Die Konzeption der Fragebögen
Aufbauend auf den bereits erläuterten methodischen Überlegungen wird im Folgenden die Konzeption der eingesetzten Fragebögen sowie ihre methodische Verknüpfung genauer betrachtet. Ziel dabei war es, mithilfe der entwickelten Kategorien, die komplexen Erscheinungsformen der Kommerzialisierung japanischer Kultur in Akihabara sichtbar zu machen.
Für die Durchführung des Forschungsprojekts wurden insgesamt drei verschiedene Fragebögen entwickelt. Die Fragebögen folgen der methodischen Grundlage einer offenen, vorstrukturierten teilnehmenden Beobachtung nach Kuhlmann. Generell wurden im Fragebogen gezielt offenen Fragen mit großzügigen Freitextfeldern gewählt, um den Beobachtenden ausreichend Interpretationsspielraum zu lassen und unerwartete Impressionen erfassen zu können. Die entwickelten Kategorien, welche als strukturierende Elemente dienen, ermöglichen den Teilnehmern eine Fokussierung ihrer Wahrnehmung und Beobachtung auf forschungsrelevante Aspekte, wie die visuelle Inszenierung, räumliche Organisation, Interaktionsformen und die Zielgruppenansprache (Kuhlmann, 2021). Gleichzeitig wurde besonders durch die qualitativen Fragen darauf geachtet, die Offenheit der Beobachter nicht einzuschränken, um individuelle Eindrücke weiterhin erfassen zu können.
Auf Grund der theoretischen Unterscheidung verschiedener Kommerzialisierungsformen in Akihabara, welche im zugehörigen Kapitel genauer beleuchtet werden, wurden drei verschiedene Fragebögen entworfen. Der erste Fragebogen fokussiert die Erlebniskommerzialisierung, der zweite Fragebogen die Laden- und Shoplandschaft und der dritte Fragebogen die nächtlichen Impressionen. Diese Differenzierung erscheint sinnvoll, da somit verschiedene, für die jeweilige Kommerzialisierungsform entscheidende Kategorien erfasst werden können und eine vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Ausprägungen der Kommerzialisierung ermöglicht wird. Während für die Laden- und Shoplandschaft die räumliche Verdichtung, die visuelle Überfrachtung sowie die Warenlogik im Vordergrund stehen, zielt die Erlebniskommerzialisierung primär auf die Inszenierung von bestimmten kulturellen Erlebnissen ab.
Gröppel (2019) zufolge wird Kultur als Ensemble von Praktiken, Symbolen, und Ausdrucksformen einer Gesellschaft verstanden, welche sich nicht auf traditionelle Hochkulturen beschränkt, sondern auch populärkulturelle Medien wie Anime, Manga und Videospiele einschließt. Die Kommerzialisierung dieser kulturellen Elemente wird dahingehend als Prozess verstanden, in dem kulturelle Ausdrucksformen in marktfähige Waren, Dienstleistungen und Erlebnisse überführt werden. Vor diesem Hintergrund fokussieren die Kategorien des Fragebogens sowohl materielle Aspekte, wie Merchandise oder Ladenstrukturen, also auch immaterielle symbolische Dimensionen, wie die Wertevermittlung oder die Atmosphäre und ermöglichen somit ihre systematische Erfassung.
Weitere Fragen innerhalb des Fragebogens zielen darauf ab, die Wiederholung visueller Motive sowie die Standardisierung von Laden- und Erlebnisformaten zu erfassen. Ziel dabei ist es, Akihabara als Raum kultureller Warenproduktion und -inszenierung empirisch zu analysieren. Die Überlegungen zur Kulturindustrie nach Horkheimer und Adorno (1991) werden dabei als theoretische Grundlage verwendet. Kultur wird dabei als Teil einer industriellen Produktions- und Verwertungslogik, in der kulturelle Inhalte standardisiert, reproduzierbar und auf Profitmaximierung ausgerichtet werden, verstanden. Mithilfe der Bezugspunkte im Fragebogen, sollen diese Aspekte sichtbar werden.
Darüber hinaus bilden die Konzepte des Kulturmarketings und der Kulturmarkenbildung eine weitere wichtige Grundlage für die entwickelten Fragen des Erhebungsinstruments. Kulturmarken zeichnen sich demnach vor allem durch ein klares Alleinstellungsmerkmal, symbolhafte Repräsentationen und emotionale Wertversprechen aus (Gröppel, 2019; Grieger 2023). Daraus resultierend zielen ausgewählte Fragen darauf ab, die emotionale Wirkung auf die Konsumenten und Besucher, die symbolische Gestaltung sowie die generelle Ansprache der gewünschten Zielgruppen, beobachten zu können und mit dem theoretischen Konzept des Kulturmarketings zu verknüpfen. Somit gilt der Ort Akihabara als inszenierter Erlebnisraum kultureller Praktiken, in dem bestimmte Werte transportiert werden sollen.
Ergänzend werden zudem Foto- Dokumentation in allen Fragebögen miteingebunden, um vor allem die visuellen Aspekte der Kommerzialisierung, wie die Gestaltung der Fassenden, die Werbedichte oder räumliche Inszenierungen zu erfassen. Dahingehend kann sichergestellt werden, dass durch die Foto- Dokumentation die beantworteten Fragen und Interpretationen der Teilnehmer durch die Forschungsgruppe besser nachvollzogen werden können. Durch dieses Vorgehen kann eine dichte Beschreibung des Untersuchungsraumes im Sinne einer qualitativen Raumforschung erlaubt werden (Lüdders, 2016). Besonders der dritte Fragebogen, welcher in erster Linie die Impressionen bei Nacht erfassen soll, ist geprägt von der Foto- Dokumentation, um bei der Auswertung einen Vergleich zwischen nächtlichen und täglichen Wahrnehmungen zu ermöglichen.
Die Auswertungslogik des Forschungsprojekts orientiert sich eng an der Konzeption der Fragebögen sowie an den zugrundeliegenden theoretischen Überlegungen. Grundlegend gilt dabei, dass nur jene Aspekte ausgewertet werden können, die im Rahmen der Datenerhebung auch erfasst wurden (Kirchhoff et al., 2010). Vor dem Hintergrund, dass es sich bei der Kommerzialisierung der japanischen Kultur um ein räumlich, visuell und symbolisch geprägtes Phänomen handelt, wurde eine qualitative Auswertungslogik gewählt. Qualitative Verfahren eignen sich insbesondere zur Analyse komplexer kultureller Phänomene, bei denen Bedeutungen, Wahrnehmungen und Deutungen im Vordergrund stehen (Kallus, 2016).
Bei der Auswertung wird demnach nicht hypothesenprüfend vorgegangen, sondern vielmehr eine qualitative Inhaltsanalyse der offenen Textantworten durchgeführt. Diese erfolgt in einem mehrstufigen Verfahren, bei dem zunächst Kategorien gebildet werden. Die Kategorien werden dabei deduktiv aus den bereits beschriebenen theoretischen Konzepten, der Kulturindustrie nach Horkheimer und Adorno, das Kulturmarketing sowie Kultur als symbolisches- praktisches Bedeutungsgefüge, abgeleitet (Gröppel, 2019; Horkheimer & Adorno, 1991). Schließlich werden diese durch die erhobenen Daten induktiv ergänzt und weiterentwickelt. Im Zuge dessen sollen wiederkehrende Motive, Begriffe und Beobachtungsmuster aus der Datenlage identifiziert werden, wodurch ebenfalls unerwartete beziehungsweise theoretisch nicht vorhersehbare Ausprägung der Kommerzialisierung in Akihabara erfasst werden (Lüdders, 2017). Die Offenheit der Fragen stellt somit eine bewusste Voraussetzung für die explorative und theoriegeleitete Analyse dar und ermöglicht es vielfältige und individuelle Wahrnehmungen der Teilnehmenden zu erfassen.
Darüber hinaus ermöglichen Meta- Angaben zu Tageszeit, Ort oder Beobachtungsdauer beziehungsweise der dritte Fragebogen, welcher sich ausschließlich auf die nächtlichen Eindrücke beschränkt, eine weitere differenzielle Betrachtung. Überdies wird das erhobene Bildmaterial als zentraler Bestandteil der Datenerhebung und Auswertung, nicht isoliert, sondern im Kontext seiner schriftlichen Textangaben auswertet und eingeordnet. Sie dienen sowohl der Veranschaulichung als auch der analytischen Verdichtung, indem visuelle Muster wie Werbedichte, Fassadengestaltung oder räumliche Überformung öffentlicher Flächen nachvollziehbar gemacht werden.
Die im Fragebogen enthalten reflexiven Passagen, in denen eigene Wahrnehmungen und Eindrücke festgehalten werden, erfüllen innerhalb der Auswertungslogik eine doppelte Funktion. Zum einen wird eine bewusste Reflexion der eigenen Perspektive ermöglicht und tragen somit zur Transparenz des Forschungsprozesses bei. Zum anderen machen sie sichtbar, wie die kommerziellen Inszenierungen subjektiv wahrgenommen und erlebt werden, wodurch auch individuelle Vorannahmen sichtbar und in der Analyse berücksichtigt werden können (Kallus, 2016).
Insgesamt kann festgehalten werden, dass der Fragebogen sowie die Auswertungslogik aus der Forschungsfrage und den theoretischen Grundlagen abgeleitet wurde. Durch den Fragebogen kann die zugrundeliegende Theorie mit der empirischen Arbeit verbunden werden. Durch diese enge Verknüpfung wird sichergestellt, dass die erhobenen Daten nicht nur dokumentierend, sondern auch analytisch ausgewertet werden können.