Japanologie

Forschungsprojekt: "'Internet-Schamanismus' in Japan – Inhalt und Funktion traditioneller Religionsformen in den Neuen Medien"

Über das Projekt

Am 1. April 2003 hat am japanologischen Seminar der Universität Tübingen die Arbeit an dem neuen Forschungsprojekt "'Internet-Schamanismus' in Japan – Inhalt und Funktion traditioneller Religionsformen in den Neuen Medien" begonnen. Das Projekt wird von der Horst- und Käthe-Eliseit-Stiftung finanziert. Ihr sei an dieser Stelle herzlich gedankt!!

Vorarbeiten für das neue Forschungsprojekt lieferte das vorangegangene DFG-Projekt zur Selbstdarstellung von Religionsgemeinschaften im japanischsprachigen Internet, das in den Jahren 2000 und 2001 in der Tübinger Japanologie durchgeführt wurde.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
Das Projekt wird durchgeführt von Dr. Birgit Staemmler, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Tübinger Japanologie, die sich bereits im Rahmen ihrer Dissertation ("Chinkon kishin: Mediated Spirit Possession in Japanese New Religions") mit Formen der Besessenheit im modernen Japan auseinandergesetzt hat. Gut beraten und unterstützt wird das Projekt seit seinem Beginn durch Prof. Dr. Klaus Antoni. Studentische Hilfskräfte waren in den Jahren 2005-2007 Hakim Aceval (2007 Magisterarbeit: "Cyber-Yamabushi: En-no-Gyoja im japanischsprachigen Internet (WWW)") und im Sommersemester 2015 Svenja Ojemann.

Thema
Die wohl einflussreichste Definition von "Schamanismus" beschreibt ihn als eine religiöse Tradition, bei der ein Schamane zum Wohl von Klienten ekstatische Seelenreisen unternimmt (Mircea Eliade 1951). Neuere Definitionen von Schamanismus werten Besessenheit - d.h. das Eindringen einer fremden Seele oder eines Geistes in einen Köper - zusätzlich zu Ekstase als wesentlichen Bestandteil des Schamanismus (Jane Atkinson 1992, David Holmberg 1993). Noch weitere Definitionen bezeichnen eine Vielfalt an Phänomenen weltweit, die in irgendeiner Form Kontakt mit dem Übernatürlichen beinhalten, als "Schamanismus". Schamanismus in diesem weiten Sinn sei ein über seinen locus classicus bei den sibirischen Tungusen hinaus weltweit verbreitetes Phänomen. Man unterscheidet daher inzwischen viele Typen von Schamanismus: klassischen Schamanismus, traditionellen Schamanismus, Neo-Schamanismus, urbanen Schamanismus, Core Schamanismus, Plastik-Schamanismus usw.

In Japan kann man unter anderem Bergasketen und blinde Medien zu den Schamanen zählen, auch wenn japanische Forscher zunächst den Begriff "Schamanismus" nur auf religiöse Traditionen außerhalb Japans bezogen. Und obwohl Vertreter einer enger gefassten Definition dieser Zuordnung nicht zustimmen, klassifizieren derzeit viele japanische Wissenschaftler alle religiösen Praktiken, die Besessenheit, Trance oder Ekstase beinhalten, als "schamanisch" (z.B. Miyake Hitoshi und Tsushiro Hirofumi). Andererseits werden außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses religiöse Spezialisten, die sich in Nordamerika oder Europa selbst als „Schamanen“ bezeichnen würden, in Japan nicht als „Schamanen“ bezeichnet, sondern als reinôsha, kitôshi, reibaishi, ogamiya usw., das heißt mit relativ spezifischen japanischen Termini.

Ohne näher auf die Schwierigkeiten einer Definition von "Schamanismus" und den inflationären Gebrauch des Begriffs einzugehen, wird deutlich, dass der direkte Kontakt mit übernatürlichen Wesen durch den Schamanen in allen Definitionen von essentieller Bedeutung ist. In manchen, aber nicht allen, Kontexten ist die Rolle des Schamanen oder der Schamanin gegenüber seinen/ihren Klienten, also die soziale oder therapeutische Funktion eines Schamanen/einer Schamanin, der zweite zentrale Aspekt von Schamanismus.

Eine Internet-Recherche nach Schlüsselbegriffen des japanischen Schamanismus führte zu Tausenden von Treffern. Die hohen Trefferzahlen deuten darauf hin, dass schamanische Phänomene im weiteren Sinn im japanischsprachigen Internet eine wichtige Rolle spielen. Schamanismus im weiteren Sinn ist jedoch nicht nur ein quantitativ wichtiger Bestandteil japanischer Internetkultur, sondern gleichzeitig Element von Tradition und von Moderne, präsent in religiösen und in kulturellen Diskursen und somit auch ein qualitativ wichtiger Teil japanischer Gegenwartsreligiosität und -kultur: nicht-institutionalisierte religiöse Spezialisten verschiedener Traditionen bieten ihre Dienste als religiöse Heiler an, es gibt Fansites zu Filmen, Büchern oder Manga über Schamanismus und verwandte Themen, in online Foren wird über Besessenheit diskutiert, Erfahrungen mit Kombinationen aus "schamanischen" Praktiken und solchen, die der westlichen New Age-Szene entnommen wurden, werden von Anbietern online beworben und von Teilnehmern in Weblogs beschrieben ...

Bisherige Ergebnisse – ein Mosaik:

Fragestellungen und Ziel

Die starke Präsenz im weiteren Sinn schamanischer Praktiken und Phänomene im japanischsprachigen Internet warf gleich zu Beginn des Projektes einige konkrete Fragen auf – Unterschiede zwischen realem und virtuellem Schamanismus, Umgang mit Besessenheit und Trance im virtuellen Raum, soziale oder therapeutische Funktionen von 'Internet-Schamanen', regionale und kulturelle Verankerung von 'Internet-Schamanismus', Unterschiede und Wechselwirkungen zwischen Fremd- und Selbstdarstellungen von 'Internet-Schamanen' usw. –, so dass das Ziel dieses Projektes ist, durch eine Vielzahl von Einzelstudien ein Mosaikbild von "Schamanismus" im japanischen Internet zu erstellen. Einige dieser Mosaiksteinchen sollen hier kurz vorgestellt werden, weitere werden im weiteren Verlauf des Projekts folgen. Manche sind bereits publiziert worden.

  1. Methodologisches
    Weil Fragen und Materialen so vielfältig sind, wird mit einer Vielfalt von Methoden gearbeitet:
    • Anders als bei religiösen Institutionen bereitet bei abstrakten Begriffen und nicht-institutionalisierten religiösen Spezialisten bereits das Auffinden des Materials methodische Schwierigkeiten. In diesem Projekt wurde in mehreren Durchgängen an jeweils verschiedenen Terminen mit gängigen Suchmaschinen nach relevanten Suchbegriffen gesucht. Die jeweils ersten 30 Treffer wurden gespeichert und in manchen Fällen mit Hilfe eines eigens dafür entwickelten Prominenzindikators nach ihrer "Prominenz", d.h. ihrer Sichtbarkeit für Internetnutzer kategorisiert (vgl. bes. Publikation Nr. 21).
    • Für die Analyse von Texten - Shaman King, Wikipedia usw. - werden gängige philologisch-hermeneutische Methoden verwendet.
    • Die Auswertung der Websites religiöser Heiler folgt der Grounded Theory Methode nach Anselm Strauss, Kathy Charmaz und Adele Clarke, die sich für die Analyse dieser Daten als hervorragend geeignet erwiesen hat.

  2. Fremddarstellungen von Schamanismus
    Weil das Internet eine immer größere Rolle als Informationsquelle spielt, beeinflusst das im Internet und in der Populärkultur dargestellte Bild von Schamanismus das Schamanismus-Bild von Internetnutzern erheblich. Insbesondere für junge Menschen, die weder durch eigene Erfahrung noch durch in Japan nicht-vorhandenen schulischen Religionsunterricht ein anderes, ggf. fundierteres Bild von Schamanismus haben, spielen Schamanismus-Darstellungen in den Medien eine zentrale Rolle. In diesem Projekt wurden bislang drei Beispiele analysiert (vgl. Publikationen Nr. 12, 16 und 17a):
    • der Manga Shaman King von Takei Hiroyuki (1998-2004)
    • Darstellungen von kamikakushi (Entführungen durch Geister) in verschiedenen Populärmedien
    • die Darstellung von Schamanismus in der japanischsprachigen Wikipedia

  3. Soziale oder therapeutische Funktionen von 'Internet-Schamanen'
    Viele religiöse Heiler bieten ihre Dienste im Internet an, aber sie bezeichnen sich nicht als "Schamanen", obwohl sie das in Europa oder Nordamerika täten. Sie bieten, meist gegen Gebühr, Hilfe bei Krankheiten oder/ und Lebenskrisen. Die Gestaltung der Websites religiöser Heiler und die Inhalte der dort veröffentlichten taikendan (Erlebnisberichte) lassen darauf schließen, dass einfühlsames Zuhören gefolgt von oder parallel zu einer rituellen Handlung, durch die die Ursachen der Probleme symbolisch beseitigt und der/die Kunde/Kundin in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt wird, wesentliche Aufgaben dieser 'Internet-Schamanen' sind. Obwohl Sitzungen mit Kunden manchmal auch via Skype oder Telefon möglich sind, sind persönliche Gespräche die Regel.
    (Vgl. Publikationen Nr. 20 und 27b)

  4. Besessenheit und Exorzismus
    Bislang wurden keine Beispiele dafür gefunden, dass Besessenheit oder Trance durch Methoden computer-vermittelter Kommunikation im Internet dargestellt oder gar ermöglicht würden. Aber es gibt viele Fälle, in denen über Besessenheit und Exorzismus geschrieben und diskutiert wird (vgl. Publikationen Nr. 21 und 27b).
    • Besessenheit in Japan wird meist mit Frauen, weiblicher Reinheit und männlicher Dominanz assoziiert, aber im Internet finden sich durchaus auch Beispiele, in denen starke, selbstbewusste Frauen mit Besessenheit in Verbindung gebracht werden.
    • Beschreibungen von Exorzismen lassen einen grundlegenden Unterschied zwischen Exorzismen im Christentum und im japanischen Volksglauben erkennen: Während in ersterem – wenn Besessenheit überhaupt als möglich angesehen wird – besetzende Wesen als absolut böse gesehen werden und unverzüglich ausgetrieben werden müssen, geht man in letzterem davon aus, dass besetzende Wesen einen mehr oder weniger berechtigten Grund haben, von einer Person Besitz zu ergreifen, und dass diesem Grund – meist dem Wunsch nach angemessenen Gedenkritualen – stattgegeben werden muss, bevor ein Exorzismus erfolgreich sein kann.
    • Zu einem späteren Zeitpunkt soll im Detail der Frage nachgegangen werden, wer in Internetforen über Besessenheit und Exorzismus schreibt und wie darüber geschrieben wird. Gelten sie als Bestandteile archaischer oder fremder Religionen oder als gegenwärtig möglich? Werden sie positiv gesehen oder negativ? Wie werden sie erklärt?

  5. Selbstdarstellungen religiöser Heiler im Internet
    Die Fragestellung, die zur Zeit den Kern des Projekts bildet, ist die nach den Selbstdarstellungen japanischer religiöser Heiler im Internet. Zum einen ist Forschung über nicht-institutionalisierte religiöse Spezialisten innerhalb der Forschung zu Internet und Religion ein viel zu wenig beachtetes Gebiet, zu dem daher am Beispiel japanischer religiöser Heiler beigetragen werden soll. Zum anderen stellt sich in Anbetracht der Tatsachen, dass Schamanismus oft als archaisch oder als esoterisch-weltfremd gilt, dass Religion im gegenwärtigen Japan eher kritisch betrachtet wird und dass westliche Schulmedizin und klassische chinesische Medizin im Gesundheitssektor dominieren, die Frage, wie sich religiöse Heiler in Japan im Internet präsentieren, um sich potentiellen Kunden gegenüber als vertrauenwürdig, also als sowohl kompetent als auch zuverlässig, darzustellen.
    (Erste Hinweise finden sich in Publikationen Nr. 20 und 27b).

  6. Regionale und kulturelle Verankerung – Glokalisation
    Noch nicht abschließend geklärt ist die Frage, wie Schamanismus im japanischsprachigen Internet regional und kulturell verankert ist. Beschränken sich bestimmte Formen des Schamanismus im japanischen Internet auf die geographischen und kulturellen Regionen entsprechender Traditionen, obwohl doch durch das internet geografische Beschränkungen aufgehoben sein sollten? Inwiefern hat die vielbeschworene Globalisierung unter anderem durch New Age-Bewegung und Internet die historischen Unterschiede im Bezug auf den Schamanismus in verschiedenen Regionen nivelliert? Religiöse Heiler haben Kosmologien aus verschiedenen, neuen und alten religiösen Traditionen und verwenden entsprechend sehr unterschiedliche Methoden. Eine Arbeitshypothese ist, dass möglicherweise Methoden, die schwerwiegendere Probleme lösen sollen und einen engeren Kontakt – physisches Ritual statt online Verkauf von Heilgegenständen – zwischen Heiler und Kunde benötigen, eher Methoden aus dem (sino-japanischen) religiös-kuturellen Umfeld verwenden, mit dem die Kunden am vertrautesten sind.

Fragen und Kommentare sind jederzeit herzlich willkommen unter staemmler{at}japanologie.uni-tuebingen.de