Osteuropäische Geschichte und Landeskunde

Forschungsschwerpunkte des Instituts

Die laufenden Forschungen des Instituts beschäftigen sich mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Darüber hinaus richtet sich der Blick auf die Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert. In ihren meist interdisziplinär angelegten Forschungsarbeiten greifen die Mitarbeiter*innen des Instituts Ansätze und Zugänge der Sozial- und Kulturwissenschaften auf und behandeln Themen wie Umwelt und Klima, Bedrohungen und Katastrophen, Krieg und Gesellschaft, Familie und Kindheit, Nation und Ethnizität, Migration und Verflechtung, Sprache und Kultur. (Laufende Disserationen und Habilitationen / Abgeschlossene Dissertationen und Habilitationen)

Zwischen 1999 und 2008 spielte an der Universität Tübingen der Sonderforschungsbereich 437 "Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit" eine wichtige Rolle. An ihm war das Institut unter der Leitung des damaligen Direktors Prof. Dr. Dietrich Beyrau maßgeblich beteiligt. Seit 2011 leiten Prof. Dr. Klaus Gestwa und Dr. Katharina Kucher Teilprojekte im Rahmen des neuen Sonderforschungsbereichs 923 "Bedrohte Ordnungen".

Gemeinsam mit den Sonderforschungsbereichen und privaten Förderern organisieren die Institutsmitarbeiter*innen regelmäßig internationale Konferenzen und Workshops und leisten so einen gewichtigen Beitrag für den wissenschaftlichen Austausch zwischen Tübingen und der internationalen Osteuropaforschung.

Das Institut kooperiert mit zahlreichen ausländischen Universitäten und bringt sich mit seinen Vorhaben in transnationale Forschernetzwerke ein. Diese guten Beziehungen reichen von Russland und Zentralasien über Ostmittel- und Südosteuropa bis hin zu Frankreich, Großbritannien und den USA. Dank der finanziellen Unterstützung verschiedener Stiftungen lädt das Institut regelmäßig zahlreiche Historiker*innen aus den Ländern Ost- und Westeuropas sowie aus den USA zur Forschungsaufenthalten ein und koordiniert internationale Forschungs- und Editionsprojekte. (Gäste und Stipendiaten des Instituts)


Laufende Forschungsprojekte

Stress im Spät- und Postsozialismus (2018–2021)

Zum gesellschaftliche Umgang mit Belastungserfahrungen in Ostdeutschland und der Tschechoslowakei/Tschechien 1970-2010

Projekttitel (Habilitationsprojekt):

Stress im Spät- und Postsozialismus. Zum gesellschaftliche Umgang mit Belastungserfahrungen in Ostdeutschland und der Tschechoslowakei/ Tschechien, 1970–2010.

Projektleitung:

Dr. Jan Arend (Eigene Stelle)

Förderung:

2018–2021: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Abstract:

Das Projekt untersucht am Beispiel Ostdeutschlands und der Tschechoslowakei/Tschechiens den gesellschaftlichen Umgang mit Stress. "Stress" wird dabei als konkreter Quellenbegriff verstanden, der sich im staatssozialistischen Kontext seit den 1970er Jahren vielfach nachweisen lässt und Belastungserscheinungen bezeichnet, die sich sowohl körperlich als auch psychisch manifestieren. Im Spät- und Postsozialismus zog Stress einerseits das Interesse von Experten aus Medizin und Psychologie auf sich; andererseits wurde er für große Teile der Bevölkerung zu einer emotionalen Leiterfahrung des gesellschaftlichen Umbruchs. Das Projekt analysiert für den Zeitraum zwischen ungefähr 1970 und 2010 stressbezogene Praktiken und Diskurse und fragt nach deren gesellschaftlichen und politischen Funktionen.

Die historische Forschung hat Stress bislang überwiegend als Reaktion auf kapitalistische Lebens- und Arbeitsverhältnisse gedeutet und den Themenkomplex deshalb kulturell im Westen verortet. Dabei bleibt weitgehend unberücksichtigt, dass Stress seit den 1970er Jahren zunehmend auch in den staatssozialistischen Gesellschaften östlich des "Eisernen Vorhangs" als Problem wahrgenommen und debattiert wurde. Des Weiteren ist der Aufstieg von Stress zu einem bestimmenden gesellschaftlichen Thema in den Transformationsgesellschaften nach 1989/90 bislang nicht genügend erforscht worden. Dieses Projekt füllt diese Forschungslücke. Es beleuchtet damit einen zentralen, von den Zeitgenossen oft bemerkten Aspekt der Transformationserfahrung. Auf diese Weise leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der gesellschaftlichen Umbrüche vom Plan zum Markt.

NucTechPol: Nukleare Technopolitik in der Sowjetunion (2017–2020)

Projekttitel:

Strahlende Zukunft. Nukleare Technopolitik in der Sowjetunion und in ihren Nachfolgestaaten seit 1949

Projektleitung:

Prof. Dr. Klaus Gestwa, Prof. Dr. Tanja Penter (Heidelberg), Prof. Dr. Julia Richers (Bern)

Projektbearbeiter: Dr. Stefan Guth, Roman Khandozhko, Fabian Lüscher (Bern), Laura Sembritzki (Heidelberg)

Förderung:

2017–2020: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

2017–2020: Schweizer Nationalfonds (SNF)

Abstract:

Wie keine andere Technologie veranschaulicht die Atomkraft die Ambivalenz der Hochmoderne. In der Geschichte der Sowjetunion spielte sie eine herausragende Rolle, indem sie anfangs ihren Aufstieg zur Supermacht beschleunigte und ihre Zukunftsvisionen bestärkte, später dann aber unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl ihren Niedergang vorantrieb.

Vor diesem Hintergrund ist die sowjetische Nukleargeschichte seit dem Zerfall der UdSSR sowohl in der breiten Öffentlichkeit wie auch in der Forschung auf lebhaftes Interesse gestoßen. Die frühe Forschung konzentrierte sich stark auf „Stalin und die Bombe“ (D. Holloway), während neuere Studien sich besonders mit der Tschernobyl-Katastrophe, ihrer Vorgeschichte und ihren Konsequenzen auseinandersetzen. Gleichzeitig hat die Entwicklung des sowjetischen und postsowjetischen Nuklearsektors, dessen Forschungs- und Produktionsinfrastruktur sowie seiner internationaler Verflechtung der 1960er und 1970er Jahre sowie nach 1991 weit weniger Aufmerksamkeit erhalten. Die vier vernetzten Projekte, die das NucTechPol-Forschungscluster bilden, werden dazu beitragen, diese Leerstellen mit substantiellen Forschungserträgen auszufüllen.

Alle vier Teilprojekte machen sich das Potential der Nukleargeschichte zunutze, Schlüsselerkenntnisse zur komplexen Vernetzung von Technologie, Politik, Gesellschaft und Umwelt zu generieren, die für die Ära der Hochmoderne kennzeichnend ist. Dabei soll NucTechPol den Forschungsstand in dreierlei Hinsicht vorantreiben:

  • Integrativer Zugang: Die Teilstudien des Projekts setzen sich zum Ziel, die bisher oft getrennt analysierten technologischen, ökologischen, politischen und kulturellen Dimensionen des Themas enger aufeinander zu beziehen. Neue methodische Zugänge wie das Konzept der „Technopolitics“ (Gabrielle Hecht) oder der „Envirotech“-Ansatz (Sara Pritchard) bilden dafür eine tragfähige Basis. Jedes Teilprojekt wird mindestens zwei dieser Dimensionen behandeln. Erstaunlicherweise hat der technopolitische Ansatz in der sowjetischen Geschichte noch kaum Beachtung gefunden, obschon Politologen das späte Sowjetsystem bereits vor Jahrzehnten als „technocratic socialism“ charakterisiert haben.
  • Langzeit-Perspektive: Durch das Prisma der Nukleargeschichte eröffnet das Projekt eine Langzeitperspektive auf die zweite Hälfte der Sowjetgeschichte und darüber hinaus – und mithin auf einen Zeitraum, der bislang meist in chronologischer Fragmentierung untersucht worden ist. Als Modernisierungsvorhaben, das fest ins Gefüge des sowjetischen Projekts einbetoniert wurde (G. Hecht), bestimmte das Atomprogramm politische, gesellschaftliche und ökologische Entwicklungen in gewollter und unerwarteter Weise tiefgreifend und nachhaltig. Indem die Wechselwirkung zwischen nuklearer Technoscience und Politik, zwischen Fortschrittsvisionen und Untergangsszenarien untersucht wird, können aufschlussreiche Einsichten in die Kräfte gewonnen werden, die das Zukunftsversprechen der Sowjetmoderne zunächst wesentlich mittrugen und später entscheidend unterminierten, die heute aber erneut in den Mittelpunkt postsowjetischer Fortschrittsvisionen gerückt sind. Alle im Projekt vereinten Forschungsvorhaben sind so angelegt, dass sie einschneidende chronologische Zäsuren der sowjetischen Geschichte – etwa die Jahre 1953 und 1991 – überspannen und so hinter den Brücken auch Kontinuitäten sichtbar machen.
  • Mehrebenen-Analyse: Das Projekt ist als Mehrebenen-Untersuchung zur sowjetischen Technopolitik in ihren lokalen, unionsweiten und internationalen Bezügen angelegt. Alle Teilstudien setzen sich zum Ziel, die Mikrologik „technologischen Handelns“ in nuklearen Forschungs- und Produktionszentren mit der Makrologik der sowjetischen und globalen Politik des Kalten Kriegs zu verknüpfen. Dass alle Studien lokal verortet sind, ermöglicht nicht nur ein „close reading“ des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes, sondern verbessert auch den Zugang zum Quellenmaterial erheblich. Mit Bezug auf die gesamtsowjetische Ebene begreift die Studie die Sowjetunion als Ermöglichungsraum, der durch ungleich verteilte Chancen und Risiken gekennzeichnet war – eine Perspektive, die weiter hervorgehoben wird, indem postsowjetische Entwicklungen einbezogen werden. Indem sie explizit auch grenzüberschreitende Bezüge in den Blick nehmen, werden sämtliche Teilstudien schließlich auch dazu beitragen, die sowjetische Nukleargeschichte in den transnationalen Kontext der entangled history einzubeschreiben und mithin dazu beitragen, den historischen Ort Osteuropas in der Globalgeschichte der Hochmoderne klarer zu bestimmen.
Tübinger Teilprojekte:
Webseite:

https://www.nuctechpol.org/

Kinderfürsorge im Gouvernement Tambov (2017–2018)

Projekttitel:

Kinderfürsorge im Gouvernement Tambov. Zu den Anfängen von Sozialstaatlichkeit im Russischen Reich und in Sowjetrussland.

Projektleitung:­­­­

Dr. Katharina Kucher, Prof. Dr. Pavel Shcherbinin (Tambov)

Förderung:

2017–2018: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Abstract:

Das Projekt nimmt sich der Institutionen der Fürsorge und ihrer Praktiken im Gouvernement Tambov an. Es handelt sich hier um einen ersten Versuch, die Institutionen der Kinderfürsorge in der Provinz systematisch und vergleichend für die Zeit vor und nach 1917 zu untersuchen. Dabei geht es um Wandel und Kontinuitäten. Eingebettet sind diese Forschungen in die weitere Frage nach den Anfängen von Sozialstaatlichkeit in Russland, d. h. der systematischen öffentlichen und staatlichen Regulierung sozialer Verhältnisse, hier anhand der Fürsorge, Kontrolle und Erziehung problematischer Kinder- und Jugendgruppen. Die Frage nach den Anfängen von Sozialstaatlichkeit gilt für die Zeit vor 1917, mehr noch aber für die Zeit nach 1917, als sich Staat und Partei unter sozialistischen Vorzeichen mit neuen Institutionen und neuen Ansprüchen der Fürsorge, Kontrolle und Erziehung bzw. Resozialisierung von Kindern und Jugendlichen zu stellen hatten.

Kulturgeschichte der Eleganz (2012–2018)

Projekttitel:

Kulturgeschichte der Eleganz: Ästhetisierung des Lebens im langen 19. Jahrhundert / Aestheticization of Life and Cosmopolitan Modernity: The Poetics of Elegance in the Long 19th Century

Projektbearbeiter:

Dr. Anna Ananieva (Habilitationsprojekt)

Förderung:

2012–2015: Nachwuchsförderprogramm der Universität Tübingen

2016–2018: Marie Skłodowska-Curie-Maßnahmen des EU-Programms „Horizont 2020 - Rahmenprogramm für Forschung und Innovation“

Abstract (English version below):

Unter dem Vorzeichen des Eleganten formiert sich im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts ein Phänomen, das eine Steigerung des Lebens durch Ästhetisierung verspricht. Die sozialen und ästhetischen Effekte der Eleganz kommen in der Verwirklichung eines Lebensstils zum Vorschein, der sich durch Urbanität und Modernität auszeichnet. Die äußeren Merkmale einer eleganten Erscheinung entfalten sich in der Präsentation einer Person (Sprache, Kleidung, Habitus) und in der Gestaltung der privaten und öffentlichen Lebensräume (Interieur, Architektur). Unter den Bedingungen von kommunikativer Rückerstattung und performativer Umsetzung verdichten sie sich zu einem lebensstilbildenden Konzept und werden im sozialen Handeln durch die Beteiligung an spezifischen kulturellen Praktiken, insbesondere der Geselligkeit, Unterhaltung und Freizeit, realisiert.

Das Forschungsvorhaben geht den sozialen und medialen Konstellationen sowie den kulturhistorischen Szenarien der Eleganz nach. Die vielfältigen Strategien von Ästhetisierung des Lebens werden in ihrer jeweils markanten historischen Form erfasst und analytisch rekonstruiert. Den Ansätzen einer transnationalen Geschichtsschreibung verpflichtet, kartiert das Vorhaben eine europäische Topografie der ‚eleganten Welt’. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen zirkulierende Medien, allen voran Zeitungen und Zeitschriften. Sie berichten ausführlich über die urbanen Lebenswelten in europäischen Metropolen und sind maßgeblich, so die These des Vorhabens, an der Erzeugung von Inszenierungswerten einer neuen eleganten Gemeinschaft beteiligt. Insbesondere trägt der neue Typus der belletristischen Zeitung zu einer Ästhetisierung des Lebens bei, indem er den kulturellen Konsum - von der materiellen Kultur über gesellige Praktiken bis hin zu Musik, Dichtung und Philosophie - in den Mittelpunkt eigener medialer Praktiken stellt. Das Potenzial solcher vermittelter Konzepte der Eleganz und ihrer Inszenierungswerte wird über die Printmedien hinaus anhand von Bildmedien und Sachkultur ausgelotet.

English version:

Aestheticization of Life and Cosmopolitan Modernity: The Poetics of Elegance in the Long 19th Century”In the course of the long 19th century the pursuit of ‘elegance’ emerged as a phenomenon aiming at an intensification of life through aestheticization. The distinguishing features of an elegant appearance manifested themselves in the self-fashioning of an individual person (language, attire, behaviour) and in the shaping of domestic and public environments (artefacts, interior design, architecture). The concept of elegance was realized in social action and cultural practices, particularly in convivial conversation, entertainment and leisure activities. The research project “The Poetics of Elegance in the Long 19th Century” demonstrates that one of the crucial patterns of modernity manifests itself in the phenomenon of elegance, which inaugurates a specific aesthetic of the surface as a distinguishing social feature as well as a marker transcending the established order: an imaginary community of urban origin that supersedes historically conditioned social and gender norms.

The research project combines cultural and historical studies in an interdisciplinary approach to explore the various social and medial scenarios of elegance. Committed to the methods of transnational historiography, the study outlines the European topography of the so-called ‘elegant world’ in the tension between national aspirations and transnational aesthetic norms. The project focuses on ‘circulating things’, in particular print culture, along with objects of material culture. It pays particular attention to an innovative type of general interest magazines and cultural journals, which reported in detail on urban social, cultural, and material life and helped spread the new urban styles of living and had a decisive impact on the staging of a new, imaginary cross-border community. Its geographic range is marked by the imperial metropolises of London, Paris, Vienna, and Saint Petersburg, as well as by aspiring Central and Eastern European cities such as Berlin and Leipzig, Prague and Pest, which developed into new urban centres in the course of the 19th century. The transnational style of elegance arose at the very time when nationalism gained currency in many European countries. It thus articulated the ambivalent identity of European elites, which saw themselves as belonging at once to national traditions and to an emerging transnational urban culture.

Webseite:

http://www.poeteleg.eu/

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Die Anfänge der Osteuropa-Forschung an der Universität Tübingen (2016–2017)

Projekttitel:

Die Anfänge der Osteuropa-Forschung an der Universität Tübingen. Die Geschichte des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde während der Amtszeit des Gründungsdirektors Werner Markert (1953–1965)

Projektleitung:

Prof. Dr. Klaus Gestwa, Dr. Katharina Kucher

Projektbearbeiter: Thorsten Zachary

Förderung:

2016–2017: Rektorat der Universität Tübingen

Abstract:

Ziel des Projektes ist es, die Geschichte des Tübinger Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde von seiner Einrichtung im Jahr 1953 bis zum Tod des Gründungsdirektors Werner Markert 1965 zu erforschen. Diese Geschichte bezieht sich nicht nur auf das Institut selbst, sondern auch auf die bis 1974 existierende Arbeitsgemeinschaft für Osteuropaforschung (AfO), die der Gründungsdirektor Prof. Dr. Werner Markert bei seiner Berufung als eine gegenwartsbezogene Forschungseinrichtung aus Göttingen nach Tübingen „mitbrachte“ und gleichfalls leitete.

In einem ersten Schritt soll das wissenschaftliche, politische und militärische Wirken des Osteuropahistorikers Werner Markert bis zu seiner Berufung nach Tübingen genau rekonstruiert werden. Dabei gilt es, mehr über seine Aktivitäten seit den 1930er Jahren, seine Haltung zur nationalsozialistischen Ideologie und seine Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs in Erfahrung zu bringen sowie darüber hinaus seine Entnazifizierung und seinen weiteren Werdegang in der Nachkriegszeit eingehender zu beschreiben. Mit den gewonnenen Erkenntnisse sollen dann in einem zweiten Schritt die Forschungsaktivitäten und personelle Konstellationen am Tübinger Institut und der AfO einer genauen Prüfung unterzogen werden, um nachzuvollziehen, in welchem Umfang die Netzwerke, die Markert seit den 1930er Jahren geknüpft hatte, den Aufbau des Tübinger Instituts und damit die Entstehung der Osteuropa-Forschung an der Universität Tübingen prägten.

Das Projekt verfolgt drei Forschungsziele:

  • Es will einen Beitrag zur Universitätsgeschichte leisten, indem die Anfänge der Osteuropaforschung in Tübingen umfassend aufgearbeitet und damit problematische Aspekte Tübinger Universitätsgeschichte bewältigt werden.
  • Das Projekt soll aufschlussreiche Befunde zur Wissenschaftsgeschichte des Kalten Kriegs erbringen und sich damit in größere Forschungskontexte einschreiben. Es soll ggf. auch der Vorbereitung weiterer Drittmittelprojekte zu Aspekten von Wissenschaftsgeschichte im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg dienen.
  • Die Erforschung der Provenienz bestimmter Materialien (Bücher, Karten), die im Besitz des Instituts sind. Falls es sich herausstellt, dass es sich bei diesen um NS-Raubgut handelt, soll eine Restitution vorbereitet werden.

EcoGlobReg: Umweltzeitgeschichte der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten (2014–2017)

Projekttitel:

Umweltzeitgeschichte der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten, 1970–2000. Ökologische Globalisierung und regionale Dynamiken

Histoire environnementale du temps présent : l'Union soviétique et les États successeurs, 1970–2000. Globalisation écologique et dynamiques régionales

Projektleitung:

Dr. Melanie Arndt (IOS Regensburg), Dr. Marc Elie (CNRS-EHESS Paris), Prof. Dr. Klaus Gestwa

Projektbearbeiter: Alexander Ananyev, Raphael Schulte-Kellinghaus

Förderung:

2014–2017: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

2014–2017: Agence nationale de la recherche (ANR)

Abstract:

Das deutsch-französische Projekt zur (post)sowjetischen Umweltzeitgeschichte will inhaltlich und organisatorisch staatliche Grenzen überwinden. Sein inhaltliches Ziel ist es, die bisweilen stürmischen Prozesse der Ökologisierung und Entökologisierung von Politik und Gesellschaft im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu erforschen. Mit sich überkreuzenden global- und regionalhistorischen Perspektiven tragen die Teiluntersuchungen dazu bei, die Wechselseitigkeit zwischen grenzüberschreitenden Interaktionsprozessen, den Gestaltungskräften zentralstaatlicher Politik und den praktischen Aktivitäten in den Regionen eingehender zu analysieren. Damit eröffnet das Projekt innovative, aufschlussreiche Perspektiven auf die East Side Story der globalen Umweltzeitgeschichte.

Die vier deutschen und neun französischen Teiluntersuchungen verfolgen fünf übergeordnete Forschungsziele:

  • Durch die Untersuchung der politischen Ökologie in spät- und postsowjetischen Zeit den gesellschaftlichen Stellenwert und die Reichweite der Umweltpolitik und des Umweltbewusstseins näher zu bestimmen (= Strukturwandel des Ökologischen);
  • Durch die Analyse blockübergreifender Interaktionen und globaler Institutionen die Rolle der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten in einer globalen Umweltzeitgeschichte herauszuarbeiten (= ökologische Globalisierung);
  • Durch die Überprüfung der gebräuchlichen Periodisierungen und Charakterisierungen den Zusammenbruch der Sowjetunion und die postkommunistische Transformation aus umwelthistorischer Sicht neu zu konzeptualisieren (= Neukonzeptualisierung spät- und postsowjetischer Geschichte);
  • Durch die Erforschung russischer, sibirischer, zentralasiatischer, kaukasischer und baltischer Grenz- und Binnenräume neue Einblicke in die sich verändernden Machtverhältnisse der Zeit zu gewinnen (= regionale Eigendynamiken des Ökologischen und die Rekonfiguration von Macht und Raum);
  • Durch die Historisierung gegenwärtiger Umweltprobleme und ökologischer Debatten die gesellschaftspolitische Relevanz umweltzeithistorischer Forschungen insbesondere für den postsowjetischen Raum zu unterstreichen (= ökologische Problemgeschichte der Gegenwart).

Die Teiluntersuchungen sind in zwei sich ergänzenden und überkreuzenden Projektbereichen zusammengeführt. Im Fokus des ersten Bereichs stehen global erweiterte Regionalstudien. Der zweite Projektbereich setzt den Schwerpunkt auf regional verortete Globalstudien.

Tübinger Teilprojekte:
Webseite:

https://ecoglobreg.hypotheses.org/

https://www.ios-regensburg.de/forschung/drittmittelprojekte/umweltzeitgeschichte-der-sowjetunion-und-ihrer-nachfolgestaaten-1970-2000.html

Erforschung der Provenienz einer russischsprachigen Originalurkunde (2016)

Projekttitel:

Erforschung der Provenienz einer russischsprachigen Originalurkunde, ausgestellt durch Peter I. im Jahr 1708, die die Ernennung Joasaf Krokovskijs zum Metropoliten von Kiev bestätigt

Projektleitung:

Prof. Dr. Klaus Gestwa, Dr. Katharina Kucher, Ingrid Schierle

Projektbearbeiter*innen:

Prof. Dr. Dietrich Beyrau, Dr. Corinna Kuhr-Korolev, Dr. Tetiana Sebta, Dr. Nataliia Sinkevich, Thorsten Zachary

Förderung:

2016: Auswärtiges Amt (AA)

Abstract:

Ziel des Projektes ist, die Provenienz einer russischen Originalurkunde Peters I. möglichst lückenlos zu erforschen, die sich seit Ende der 1950er Jahre im Besitz der Universität Tübingen befindet. Dabei handelt es sich um die Urkunde, die die Ernennung von Joasaf Krokovskij zum Metropoliten von Kiev im Jahr 1709 bestätigte. Aufgrund nachgewiesener persönlicher Netzwerke des Gründungsdirektors des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Prof. Dr. Werner Markert, besteht der dringende Verdacht, dass es sich bei der Urkunde um NS-Raubkunst aus dem Umfeld des Sonderkommandos Künsberg – einer Einheit, die dem Auswärtigen Amt unterstand – handelt.

Veröffentlichung:

Katharina Kucher, Corinna Kuhr-Korolev, Tetiana Sebta, Nataliia Sinkevych: Kriegsbeute in Tübingen. Eine Urkunde Peters des Großen, Seilschaften der Osteuropaforscher und die Restitution, in: Osteuropa, 66, 11-12/2016, S. 149–167.

Katharina Kucher / Thorsten Zachary: Feindforschung mit alten Wehrmachtsbeständen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.9.2017, N3.

Zirkulation von Nachrichten und Waren (2013–2015)

Projekttitel:

Zirkulation von Nachrichten und Waren. Zum Transfer moderner urbaner Lebensformen in der deutschsprachigen belletristischen Presse in Böhmen und Ungarn, 1815–1848.

Projektleitung:

Dr. Anna Ananieva, Prof. Dr. Klaus Gestwa, Prof. Dr. Reinhard Johler

Förderung:

2013–2015: Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)

Abstract:

Das Forschungsprojekt untersucht Prozesse und Formen der Modernisierung durch Unterhaltung, die sich auf der kulturellen Transferachse entwickelten und die Großstädte Leipzig, Wien und St. Petersburg verbanden. Zwei markante Knotenpunkte dieser deutschsprachigen Kommunikationsachse bildeten Pest und Prag. Im Untersuchungszeitraum nahmen beide Städte als kulturelle und literarische Zentren der Deutschen im östlichen Europa eine herausragende Stellung ein. Sie stehen darum im Mittelpunkt des Projekts. Ziel ist es, anhand der Analyse der belletristischen Presse und ihrer Netzwerke die Vermittlung neuer urbaner Lebensentwürfe zu untersuchen und dabei die Reziprozität des Kulturtransfers zwischen ‚West’ und ‚Ost’ anschaulich werden zu lassen.

Das Forschungsvorhaben setzt die schon etablierte und produktive Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Empirische Kulturwissenschaft und dem Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen fort. Die Projektarbeit verdichtet die in Tübingen begonnene und im Zentrum für die Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa gebündelte Forschung.

Außerhalb der Universität baut die Projektgruppe einen interdisziplinären Austausch mit dem Tübinger Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde und dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. (IKGS) in München aus.

Webseite:

https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/70711

Geteilte Klangwelten (2013–2015)

Projekttitel:

Geteilte Klangwelten. Die Komponistengruppe der "Moskauer Trojka" zwischen transnationalem Erfolg und kulturpolitischem Wandel im letzten Drittel des 20. Jahrhundert

Projektleitung:

Prof. Dr. Klaus Gestwa

Assoziiert: Prof. Dr. Dorothea Redepenning (Heidelberg)

Projektbearbeiter: Boris Belge

Förderung:

2013–2015: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Abstract:

Als selbsternannte zweite sowjetische Avantgarde gehören Alfred Schnittke (1934-1998), Edison Denisov (1929-1996) und Sofia Gubaidulina (*1931) zu den schillerndsten Figuren in der internationalen Musikgeschichte des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Die Untersuchung der mit dem Westen geteilten Klangwelt dieser „Moskauer Trojka“ und der damit verbundenen kulturpolitischen Kontroversen vermittelt vielfältige Einblicke in die sowjetische Gesellschaft der 1970er und 1980er Jahre. So soll eine transnational erweiterte Politik- und Gesellschaftsgeschichte der sowjetischen Musikkultur im Kalten Krieg geschrieben werden. Das Projekt ist eng verbunden mit den vom Antragsteller am Tübinger Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde organisierten Verflechtungsstudien „across the blocs. Blockübergreifende Begegnungen und Resonanzen im Kalten Krieg“. Es will deren bisherigen thematischen Rahmen über Wissenschaft, Technik und Umwelt hinaus in den Bereich der Kultur erweitern, damit einen eigenen Akzent setzen und weitere Vorhaben anregen. Neben den verflechtungshistorischen Fragestellungen wird das Projekt neue Einblicke in das Gesellschaftssystem der späten Sowjetunion eröffnen.

Der internationale Erfolg der Moskauer Trojka warf für das sowjetische Musik- und Kulturleben eine brennende Frage auf: Wie sollten im bestehenden institutionellen Gefüge die politischen Vorgaben des Parteistaats mit den wachsenden Ansprüchen der Komponisten nach kreativer Entfaltung in Einklang gebracht werden? Das Projekt thematisiert diese spannungsreiche Wechselseitigkeit von transnationaler Interaktion und kulturpolitischem Wandel. Es hinterfragt die für die Brežnev-Zeit gebräuchlichen Leitbegriffe wie „Stagnation“ und „Stabilität“. Ziel ist es, Dynamiken in der Zeit nachzuspüren, mit denen sich die Widersprüche sowie die Verflechtungen analytisch besser fassen lassen. Während der Perestrojka-Jahre und in postkommunistischer Zeit gelangte die „Moskauer Trojka“ zu immer größerem Ruhm. Einige ihrer Vertreter, Gefolgsleute und Schüler siedelten in den Westen über. Dieser kulturelle Aderlass löste in Moskau und Petersburg Ängste vor einem Ende der russischen Musik aus.

Das Projekt historisiert diese zeitgenössische Wahrnehmung. Mit seiner über Grenzen und Zäsuren hinausgehenden Perspektive erörtert es zudem die noch wenig erforschten Erfahrungen und Folgen der Emigration für die postsowjetische Musikkultur. Das Projekt wählt einen multiperspektivischen Ansatz, um der Komplexität sowjetischavantgardistischer Musikkultur gerecht zu werden. Der biographische Zugang wird durch eine musikwissenschaftlich-historische Annäherung an das Schaffen und Wirken der Komponistengruppe erweitert. Das Projekt ist ein historisches Vorhaben, das zugleich interdisziplinär angelegt ist und einen Beitrag zur Musikgeschichte liefern will. Aus spätsowjetischer Perspektive eröffnen sich schließlich aufschlussreiche Einblicke in das vielschichtige Verhältnis von Musik und Moderne.