Komplexes Kommunizieren: Spannungsfelder inklusiver Wissenschaftskommunikation
by Martin Hennig
17.02.2026
Die Frage, mit wem und wie man in einen Wissenschaftsdialog treten sollte, der sich auch an bislang vernachlässigte Adressat*innen und/oder vulnerable Gruppen (Kinder und Jugendliche, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, Migrant*innen…) richtet, ist komplex. Diese Zusammenhänge werden in der Wissenschaftskommunikationsforschung im Projekt DiversPrivat adressiert. Einige der dort behandelten Fragen diskutiert der folgende Beitrag.
Insbesondere seit der Corona-Pandemie werden Fragen nach dem Einbezug möglichst großer Bevölkerungsgruppen in den Wissenschaftsdialog diskutiert (Häfliger/Diviani/Rubinelli 2023). Schon länger jedoch gilt eine partizipative und dialogorientierte Wissenschaft als ‚Goldstandard‘ der Wissenschaftskommunikation (Felt/Fochler 2008; auch Mede 2022). Das Konzept ist dabei in Abgrenzung von einem Bild von Wissenschaftskommunikation zu verstehen, die der einseitigen Vermittlung von Fakten dient, ohne einen Rückkanal oder alternative Kommunikationsformen zu berücksichtigen. Doch die Frage, mit wem und wie man in einen Wissenschaftsdialog treten sollte, der sich auch an bislang vernachlässigte Adressat*innen und/oder vulnerable Gruppen (Kinder und Jugendliche, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, Migrant*innen…) richtet, ist komplex. Diese Zusammenhänge werden in der Wissenschaftskommunikationsforschung im Projekt DiversPrivat adressiert. Einige der dort behandelten Fragen diskutiert der folgende Beitrag.
Probleme inklusiver Wissenschaftskommunikation
Vor diesem Hintergrund der Diversität von Adressat*innen zeigen auch Ansätze dialogorientierter Wissenschaft regelmäßig zwei Probleme:
Einerseits richtet sich auch dialogorientierte Wissenschaftskommunikation für gewöhnlich an spezifische soziale Gruppen – in der Regel schlicht die wissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit. Aus Zeit- und Budgetgründen wird sich auch mit Blick auf marginalisierte oder vulnerable Gruppen häufig an ‚low hanging fruits‘ gerichtet, die keine völlige Umstellung etablierter Kommunikationskonventionen erforderlich machen: „Insgesamt könnte man dialog- und partizipationsorientierter Wissenschaftskommunikation […] vorwerfen, dass sie oft nur ein bereits wissenschaftsaffines Publikum adressiere […] wissenschaftskritische Zielgruppen kaum erreiche, zudem empirisch schwach abgestützt ist, und praktische Konsequenzen, ethische Implikationen und normative Standpunkte zu wenig diskutiert.“ (Mede 2022)
Dabei macht der Verweis auf die Ethik im Zitat andererseits deutlich, dass es mit einer kommunikativen Neuausrichtung nicht getan ist. Oftmals wird übersehen, dass auch der dialogische Einbezug möglichst vieler Menschen ethische Problematiken beinhaltet. Wer möglichst alle erreichen will, muss seine Kommunikationsinhalte und Stile entsprechend anpassen, vereinfachen und massentauglich aufbereiten. Was für kommunikative Rollen erfordert also ein inklusives Wissenschaftsverständnis? Was z. B. sind die Konsequenzen der Transformation von Kommunikationsstandards in Richtung einer emotionalisierenden oder ‚erzählenden‘ Kommunikation von Wissenschaft?
Wissenschaft für wen?
Im Forschungsprojekt „Wissenschaft für alle: Wie kann Wissenschaftskommunikation mit bisher nicht erreichten Zielgruppen gelingen?“ des Departments für Wissenschaftskommunikation am Institut für Technikzukünfte des Karlsruher Instituts für Technologie werden Diversity-Defizite von Wissenschaftskommunikation anhand dreier Dimensionen ausdifferenziert: 1.) individuelle Faktoren der Zielgruppe (mangelnde Bildung, Scientific Literacy, Alter…), 2.) soziale Faktoren (kulturelle Barrieren, Habitus, regionale Zugehörigkeit Stadt/Land…) und 3.) strukturelle Bedingungen (fehlender Zugang zur Zielgruppe, Komplexität der Inhalte, fehlende Dialogräume…). Diese drei Dimensionen können sich auch addieren.
Schrögel et al. (2018) nennen allerdings noch weitere Faktoren, welche Menschen vom Wissenschaftsdialog exkludieren, die einem selbstgewählten Ausschluss entsprechen und deshalb auch keine klassischen Diskriminierungskategorien sind. Dazu gehören die politische und weltanschauliche Überzeugung und die daraus resultierenden Einstellungen gegenüber Wissenschaft. Gerade in Zeiten, in denen sich weitreichende politische Transformationen in der Gesellschaft – auch in Richtung Wissenschaftsfeindlichkeit – abspielen, zeigt sich hier eine bedeutsame Perspektive. Schließlich sind Wissenschaftsvorbehalte kein rein individuelles Problem. Wenn für einzelne Gruppen kein oder lediglich ein voraussetzungsreicher Zugang zu wissenschaftlichen Informationen existiert oder mangels Erfahrung keine Unterschiede mehr zwischen wissenschaftlichen und populistischen Äußerungsformen erkannt werden können, macht das die Gesellschaft insgesamt anfälliger für Desinformationen oder Verschwörungstheorien. Und wenn sich Gruppen systematisch vom Wissenschaftsdialog ausgeschlossen fühlen, kann dies das Misstrauen gegenüber Wissenschaft und staatlichen Institutionen noch verstärken.
Lösungsperspektiven
Ein inklusiver Wissenschaftsdialog bedeutet für Kommunikator*innen in erster Linie eine Reflexion der eigenen Sprecher*innenposition, welche die zwangsläufige Perspektivität der Rede – gerade auch bezogen auf (Dialog-)Macht und soziale Ungleichheiten – berücksichtigt: „[S]trategies for equity framing include asking science communicators to (1) become aware of their own positionality and partial perspectives, (2) name sources of inequity that arise from uneven power relations, and (3) find intersections with initiatives that are rooted in the experiences of disadvantaged communities“. (Polk/Diver 2020)
Das Ernstnehmen anderer Perspektiven erfordere dabei „ein Umlernen, aber auch ein Verlernen, weil wir als Akademiker:innen nicht mehr das Wissen für uns gepachtet haben und alles besser wissen“ (Unger in Dreyer 2022). Entsprechend sind bislang marginalisierte und insbesondere vulnerable Gruppen bei der Wissenschaftskommunikation nicht nur mitzudenken, sondern idealerweise bereits in der Stufe der Formatkonzeption auf ihre Interessen und Wünsche hin zu befragen.
Dabei erscheint es als attraktiv, multiplen Zielgruppen komplexe Sachverhalte über Kommunikationsformate nahezubringen, welche eher an die Alltagswelt anschließen (Behrens 2021). Es stellt sich jedoch stets die Frage, inwiefern veränderte „Kommunikationsformen mit einem Wissenschaftskommunikationsideal vereinbar [sind], das Befähigung und Ermächtigung von Nicht-Wissenschaftler*innen in den Vordergrund stellt“ (Mede 2022; siehe auch Dahlstrom 2014). Dies gilt beispielsweise für das Erzählen von Geschichten. So deutet sich bereits in der Forschung zu narrativen Strukturen in journalistischer Kommunikation eine entsprechende Ambivalenz an. Über Narrationen vermittelte Inhalte seien besser erinnerbar, unterhaltsamer und besäßen das Potenzial, auch abstrakte Strukturen anschaulich zu vermitteln (vgl. Kinnebrock/Bilandzic 2010: 360). Gleichzeitig zeigen sich auch Probleme: „Narrationen tendieren zu Vereinfachung und Zuspitzung, sie haben eine Auswirkung auf die Auswahl von Themen (Narrationsfaktoren), sie transportieren zwangsläufig Wertungen, und sie besitzen ein Potenzial zur subtilen Persuasion.“ (Flath 2013: 318f.)
Es gilt also sorgfältig abzuwägen, welche Potenziale und Probleme ein Kommunikationsmuster jeweils mit sich bringt. Nutzt man z. B. Storytelling-Techniken, basieren diese häufig auf Personalisierungsrhetoriken, in dem Sinne, dass Wissenschaftler:innen vornehmlich als Personen und weniger als Vertreter:innen abstrakter Positionen dargestellt und wahrgenommen werden. Derartige Verschiebungen lassen sich zumindest ansatzweise durch die Schaffung verschiedener Räume kompensieren, die auch unterschiedliche Kommunikationsstile erlauben, sowie durch institutionelle Transparenz, welche die Eigenlogiken des Wissenschaftssystems konsequent und verständlich nach Außen kommuniziert und im Sinne von Scientific Literacy nachvollziehbar macht.
Darüber hinaus sind im inklusiven Wissenschaftsdialog auch interaktive und partizipative Kommunikationskontexte genauer auf die ihnen innewohnenden Machtkonstellationen zu reflektieren. So bringt der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler gerade das Konzept der aktiven Teilhabe in einen genuinen Zusammenhang mit Loyalität gegenüber den herrschenden Machtverhältnissen (Winkler 2006). Weiter geht es aus machtkritischer Perspektive um (Wissens-)Voraussetzungen zur Dialogteilnahme. Denn selbst wenn etwa bei einem digitalen Wissenschaftskommunikationsformat die entsprechenden Hardware-Voraussetzungen gegeben sind, bleibt die Frage, welche bestehenden Wissensbestände vorliegen müssen, um avancierte technische Angebote wie VR-Schulungen in einer angemessenen Weise zu nutzen. Genau wie die Hardware und entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten kann auch die Nutzungskompetenz stark variieren (was sich schon an den andauernden Diskussionen um Media Literacy, Privacy Literacy oder neuerdings AI Literacy zeigt). Umgekehrt sollte inklusive Wissenschaftskommunikation in ihrer Defizitorientierung darum bemüht sein, soziale Gruppen in der Ansprache nicht ausschließlich auf eben jene Merkmale zu reduzieren, die sie bislang vom Wissenschaftsdialog ausgeschlossen haben, um nicht stigmatisierend zu wirken.
Nicht zuletzt muss über grundsätzliche Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen für Wissenschaftskommunikation nachgedacht werden, etwa im Sinne einer Förderlandschaft, die Kommunikationsanstrengungen auch und gerade an schwer erreichbare Zielgruppen belohnt bzw. in der Projektfinanzierung ermöglicht und konsequent mitdenkt. Unterstützungs- und Schulungsangebote für Wissenschaftler*innen, die sich an entsprechende Zielgruppen wenden wollen, sind unerlässlich.
Fazit
Perspektiven, Bedürfnisse und Erfahrungen sind vielfältig. Eine möglichst inklusive Wissenschaftskommunikation hat nicht nur eine Demokratisierung von Wissen zum Ziel, sondern verbessert im Optimalfall auch die Qualität und Relevanz von Forschung. Dabei kann natürlich nicht jede Gesellschaftsgruppe stets konsequent in den wissenschaftlichen Dialog einbezogen werden. Allerdings ist es gerade in Fällen, in denen marginalisierte und besonders vulnerable Gruppen von wissenschaftlicher Forschung betroffen sind, unumgänglich, diese bereits in der Konzeptionsphase von Kommunikationsformaten zu adressieren und im Projektverlauf mitzudenken. Idealerweise wird es durch die Einbeziehung verschiedener Perspektiven und Lebenserfahrungen auch möglich, blinde Flecken im Forschungskonzept zu identifizieren, neue Fragen aufzuwerfen und innovative Lösungen für diese Gruppen zu entwickeln. Dies gilt auch für den Dialog mit wissenschaftsfernen Gruppen, der potenziell über neue Arten und Weisen der Wissenschaftskommunikation und Inhalteaufbereitung (und deren Probleme) reflektieren lässt, wie hier anhand von Storytelling-Techniken diskutiert wurde.
Literatur
Dahlstrom, Michael F. (2014): Using narratives and storytelling to communicate science with nonexpert audiences, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 111 (4), S. 13614-13620. doi.org/10.1073/pnas.1320645111.
Häfliger, Clara/Diviani, Nicola/Rubinelli, Sara (2023): Communication inequalities and health disparities among vulnerable groups during the COVID-19 pandemic - a scoping review of qualitative and quantitative Evidence, in: BMC Public Health 23 (428). https://doi.org/10.1186/s12889-023-15295-6.
Felt, Ulrike/Fochler, Maximilian (2008): The bottom-up meanings of the concept of public participation in science and Technology, in: Science and Public Policy 35 (7), S. 489-499. https://doi.org/10.3152/030234208X329086.
Flath, Herbert (2013): Storytelling im Journalismus, Diss. Univ. Illmenau.
Kinnebrock, Susanne/Bilandzic, Helena (2010): Boulevardisierung der politischen Berichterstattung? Konstanz und Wandel von Nachrichten- und Narrativitätsfaktoren in Tageszeitungen, in: Arnold, Klaus et al. (Hg.): Von der Politisierung der Medien zur Mediatisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik im 20. Jahrhundert, Leipzig, S. 347-362.
Polk, Emily/Diver, Sibyl (2020): Situating the Scientist: Creating Inclusive Science Communication Through Equity Framing and Environmental Justice, in: Sec. Science and Environmental Communication 5 (6). doi.org/10.3389/fcomm.2020.00006.
Schrögel, Philipp/Humm, Christian/Leßmöllmann, Annette et al. (2018): Nicht erreichte Zielgruppen in der Wissenschaftskommunikation. Literatur-Review zu Exklusionsfaktoren und Analyse von Fallbeispielen. Berlin.
Winkler, Hartmut (2006): Nicht handeln. Versuch einer Wiederaufwertung des couch potato angesichts der Provokation des interaktiv Digitalen, in: Fahle, Oliver/Engell, Lorenz (Hg.): Philosophie des Fernsehens, München, S. 93-101.
Autor: Dr. Martin Hennig
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