Institut für die Kulturen des Alten Orients

Die Entstehung komplexer Siedlungen im nördlichen Inner-Oman im 3. Jahrtausend v. Chr.

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Seit dem Frühjahr 2015 wird in Al-Khashbah, Sultanat Oman, ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes, archäologisches Forschungsprojekt unter der Leitung von Conrad Schmidt, Universität Tübingen, durchgeführt. Der Fundort Al-Khashbah befindet sich in der Provinz Ash Sharqiyah Nord, 17 Kilometer nördlich der Stadt Sinaw. Ziel des Forschungsprojektes ist es, neue Erkenntnisse über die Siedlungsentwicklung in der Hafit- (3200 bis 2700 v. Chr.) und Umm an-Nār-Zeit (2700 bis 2000 v. Chr.) zu gewinnen. Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf dem diachronen Vergleich des Siedlungswesens, wobei sowohl die funktionale Gliederung, inklusive wasser- und landwirtschaftlicher Anlagen und damit der subsistenzwirtschaftlichen Grundlagen, als auch die soziale Differenzierung innerhalb Al-Khashbahs untersucht werden sollen. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Institut für Geoinformation und Vermessung der Hochschule Anhalt, dem eScience-Center der Universität Tübingen, dem Near Eastern Department der Universität Leiden sowie der Deutschen Orient-Gesellschaft e. V. Berlin durchgeführt.

Der Fundort Al-Khashbah erstreckt sich über fünf Kilometer in ost-westlicher Richtung. Er liegt quer zu mehreren Hauptarmen des Wadi Samad, das hier in unmittelbarer Nähe zum Wadi Andam verläuft. Al-Khashbah war vor allem im 3. Jahrtausend v. Chr. und im 16. bis 18. Jahrhundert n. Chr. besiedelt.

Kampagne 2015

Die Arbeiten der ersten Kampagne 2015 konzentrierten sich vor allem auf zwei Punkte, einen kombinierten Bauaufnahme- und Lesesurvey sowie Ausgrabungen an verschiedenen Stellen des Fundortes. Dabei wurde eine Hafit-zeitliche Siedlung (Abb. 1) mit dem Nachweis von intensiver Kupferverarbeitung sowie über 50 Hafit-Gräber (Abb. 2) entdeckt. Des Weiteren wurden sechs monumentale Steingebäude aus der Umm an-Nār-Zeit dokumentiert (Abb. 3). All diese Baustrukturen wurden photogrammetrisch aufgenommen und daraus detaillierte Pläne erstellt. Außerdem wurde die außergewöhnlich gut erhaltene spätislamische Siedlung Safrat-Al-Khashbah mit einer Drohne beflogen und dreidimensional erfasst (Abb. 4).

Beim Lesesurvey, der sich auf fünf ausgewählte Bereiche innerhalb Al-Khashbahs konzentrierte, wurden 2015 auf insgesamt 22 Hektar über 18.000 Funde aufgesammelt. Von jedem Objekt wurden die Koordinaten bestimmt und dieses anschließend in ein Geoinformationssystem übertragen, das demnächst auch online zugänglich gemacht werden soll. Zu den Funden zählen Keramik, Schlacke (Abb. 5), Fragmente von Brennöfen und Steinartefakte.

Kampagne 2016

In der Kampagne 2016 wurden die Arbeiten in den beiden Grabungsstellen Gebäude I, Bereich B, und Gebäude V, Bereich H, stark vorangetrieben. Dabei konnten an Gebäude V neben der rund verlaufenden Hauptmauer drei weitere, vorgelagerte Mauern nachgewiesen werden, deren genauer Zweck allerdings noch ungeklärt ist (Abb. 6). Funktional kann das Gebäude V eindeutig mit intensiver Kupferverarbeitung in Verbindung gebracht werden, da bei den Ausgrabungen tausende von Kupferschlacke- und Ofenfragmenten gefunden wurden. Die wichtigste Erkenntnis bezieht sich allerdings auf die Datierung des Gebäudes. 14C-Analysen von Holzkohle aus verschiedenen Bereichen zwischen den Mauern ergeben ein einheitliches Datum um 3200 v. Chr.. Damit zählt das Gebäude V zu den ältesten monumentalen Bauwerken der Omanischen Halbinsel überhaupt.

Auch die Ausgrabungen an Gebäude I, das sich leicht über der umgebenden Ebene und dem im Westen angrenzenden Wadi erhebt, ergaben völlig neue Einblicke in die Entstehung komplexer Siedlungen im nördlichen Teil Inner-Omans. Hier bestand das Ziel zunächst darin, den Charakter der ein Jahr zuvor durch Geomagnetik entdeckten, etwa 20 x 20 Meter großen Einfriedungen zu ergründen (Abb. 1). Überraschenderweise stellen sie bis zu vier Meter breite und drei Meter tiefe Gräben dar und schließen große Strukturen bestehend aus Lehmziegeln ein (Abb. 7). Was diese monumentale Lehmziegelarchitektur tatsächlich darstellt und in welcher Beziehung sie zur Funktion des Gebäudes I steht, das offensichtlich auch vorrangig der Weiterverarbeitung von Kupfer diente, muss noch untersucht werden. Die Arbeiten an dem rund 100 x 100 Meter großen Fundplatz stehen erst noch am Anfang. Im kommenden Jahr soll mit einer weiteren geomagnetischen Prospektion der Frage nachgegangen werden, ob er sich sogar noch weiter in Richtung Norden und Osten erstreckt, als bisher bekannt. Schon jetzt stellt das Gebäude I eine außerordentlich wichtige, weil singuläre Siedlung des frühen 3. Jahrtausends v. Chr. dar, womit sie eine Sonderstellung in der Erforschung der Siedlungsentwicklung der Region einnimmt.

Kampagne 2017

2017 wurden die Arbeiten an den Gebäuden I und V fortgesetzt. In Gebäude I in Bereich B wurden unter anderem zum ersten Mal weite Teile des Innenraums einer der großen, von tiefen Gräben umgebenen Einfriedungen freigelegt. Dabei kamen im Nordosten sehr regelmäßige, kleine Räume aus Lehmziegeln mit einer Breite von 0,90 m und einer Länge von 2,50 m zu Tage, die offenbar das gesamte Innere der Anlage einnehmen (Abb. 7). In einem anderen Teil des Gebäudekomplexes im Nordwesten wurden größere Räume mit Mauern aus Lehmziegeln und Steinen entdeckt. Einer dieser Räume weist einen Fußboden aus Lehmziegeln auf und wird von einer geraden und einer gerundeten Steinmauer begrenzt (Abb. 8). Das Gebäude I wurde ausschließlich in der späten Hafit-Zeit um 2800 v. Chr. genutzt. Keramik gibt es, wie für diese Periode im Oman üblich, nicht. Dafür setzt sich der Befund einer Art Werkstatt für die Produktion von Steinwerkzeugen, wie beim Survey 2015 durch zahlreiche Klingen und Kratzer aus Feuerstein belegt (http://www.archaeoman.de/al-khashbah-webgis/), auch bei den Grabungen fort. Durch das vollständige Sieben des Aushubs wurden große Mengen an Abschlägen und Produktionsabfall gefunden, die auf die Herstellung von Steinwerkzeugen vor Ort hindeuten.

Im Bereich von Gebäude V, einem monumentalen Rundbau aus Stein in Bereich H, wurde 2017 die Grabungsfläche im Außenbereich nach Osten hin erweitert. Hierbei wurde eine senkrecht zu den drei dem Gebäude vorgelagerten Außenmauern verlaufende Steinmauer entdeckt (Abb. 9). Der östlich anschließende Raum weist mehrere Phasen auf. In der jüngsten Phase war der Raum mit Steinen gefüllt und durch mehrere Lehmziegelmauern unterteilt (Abb. 9). Zum ersten Mal wurden auch im Inneren des Gebäudes V Ausgrabungen durchgeführt. Die obersten Ablagerungen sind stark von Steinversturz geprägt, so dass erst wenig über den inneren Aufbau des Gebäudes ausgesagt werden kann. Es steht aber bereits jetzt fest, dass der Innenraum durch einige große Strukturen aus Lehmziegeln untergliedert ist, die teilweise auf sorgfältig gebauten Fundamenten stehen. Den Aufbau bildeten möglicherweise ursprünglich monumentale Mauern aus Stein, die weitestgehend zusammengestürzt sind. Dort, wo bis auf den gewachsenen Felsen abgetieft wurde, fanden sich auch im Inneren des Gebäudes V unmittelbar über der Felsoberfläche hunderte von Kupferschlacke- und Ofenfragmenten sowie einige Metallspritzer, von denen einige für archäometallurgische Voruntersuchungen mit nach Deutschland gebracht wurden. Durch die Datierung des Gebäudes V in die frühe Hafit-Zeit um 3200 v. Chr. wird die Metallurgie einen Schwerpunkt bei den künftigen Untersuchungen in Al-Khashbah einnehmen, weil sie nicht nur von hoher Bedeutung für die Rekonstruktion der lokalen sozioökonomischen Verhältnisse ist, sondern möglicherweise auch wichtige neue Erkenntnisse für die Verbindung mit Südmesopotamien in der Späten Uruk-Zeit liefern wird.

2017 wurde auch die Öffentlichkeitsarbeit in Al-Khashbah fortgeführt. neben einer Präsentation in der Versammlungshalle von Al-Khashbah für die Frauen des Dorfes wurden Schulklassen durch die Grabung geführt und über die archäologische Ausgrabung sowie die Notwendigkeit des Schutzes ihrer Kulturgüter unterrichtet.

Projektleiter

Dr. Conrad Schmidt, Eberhard Karls Universität Tübingen

Kontakt

Dr. Conrad Schmidt
Eberhard Karls Universität Tübingen
Institut für die Kulturen des Alten Orients (IANES)
Abt. für Vorderasiatische Archäologie
Burgsteige 11, Schloss Hohentübingen
72070 Tübingen

E-Mail: conrad.schmidtspam prevention@uni-tuebingen.de

Förderer

Deutsche Forschungsgemeinschaft

Ministry of Heritage and Culture des Sultanats Oman

STRABAG Oman