Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Kinder in digitalen Welten als Frage der zivilen Sicherheit: Das Projekt SIKID

Das BMBF-Projekt SIKID widmet sich aktuellen Fragen der zivilen Sicherheit von Kindern in digitalen Welten. Im Vordergrund stehen wachsende Sicherheitsgefährdungen durch Interaktionsrisiken. Verfolgt wird das Ziel, die Medienregulierung zu verbessern und die zentralen Akteure zu vernetzen, um dadurch Kinder und ihre Rechte online zu stärken. 

Das Internet war ursprünglich für die Kommunikation zwischen Erwachsenen gedacht. Mittlerweile, sind aber rund ein Drittel der weltweit Internetnutzenden Kinder unter 18 Jahren. Auch wenn junge Menschen in digitalen Umgebungen vielfältige Möglichkeiten der Information, Bildung, Unterhaltung und des Austauschs finden, so sind sie gleichzeitig diversen Gefahren und Bedrohungen ausgesetzt. Verstörende Erfahrungen können sich für Kinder als eine besonders vulnerable und schutzbedürftige Gesellschaftsgruppe auf ihr aktuelles Leben und ihre Gesundheit sowie ihr zukünftiges Leben und ihre Teilhabechancen in der Demokratie als erwachsene Bürger*innen auswirken.

Dies ist folgenreich, wenn man bedenkt, dass sich ein bedeutender Teil der Kriminalität mittlerweile ins Internet verlagert hat. So verweisen der Jahresbericht von jugendschutz.net (2019)[1] sowie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS 2020)[2] auf einen Anstieg von Straftaten, die über das Internet begangen wurden. Allein 2019 nahmen die registrierten Verstöße um 5,7% auf 6.950 Fälle zu und bezogen sich zu 59,9% auf die von Kindern häufig genutzten Social-Media-Dienste wie YouTube, Facebook und Twitter (Jugendschutz.net). Diese Sicherheitsrisiken sind nah an der kindlichen Lebenswelt und zudem dynamisch: Aus „nur“ unerwünschten oder belastenden Nutzungssituationen können sich strafrechtlich relevante Sachverhalte entwickeln. Sicherheitsszenarien umfassen sexuelle Grenzverletzungen oder Ausbeutung von Kindern, Cybergrooming, Kinderpornografie, Tracking über Geodaten und Profile, Stalking, Cybermobbing, aber auch „Fake News“ oder Selbstgefährdungswettbewerbe. Bei Cybergrooming erschleichen sich Täter*innen das Vertrauen von Kindern, meist mit dem Ziel eines sexuellen Missbrauchs, bis hin zur Tötung, dem Verkauf oder der Prostitution des Opfers. Diese Gefahren erleben Kinder oft unwissend, ungeschützt und unbegleitet, wodurch sie zu spät bemerkt oder abgewendet werden können – auch weil Kindern die notwendigen Kompetenzen zum Schutz fehlen.

Der Kinder- und Jugendmedienschutz hat in Deutschland Verfassungsrang und gilt als Vorreiter im europäischen Umfeld. Da digitale Medien in globalen Kontexten aber zunehmend schwieriger national reguliert werden können und die zuständigen Institutionen oft noch nach Medien getrennt und dabei vor allem über altersbezogene Zugangskontrollen ansetzen, finden aktuell Novellierungen statt, die das Projekt konstruktiv begleiten wird. Neben einer rechtlichen und ethischen Analyse der bestehenden Regulierungsansätze sollen dabei zentrale Akteure im Bereich der zivilen Sicherheit mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (voran des Rechts, der Ethik, der Psychologie, Medienforschung und -pädagogik und der Kriminologie) vernetzt werden. Über ein Expert*innen-Netzwerk, das das Projekt von Anfang an begleitet, soll der Input und das Feedback verschiedener Stakeholder aufgenommen werden. Das Projekt wird unterstützt von Institutionen der Medienaufsicht und -regulierung, Akteuren aus dem Bereich Prävention, Beratung und (Medien-)Bildung, der Strafverfolgung, der Kindermedien und Plattformen sowie des Kinderschutzes und der Kinderrechte. Diese Vernetzung soll nicht nur die Fachöffentlichkeit, sondern auch die breite Gesellschaft für die zivile Sicherheit für Kindern in digitalen Welten als neues Schnittfeld zwischen Theorie und Praxis sensibilisieren und die nötige gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit für Lösungsansätze gezielt vorantreiben.  

Das Projekt wird vom IZEW geleitet und gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Medienforschung (Medienrecht, Governance, Medienforschung) und der TU Berlin (Pädagogische Psychologie) ab 01.09.2021 für 3 Jahre durchgeführt. SIKID ist assoziiert mit der neuen Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ), dem JFF – Institut für Medienpädagogik und einer Entwicklungs- und Medienpsychologin. Über einen inter- und transdisziplinären Ansatz werden darin auch Kinder selbst in das Projekt eingebunden. In zwei empirischen Teilprojekten werden Interviews mit Kindern, die problematische Erfahrungen gemacht haben, geführt, um zu eruieren, welche Verletzlichkeiten, aber auch Coping-Strategien Kinder in bestimmten Entwicklungsphasen mitbringen und wie Kinder diese Gefahren selbst wahrnehmen oder welche Lösungsansätze sie sehen. Über Fokusgruppen werden darüber hinaus Ansätze zur Stärkung von Resilienz, Selbstschutz und digitaler Zivilcourage erarbeitet. Das IZEW erstellt ein forschungsethisches Konzept, um die Partizipation von Kindern unter Beachtung ihrer Verletzlichkeiten und Interessen im erweiterten Feld der Sicherheitsforschung zu ermöglichen.

Das Projekt bietet Analysen und Empfehlungen, um bestehende Regulierungsansätze zu optimieren, Regulierungsakteur*innen zu vernetzen sowie die Sicherheitsarchitektur neu und effizienter aufzustellen. Damit soll einem Forschungsdesiderat entsprochen werden, das das Aufwachsen von Kindern in digitalen Umwelten als gesamtgesellschaftliches Anliegen verständlich macht, und Sicherheit nicht garantiert, aber trotz aller Unwägbarkeiten ermöglicht.

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[1] https://www.jugendschutz.net/fileadmin/download/pdf/bericht2019.pdf

[2] https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/pks-2020.pdf;jsessionid=192DE0B6442557A788E3047CFF63A3E5.2_cid295?__blob=publicationFile&v=2