Praktische Theologie III

Flughafenseelsorge mit Pfarrerin Bettina Klünemann

von MIRIAM EDERER und DIANA ISER

Am Freitag, den 02. Dezember 2022, besuchten wir als Exkursionsgruppe im Rahmen der Übung „Seelsorge in Zeiten von Pandemie und Krieg“ unter der Leitung von Alexandra Hild Frankfurt am Main. Zu Beginn begaben wir uns an den Frankfurter Flughafen.

Die evangelische Pfarrerin und Flughafenseelsorgerin Bettina Klünemann begrüßte uns in den Räumen der Flughafensselsorge der EKHN (Evangelische Kirche Hessen und Nassau). Herzstück der Räumlichkeiten ist die Kapelle, die von evangelischer, katholischer und orthodoxer Seite aus benutzt wird. Zusätzlich befinden sich neben der Kapelle Büroräume der Kirchenangestellten, die in Einzelfällen auch als Rückzugsorte für Seelsorgesuchende dienen können.

„Die Flughafenseelsorge macht geistliche Angebote wie Gottesdienste und bietet Seelsorge für Reisende und Angestellte des Flughafens an, dazu Seelsorge in Notfällen. Sie arbeitet mit vielen Partnern am Flughafen und darüber hinaus zusammen.“ (Zitat aus „Kirche am Flughafen Frankfurt“, Bettina Klünemann)

Flughafenseelsorge in Zeiten von Pandemie: In der Kapelle erzählte uns Pfarrerin Bettina Klünemann von den Aufgabenbereichen in der Flughafenseelsorge zu Zeiten der Corona Pandemie. Uns überraschte an dieser Stelle am meisten die Arbeit der Seelsorge mit vielen Seeleuten, die am Flughafen in Anfangszeiten der Pandemie gestrandet waren auf der Suche nach der besten Möglichkeit, in ihr Heimatland zu kommen. Aufgrund dessen entstand ein Kontakt zwischen der Flughafenseelsorge Frankfurt und der Deutschen Seemannsmission Hamburg.

Bis zu 38 Tage lang befanden sich die Seeleute aus aller Welt im Transit-Bereich des Frankfurter Flughafens. Zum einen wurde für ihr körperliches Wohl gesorgt mit regelmäßigem Essen, Kleidung und Feldbetten; zum anderen standen die Seelsorgenden mit Gesprächen für geistiges Wohl zur Seite.

Die Seelsorgenden erfuhren von Seite der Gestrandeten eine gastfreundliche Haltung. Zur Zeit des Ramadans kam es oftmals zu gemeinsamen Gebeten sowie zur Verteilung von Zuckerfest-Geschenken untereinander. Anders verhielt es sich mit Mitarbeitenden des Flughafens, die sich größtenteils in Kurzarbeit befanden, was dazu führte, dass sie häufig nicht in ihrem gewohnten Einsatzumfeld am Flughafen eingesetzt werden konnten. Während der Pandemie wurden viele Teams zerrissen, Abteilungen aufgelöst, Verabschiedungen jeglicher Art konnten nicht stattfinden. Gestresste Passagiere trafen auf gestresste Mitarbeitende. Die Seelsorgenden versuchten an dieser Stelle zu vermitteln und die Situation zu entspannen.

Flughafenseelsorge in Zeiten von Krieg: Alle international Geflüchteten, die Asyl beantragen können und müssen, werden vor allem vom Kirchlichen Flüchtlingsdienst betreut. Da die Geflüchteten aus der Ukraine ohne Asylantrag einreisen können, kam es zu Beginn des Jahres 2022 zu großem Zulauf von ukrainischen Kriegsgeflüchteten am Frankfurter Flughafen. Die Flughafenseelsorge bot für sie eine erste Anlaufstelle. Teilweise diente Frankfurt nur als Transitort, um zu Verwandten und Bekannten in anderen Teilen der Welt zu kommen. Teilweise flohen Menschen, ohne jegliches Ziel zu haben oder gar zu wissen, wo sie unterkommen könnten. Pfarrerin Bettina Klünemann erzählte uns, dass in der Not die Teeküche und der Besprechungsraum der Flughafenseelsorge oftmals als Hilfestellung dienen, bis eine Unterkunft gefunden wird. Die Seelsorgenden unterstützen also bei ersten organisatorischen Fragen nach dem Ankommen, helfen bei der Beschaffung von Hygieneartikeln, etc. und organisieren die Weiterreise an die gewünschten Zielgebiete. Von März bis Juli 2022 betreute die Pfarrerin kirchlichen Flüchtlingsdienstes des Frankfurter Flughafens, Tanja Sacher, die Geflüchteten aus der Ukraine mit, da sie aufgrund von Kenntnissen der russischen Sprache sprachliche Hürden beim ersten Kontakt beseitigen konnte.

Bereichernd emfpanden wir vor allem die starke Vernetzung der Flughafenseelsorge vor Ort und darüber hinaus: Seelsorge geschieht nicht nur in der Flughafenseelsorge selbst, sondern auch in angrenzenden kirchlichen kooperierenden Bereichen. Herausfordernd blieb es nach einem Tag vieler erlebter Einzelschicksale nach Hause gehen zu können, ohne alles mitzutragen.

Geflüchtetenseelsorge mit Pfarrerin Tanja Sacher

von LENA DOLMETSCH und SELINA HOLLEIN

Die Geflüchtetenseelsorgerin und Pfarrerin Tanja Sacher arbeitet zu 50% als Seelsorgerin für Geflüchtete bei der EKHN, die im Transitbereich der Cargo City Süd am Flughafen unter strengen Auflagen der Bewegungsfreiheit auf die Entscheidung deutscher Behörden warten, ob sie nach Deutschland einreisen dürfen oder direkt wieder zurückgeführt werden. Sie erzählte uns von vielen bewegenden und schockierenden Schicksalen, aber auch von schönen Begegnungen, die sie in ihrer Zeit bereits erlebt hatte. Sie steht dort Menschen zur Seite, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, oft traumatisiert, ohne Orientierung und sehr erschöpft am Frankfurter Flughafen ankommen und sich zu allererst den deutschen Behörden und der Bundespolizei stellen müssen. In der ersten Phase des Unkrainekriegs hat sie auch nahezu jeden Tag am Flughafen Geflüchtete aus der Ukraine betreut, ihnen Hilfe und erste Unterstützung angeboten.

Uns haben die Geschichten alle sehr bewegt und einmal mehr gezeigt, wie unendlich wichtig die Arbeit von Seelsorger*innen ist, aber vor allem auch wie vielfältig Seelsorge sein kann: Seelsorge kann schon mit einer Begrüßung in Muttersprache beginnen. Sie reicht aber auch über Hilfe bei der Antragsstellung auf Asyl und sehr kurzfristiger Vorbereitung auf die persönliche Anhörung für die geflüchtete Person beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) bis hin zur Begleitung in diese. Die Art und der Umfang der Hilfe durch die Geflüchtetenseelsorge wird dabei der Situation der Beseelsorgten angepasst und entsprechend ihren Bedürfnissen selbst bestimmt.

Für uns als Theologiestudierende war es sehr bereichernd einen Einblick in diese wichtige Arbeit zu bekommen und hinter unserem wissenschaftlichen Studium zu erleben wie Kirche und Seelsorge an einem so zentralen Knotenpunkt wie einem Flughafen stattfindet.

Seelsorge im Bahnhofsviertel mit PX Sozialwerk

von LISA PAFFRATH

Nach unserem Besuch bei der Flughafenseelsorge und der Geflüchtetenseelsorge haben wir uns auf den Weg zum PX Sozialwerk im Frankfurter Bahnhofsviertel gemacht. Schon auf dem Weg dorthin bekamen wir einen ersten Eindruck des Viertels, in dem Drogenkonsum und Sexarbeit sichtbarer Teil des Straßenbildes sind. Diese für uns bedrückende Atmosphäre änderte sich, als wir die Räume von PX betraten. Das Sozialwerk PX entstand ursprünglich aus Gemeinde „Kirche in Aktion“, die der Freikirche „Kirche des Nazareners“ angehört und begann 2015 mit aufsuchender Sozialarbeit mit Sexarbeiterinnen bzw. Prostituierten in Laufhäusern. Zu Beginn wurden etwa zehn Frauen regelmäßig von den Mitarbeiterinnen von PX besucht. Durch kleine Geschenke und Bibelverse, die an die Frauen verteilt wurden, ergaben sich auch persönliche Gespräche. Allerdings waren die Gesprächsmöglichkeiten in den Laufhäusern begrenzt, weshalb nach festen Räumlichkeiten gesucht wurde. Diese wurden dann 2020 in der Niddasraße gefunden, in der ein Drop-in-Center eingerichtet wurde, in das die Frauen mit mehr Zeit und unter geschützten Rahmenbedingungen kommen konnten.

Die Arbeit im Drop-in-Center ist stark an den Bedürfnissen der Frauen ausgerichtet. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Beziehungsarbeit unter den Frauen, die in der Prostitution arbeiten. Diese sind oft aufgrund von Armut aus ihren osteuropäischen Heimatländern nach Deutschland gekommen. Geschichten häufen sich, in denen Frauen früh verheiratet wurden, Kinder bekamen und für die Familie sorgen mussten, wenn die Väter dies nicht übernahmen. In ihren Heimatländern bekommen sie in der Prostitution nur einen Bruchteil des Geldes, das sie in Deutschland verdienen. Durch fehlende Ausbildung und teilweise Drogenkonsum geraten die Frauen in Abhängigkeiten. Das PX Sozialwerk versucht mit den Frauen Perspektivarbeit zu leisten. Diese besteht in der Begleitung bei Behördenangelegenheiten, Unterstützung bei einem möglichen alternativen Berufseinstieg oder der Ermöglichung von Deutschkursen.

Hiwot Wissing, längste Angestellte mit religionswissenschaftlicher Ausbildung und Katharina Lorenz, Sozialarbeiterin bei PX haben uns von ihren Erfahrungen erzählt. Sie haben uns auch von der Herausforderung berichtet, dass unter den Prostituierten in Frankfurt am Main eine hohe Konkurrenz herrscht, sodass Freundschaften untereinander erst langsam gewachsen sind. Sie finanzieren ihre Arbeit hauptsächlich durch Fundraising, versuchen dies aber auf Förderanträge bei der Stadt auszuweiten. Bei der Bekanntmachung ihrer Arbeit achten sie darauf keine direkte politische Stellung zu beziehen und auch in den Gesprächen in den Laufhäusern müssen sie mit Kritik vorsichtig sein, da sie sonst die Erlaubnis von den Betreiber*innen der Laufhäuser für ihre Arbeit vor Ort verlieren könnten. Allerdings ist es ihnen ein Anliegen das Thema Prostitution durch Informationsveranstaltungen stärker ins allgemeine Bewusstsein bei Kirchen und kirchennahen Institutionen zu rücken. Insgesamt sind vier Hauptamtliche als Quereinsteiger, eine Sozialarbeiterin und 40 Ehrenamtliche im Rhein-Main-Gebiet in der Organisation PX tätig.

Durch die Corona Pandemie wurde auch die Arbeit von PX beeinflusst, da die Tätigkeit auf persönliche Kontakte gründet. Trotz der Herausforderung durch Beschränkungen und Kontaktregelungen wuchs die Arbeit in dieser Zeit weiter.

Besonders beeindruckt hat mich persönlich bei unserer Exkursion die Aussage von einer der Mitarbeiterinnen von PX. Sie sagte: „Wir wollen ein Stück Himmel hierherbringen.“ Das stand für mich einerseits sehr im Kontrast zu der Situation der Menschen, die wir im Bahnhofsviertel gesehen hatten und auch den schwierigen Umständen, mit denen die Frauen, die in der Prostitution arbeiten, konfrontiert sind. Gerade deshalb hat es mich beeindruckt, dass die Mitarbeiterinnen von PX, auch aus einer christlichen Motivation heraus, ihre Arbeit im Bahnhofsviertel mit den Frauen begonnen haben. Ich denke, dass ihre Arbeit für den Auftrag der Kirche ein Vorbild sein kann, besonders zu den Menschen am Rande der Gesellschaft zu gehen, ihnen mit ehrlicher Wertschätzung zu Begegnen und so Gottes Liebe zu zeigen.

Ich glaube, dass Kirche hier herausgefordert ist, sich hinterfragen zu lassen, welche Menschen sie mit ihrer Arbeit im Blick hat. Dabei sehe ich den Auftrag der Kirche besonders dort, wo Menschen von der Gesellschaft an den Rand gedrängt und verurteilt werden. Mit diesen Menschen Beziehungen aufzubauen und sie mit ihren Anliegen wahrzunehmen, ist für mich ein zentraler Aspekt kirchlicher und auch seelsorgerischer Arbeit.

Kunstprojekt "א/α/A - א/Ω/O - Requiem Materials" Trauerkirche St. Michael mit Verena Kitz und Luca Ganz

von ALEXANDRA S. HILD

Die letzte Station für uns an dem Tag lag in der römisch-katholischen Trauerkirche St. Michael. Dort war es der letzte Tag eines Kunstprojekts von Luca Ganz und mir, das wir im Trauermonat November durchgeführt hatten. Die Kirche St. Michael dient im Bistum Limburg als Trauerzentrum. Pastoralreferentin Verena Maria Kitz begrüßte uns am dunklen Abend im kalten aber warm ausgeleuchteten Kirchraum zusammen mit Luca Ganz, der Theologie- und Kunststudent ist. Für unsere Gruppe war es ein passender Ausklang, da der Raum, die beiden Personen und die künstlerische Klanginstallation zum Meditieren und Innehalten einladen. Für die Exkursionsgruppe war der Ausflug bis zu dem Zeitpunkt schon sehr überreichlich und herausfordernd. In den Seelsorgebereichen hörte man von vielen emotional herausfordernden Momenten. In dem Bahnhofsviertel sah man auch einige leidvolle Situationen, denen Tübinger Studierende in aller Regel alltäglich nicht begegnen.

Luca Ganz erzählte uns davon, dass das Kunstprojekt aus einem theologischen Interesse herrührte. Einerseits ging es um Zukunftsfragen von Kirchenräumen: Wie können Kirchengebäude, die nicht mehr als Pfarrgemeinderäume benutzt werden, anders genutzt werden? Welche Möglichkeiten haben Kirchen, indem sie Räume anders als bisher verwenden? Kirchengebäude stehen in jahrhundertealter Tradition Kunstvorreiterinnen gewesen zu sein. Wie kann man das in säkularen oder weniger konfessionsbewussten Gesellschaften erleben? Darüber hinaus leite sich der Titel „א/α/A - א/Ω/O  – Requiem Materials“ von der apokalyptischen Stelle ab, bei der Jesus betont, er sei der Anfang und das Ende, Alpha und Omega. Im Hebräischen wäre für den Buchstaben Omega, derselbe Buchstabe wie für Alpha gewählt, nämlich Aleph. Damit könnte die Aussage getroffen werden, dass Anfang und Ende, also Leben und Ableben gleich oder zumindest ähnlich sind. Solche Ideen könnten für Trauerseelsorge dienlich sein. Darüber hinaus biete der stark hallende Raum die Möglichkeit, mit sich selbst in Kontakt zu treten, da jedes Geräusch, das von einem ausgeht, verzerrt zu einem selbst widerhallt.

Verena Kitz trat die Stelle im Trauerzentrum zu Beginn der Pandemie an. Im Verlauf der Pandemie gab es wenige öffentliche Räume, in denen Menschen ihre Trauer zum Ausdruck bringen konnten. Die Trauerkirche bot, so lange es möglich war, Gottesdienste Freitagabend an. Dort konnten Angehörige ihrer Trauer Raum geben. Zusätzlich wurden Namen von Verstorbenen auf Faltzettel geschrieben, die im Altarraum aufgestellt wurden und bis dato dort Platz finden. Als Seelsorgerin im Frankfurter Nordend kommt sie auch mit einigen Trauernden in Kontakt, die Kriegsleid beklagen. Dafür gibt es im Kirchraum eine Backsteinmauer. Eine Regenbogenfahne mit der Aufschrift „PACE“ hängt darüber. Dort können Menschen Teelichter anzünden.

St. Michael bietet in der Nachbarschaft des Stadtteils Frankfurt Nordend also einen öffentlichen Ort an, seelsorgerisch begleitet oder für seine Seele eigens sorgend Trauer und Kunst zu erleben. Neben der beeindruckenden Klanginstallation wurden wir auch von dem expressionistisch anmutenden Altarbild des drachentötenden Erzengels Michael fasziniert. Mit kalten Füßen und vielen Sinneseindrücken gingen wir vor Gottesdienstbeginn also zurück zum Frankfurt Bahnhof. Wenn es auch der kälteste Ort an dem Tag war, so war es doch der Ort, an dem auch unsere Seelen für einen Moment zum Abschluss der Exkursion ruhen konnten.