Institut für die Kulturen des Alten Orients

Die Goldbleche aus dem Grab des Tutanchamun - Untersuchungen zur kulturellen Kommunikation zwischen Ägypten und Vorderasien (DFG)

Im Mittelpunkt des Projekts der Abteilung Vorderasiatische Archäologie des IANES stehen die Restaurierung und nachfolgende archäologische, technologische und archäometrische Analyse sowie die vergleichende ikonographisch-kunstgeschichtliche Untersuchung von rund 100 figürlich dekorierten Goldblechbeschlägen aus dem Grab des Tutanchamun (14. Jh. v. Chr.). Diese Objekte befanden sich bisher im Magazin des Ägyptischen Museums in Kairo und sind seit ihrer Entdeckung durch Howard Carter im Jahr 1922 weder restauriert noch wissenschaftlich aufgearbeitet worden.

Forscherteam

Das Projekt erfolgt in Partnerschaft zwischen der Abteilung Vorderasiatische Archäologie des Instituts für die Kulturen des Alten Orients (IANES) der Universität Tübingen, dem Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Kairo, dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz und dem Ägyptischen Museum in Kairo.

IANES, Abteilung Vorderasiatische Archäologie
(Vorderasiatische Komponente des Projekts, insbesondere die ikonografische Analyse der auf den Goldblechen dargestellten vorderasiatischen bzw. internationalen Motive)

Peter Pfälzner (Projektleiter)

Julia Bertsch (Promotion im Rahmen einer DFG-Stelle des Projekts) (Betreuer: S. Seidlmayer, P. Pfälzner)

DAI Kairo
(Ägyptologische Komponente des Projekts; Organisation in Kairo)

Stephan Seidlmayer (Projektleiter)

RGZM
(Restaurierung sowie archäometrische und technologische Analysen)

Falko Daim (Projektleiter)

Christian Eckmann (Restaurierung; Archäometrische und technologische Untersuchungen)

Katja Broschat (Restaurierung)

Ägyptisches Museum in Kairo

Said Amer (Direktor)

Lotfi Abdel Hamid (Direktor und wissenschaftlicher Leiter)

Hala Hassan (Leitende Kuratorin der Sektion Tutanchamun)

Externe Mitarbeiter

Salima Ikram (American University in Cairo)

André Veldmeijer (Nederlands-Vlaams Instituut in Cairo)

Förderung und Laufzeit

2013 wurden zwei Vorkampagnen durchgeführt, die mit Mitteln der Transformationspartnerschaft des Auswärtigen Amtes finanziert wurden. Seit 2014 wird das Projekt durch die DFG gefördert und ist auf drei Jahre ausgelegt.

Fragestellung und Ziele

Ein Hauptanliegen des Projekts ist neben der forschungsorientierten Restaurierung, die die Grundlage für alle nachfolgenden Arbeiten darstellt, die funktionale Analyse der Objekte. Sie bestehen aus getriebener und punzierter Goldfolie, die auf einem Trägermaterial, das vermutlich aus Leder und Textil bestand, aufgebracht war. Da die Bleche bisher nur vage als Wagen- oder Köcherbeschläge angesprochen wurden, kann ihre funktionale Rekonstruktion und eine sachliche Identifikation der ihnen ursprünglich zugehörigen Objekte völlig neue Informationen zu Waffen-, Wagentechnologie und -ausstattung Ägyptens, aber auch Vorderasiens liefern, da zwischen den Streitwagen-führenden spätbronzezeitlichen Staaten des östlichen Mittelmeerraums ein reger Austausch bestand. Die funktionale Zuordnung soll sowohl über die technologische und archäometrische Analyse als auch anhand von Vergleichsfunden aus dem gesamten östlichen Mittelmeerraum erfolgen. Einige sehr ähnliche Lederapplikationen stammen aus weiteren Gräbern im Tal der Könige, aber auch zum Beispiel aus der Königsgruft von Qatna in Syrien. Ebenso können bildliche Darstellungen von Streitwagenszenen oder der Herstellung von Waffenequipment hierzu wichtige Aufschlüsse geben. Eine umfassende technologische und archäometrische Untersuchung der unterschiedlichen Materialien soll außerdem beispielsweise Aussagen über deren Herkunft (z. B. Analyse der Goldlegierungen), über Herstellungstechniken und darüber hinaus über mögliche unterschiedliche Produktionswerkstätten der Objekte liefern.

Ein besonderer Schwerpunkt wird ferner auf der Analyse des Stils und der Ikonographie der figürlich und ornamental verzierten Goldbleche liegen. Ein großer Teil der Stücke ist mit traditionell ägyptischen Darstellungen und Motiven dekoriert, die mehrheitlich im typischen Stil der Nach-Amarna-Zeit ausgeführt wurden, so beispielsweise das Motiv des Königs beim Erschlagen der Feinde oder wenn er in Gestalt einer Sphinx seine Feinde niedertritt. Ein weiterer Teil der Bleche lässt jedoch deutliche vorderasiatische bzw. „internationale“ Einflüsse erkennen. Beispiele hierfür sind etwa das Motiv der Capriden am Baum, Tierkampfszenen und verschiedene Kompositpflanzen. Damit wird ein Motivrepertoire angesprochen, welches sich aus unterschiedlichen Kultureinflüssen des Vorderen Orients, des östlichen Mittelmeerraums und Ägyptens speist und vor allem ab der Spätbronzezeit im gesamten östlichen Mittelmeerraum häufig miteinander kombiniert auftritt, weshalb die Herkunft eines dementsprechend verzierten Objektes nicht von vornherein bestimmt werden kann. Aus diesem Grund sind die so dekorierten Bleche in der Forschung bislang dem sog. „Internationalen Stil“ zugewiesen worden, ein Begriff, der jedoch sehr problematisch ist und jüngst sehr kontrovers diskutiert worden ist. Die kunstgeschichtliche Komponente des Projekts ist deshalb vor dem Hintergrund des internationalen Motivaustausches der Späten Bronzezeit im Bereich des östlichen Mittelmeerraums, Vorderasiens und Ägyptens angesiedelt. Die dargestellten Szenen und Einzelmotive sollen einer detaillierten ikonographischen Analyse unterzogen werden, um mithilfe von Vergleichen aus Ägypten, Vorderasien und dem gesamten östlichen Mittelmeerraum neue Erkenntnisse zu deren Ursprung und Entwicklung zu gewinnen. Dies wird abschließend zu einer Einordnung der Bleche und ihrer Darstellungen in den Gesamtkontext der ägyptischen Kunst sowie der Kunst des internationalen Gefüges der spätbronzezeitlichen Staaten führen.

Durchführung

Die Objekte konnten 2013 erstmals gesichtet werden und werden nun in einer eigens für das Projekt eingerichteten Werkstatt im Ägyptischen Museum in Kairo bearbeitet. Erste grundlegende Arbeiten beinhalteten 2013 die Katalogisierung und ausführliche Beschreibung der Stücke sowie die fotographische Dokumentation. 2014 wird mit der umfangreichen Restaurierung und wissenschaftlichen Aufarbeitung begonnen werden.

Neben den wissenschaftlichen Fragestellungen soll ein weiteres Ergebnis des auf drei Jahre angelegten Projektes sein, dieses bisher wenig beachtete Objektkorpus der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können und in einer adäquaten Weise im neuen Grand Egyptian Museum zu präsentieren.