Wirtschaftliche Entwicklungspfade der Länder in Ost-/Südostasien und Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung in Malaysia und Singapur (Hiller & Ulrich)
Wirtschaftliche Entwicklung Singapurs
Bereits vor 1959 war Singapur wegen seines Umschlaghafens ein Verkehrsknotenpunkt für Südostasien. 1959 erlangt Singapur die interne Selbstverwaltungsautonomie von der Kolonialmacht England. Die Wirtschaft stand nun vor einigen Schwierigkeiten. Unternehmen wollten wegen des hohen Risikos keine Investitionen tätigen, die Arbeitslosgeit stieg an und es fehlte an Infrastruktur (Bürklin 1993, S.22 ff.).
Zwischen 1959 und 1965 gab es eine importsubstituierende Industrialisierung in Form des Aufbaus einer Fertigungsindustrie. Langfristig sollten Kapazitäten des sekundären Sektors, beispielsweise Schiffsbau, Elektrogüter- und chemischer Industrie, aufgebaut werden. Außerdem trat Singapur der Malaysischen Föderation bei und hatte somit Zugang zum Binnenmarkt Malaysias. Singapur gründetet das Economic Development Board, welches das Land mit Finanzhilfe, Steuersenkungen und Importzöllen unterstützte. Die Industrialisierung war in den ersten Jahren nur schleppend und es gab ethnische Konflikte, weswegen Singapur 1965 die Föderation verließ und seine volle Unabhängigkeit erlangte (Bürklin, 1993, S.26ff.).
Nun hat Singapur die Möglichkeit der Importsubstitution verloren und ändert seine Strategie zu einer exportorientierten Industrialisierung zwischen 1966 und 1973. Diese wurde mit steuerlichen Anreizen gefördert, außerdem wurde der Transfer von Kapital ins Ausland legalisiert. Diese arbeitsintensive Exportindustrialisierung basierte auf ausländischen Direktinvestitionen. 1971 wurden die militärischen Stützpunkte in Singapur aufgelöst, von denen viele Beschäftigte abhängig waren. Reagiert hat Singapur durch eine Reform des Arbeitsgesetzes, außerdem hatte der Aufbau eigener Streitkräfte oberste Priorität. Der Staat spielt eine wichtige Rolle, indem er die Entwicklung notwendiger Güter organisiert. Außerdem gibt es gibt ein System halbstaatlicher Unternehmen. Als Motor des Industrialisierungsprozesses wirkt der steigende Welthandel, der steigende Zufluss von Ausländischen Direktinvestitionen sowie Investitionsanreize (Bürklin, 1993, S, 30ff.).
Zwischen 1974 und 1979 wollte Singapur seine Wirtschaft qualitativ verbessern, dies scheiterte jedoch aufgrund der Ölkrise. Die Wirtschaft Singapurs war zu diesem Zeitpunkt stark vom ausländischen Markt abhängig, es gibt Engpässe auf dem Arbeitsmarkt, die Lohnkosten steigen und die Arbeitsproduktivität stagniert. Ziel war ein technologischer Aufholprozess durch Restrukturierung. Kapital-, technologie- und humankapitalintensive Industrien sollten aufgebaut werden.
Die Phase der wirtschaftlichen Restrukturierung begann dann schließlich 1979 und dauerte bis 1984 an. Die „Second industrial Revolution“ im produzierenden Gewerbe führte zur Einführung einer Hochlohnpolitik, diese schwächte die Wettbewerbsfähigkeit arbeitsintensiver Industrien. Diese sollten durch höherwertige Technologien ersetzt werden. Forschung, Entwicklung und Ausbildung wurden durch finanzielle Anreize gefördert. Das durchschnittliche Wachstum des BIPs lag in diesen Jahren bei 7,8%, die Arbeitslosenquote war sehr gering bei etwa 2,7% (Kiese, 2004).
Eine einsetzende wirtschaftliche Krise erforderte einen erneuten Strategiewechsel. Das BIP sank 1985 um 1,6%, was auf die Hochlohnpolitik, eine nachlassende Nachfrage sowie eine Aufwertung des Singapur Dollars zurückzuführen ist. Investitionen gingen zurück und die Arbeitslosenquote stieg an (Bürklin 1993, S 26ff.). Zwischen 1985 und 1997 gab es eine Diversifizierung und Regionalisierung. Im Zuge dessen wurden vor allem einheimische Unternehmen gefördert, regionale Dienstleistungsunternehmen entwickelt und Kostenreduktionen vorgenommen. Das Ergebnis war eine schnelle Stabilisierung der Wirtschaft und ein weiteres Wachstum. Insgesamt gab es eine wissensintensive Industrialisierung, wovon die Initiierung des Wachstumsdreicks Singapur-Johor-Riau Islands ein wichtiger Bestandteil war. Es erfolgte eine zunehmende Integration in den Weltmarkt (Kiese, 2004)
Die von 1997 bis 1998 andauernde Asienkrise verschonte Singapur weitestgehend, da Singapur ein gesundes Finanzsystem besaß und soziale sowie politische Stabilität ausweisen konnte (Bürklin, 1993, S.75 ff.).
Ab 1998 erreichte Singapur die Phase der wissensbasierten Ökonomie. Hauptbestandteil war die Generierung von eigenem Wissen als Ergänzung für das bestehende Wissen. Dabei behielt Singapur den sekundären und tertiären Sektor bei, stärkte die Außenwirtschaft und förderte Innovationen. Singapur wollte führendes Kompetenzzentrum für wissensbasierte Aktivitäten werden, ein Beispiel dafür ist der Aufbau des Projektes „One North“. Singapur sollte eine Global City werden, dieses Ziel hat Singapur einige Jahre später auch erreicht (Kiese, 2004).
Das Wachstum hält bis heute an, allerdings sieht sich Singapur mit einigen Problemen konfrontiert. Dazu gehört zum Beispiel der begrenzte Platz, der durch die Wachstumspläne der Regierung immer knapper wird (Kinder, 2017, S.34ff.).
Wirtschaftliche Entwicklung Malaysias
Die wirtschaftliche Entwicklung Malaysias von einem Rohstoff produzierenden Entwicklungsland zu einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht Sütostasiens, begann mit der Unabhängigkeit 1957. Zu Beginn war Malaysias Wirtschaft überwiegend agrarisch geprägt und der internationale Handel noch in den Händen der britischen Kolonialmacht (Ufen, 2017). Im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit lag der Fokus auf der politischen und gesellschaftlichen Stabilisierung des Landes und die wirtschaftlichen kolonialzeitlichen Strukturen wurden zunächst beibehalten. Daraus ergab sich ein ökonomischer „laissez-faire“ Liberalismus. Mit der 1970er Jahren veranlassten „New Economic Policy“, sollte eine langfristige Angleichung der Einkommens- und Vermögensverteilung zwischen der Chinesischen und malaysischen Bevölkerung ermöglicht werden und die Malaien stärker an der Wirtschaft beteiligt werden (Rey, 2001). Ebenfalls sollte das Wachstum und die Entwicklung einer arbeitsintensiveren und exportorientierten Industrialisierung gefördert werden, woraufhin die Malaysian Industrial Development Authority gegründet wurde und 1971 ein Freihandelszonengesetz verabschiedet wurde. Dabei wurden ausländische Direktinvestitionen gefördert, Steuererleichterungen ermöglicht und Exportverarbeitungszonen geschaffen (Kulke, 2003). Aufgrund dessen erfolgte ein ganzheitlicher Strukturwandel und eine Diversifizierung der Wirtschaftssektoren bis heute.
In den 1980er Jahren begann ein Wechsel zwischen neuer Wirtschaftspolitik und Reformpolitik. Aufgrund der Verlagerung des produzierenden Gewerbes in günstigere Produktionsstätten im Ausland, wurden nun die importsubstituierende Schwerindustrie und Produktion gefördert. Beispielsweise wurde die nationale Automobilindustrie mit dem Auto „Proton“ angekurbelt, die Herstellung von Stahl, Zement und Chemikalien gefördert und die Produktion von Mikroelektronik unterstützt. Es wurde ein weiteres Gesetz zur Förderung von Investitionen erlassen, womit ausländische Investoren Steuererleichterungen sowie weitere Vorteile für eine Ansiedlung in Malaysia erhielten. Damit konnte die Anzahl an mittelqualifizierten Arbeitskräften gefördert werden und wirtschaftlicher Aufschwung generiert werden (Kulke, 2003).
In den 1990er Jahren begann eine Welle von industriellen Megaprojekten. Diese gehörten zu einer wirtschaftspolitischen Strategie um die Infrastruktur sowie hochrangige Dienstleistungen auszubauen. Die Auslagerung der Verwaltungshauptstadt nach Putrajaya erfolgte 1993 und 1996 wurde der über 70 km lange Multimedia Super Corridor zwischen Kuala Lumpur und dem neuen Kuala Lumpur International Airport eröffnet. Ebenfalls wurde das Cyberjaja gegründet, die Formel 1 Strecke in Sepang gebaut und die Petronas-Towers errichtet. Letztere stehen als Symbol für die Mineralölförderung Malaysias, die rund ein Drittel der Staatseinnahmen ausmachen (Kulke, 2003). 2010 folgte dann das bisher letzte Großprojekt, die Iskandar Development Region in Johor (Ufen, 2017).
Mitte der 1990er erfolgte der Umschwung zu einer wissensbasierten Ökonomie und zur Förderung von kapitalintensiven Hochtechnologieprodukten und es wurden weitere regionale Entwicklungskorridore eingerichtet (Ufen, 2017). Im Zuge der Asienkriese 1997-1998 schrumpfte die Wirtschaft um 7,5%, wobei Schwachstellen des bisherigen wirtschaftlichen Expansionskurses aufgedeckt und abgestraft wurden (Rey, 2001). Auch der Tourismus stieg nach der Asienkriese an und entwickelte sich mit mittlerweile 26 Mio. Ankünften (2017) zu einem wichtigen Standbein der malaysischen Wirtschaft (Tourism Malaysia, 2017).
Basierend auf den wirtschaftlichen Erfolgen erstellte Malaysia nach den ehrgeizigen Plänen Mahathirs die Vision 2020, mit dem Ziel Malaysia zu einem voll entwickelten, modernen Industriestaat zu machen (Rey, 2001). Werden allein die gesteckten Ziele betrachtet, jährlich ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 7%, die Lösung der ethnischen und sozialen Konflikte und die Förderung von Wissen und Produktivität, kann gesagt werden, dass Malaysia heute noch weit davon entfernt ist, diese Ziele zu erreichen.Die Vision 2020 wurde daraufhin auf 2030 erweitert und ähnliche Ziele formuliert und angestrebt (Pennington 2017).
Dennoch ist Malaysia heute eine der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften Südostasiens und erwirtschaftet ein BIP von ca. 320 Mrd USD (2016) mit einer Wachstumsrate von 4,3% (Ufen, 2017). Die Wirtschaft ist stark außenhandelsorientiert und wird von hochtechnologischen und kapitalintensiven Industrien angetrieben. Im Gegensatz zu Singapur gelang es Malaysia jedoch nicht vollständig, die wirtschaftlich erforderlichen Kapazitäten aufzubringen, um in wenigen Jahrzehnten das Stadium eines Schwellenlandes zu durchlaufen und ein Industrieland zu werden.