Tobias Lebens

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Seminar im Wintersemester 2020/21:
PSII: Literatur und Migration

 

Promotionsthema
Forensische Verfahren in der deutschsprachigen Literatur zum Jugoslawienkrieg und seinen Folgen (AT)

Abstract:
Die Dissertation untersucht unter dem Stichwort ‚forensische Verfahren‘ deutschsprachige literarische Texte zum Jugoslawienkrieg, die gemeinsam haben, dass sie Kriegsereignissen, die sich nicht evident zeigen bzw. nicht in der Form einer wissbaren Evidenz, aber dennoch wirkmächtig waren oder sind, auf die ein oder andere Art auf die Spur gehen. Dieser Mangel an Evidenz ist dabei auf verschiedene Gründe zu beziehen, von denen hier zwei exemplarisch genannt werden können: Zum einen hat dieser Krieg in einem hohen Maß an medialer Diversifizierung stattgefunden. Die monatelange Dominanz des Krieges in den deutschsprachigen Informationsmedien samt der in ihnen wirksam werdenden rhetorischen und visuellen Strategien wird von einigen Texten dabei als Verstellung oder Überformung empfunden und führt zu einer Suche nach anderen Bildern des Krieges, die sich implizit durch ‚Echtheit‘, ‚Unverstelltheit‘ oder ‚Parteilosigkeit‘ auszeichnen sollen. Zum anderen reagieren viele Texte auf eine Kriegsführung, im Zuge derer systematisch versucht wurde, Spuren von Kriegsverbrechen zu zerstören oder unlesbar zu machen. Viele Texte lassen sich demgegenüber als Versuche lesen, Kriegsgeschehnisse und -verbrechen auf anderen, notwendigerweise indirekteren Wegen nachzuspüren bzw. sie auf Umwegen der Fiktion erscheinen zu lassen. Beide Tendenzen verweisen auch darauf, dass die literarische Beschäftigung mit dem Jugoslawienkrieg zu einer ‚reflexiven Thematisierung‘ der medialen Bedingtheit von Literatur geführt hat.

            Die Dissertation bemüht und entwickelt von diesen Beobachtungen ausgehend eine Konzeption von forensis oder des Forensischen, mit deren Hilfe diese fiktionalen Wege des Nachspürens herausgearbeitet bzw. lesbar werden sollen. Die Arbeit bezieht sich dabei auch aber nicht ausschließlich auf die ermittlungstechnische Praxis und Disziplin der Forensik, zunächst einmal aber auf deren etymologischen Bezug zum Forum, zum öffentlichen (Markt-)Platz, auf dem etwas, später dann cosa (zur jurid. Verhandlung stehende Sachen) genannt, zur Verhandlung gestellt wurden. In der Arbeit geht es dabei weniger um das Moment der Entscheidung, als um die Verhandlung selbst. Das Forensische entdeckt die Dissertation dabei nicht allein als Thema oder Kontext der Texte, sondern in den Verfahren und Schreibweisen, mit der sie die Kriegsereignisse und ihre Folgen vorstellen. Forensische Verfahren betrifft damit Textdynamiken, im Zuge derer etwas, cosa, zur Verhandlung stehendes, in Ermangelung von Evidenz, neu zu Verhandlung gestellt bzw. auf neuen Wegen der Verhandlung ins Gespräch gebracht wird.

            Indem die Texte also als auf das Forum verweisende gekennzeichnet werden, lassen sich an ihnen neben den bereits festgestellten intermedialen Bezügen solche, die auf Räume verweisen oder eine den Raum betreffende Kraft entfalten, ausmachen. Folglich wird die Analyse forensischer Verfahren eine sein, die räumliche und (inter-)mediale Transferprozesse in und zwischen den Texten und anderen Medien und Räumen in den Blick nimmt. Diese Dynamiken als Transfers (lat. ‚transferre‘ [‚von einem Ort zum anderen tragen, hinüber-, hintragen, -bringen, -setzen‘]) zu fassen, eignet sich aus mehreren Gründen: Zum einen folgt sie damit einer komparatistischen Anlage, in der medien- und literaturtheoretische Überlegungen zusammengebracht werden und schließt damit an ein Forschungsfeld an, in dem ‚Transfer‘ sich bereits als Analysekonzeption bewährt hat. Das  Präfix ‚trans‘ impliziert zudem die Annahme, dass sich die in den Blick genommenen Übertragungsprozesse ohnehin nicht zwischen zwei vollständig von einander zu trennenden Entitäten, seien es Räume, Medien, Schreibweisen, Künste, Kulturen o. ä., vollziehen, sondern zwischen als Heuristiken zwar verschieden zu benennenden Größen, die sich aber jeweils bereits durchdringen, durch interne Rupturen gekennzeichnet sind und keinen eigentlichen Bereich haben. In der Fixierung von Prozessen der Übertragung und weniger der prozessierten Seiten behauptet sich Transfer gegenüber Ansätzen zu Intermedialität und ist darin geeignet, die in vielen deutschsprachigen literarischen Texten zum Jugoslawienkrieg zu beobachtenden ‚Grenzgänge‘ zu erfassen, seien es Erzählungen von Flucht, Migration oder Reisen oder Verhandlungen der medialen Grenzen von Literatur. ‚Transfer‘ hat darüber hinaus den Vorzug, kein Medium zum impliziten Modell zu erheben.  

          Unter Berücksichtigung dieser spezifischen Bedeutungskonstellation, die ‚forensische Verfahren‘ und die in ihnen wirksam werdenden ‚Transfers‘ kennzeichnet, verfolgt die Arbeit ein zweifaches Ziel: Zum einen werden mit ihr Relektüren von bereits breit rezipierten und analysierten Texten, sowie Analysen von jüngeren Texten wie von Robert Prosser, Marko Dinic oder Melinda Abonji möglich, die an bestehende Fachdiskussionen zum Thema ‚Jugoslawienkrieg in der deutschsprachigen Literatur‘ anschließen. Zum anderen zielt sie darauf ab, die Analysekonzeption ‚Transfer‘ exemplarisch zu erproben und als Herangehensweise für zukünftige, vergleichbare Forschungsansätze zu literarischer Forensik, Verfahren, literarischer Zeugenschaft, Transfer und Trans-/Intermedialität in Literatur und anderen Künsten fruchtbar zu machen.

   ‚Forensische Verfahren‘ werden dabei vor dem Hintergrund einer medienkomparatistischen Herangehensweise entfaltet und umgesetzt, die neben textimmanenten Vorgängen v.a. Wechselbeziehungen und Wirkpotenziale zwischen Text und Lesenden, Text und Schreibenden, sowie Text und verschiedenen geschichtlichen, medialen und politischen Kontexten nachzuvollziehen versucht. Den Texten kann so je nach Bezugsgröße (z.B. anderen Texten, einer spezifischen Leserschaft, einem oder anderen Medien, einer anderen Epoche, Diskursen, u.v.m.) etwas anderes abgewonnen werden, ohne ihre historischen Situierungen dabei vernachlässigen zu müssen. Der Ansatz ermöglicht eine die Historizität der Lektüre und der Texte, sowie deren mögliche „Transaktionen“ beachtende Zuwendung zu literarischen Texten.

         Der analytische Teil der Arbeit strukturiert sich in vier Bereiche, denen verschiedene Suchbewegungen und Felder, in denen Texte ihre forensischen Verfahren entfalten, zugeordnet werden können. Von Interesse sind zum einen als Spurensuchen angelegte, d.h. mit einem (teilweise implizierten) Erkenntnisinteresse verbundene Reisenarrative (Themenbereich 1; analysiert werden u.a. Texte von Handke, Zeh, Abonji, Sebald, Dinic, Bodrozic, Glavinic oder Prosser). Ein zweites Themenfeld untersucht individuelle und kollektive Erinnerungsvorgänge (Themenbereich 2a; u.a. Texte von Stanisic, Kim, Markovic, Rabinovici, Dinic, Rajcic) sowie Vorgänge bzw. die Figur des Zeugen(s) (Themenbereich 2b; u.a. Texte von Kim, Handke, Abonji, Ljubic). Die Arbeit schließt dabei zum einen an Ansätze an, die unter dem Stichwort „Topik“ den Zusammenhang von Literatur und memoria mit Hinsicht auf räumliche Dynamiken in den Blick nehmen, hier besonders wichtig der literarische Umgang mit Gemeinplätzen (Topoi), die im Diskurs um den Jugoslawienkrieg im Zuge der Argumentation vorgebracht wurden. Andererseits fokussiert sie mit dem Zeugen ein Phänomen, bei dem oftmals die erlittene, in die Gegenwart hineinwirkende Vergangenheit nicht übersichtlich übertragen oder bewiesen werden kann, sondern deren Fortwirken am Körper des Zeugen bei gleichzeitiger Unverfügbarkeit darüber vor Augen gestellt wird. Welche Aspekte des Zeugens in Texten reflektiert und wie der Vorgang des Zeugens in den Schriftraum der Texte übertragen bzw. zu einem forensischen textuellen Verfahren wird soll dabei ebenso von Interesse sein wie Perspektiven zur rechtlichen Einordnung bzw. zum Umgang mit Zeugen in Rechtsprozessen. Schließlich fokussiert die Arbeit in einem letzten Bereich Transferdynamiken der Texte zu vielen der den Krieg prägenden (Massen-)Informationsmedien, v.a. Fernsehen und Zeitung (Themenbereich 3; u.a. Texte von Stanisic, Gstrein, Handke, Zeh, Kim). Dieser Teil der Analyse beschäftigt sich damit, wie Stimmen und Bilder aus dem „mediopolitische Diskurs“ in die Texte transferiert und vor dem Hintergrund der spezifischen narrativen Settings ans Forum verwiesen, d.h. neu verhandelt, reflektiert und kritisch befragt werden (3a). Darüber hinaus ist aber auch der textuelle Umgang mit der eigenen medialen Bedingtheit – auf Sprache bzw. Schrift verweisen zu sein – von Interesse, insbesondere Verfahren, die als Reaktionen und Versuche, zu sinnlichen und affektiven Dimensionen des Krieges (3b) vorzudringen, gefasst werden können. Überhaupt ist es zentrales Anliegen der Arbeit, neben der Frage, wie die Texte auf die eine oder andere Art ‚denken‘ (Diskurs oder die eigene Medialität ‚reflektieren‘), zu untersuchen, wie sie nichtsprachliche sinnliche Wahrnehmungsformen des Krieges in ihre Textur übertragen, sie für ihre textuellen Suchverfahren wenden und wie sie die Vielfalt sinnlicher Erscheinungsformen des Krieges mit der Eingeschränktheit des eigenen Mediums verspannen. Hier schließt die Arbeit an jüngere Forschungen zu literarischer Synästhesie und zum Verhältnis von Literatur und sinnlichem Wahrnehmen, oftmals unter dem Stichwort ‚aisthesis‘ auftretend, an.

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