Institut für die Kulturen des Alten Orients

Geschichte der Altorientalischen Philologie in Tübingen

Die Geschichte der Tübinger Altorientalischen Philologie als eigenständiger Disziplin beginnt mit der Schaffung eines ordentlichen Lehrstuhls für Altorientalistik. Als erster Inhaber wurde zum 15. März 1966 Wolfgang Röllig berufen. Unmittelbar nach seiner Berufung beantragte er die „Errichtung eines Altorientalischen Seminars“, welcher im Juli desselben Jahres stattgegeben wurde. Zunächst war das frisch geschaffene Altorientalische Seminar – bestehend aus Wolfgang Röllig als Lehrstuhlinhaber, dem jüngst promovierten Martin Kümmel als Assistenten und Walter Farber als erstem (und vorerst einzigen) Studenten – provisorisch im Orientalischen Seminar im zweiten Stock des Hegelbaus in der Wilhelmstraße 36 untergebracht. Ungeachtet der beengten Räumlichkeiten zog das neugegründete Seminar einige Aufmerksamkeit auf sich. Walter Farber erinnert sich: „Da wir dann auch oft zu dritt über die Straße in die gerade neu gebaute Mensa zum Mittagessen gingen, wurde in Studentenkreisen bald kolportiert, es gebe da ein ganz neues Institut, drei Mann groß, und auch sonst etwas ungewöhnlich: Der Professor sei gerade 25, der Assistent knapp 20, und vom Studenten wolle man lieber gar nicht reden.“

Schon im Sommer 1966 konnte das Seminar in den sogenannten Blauen Turm in der Friedrichstraße 21 umsiedeln, wo es sich für gut zwei Jahre ein Stockwerk mit dem Ägyptologischen Institut teilte. Dies legte den Grundstein für die bis heute fortdauernde enge räumliche wie fachliche Verbindung der beiden Disziplinen. Durch die Ankunft von Brigitte Groneberg (später Professorin in Göttingen), die einige Gastsemester in Tübingen verbrachte, verdoppelte sich die Anzahl der Studierenden in der Altorientalistik zunächst auf zwei. Das Seminar vergrößerte sich von nun an stetig und zog Haupt- und Nebenfachstudierende sowie Doktoranden an.

1968 stand daher der nächste Umzug ins Haus: Ägyptologie und Altorientalistik zogen gemeinsam in die Corrensstraße 12 um, wo ihnen immerhin zwei Stockwerke zur Verfügung standen. Dort beteiligte sich Wolfgang Röllig an der vom Ägyptologen Hellmut Brunner angeregten Planung und Etablierung eines der ersten beiden Tübinger Sonderforschungsbereiche überhaupt: des SFB 19, besser bekannt unter seinem Titel „Tübinger Atlas des Vorderen Orients“, kurz TAVO. Damit war das einstige Drei-Mann-Seminar binnen kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Forschungsstandorte der Altorientalistik avanciert, das integral in interdisziplinäre Forschung eingebunden war: das von Natur- und Geisteswissenschaftlern entwickelte und getragene Projekt eines geographischen und historischen Atlas des Vorderen Orients, seit 1973 mit Wolfgang Röllig als Sprecher, vereinte schließlich 16 Einzeldisziplinen. Innerhalb der beeindruckenden Förderzeit von 24 Jahren und dank einer Fördersumme von 50 Millionen DM wurden zwischen 1969–1993 allein in der von Wolfgang Röllig und Heinz Gaube (Iranistik) betreuten Reihe B, Geisteswissenschaften, 346 Karten in 100 Titeln mit 134 Bänden publiziert.

Das Großprojekt TAVO erforderte archäologische Kompetenz, und so konnte Wolfgang Röllig 1975 den grabungserfahrenen Hartmut Kühne als wissenschaftlichen Mitarbeiter einstellen. Gemeinsam erfassten Röllig und Kühne ab 1975 auf ausgedehnten Surveys fast 130 Ruinenhügel im noch unerforschten Gebiet des Habur. Mit Tell Schech Hamad (antik: Dur-Katlimmu) fanden sie einen Siedlungshügel, der die folgenden langjährigen Ausgrabungen reich belohnte. Nachdem Kühne 1980 einen Ruf nach Berlin erhalten hatte, folgte ihm im November 1980 Uwe Finkbeiner im Amt. Er führte neben seiner Arbeit für den TAVO auch eigene Grabungsprojekte in Beirut, Tell el-Abd und Emar durch, was das Spektrum des Angebots auch für die Tübinger Studierenden deutlich erweiterte. Das Ende des TAVO im Jahr 1993 bedeutete keineswegs das Ende der über wissenschaftliche Mitarbeiter betriebenen Vorderasiatischen Archäologie, im Gegenteil: Nach dem Umzug des Altorientalischen Seminars ins Schloss Hohentübingen im Jahr 1993 erfolgte 1994 die Ausschreibung einer Professur für Vorderasiatische Archäologie. Daraufhin wurde das Altorientalische Seminar in die Abteilung für Altorientalische Philologie und die Abteilung für Vorderasiatische Archäologie aufgeteilt.

Zum Wintersemester 1998/99 trat Konrad Volk die Nachfolge von Wolfgang Röllig an, was für die Tübinger Altorientalistik eine Neuausrichtung des Schwerpunktes mit sich brachte. Während sich Röllig insbesondere in der Akkadistik und Nordwestsemitistik hervorgetan hatte, verfolgte Volk ein besonderes, wenn auch keineswegs ausschließliches Interesse an der Sumerologie, das sich in zahlreichen Projekten niederschlug, u.a. zu Kindheit im Alten Orient, babylonischem und assyrischem Erbrecht, spätbabylonischer mathematischer Astronomie, der Erschließung sumerischer Literatur. Er erreichte 2008 zudem die Entfristung des vormaligen Assistenten und heute außerplanmäßigen Professors Andreas Fuchs, der mit seinen Forschungsschwerpunkten in der Geschichte und historischen Topographie des neuassyrischen Reiches die Forschungsinteressen Volks optimal ergänzte. Er ist derzeit als Co-Leiter des Teilprojekts B 07 „Eine Jagd nach Rohstoffen? Die Expansion der mesopotamischen Staaten in die Gebirgsländer des Nordens“ am SFB 1070 „RessourcenKulturen“ beteiligt.

In der Amtszeit von Konrad Volk wurde das 1966 gegründete Altorientalische Seminar zunächst 2005 mit anderen Instituten der Fakultät für Kulturwissenschaften im „Zentrum für Altertumswissenschaften und Archäologien“ zusammengeschlossen. Der entscheidende Impuls für eine effiziente organisatorische und wissenschaftliche Neuausrichtung ging jedoch von der durch Konrad Volk initiierten Gründung des Instituts für die Kulturen des Alten Orients / Institute for Ancient Near Eastern Studies (IANES) im Jahr 2008 aus. Auf diese Weise gut etabliert konnte die Tübinger Altorientalistik 2016 ihr 50-jähriges Jubiläum feiern.

Mit der Berufung von Wiebke Meinhold auf den Lehrstuhl für Altorientalische Philologie zum Wintersemester 2020/21 hat das IANES nun eine vielseitige Spezialistin für mesopotamische Religions-, Rechts- und Sozialgeschichte gewonnen. Neben Projekten zu Recht, Wirtschaft und Gesellschaft plant sie in Zusammenarbeit mit Hans und Georg Neumann (Universität Münster) sowie Michaela Weszeli und Michael Jursa (Universität Wien) die Erweiterung der KeiBi-online um die Daten der bislang nur im Druck erscheinenden AfO-Register. Ziel ist eine umfassende, online verfügbare Datenbank für die Literaturrecherche in der Altorientalistik. Anlässlich ihrer Berufung bekam Wiebke Meinhold vonseiten der Universität für die kommenden Jahre eine zusätzliche Stelle für die Altorientalische Philologie zugesagt. Diese Stelle konnte 2021 mit Jana Matuszak besetzt werden, einer ausgewiesenen Spezialistin für sumerische Literatur. Ihre Projekte widmen sich der editorischen Erschließung sumerischer literarischer Texte sowie deren Untersuchung aus sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven. Sie fungiert darüber hinaus als Mitherausgeberin der Fachzeitschrift Altorientalische Forschungen.

Die Altorientalische Philologie in Tübingen ist mit den drei sie derzeit vertretenden Wissenschaftlern, Andreas Fuchs, Jana Matuszak und Wiebke Meinhold, in der Forschung sehr breit aufgestellt und bietet ideale Bedingungen für ein Studium des Alten Orients.