Philologisches Seminar

PAN trifft Bota

Übernahme der Patenschaft für Plinia cauliflora

Am 5. Dezember 2025, besuchte der Arbeitskreis PAN im Rahmen des zweiten Studientages auch den Botanischen Garten Tübingen. Dort übernahm der Arbeitskreis die Patenschaft für die Plinia cauliflora. Die nachfolgenden Aufnahmen zeigen die Mitglieder des Arbeitskreises und Dr. Alexandra Kehl (Botanischer Garten Tübingen) bei dem Besuch und der Übergabe der Patenschaftsurkunde. Außerdem ist natürlich die Hauptdarstellerin zu sehen, die Plinia cauliflora sowie deren charakteristische Früchte.

Die Geschichte der Plinia und ihres Namens

Eva Falaschi

Plinia ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Myrtaceae (Myrtengewächse), die in Mittel- und Südamerika verbreitet ist. Sie umfasst 64 anerkannte Arten, darunter Plinia cauliflora (Mart.) Kausel, auch bekannt unter dem Namen Jaboticaba, Jabuticaba oder der deutschen Bezeichnung Baumstammkirsche. Zwei Exemplare der Plinia cauliflora stehen im Tropicarium des Botanischen Gartens der Universität Tübingen. 

Die Geschichte des Gattungsnamens Plinia geht auf die Forschungsreisen von Charles Plumier Ende des 17. Jahrhunderts in Amerika zurück. Plumier war der erste, der einer Pflanzengattung den Namen Plinia gab. Diese Namensgebung war der Anlass dafür, dass die Tübinger Arbeitsgruppe „PAN/ Antikes Naturdenken“ eine Patenschaft für Plinia cauliflora im Botanischen Garten übernommen hat. Der historische Hintergrund soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.

1. Der Ursprung des Namens Plinia in der Botanik: Charles Plumier

Im Jahr 1703 veröffentlichte Charles Plumier, ein französischer Mönch und Botaniker, der während seiner Reisen in Mittelamerika mehr als 4000 Pflanzen dokumentierte, sein Werk Nova plantarum Americanarum genera. In dieser Schrift beschrieb er u.a. eine neue Pflanzengattung mit weichen, runden und gestreiften Früchten (fructum…mollem, globulosum, striatum), die er zu Ehren von Plinius dem Älteren Plinia nannte (Abb. 1-2). Er habe nur eine einzige Art der Gattung Plinia nachweisen können (Plinia unicam novi speciem), und ihre Früchte seien safranfarben und duftend gewesen (Plinia fructu croceo, odorato).

Um die Namenswahl, die zugleich eine Hommage an den lateinischen Naturforscher war, für seine Leser zu begründen, fügte Plumier eine kurze Plinius-Biografie hinzu: 

Cajus Plinius Secundus Veronensis, rem herbariam cordi tam habuit, ut in Historia mundi, quam Vespasiano Imperatori, vel, ut aliis placet, Tito consecravit, a duodecimo Libro observante Gesnero usque ad vigesimum septimum variis omnino modis de stirpibus tractet, philosophice, historice, medice, rustice, etc. Miseni Classem imperio regens, incendio Vesuvii misere periit.

Caius Plinius Secundus, gebürtig aus Verona, lag die Botanik so sehr am Herzen, dass er in seiner Weltkunde, die er Kaiser Vespasian oder, wie andere meinen, Titus widmete, vom zwölften bis zum siebenundzwanzigsten Buch, wie Gessner bemerkt, Pflanzen auf vielfältige Weise behandelte, und zwar aus philosophischer, historischer, medizinischer, praktischer Sicht usw. Während Plinius Kommandant der Flotte von Misenum war, starb beim Ausbruch des Vesuvs er auf elende Weise.

Was verrät dieser kleine Text über Plinius und was über Plumier? Plinius der Ältere (ca. 23-79 n. Chr.) wird hier als Römer aus der norditalienischen Stadt Verona (Veronensis) und nicht als Einwohner der benachbarten Kleinstadt Como vorgestellt. In diesem Detail spiegelt sich eine frühneuzeitliche Diskussion um die Herkunft des römischen Naturforschers wider. Auch der Werktitel Historia Mundi, „Weltkunde“, ist ein Produkt der Frühen Neuzeit; Plinius selbst hatte sein Werk „Naturkunde“, Historia Naturalis getauft. 

Am Ende seines Lebens war Plinius Oberkommandant der römischen Flotte. Derjenige Flottenteil, der in Misenum bei Neapel stationiert war, unterstand ihm direkt. Als der Vesuvausbruch im Sommer 79 n. Chr. begann, eilte Plinius quer durch die Bucht von Neapel per Schiff dorthin, um Hilfe zu leisten und das Naturphänomen aus nächster Nähe zu beobachten. Er kam bei diesem Unternehmen ums Leben (incendium Vesuvii misere periit). So berichtet es sein Neffe, Plinius der Jüngere, in einem einige Jahre später verfassten Brief an den Historiker Tacitus (Plin. Epistulae VI, 16). Plumiers Text vermittelt den Eindruck, dass er genau diese berühmte Beschreibung vor Augen hatte, denn er zitiert die Formulierung des jüngeren Plinius (Plumier: Miseni Classem imperio regens; Plinius: Erat Miseni, classemque imperio praesens regebat, „Er befand sich in Miseno und befehligte die Flotte persönlich“).

Plinius Naturkunde behandelt in insgesamt 37 Büchern viele Themen aus Astronomie, Geographie, Anthropologie, Zoologie, Medizin, und Mineralogie, vor allem aber auch aus der Botanik. Plumier beruft sich auf den bekannten Botaniker Conrad Gessner (1516-1565) und identifiziert mit ihm die Bücher 12-27 des Plinius als im engeren Sinne botanische Bücher. Plinius' Beitrag zur Botanik bestehe darin, dass er Informationen über verschiedene Pflanzenarten (de stirpibus) gesammelt und diese aus philosophischer, historischer, medizinischer, praktischer usw. Sicht behandelt habe (philosophice, historice, medice, rustice, etc.). Er macht damit deutlich, dass das Studium der Natur nicht nur die botanische Beschreibung der Pflanzen umfasse, sondern auch die Darstellung ihrer Verwendung und Bedeutung für den Menschen im Laufe der Geschichte. Interessant ist die Verwendung des Wortes stirps, der vier Hauptbedeutungen hat: Es kann sich auf Pflanzen, insbesondere Sträucher, beziehen, aber auch auf einen bestimmten Teil der Pflanze, nämlich den unteren Teil (Stamm und Wurzeln) oder die Sprosse; schließlich hat er auch die allgemeine Bedeutung von Stammbaum, Nachkommenschaft, Herkunft. Plinius hat sich also nicht nur mit Pflanzen beschäftigt, sondern auch deren einzelne Teile, insbesondere die Wurzeln und Sprosse, sowie die Herkunft der Pflanzen untersucht.  

Der Name Plinia, den Plumier gewählt hatte, um seinen europäischen Lesern die neue amerikanische Pflanze vorzustellen und zugleich die Erinnerung an einen bedeutenden Naturforscher der Antike zu ehren, sollte dank einiger späterer Botaniker, die Plumiers Nomenklatur folgten, langfristig Erfolg haben.

2. Der Name Plinia in den Schriften von Carl von Linné

Das Studium der Botanik in Europa wurde im 18. Jahrhundert durch die Forschungen von Carl von Linné (1707-1778) revolutioniert, der eine neue Methode zur Klassifizierung der Natur entwickelte (Systema naturae, Rotterdam, 1735; Species Plantarum, Stockholm, 1753) und die heute noch gültige binäre Nomenklatur einführte, mit der sich nun alle Organismen eideutig und leicht verständlich benennen ließen. Gemäß dieser Nomenklatur bezeichnet der erste Name die Gattung der Pflanze, während der zweite (das sogenannte Epitheton) ein spezifisches Merkmal der jeweiligen Art angibt. Was Plinia angeht, übernahm Linné (Species plantarum, Band 1, S. 516: Abb. 3) von Plumier den Namen Plinia zur Bezeichnung der Pflanzengattung und gab er der von Plumier identifizierten Art den Namen Plinia pinnata (Plinia pinnata L.). Er vermerkt als Besonderheit dieser Pflanze, dass ihre Blüten und damit auch die essbaren Früchte direkt an den nackten, älteren Zweigen verstreut wüchsen (sparsi per ramos nudos seniores).

Erst einige Zeit später wurden weitere Arten der Gattung Plinia beschrieben, darunter auch Plinia cauliflora (Mart.) Kausel.

3. Die Plinia cauliflora: Ein sprechender Name

In der Botanik beschreiben die wissenschaftlichen Namen der Pflanzen oft deren Merkmale: Die Plinia cauliflora (Mart.) Kausel ist ein Beispiel dafür.

Bereits Linnaeus hielt fest, dass ein Merkmal der Plinia darin bestand, dass ihre Blüten und Früchte direkt an den Zweigen wuchsen. Die Art Plinia cauliflora hat ihren Namen genau von dieser Eigenschaft, nämlich dass sie Blüten (-flora) und Früchte direkt an den Zweigen (cauli-, aus dem Griechischen kaulós, „Stiel“) trägt. Auch der deutsche Name der Pflanze, Baumstammkirsche, spiegelt diese Eigenschaft wider. 

Der Baum wächst hauptsächlich im saisonal trockenen tropischen Biom in Bolivien und im Nordosten, Süden und Südosten Brasiliens. Seine Früchte werden als Heilmittel und als Nahrungsmittel verwendet. 

Die Art Plinia cauliflora wurde erstmals vom deutschen Botaniker Karl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868) in seinem Werk Reise in Brasilien (J.B. von Spix, C.F.P. von Martius, Band 1, München 1823, S. 285) beschrieben, der ihr jedoch den Namen Myrtus cauliflora gab (Abb. 4). Martius, der auch den lokalen Namen Jabuticaba erwähnt und die Frucht als runde Beeren mit einer violett-purpurfarbenen Färbung (baccis globosis violaceo-purpurascentibus) beschreibt, bezeichnet sie als eine der angenehmsten Früchte Brasiliens; schließlich berichtet er, dass aus ihr auch ein ausgezeichneter Wein, ein Sirup und ähnliche Produkte hergestellt werden.  

Es war der chilenische Botaniker Eberhard Kausel (1910-1972), bekannt für seine Beiträge über die südamerikanischen Myrtaceae, der die Myrtus cauliflora von Martius der Gattung Plinia zuordnete und den Namen Plinia cauliflora begründete (Beitrag zur Systematik der Myrtaceen I, Arkiv för Botanik, n.s. 3, 1956, S. 491-516, bes. S. 508). 

Die Namensgeschichte der Jabuticaba ist durchaus charakteristisch. Ihr indigener Name wurde in der Frühen Neuzeit durch lateinische Namen ersetzt. Gattung und Art wurden in Erinnerung an den antiken Naturforscher als Plinia benannt. Die frühneuzeitlichen Texte, die die Benennung dokumentieren zeigen zugleich, dass es bei der Namensgebung nicht nur um die antike Naturkunde ging, sondern auch um ein wissenschaftliches Werk, der in der frühen Neuzeit viel gelesen und verwendet wurde, und um einen Wissenschaftler, dessen dramatischer Tod im Dienste der Forschung stets besondere Aufmerksamkeit geweckt hatte. Die Geschichte des Namens der Pflanzengattung Plinia und ihrer Art Plinia cauliflora ist ein Beispiel für das außergewöhnliche Erbe der Naturalis historia von Plinius in der modernen Kultur, ein Erbe, das über die von Plinius beschriebenen Themen und die (antike) Welt hinausgeht und die europäische Kultur in vielerlei Hinsicht beeinflusst hat.

Eva Falaschi