Um 750 n. Chr. befand sich etwa ein Drittel des Landes in Westeuropa im Besitz kirchlicher Institutionen – und die bedeutendsten unter ihnen waren Klöster. Allerdings weiß die Forschung bis heute nicht genau, was dieser Reichtum konkret auf lokaler Ebene für die Geschichte des späteren 8. und 9. Jahrhunderts bedeutete. Dies betrifft zum einen die praktische Verwaltung des Besitzes wie auch die wechselseitigen Beziehungen zu den Menschen, die auf kirchlichem Land lebten; zum anderen die Deutungen, die die Menschen dieser Zeit an das Land herantrugen. Stifter versuchten etwa, aktiv ihre Beziehungen zu geistlichen Institutionen auszubauen, um weltlich soziale Kontakte zu knüpfen und ihr Seelenheil zu sichern. Zugleich unterlag kirchlicher Besitz besonderen spirituellen Deutungsmustern, denn er wurde als Eigentum der pauperes präsentiert. Klöster als Träger der Schriftkultur spielen in dieser Gemengelage eine besondere Rolle: Sie entwickelten neue, wissensgeschichtlich einflussreiche Dokumentationskulturen, um ihren Besitz zu katalogisieren und zu verwalten, und hatten dabei in besonderem Maße Zugriff auf älteres Wissen der Antike. Zugleich reflektierten sie ihre Verantwortung und machten sich ihnen vertraute Textformen, wie etwa Hagiographie, zu Nutze, um den besonderen Status kirchlicher Ländereien als Eigentum der Armen und der Heiligen zu kommunizieren.
Unser Forschungsprojekt fragt vor diesem Hintergrund, wie Klöster konkret mit dem gewonnenen Landbesitz umgingen und ihn verstanden. Dafür konzentriert es sich auf vier methodische Probleme:
- die Evaluation regionaler Unterschiede in monastischen Ökonomien;
- die Bedeutung von Landleihen als Mittel zur Verwaltung von Klostergütern und zur Etablierung von Beziehungen zu Laien unterschiedlichen Geschlechts und sozialer Herkunft;
- die Bedeutung von Quellenbegriffen, die Größe und Umfang von Gütern beschreiben, aber nicht immer quantifizierbar gemeint waren;
- die Zusammenschau von Ökonomie, kirchlicher Institutionalität und religiöser Spiritualität und Wissenskultur, die in ihrem komplexen Ineinandergreifen klösterliche Gemeinschaften in der Karolingerzeit prägten.
Diesem Kernziel gehen wir in zwei eng verzahnten Fallstudien nach: Farfa in Italien und Fulda in Deutschland. Beide Klöster besaßen große Ländereien, beide wurden von karolingischen Herrschern gefördert und für beide haben sich umfangreiche Archiv- und Bibliotheksbestände erhalten. Allerdings ist bisher weder die Urkundenüberlieferung befriedigend durch moderne und vollständige Editionen erschlossen, noch wurde die Interaktion zwischen ihrer Wirtschaft und ihrer spirituellen Kultur studiert.
- Farfa war nach dem Bistum Rom wohl die reichste kirchliche Institution in Mittelitalien. Es gilt als eines der einflussreichsten geistlichen Zentren Italiens, besonders im Hochmittelalter, und spielt eine wichtige Rolle in der Geopolitik Mittelitaliens, da es an der unscharfen Grenze zwischen päpstlichen und imperialen Gebieten liegt. Ein Großteil seines Quellenbestandes geht auf den Farfaer Mönch Gregor von Catino zurück (11./12. Jahrhundert). Neben dem Chartular, das wir in diesem Projekt untersuchen (das sog. Regestum Farfense), hat er auch eine Chronik, eine Sammlung kanonischen Rechts sowie ein topografisches Verzeichnis verfasst.
- Fulda, gegründet von dem angelsächsischen Missionar Bonifatius, wurde im 8. Jahrhundert ebenfalls rasch zu einem der bedeutendsten und reichsten Klöster des fränkischen Herrschaftsbereichs, mit Besitz von Norditalien bis nach Sachsen. Trotz erheblicher Verluste gibt es aus Fulda eine umfangreiche erhaltene Urkundenkultur des 9. bis 12. Jahrhunderts, darunter eines der frühesten fränkischen Chartulare. Aber für einen Großteil dieser Urkunden fehlt bisher eine moderne kritische Ausgabe.
Unser Projekt wird daher zunächst die überlieferten Urkunden aus der Karolingerzeit für beide Institutionen in einer digitalen Edition verfügbar machen, die mittelalterliche Archivierungspraktiken offenlegt, anstatt sie zu verbergen. Anschließend untersuchen wir in Zusammenführung der Fallstudien, inwiefern sich monastische Ökonomien von Region zu Region unterschieden und in welcher Weise die Verwaltung und die Erfassung des Klosterguts spezifisch durch monastische Spiritualität und Wissenskulturen beeinflusst wurde.