Slavisches Seminar

KOSME in der Forschung

Im Bereich der Forschung setzt sich das Kompetenzzentrum für Ost-, Südost- und Mitteleuropa (KOSME) eine bessere Einbindung der Ost-, Südost-, und Mitteleuropaforschung in fachübergreifende Diskurse zum Ziel. Eine interdisziplinäre Ausweitung über die Kerngebiete der Osteuropaforschung (slavistische Linguistik, slavistische Literaturwissenschaft, Osteuropäische Geschichte) hinaus soll Wissen generieren und neue (gemeinsame) Forschungsprojekte anstoßen. 

Aktuelle Ausschreibungen, CfPs, etc.

AUSSCHREIBUNG: [Summer School/Forschungskolloquium] Neue Forschungen zu Erinnerung in Ostmittel- und Südosteuropa

Die Summer School findet vom 14. bis 17. Juli 2026 an der Universität Tübingen statt. Bewerbungen  bis zum 30. April 2026 an: poststellespam prevention@idgl.bwl.de 

Sowohl in der Wissenschaft, als auch in der breiteren Öffentlichkeit und auf der politischen Ebene ist Erinnerung, etwa seit den 1980er Jahren, zu einem hochwichtigen und allgegenwärtigen Thema geworden. Ostmittel- und südosteuropäische Gesellschaften rückten in den Vordergrund des sogenannten Memory Booms, da nach der Auflösung des Staatssozialismus die Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheit(en) ein unumgänglicher Bestandteil der Transformationsjahre und der Transition zu liberaldemokratischen Ordnungen innerhalb der Europäischen Union schien. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war aber meistens von Spannungen geprägt, die sich in der Forschung etwa in Begriffen wie Erinnerungskonflikte und Erinnerungskriege widerspiegelten. Entgegenstehende Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und andere Ereignisse der Vergangenheit spielten z.B. eine bedeutende Rolle in den gewalttätigen Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre.

Heutzutage ist Erinnerung vielleicht nicht mehr das große Programmwort, es hat jedoch weiterhin Bedeutung und Tragweite. Konkurrierende Erinnerungen über die Diktaturen und Kriege des 20. Jahrhunderts prägen weiterhin das soziale, kulturelle und politische Leben Die neoliberale Wende, die sich in den postsozialistischen Gesellschaften durchgesetzt hat, ist selbst (auch) zum Objekt der Erinnerung geworden.

Vor diesem Hintergrund, möchten wir in diesem Kolloquium, aktuelle Forschungsprojekte über Ostmittel- und Südosteuropa (u.a. Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Rumänien, Serbien, Slowakei, Ungarn), in welchen das Thema Erinnerung in ihren pluralen Facetten zentral ist, zur Diskussion stellen. Wir wollen besprechen, inwieweit Erinnerung noch Konjunktur (als Kategorie der Praxis, sowie als analytische Kategorie) und Erklärungspotential hat. Darüber hinaus versuchen wir die Erinnerungskulturen in Ostmittel- und Südosteuropa zu historisieren und fragen, inwiefern die Erinnerungsnarrative der jüngsten Vergangenheit zu den heutigen sozialen und politischen Spannungen und Konflikten beigetragen haben.

Das vom Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (IdGL) in Tübingen organisierte Nachwuchskolloquium richtet sich an Promovierende sowie Postdocs (sechs Jahre nach dem Abschluss der Promotion). In Ausnahmefällen können sich auch fortgeschrittene Masterstudierende bewerben. Die Teilnehmenden werden die Möglichkeit haben, ihr eigenes Forschungsprojekt vorzustellen und Feedback vom Team des IdGL und anderen Dozierenden zu bekommen. 

Bewerbungen aus den Fachdisziplinen Geschichte, Kulturwissenschaften, Anthropologie, Literatur, Soziologie, Politikwissenschaften, Ethnologie, Memory Studies u.a. sind willkommen. Bewerbungen von Interessierten aus den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas (u.a. Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Rumänien, Serbien, Slowakei, Ungarn) sind ausdrücklich erwünscht. Die zum Forschungskolloquium zugelassenen Bewerberinnen und Bewerber aus den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas können ein Forschungsstipendium beantragen, das die gesamten Reisekosten deckt und einen Zuschuss für die Unterbringungskosten beinhaltet. Die Konferenzsprache ist Deutsch; Vorträge auf Englisch sind jedoch möglich. Bitte reichen Sie Ihre Bewerbung mit einem Lebenslauf (max. 1 Seite) und einem kurzen Exposé des Forschungsprojekts (250-300 Wörter) bis zum 30.4.2026 an poststellespam prevention@idgl.bwl.de ein.

CfP: [Siebter Kongress Polenforschung] Was kommt. Zukünfte entwerfen / Co nadejdzie. Projektowanie przyszłości

Der Siebte Kongress Polenforschung findet vom 11. bis 14. März 2027 an der Universität Potsdam statt. Bewerbungsfristen und Kontaktformulare entnehmen Sie bitte der angehängten Ausschreibung: CfP-7.-Kongress_Polenforschung.DE.pdf

Der siebte Kongress Polenforschung im März 2027 in Potsdam bietet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Disziplinen, sofern die Beschäftigung mit Polen zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört, erneut Gelegenheit, ihre aktuellen Forschungen zu präsentieren, sich zu vernetzen und über den Stand polenbezogener Forschungen zu diskutieren. Das Rahmenthema des Potsdamer Kongresses gilt der Zukunft als Herausforderung der heutigen und historischen Gegenwart: „Was kommt. Zukünfte entwerfen“. 

Ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft fällt heute nicht nur in Polen oft schwer: Das Nachbarland Ukraine ist gezeichnet vom Terror des jahrelangen Kriegs, Russlands hybride Kriegsführung bedroht die Stabilität Europas, der Klimawandel verunsichert gesellschaftliche Entwicklungsprognosen wie individuelle Lebensplanungen. Die Simultanität von ökologischen, demographischen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen offenbart die Verwundbarkeit sozialer und institutioneller Ordnungen und stellt geglaubte Gewissheiten in Frage. Die Unsicherheit und das Eindringen des Katastrophischen in die Gegenwart blockieren politische Zukunftsvisionen, insbesondere die Aussicht auf eine ‚bessere Zukunft‘. Gleichzeitig zeigt sich das Zukunftsversprechen der technologischen Revolution ebenso heilsbringend wie gleichermaßen dystopisch und macht die Zukunft noch in anderer Weise – jedoch nicht weniger – unvorhersehbar. Dennoch gehört das Sich-Vorstellen und Entwerfen verschiedener Zukünfte zu den wichtigsten Krisenbewältigungskompetenzen. Das Denken in Alternativen, sei es in utopischen Impulsen wie Wunschdenken und Träumen, sei es als analytisches Prognostizieren oder strategisches Planen, weckt Hoffnung, schafft (Selbst-)Vertrauen und eröffnet Handlungsräume. 

Wie ist es um Polens Denken der Zukunft bestellt? Die temporale Orientierung der polnischen Kultur gilt nach wie vor als stark von der Vergangenheit geprägt: Die Geschichtspolitik spielt im politischen Alltag eine überaus wichtige Rolle, ein retrotopisches Denken nimmt im rechtskonservativen Lager überhand, eine sozialpsychologische Diagnose von Polen als „Traumaland “ (Bilewicz), die zugleich aber nach Auswegen fragt, findet große Beachtung. Die Omnipräsenz der Vergangenheit lässt sich als ein Phänomen des soziologisch diagnostizierten Verharrens in der Gegenwart verstehen (Gumbrecht, Nowotny, Bauman). Dabei steht diese ‚breite Gegenwart‘ heute (nicht nur) in Polen im prekären 2 Verhältnis zur Notwendigkeit, in der Krise und in Zeiten beschleunigter Kurzlebigkeit von Ideen eine prospektive Langatmigkeit zu wagen und mögliche Zukünfte zu entwerfen, um nicht zuletzt auf den selbstverständlichen Wunsch jüngerer Generationen nach ihrer Zukunft zu antworten. 

Aus welchen Erfahrungen aus der Vergangenheit kann das heutige Zukunftsdenken in Polen schöpfen? Welche Rolle spielte die Zukunft in der polnischen Geschichte ‒ von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert? Die Aufklärung dachte Zukunft neu, auch der Kampf um nationale Selbstbehauptung im 19. Jahrhundert drehte sich um die Ausgestaltung der Zukunft, und sowohl 1918 als auch 1944/45 gab es den Versuch, utopische Vorstellungen Realität werden zu lassen. Der Aufbruch der SolidarnośćBewegung 1980/81 machte bekanntlich den Blick in die Zukunft frei, als große Hoffnungen und Erwartungen geweckt wurden. Lässt sich aus dieser polnischen Erfahrung einer breit geteilten Solidarität heute noch etwas lernen, wenn angesichts multipler Krisen und wachsender Ungleichheit die Utopie des Solidarischen vielerorts (wieder) mit Sehnsucht evoziert wird? Welche Zukunftslabore stellt(e) die polnische Kultur auch sonst zur Verfügung – in politischer Praxis, gesellschaftlichem Zusammenleben sowie imaginativ in Literatur, Kunst, Film, Theater und populärer Kultur? Welche Zukunftsängste, -träume und -visionen wurden und werden darin verhandelt? Wie hat die polnische Philosophie, Soziologie und Ökonomie zum Denken der Zukunft beigetragen? Sorgt (sich) die rasch wachsende polnische Wirtschaft um und für die Zukunft? Welche Zukunftsentwürfe sind in der polnischen Politik möglich (gewesen)? Wie sieht die Zukunft der polnischen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aus? Wie wurde und wird in Polen die Zukunft Europas gedacht? Welche praktischen Umgangsweisen mit Unsicherheit, Risiko und Zukunftsängsten gab es und gibt es in der polnischen Gesellschaft? 

Willkommen sind Analysen und exemplarische Sondierungen von zukunftsorientierten Prozessen und Praktiken, prospektiven Entwürfen und Zukunftsvisionen in der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Vergangenheit und Gegenwart Polens. Fragestellungen aus allen Disziplinen sollen gemeinsam und in transnationalen oder komparatistischen Zusammenhängen diskutiert werden. Nicht zuletzt geht es dabei auch um das Selbstverständnis von Geistes- und Sozialwissenschaften in Zeiten der Unsicherheit und der Angst um die Zukunft. 

Die Universität Potsdam – in ihrem Leitbild „jung, modern, zukunftsorientiert“ – ist ein starker Standort für die kulturwissenschaftliche Polenforschung. Der Siebte Kongress Polenforschung in Potsdam eröffnet die Möglichkeit, über die Grenzen der Fachgebiete und der deutschsprachigen Länder hinweg miteinander ins Gespräch zu kommen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, Projekte zu entwickeln und sich über die Situation der Polenforschung zu informieren. Er knüpft an die ersten sechs Kongresse (Darmstadt 2009, Mainz 2011, Gießen 2014, Frankfurt/Oder 2017, Halle 2020, Dresden 2024) an, an denen jeweils etwa 300 Wissenschaftler:innen teilgenommen haben. Ausstellungen von Verlagen und Institutionen sowie ein Begleitprogramm ergänzen den Kongress. Tagungssprachen sind Deutsch, Polnisch oder Englisch.