Kunsthistorisches Institut

Laufende Projekte

Formen der Zeit. Zur Erfindung der Zeitmatrix im Mittelalter

Wie, wann und wo wurde die Entität der Zeit erstmals visuell auf einer zweidimensionalen Fläche dargestellt? In Wissenschaft und Technologie ermöglicht die diagrammatische Konfiguration von Zeitlichkeit, komplexe Informationen anschaulich und strukturiert zu vermitteln. Das Forschungsprojekt FORMEN DER ZEIT untersucht die Entstehung temporaler Ordnungsmatrizen im Mittelalter. Ausgangspunkt ist die These, dass sich die diagrammatische Visualisierung von Zeit im 9. Jahrhundert in quadrivialen Wissenskontexten herausbildete. Anhand zweier Manuskriptgruppen aus dem 9. und 10. Jahrhundert werden die Voraussetzungen und Kontexte für die Entwicklung neuer Darstellungsmodelle zeitlicher Strukturen interdisziplinär analysiert. Im Zentrum steht die Frage, wie Strategien zur Visualisierung des Ephemeren auf der zweidimensionalen Fläche entwickelt wurden und welche Konsequenzen sich daraus für die Wissensfelder der Geometrie, Arithmerik, Kosmologie und Musik ergaben. So leistet das Projekt einen Beitrag zur Erforschung einer grundlegenden Kulturtechnik, deren moderne Ausprägungen – etwa in Notationssystemen zeitlicher Abläufe – die Darstellung von Entwicklungszusammenhängen, physiologischen Rhythmen oder komplexen Mehrstimmigkeiten erst ermöglichen.

Detailliertere Informationen finden Sie unter folgenden Links:

https://fit.uni-tuebingen.de/Project/Details?id=13320

Erfolg beim Eliteprogramm für Postdocs

„Petrus von Poitiers' "Compendium historiae". Ein lebendiges Werk und seine Transformationen"

Das internationale Forschungsprojekt widmet sich der Erschließung eines diagrammatischen Geschichtswerks aus dem 12. Jahrhundert, das bis heute einflussreich für die graphische Visualisiurung historischer Verläufe ist. Das Projekt vereint die Disziplinen der Kunstgeschichte, lateinischen Philologie, mittelalterlichen Geschichte, Editionswissenschaft und Digitalen Geisteswissenschaft. Die Ziele des Vorhabens sind ein umfassender Überblick über Überlieferung des Compendium historiae, eine Analyse der graphisch-synoptischen Metastruktur sowie der in diese eingebetteten Texte, Diagramme und Bilder (mit einer Erfassung der Varianten), eine auf ausgewählten Zeugen basierende wissenschaftlich-kritische Edition, und eine Erforschung relevanter Kontexte. Mit der Entwicklung der digitalen Edition wird methodisch Neuland betreten, wenn es um die adäquate Repräsentation diagrammatischer Werke durch einen formalisierten und navigierbaren knowledge graph geht, der die Varianten des Werks als individuelle Realisierungs- und Überlieferungsformen durch innovative Visualisierungstechnologien repräsentiert. Das Projekt wird einerseits eines der visuell innovativsten und einflussreichsten Werke des Mittelalters zugänglich machen und neues Licht auf die Geschichte der Visualisierung von Wissen werfen. Es wird andererseits ein Modell bereitstellen, mit dem Werke komplexer graphischer Struktur künftig ediert und zugänglich gemacht werden können.

Detailliertere Informationen finden Sie unter folgenden Links:

Compendium historiae

 https://fit.uni-tuebingen.de/Project/Details?id=10031

https://fit.uni-tuebingen.de/Project/Details?id=13424


Sonderforschungsbereich "Andere Ästhetik"

SFB 1391 - Teilprojekte der zweiten Förderphase

B4: Ästhetik der Kombinatorik. Personifikationen und Allegorien in Literatur und Kunst des Mittelalters

Teilprojekt B4 im SFB 1391 “Andere Ästhetik” - Zweite Förderphase
Ästhetik der Kombinatorik. Personifikationen und Allegorien in Literatur und Kunst des Mittelalters

Das Projekt versteht die Kombinatorik als einen Schlüsselbegriff ,anderer‘ Ästhetik. Dass vormoderne Literatur und Kunst durch variantenreiches Kombinieren und Kompilieren geprägt sind, gilt für viele Darstellungsbereiche: Untersucht werden spätmittelalterliche Texte und Bilder, die der Welterfassung und -deutung dienen, und die ihren Lesern und Leserinnen Orientierung bieten. Andachtsbücher, Minnereden, Kalendarien und Hausbücher spiegeln auf je unterschiedliche Weise das Bedürfnis, Wirkkräfte für ein gelingendes menschliches Leben aufzuspüren und Orientierungswissen zu vermitteln. Diese Werke stellen Verortungsangebote und Weltwissen bereit, und zwar in anspruchsvoll geformter Weise, nämlich im Modus des Uneigentlichen, Allegorischen.

Personifikation und Allegorie verweisen dabei immer schon auf ihre ,Gemachtheit‘, auf ihre Artifizialität. Die besondere Sorgfalt, mit der Personifikationen zu allegorischen Komplexen gefügt und in sinnfälligen Text- bzw. Bildsystemen komponiert wurden, offenbart das Potential dieser für die Ästhetik der Vormoderne zentralen, aber bislang kaum systematisch untersuchten Konzeptionsstrategie.
Der allegorische Darstellungs- und Argumentationsmodus ist Texten und Bildern gemeinsam, so dass der literaturwissenschaftliche und der kunsthistorische Arbeitsbereich eng miteinander verbunden sind: in verwandten Untersuchungsgegenständen, in der Kombinatorik als Modell und in einem praxeologischen Zugriff auf das Material, bei dem Kontexte, Akteure (Produzent:innen und Rezipient:innen) und Funktionen einzelner Handschriften berücksichtigt werden.

Projektleitung Prof. Dr. Sandra Linden mit Prof. Dr. Andrea Worm

C2: Ästhetik – Kanon – Kritik. Nordalpine Kunst in der archäologischen und kunsthistorischen Forschung

Teilprojekt C2 im SFB 1391 “Andere Ästhetik” - Zweite Förderphase
 Ästhetik – Kanon – Kritik. Nordalpine Kunst in der archäologischen und kunsthistorischen Forschung

Das archäologisch-kunsthistorische Teilprojekt C2 beschäftigt sich am Beispiel der römischen Architektur des 1. bis 3. Jahrhunderts in den Nordwestprovinzen sowie der niederländischen Malerei und Druckgraphik des 16. und 17. Jahrhunderts mit den Prozessen, Praktiken und Medien der Kanonbildung aus einer doppelten historischen Perspektive:

Im Fokus stehen zum einen die unterschiedlichen Arten der vormodernen Rezeption, Kritik, Reproduktion und Theoretisierung von Kunst, mit denen zeitgenössisch bestimmten nordalpinen antiken und frühneuzeitlichen Werken (visuelle) Autorität zugeschrieben wurde. Zum anderen werden die daran dezidiert anschließenden Verfahren der Kanonbildung seit dem 18. Jahrhundert sowie ihre signifikanten Wechselwirkungen mit der musealen Sammlungspraxis und der Forschungsgeschichte der sich zunehmend institutionalisierenden Disziplinen der Archäologie und Kunstgeschichte in den Blick genommen.

Dem Projekt liegt dabei die These zugrunde, dass sich die Konsolidierung sowie Perpetuierung von Kanones, die im reziproken Verhältnis zu unterschiedlichen Formen und Ebenen der Identitätsstiftung stehen, stets im Spannungsfeld von Autologie und Heterologie vollzog bzw. vollzieht. Davon ausgehend untersucht das Teilprojekt anhand ausgewählter vormoderner Architekturelemente, Gemälde und Graphiken sowie ihrer spezifischen Rezeptionsgeschichten die kulturhistorische Dynamik der Selektion, Normierung und Hierarchisierung von Kunst, jene Verfahren also, die im Sinne des praxeologischen Modells des SFB selbst als ästhetische Akte zu begreifen sind.

Projektleitung Prof. Dr. Anna Pawlak mit Prof. Dr. Johannes Lipps

C4: Gedruckte Festakte. Intermedialität und Repräsentation in der niederländischen Kultur der Frühen Neuzeit

Teilprojekt C4 im SFB 1391 “Andere Ästhetik” - 
Gedruckte Festakte. Intermedialität und Repräsentation in der niederländischen Kultur der Frühen Neuzeit

Im Zentrum des latinistisch-kunsthistorischen Teilprojekts C4 steht das reziproke Verhältnis von Intermedialität und Repräsentation in der niederländischen Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts, das sich in besonderer Weise in europaweit verbreiteten Druckgraphiken sowie international ausgerichteten lateinischen Festprogrammen, -beschreibungen und -epigrammen manifestiert. Damit wird der Schwerpunkt auf dem konzeptuellen Zusammenwirken von Bild und Text im Kupferstich, der in der ersten Förderphase u.a. anhand der Arbeiten der ‚Haarlemer Akademie‘ und des Kreislaufs des menschlichen Daseins nach Maarten van Heemskerck verfolgt wurde, gezielt erweitert.

Fokussiert werden die unterschiedlichen Formen der Medienkombination und deren epistemisches Potenzial in den gedruckten Werken der höfischen und kommunalen Repräsentation, die aus performativen Akten wie Herrschereinzügen (Blijde Inkomsten), Trauerzügen (pompae funebres) sowie Reliquienprozessionen (Ommegangen) hervorgingen. Die feierlichen Umzüge, die vielfach auf antike Vorbilder rekurrierten, prägten nicht nur die frühneuzeitliche Festkultur, sondern konnten durch ihre mediale Rezeption überregional und dauerhaft eine kulturelle Wirkungsmacht entfalten. Dabei fungierten die gedruckten Repräsentationen der ephemeren Repräsentation, so die Leitthese, gerade aufgrund ihrer sinnstiftenden Intermedialität als ästhetische Aushandlungsorte politischer, religiöser, gesellschaftlicher und künstlerischer Diskurse der Zeit.

Das Projekt analysiert die Konzeption und Beschreibung der Antwerpener Festumzüge durch den Humanisten Johannes Bochius sowie die visuellen Formen künstlerischer Aneignung des Ephemeren in bildlichen Darstellungen niederländischer Festakte. Unter Berücksichtigung medialer Bezugnahmen, Differenzen und Abgrenzungen soll der Status der gedruckten, ihrerseits performativ zu handhabenden Werke als Indikatoren und Generatoren europäischer Erinnerungskultur sowie als deren ästhetischer Resonanzraum konturiert werden.

Projektleitung Prof. Dr. Anna Pawlak mit Prof. Dr. Anja Wolkenhauer