Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Forschung in gesellschaftlicher Verantwortung – Bedingungen und Kriterien für exzellente Wissenschaft im Wandel?

Das Projekt "Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung – Gestaltung, Wirkungsanalyse, Qualitätssicherung“ (LeNa Shape, vom BMBF 2021-2023 gefördert; das Akronym bezieht sich auf die Ausgestaltung des Leitbilds Nachhaltigkeit), gliedert sich in zwei Module: LeNa-Move adressiert die Motivationsaspekte der Forschenden und institutionelle Rahmenbedingungen, LeNa-Value den Qualitätsbegriff und den Wirkungsaspekt von Forschung. Das Ethikzentrum ist Verbundpartner im Modul LeNa Value. Übergreifendes Ziel ist es hier, unter Berücksichtigung des wissenschaftstheoretischen und -politischen Kontexts ethisch reflektierte und begründete Kriterien für die Qualität von Forschung („Exzellenz“) sowie eine Methodik für die Analyse der Wirkung von Forschung auf die Realisierung einer global nachhaltigeren Entwicklung zu erarbeiten („gesellschaftlicher impact“). Forschende des IZEW und des Lehrstuhls für Sozialethik der LMU München  befassen sich vor allem mit der wissenschaftsethischen und wissenschaftstheoretischen Analyse und Kritik des Verhältnisses von Wissenschaft und Ethik, insbesondere mit Bezug auf eine Forschungspraxis in gesellschaftlicher Verantwortung.

Der erste Schritt bestand darin, die Grundthese zu entwickeln:  Freiheit der Forschung und deren gesellschaftliche Verantwortung gehören auf das Engste zusammen und in ihrer systematischen Bezogenheit sind sie beide als Kernelemente wissenschaftlicher Exzellenz zu verstehen. Wir begründen dabei, warum es eine missverständliche Verkürzung des Begriffs der Forschungsfreiheit und – in der Folge – auch eine Verkürzung des Exzellenzbegriffs ist, wenn die wechselseitige Bedingtheit missachtet und dann Verantwortung dazu in einen Gegensatz gebracht werden würde.

Freiheit (in) der Wissenschaft ist und bleibt eine der wichtigsten normativen Grundlagen von Wissenschaft. In der verfassungsrechtlichen Wertordnung ist sie im Kontext der Presse- und Meinungsfreiheit als „Abwehrrecht“ im Sinne einer sog. „negativen Freiheit“ (Freiheit von) gegenüber Dritten konzipiert. Diese gilt es zu stärken – und Verantwortung dabei als Vollzug von Freiheit zu begreifen, weil nur so auch die sog. positive Freiheit (Freiheit zu) entfaltet werden kann.

Schließlich hat der Umstand, dass Wissenschaft immer in gesellschaftlichen Zusammenhängen steht, weitreichende ethisch-politische Implikationen, etwa wenn im Rahmen der Forschungsförderung bestimmte Forschungen finanziert werden, andere dagegen nicht ermöglicht werden (können). Entsprechende Abwägungen setzen eine begründungspflichtige Prioritätensetzung voraus. Zudem folgen Universitäten als öffentliche Institutionen einem gesellschaftlichen Auftrag und schließlich sind Wissenschaftler*innen als Bürger*innen immer auch Teil der Zivilgesellschaft, woraus sich durchaus eine Art „Bringschuld“ gegenüber der Gesellschaft ableiten lässt.

Die Fähigkeit, Ziele zu setzen und diese als begründet auszuweisen, zugleich die Mittel zur Zielerreichung und die potenziellen Folgen zu bedenken, verstehen wir als zentrale Aspekte von Verantwortung und damit auch als Kernelemente wissenschaftlicher Exzellenz. Im Rahmen einer Ethik in den Wissenschaften gilt es dabei auch, mögliche Zielkonflikte und Dilemma-Strukturen aufzudecken und entlang einer transparenten und gründebasierten ethischen Reflexion zu bewerten. Ethische Reflexion wird damit zu einem Querschnittsthema wissenschaftlicher Exzellenz und nicht nur zu einem sektoralen Teil. Ethik hat vielmehr den gesamten Forschungsprozess integrativ reflexiv zu begleiten.

Im nächsten Arbeitsschritt soll diese Programmatik im Sinne einer Operationalisierung ethischer Reflexion entfaltet werden, um ein gestuftes Vorgehen zu plausibilisieren und die Weiterentwicklung von Qualitätskriterien und Wirkungsmessung zu unterstützen.

Thomas Potthast und Ralf Lutz