mehr hat, Barmherzigkeit zu erlangen. Belehrung über eine gerechte Lebensführung weist den Weg, den Schrecken zu bewältigen und in die Verheißung des Paradieses umzuwandeln. Auch die Antichristspiele erwarten also, dass der Anti-christ sich in zeitlicher Nähe zum Weltgericht als Christus ausgibt, um ‚in letzter Minute‘ seine teuflische Botschaft durchzusetzen. Diese Spezifik wird bearbeitet an ausgewählten deutschen und französischen Weltgerichts- und Antichristspielen („Le Jour du Jugement“; „Lo Jutgamen general“).
  2. „Jüdische Verschwörung“: Die Passionsspiele der Hessischen Spielgruppe (Frankfurter / Alsfelder Passionsspiel) inszenieren die Leidensgeschichte als Konfrontation zwischen unmenschlichen Juden und den Anhängern Jesu. Die Kreuzigung Christi erscheint als Resultat teuflischer Verschwörung. Das Handeln der Juden in der Passion korrelierte mit dem Judenbild, das Spätmittelalter und Frühe Neuzeit ausformten. In den Städten war seit Beginn des 14. Jahrhunderts die Angst vor einer jüdischen Verschwörung, welche die ganze Christenheit bedrohe, verbreitet (Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Ritualmorde etc.). Einige Nürnberger Fastnachtspiele, in denen sich antijüdischen Stereotypen verdichten, propagierten die Austreibung und Vernichtung der Juden als adäquates Bewältigungshandeln gegenüber der von ihnen ausgehenden religiösen, sozialen und ökonomischen Bedrohung. Gewaltbestimmte Fastnachtsaktivität, die üblicherweise im Sinne der öffentlichen Ordnung streng sanktioniert war, wird vom städtischen Rat zur Durchsetzung politischer Interessen genutzt, um 'schwerwiegerenden' Ordnungs-störern zu begegnen. Diese Struktur wird im Frankfurter und Alsfelder Passionsspiel, in zwei französischen Mysterienspielen (E. Mercadé, „La vengeance Nostre Seigneur Jhesu Crist“; „Le Mistere de la Saincte Hostie“) sowie in den antijüdischen Fastnachtspielen des Hans Folz herausgearbeitet.
  3. „Konfessionelle Verketzerung“: Reformatorische Fastnachtspiele werfen Papst und Klerus eine Bedrohung der Gesellschaft durch Krieg und Profitmaximierung vor, finanziert über die skrupellose Vermarktung christlicher Heilsmittel (Ablässe, Jahrzeiten, Messen u.a.). Das System funktioniere durch permanente Androhung von Qualen im Fegefeuer und ewiger Verdammnis im Endgericht. Eine Bewältigung dieser Situation sei allein durch unverstellten Zugang zum Evangelium als ‚religiösem Machtinstrument‘, d. h durch elementare Bildung und ungehinderte Kommunikation der Laien über das Wort Gottes möglich. Antikatholische Fastnachtspiele werden in der Eidgenossenschaft zu einem Kampfinstrument der Reformation, doch auch Bibeldramen wie „Die Parabell vom vorlorn Szohn“ des B. Waldis gehören in das Feld der konfessionellen Polemik. 

In die Analyse der dramatischen Inszenierung von Bedrohungsszenarien vor dem Hintergrund von Konfessionsspannungen ist auch das neulateinische Schauspiel einzubeziehen (z.B. Th. Naogeorg, ‚Pammachius‘). Dramen der Jesuiten thematisieren antireformatorische Konfessionspolemik als konstitutives Element dieses Theatertyps – insbesondere in der ersten Phase seiner Entwicklung. Untersucht werden reformatorische Fastnachtspiele (insbesondere des Niclas Manuel in Bern), eine Aus-wahl von protestantischen Bibeldramen, von gegenreformatorischen Jesuitendramen sowie von französischsprachigen antikatholischen (z.B. M. de Navarre, „L’inquisiteur“) und antireformatorischen (z.B. „Le Maistre d’Escolle“) Stücken.

Folgende Leitfragen richten die Untersuchung aus: Mit welchen motivlichen, rhetorischen und inszenatorischen Mitteln wird die Bedrohung konstituiert? Lassen sich Muster der Diagnostik oder der Mobilisierung erkennen? Entwirft man die Szenarien überwiegend durch (Neu-)Semantisierung multi-funktional verwendbarer Elemente (z.B. Antichristmotivik) oder werden, in Abhängigkeit von sich verändernden sozial-religiösen Kontexten, neue rhetorisch-theatrale Elemente ausgeformt? Welche Unterschiede bestehen zwischen der deutschen und der französischen Theatertradition? Die Untersuchung kann auf Editionen zurückgreifen, erfordert aber Kenntnisse des Mittelfranzösischen sowie der deutschen und französischen Theatertradition.

TU3: Bedrohungsdiagnostik und Zukunftskonstruktion in deutschen Predigten des späten Mittelalters und der Altgläubigen wie Evangelischen in der Frühen Neuzeit (1400–1650)

Deutsche Predigten

Die Untersuchung widmet sich den drei Bedrohungsszenarien:

  1. „Ewige Verdammnis im Weltgericht“: Die Prospektive des Gerichts ist jene Selbstalarmierung aus Ordnungen heraus, die am häufigsten platziert wird. Die Bedrohungsdiagnostik betont eindringlich die Defizite bestehender sozialer Formationen. Das Szenario bedrängt durch Unumkehrbarkeit: Das Ergebnis kann nicht mehr beeinflusst werden und ist darum die Bedrohung schlechthin. Nicht der anti-christliche, im Wortsinne a-soziale Mensch bedroht sich selbst und die Gemeinschaft. Als Lieblingstypus des Teufels bei der Zerstörung der soziale Ordnung gelten die „Epikuräer“, jene lauen Christen, deren Laxismus bestreitet, dass die Hölle wirklich heiß ist. Individual- und Weltgericht werden dabei eng verschränkt mit Bedrohungsängsten konfessioneller Gruppen. Je selbstsicherer sie in der bestehenden Ordnung verankert sind, umso stärker versucht die Gerichtsrhetorik diese Ordnung selbst zu optimieren, ohne deren unmittelbares Ende zu erwarten. Ist der Status jedoch ungesichert (Hugenotten, Dissenter, ‚Schwärmer‘ etc.), wird das Weltgericht als die Ins-Recht-Setzung der eigenen Gruppe gegen die übermächtigen Gegner erwartet. Das setzt voraus, eine göttlich geoffenbarte vollkommene Ordnung vorab zu implementieren. Im ersten Fall richtet sich die aus Chronistik und Emotionalität gemixte Dringlichkeit auf eine Modellierung des Individuums, im zweiten appelliert sie an eine neue Gesamtordnung. Die wichtigsten Fragen lauten daher: Lassen sich signifikante Veränderungen der Bedrohungskommunikation nachweisen, als nach 1520 die Häresie (der Reformation, des päpstlichen Antichristen) zu einer auf Dauer unüberwindlichen Größe heranwächst? Wie verhalten sich politische Friedensschlüsse und religiöse Rhetoriken zu einander? Wie wird das Thema abgewandelt, wenn intrakonfessionelle Dissense zur konfessionellen Spaltung hinzutreten?
  2. „Jüdische Verschwörung“: Passionspredigten haben – ähnlich den Passionsspielen – die Stereotypen des NT fortgeschrieben und ausgebaut. Die entscheidende Frage ist, wie sich daraus auch eine Ordnungsbedrohung für die je unmittelbare Zeitgenossenschaft generieren ließ, in der Juden vielfach entweder marginalisiert oder vertrieben wurden. Unsere These: Die Predigt konnte, möglicherweise direkter und weitreichender als das Schauspiel, vermeintlich ‚jüdisches‘ Verhalten, das zur Ordnungs-bedrohung wurde, auch unter Christen identifizieren. Die Diagnostik ließ sich somit auf die unter a) oder c) beschriebenen Konfliktzonen zurücklenken. Daraus ergeben sich weitere Fragen: Lassen sich durch die Reformation Verschiebungen des Bedrohungsdiskurses beobachten? Was galt als ‚jüdisch‘, was als dessen Überwindung? Welche Mobilisierungen wurden in eine endzeitliche Bekehrung als Beginn einer grundsätzlich neuen Ordnung investiert? 
  3. „Konfessionelle Verketzerung“: Kontrovers- und Fürstenpredigten waren mit der Gerichtsdiagnostik eng verknüpft: Nichts forderte den Strafzorn Gottes so sehr heraus wie das, was Katholiken „Häresie“ und „Schisma“, Reformatoren hingegen „Götzendienst“ nannten. Man unterschied mehrschichtig die Zielgruppen: Der Obrigkeit (Kaiser, Fürsten, Magistrate) wurde vorgehalten, Mangel an konfessioneller Eindeutigkeit setze das Gemeinwesen einem fragwürdigen Risiko aus. Geistlichen (Bischöfe, Ordensleute, [General-]Superintendenten, Pfarrer) konnte defiziente Amtsführung und ein Mangel an Bekenntnistreue vorgeworfen werden. Diese Mobilisierungen appellierten an die politische und geistliche Verantwortung der Funktionäre der je eigenen Ordnung. Erst in einer dritten Schicht wird der konfessionelle Gegner angesprochen, aber mit einer anderen rhetorischen Struktur. Es muss eine gemeinsame Gefahr für eine übergreifende Ordnung thematisiert werden (Zerfall des Reiches, Einfall der Türken, Verheerung von Land und Leuten etc.). Der Gegner wurde nicht mehr als Glaubensfeind adressiert, sondern unter Verweis auf gemeinsame Belange.

Daraus generiert die Untersuchung ihr Potential: Predigten als Diagnostik und Mobilisierung zu lesen, setzt sich auch mit einem Ansatz auseinander, religiöse Kommunikation als camouflierte Strategie sozialen Aufstiegs oder politischer Vorteilsgewinnung zu lesen. Hier wird zunächst einmal die Akteursperspektive ernst genommen: Wie lesen diese Ordnungbedrohungen? Wie ist diese Diagnostik mit den Predigt-Adressaten in Beziehung zu bringen? Wie erklärt sich die Skepsis der politischen Räte gegenüber dem furor theologicus und was bedeutet das für die Evidenz der Bedrohungskommunikation? Wurden aus verschiedenen Akteursperspektiven heraus abweichende Diagnosen gestellt, die sich als Streit um die zu formierende Ordnung rekonstruieren lassen?