Arbeitstitel: Universalismus oder Partikularismus. Die Antinomie der praktischen Rationalität bei Aristoteles
Die Dissertation untersucht Aristoteles’ Konzeption praktischer Rationalität und vermittelt zwischen den universalistischen und partikularistischen Deutungen seiner Ethik. Während das universalistische Lager annimmt, dass praktische Rationalität konkrete Handlungen aus allgemeinen moralischen Prinzipien ableitet, vertritt das partikularistische Lager die Auffassung, dass sie als instrumentelle Vernunft individuelle Interessen im Rahmen kontingenter Handlungsumstände realisiert. Beide Lesarten greifen für sich genommen zu kurz: Die Universalisten übersehen die Bedeutung der kontingenten Umstände; die Partikularisten vernachlässigen die Rolle des universalen Zwecks. Der erste Teil der Dissertation rekonstruiert beide Lektüren im Ausgang von Aristoteles’ Texten. Dadurch erscheinen sie nicht nur als einander widersprechende Deutungen, sondern als Antinomie der praktischen Rationalität bei Aristoteles selbst. Der zweite Teil löst diese Antinomie auf Grundlage einer neuen Interpretation des sechsten Buches der Nikomachischen Ethik auf. Das zentrale Argument lautet, dass praktische Rationalität ein Vermögen des vernünftigen Seelenteils ist, dessen Tätigkeit Universales und Partikuläres vereint. Diese Tätigkeit besteht in der diskursiven Deliberation möglicher Mittel zur Realisierung des allgemeinen Zwecks in einer gegebenen Situation sowie in der intuitiven Identifikation desjenigen Mittels, das diese Realisierung unter kontingenten Handlungsumständen am besten leistet. Sowohl der allgemeine Zweck als auch die kontingenten Umstände sind daher konstitutiv für den Entschluss, dieses Mittel in die Tat umzusetzen, sodass die initiierte Handlung als universales Partikuläres erscheint. Indem die Dissertation das Prinzip dieses universalen Partikulären, also die praktische Rationalität, systematisch bestimmt, geht sie nicht nur über die Debatte zwischen universalistischen und partikularistischen Deutungen der aristotelischen Ethik hinaus, sondern trägt auch zur Erforschung der praktischen Vernunft als solcher bei.