Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Projekt KOPHIS – Pflege- und Hilfsbedürftige in Katastrophen stärken

Krisen und Katastrophen treffen jene am härtesten, die sich schon vorher in einer prekären Lage befanden. Dies kann nur verhindert werden, wenn bereits im Vorfeld vorgesorgt wird. Das Projekt „KOPHIS“ (Kontexte von Pflege- und Hilfebedürftigen stärken; 2016-2019) legte dazu den Schwerpunkt auf eine Gruppe Menschen, die bis dahin kaum im Fokus standen: pflege- und hilfsbedürftige Menschen.

Wie uns die derzeitige Pandemie deutlich vor Augen führt, sind Katastrophen keine „Gleichmacher“. Katastrophen treffen diejenigen am härtesten, die sich schon vorher, sichtbar oder unsichtbar, in einer prekären Lage befanden. Menschen, aber auch soziale Gruppen, Institutionen und Staaten, greifen in der Katastrophe auf jene Ressourcen und Strukturen zurück, die sie vorher aufgebaut haben. Ein Ressourcenmangel vor der Krise verschärft sich oft während einer Schadenslage, etwa weil nötige Anpassungen nicht geleistet werden können.

Aus diesen Einsichten heraus startete das vom BMBF geförderte Projekt KOPHIS (Kontexte von Pflege- und Hilfebedürftigen stärken), das den Schwerpunkt auf eine Gruppe Menschen in Deutschland legte, die bis dahin kaum im Fokus der in Krisen zuständigen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) standen: pflege- und hilfsbedürftige Menschen. Den Schwerpunkt setzte KOPHIS hierbei auf ambulant gepflegte Menschen, welche die große Mehrzahl der pflege- und hilfsbedürftigen Menschen in Deutschland ausmachen (80% im Jahr 2019 laut Statistischem Bundesamt). Was geschieht also, wenn deren Versorgung durch eine Katastrophe zusammenzubrechen droht? Wie kann es gelingen, die meist an einzelnen Personen oder Pflegediensten hängende Versorgung zu stärken? Wer kann stattdessen Unterstützung leisten, wenn die bisherigen Verantwortlichen ausfallen: die Nachbarschaft oder Hilfsorganisationen?

Bereits in der ersten Phase des Projekts wurde deutlich, dass ein besseres gegenseitiges Verständnis von BOS, Akteur*innen der Pflege und Menschen mit Hilfs- und Pflegebedarf sowie deren Angehörigen entscheidend für eine gelingende Zusammenarbeit in der Krise ist. In einem ersten Schritt wurden dazu die Perspektiven und Bedarfe der betroffenen Personen und Institutionen erfasst. Der nächste Schritt umfasste den Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks aus Angehörigen, Pflegediensten, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen sowie BOS in der Modellregion Willich. Ausgehend von den vor Ort gewonnen Erkenntnissen wurden anschließend Empfehlungen entwickelt. Diese reichen von Hilfsmaterialien für Pflege- und Hilfsbedürftige, über Datenschutzgutachten, Leitfäden für BOS bis hin zu strukturellen Reformvorschlägen, wie die Einführung einer Fachberatung im Verwaltungsstab oder die proaktive Berücksichtigung der Bedarfe Pflegebedürftiger in den Rettungsmitteln des Katastrophenschutzes.

Was bleibt, was haben wir gelernt?

Die Erfahrungen und Rückmeldungen aus der Modellregion Willich zeigen, dass der breite und praxisorientierte Ansatz von KOPHIS erfolgsversprechend ist. Von der gesellschaftlichen Einbindung von Menschen mit Hilfs- und Pflegebedarf bis hin zur Veränderung der Kommunikationsstruktur der BOS wurden auf lokaler Ebene bereits während der Projektlaufzeit einige Projektergebnisse umgesetzt und auch nach Ende des Projekts weitergeführt.

Es braucht jedoch auch ein Umdenken auf theoretischer Ebene:

  • Pflege darf nicht als ein Dienstleistungskonzept verstanden werden, sondern als eine Praxis, die immer in einen größeren sozialen Kontext eingebettet ist. Pflege ist mehr als eine individuelle Dienstleistung. Sie ist Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortungsbeziehungen.
  • Sicherheit muss primär als etwas Hergestelltes begriffen werden. Wer wie sicher ist, hängt maßgeblich von der Anerkennung, Verhandlung und Berücksichtigung der verschiedenen individuellen Bedarfe in der Gesellschaft ab.
  • Resilienz gilt es zu fördern, statt nur zu fordern. Der Katastrophenschutz wird so auch zu einer sozial- und inklusionspolitischen Frage.

Vor allem muss all dies vor der Schadenslage geschehen, um im Ereignis wirksam werden zu können.